Direkt zum Seiteninhalt springen

Ansichten von Leistungssportlern

26. März 1965
Einzelinformation Nr. 261/65 über Ansichten von Leistungssportlern zu Problemen des Sports in der DDR

Dem MfS liegen eine Reihe von Meinungen und Hinweisen von Leistungssportlern vor, in deren Mittelpunkt der begonnene Verjüngungsprozess in den verschiedenen Verbänden steht, aber auch zu Fragen der materiellen Zuwendung und Trainingsmethoden sowie zu der oftmals ungenügenden sozialen und politischen Betreuung durch die Leitungen der Clubs und Verbände Stellung genommen wird.

Verbände und Sektionen

Über die in einigen Sportverbänden begonnene Verjüngung der Leistungskader im Hinblick auf die Olympischen Spiele 1968 gibt es unter den Sportlern unterschiedliche Meinungen. Obwohl die Notwendigkeit eines solchen Verjüngungsprozesses im Allgemeinen anerkannt wird, gibt es jedoch eine größere Anzahl von widersprechenden Meinungen, insbesondere bei den Sportlern, wo sich dadurch persönliche Konsequenzen ergeben.

Heinz Bergmann1Ruderer des SC Einheit Dresden – hält diesen radikalen Verjüngungsprozess für richtig, da die Perspektive des Ruderverbandes auf die Olympischen Spiele 1968 gerichtet sein muss. Er brachte jedoch zum Ausdruck, dass dieser Verjüngungsprozess offensichtlich noch keine generelle Linie sei, da einige Sportler der »alten Garde« ihre Förderungsstellen noch behalten hätten (Körner und Schmidt2 vom TSC Berlin). Mit dem Hinweis, Ruderer erreichten mit etwa 27 bis 28 Jahren den Höhepunkt der Leistungsfähigkeit, wies er auf die Notwendigkeit eines differenzierten Herangehens an den Verjüngungsprozess hin. Als Beweis nannte er Achim Hill,3 der mit seinem Abschneiden in Tokio bewiesen hätte, dass er trotz seines relativ hohen Alters mit seinen individuellen Trainingsmethoden höchste Leistungen zu erzielen vermochte. Bergmann stellte in diesem Zusammenhang auch Vergleiche zwischen Achim Hill und dem Rostocker Zweier mit Steuermann an.4 Nach seiner Ansicht hätte der Rostocker Zweier mit Steuermann nach dem Gewinn der Europameisterschaft und den Ausscheidungen für Tokio nichts mehr hinzuzusetzen gehabt, während Achim Hill seinen Höhepunkt zu den Ausscheidungen und in Tokio selbst erreicht hätte.

Die Aussprache mit einigen Aktiven der Leichtathletik ergab, dass sie von der in ihren Clubs begonnenen Verjüngung nicht sehr begeistert sind.

Sportfreund Werner Pfeil5SC Cottbus – äußerte, dass es seiner Meinung nach nicht ganz richtig wäre, so radikal zu verjüngen und wie es scheint, auf die Erfahrungen der »Älteren« zu verzichten. Er selbst will deshalb auch weitertrainieren.

Walter Löffler6SC DHfK – soll nach eigenen Angaben aus dem Leistungssport ausscheiden und abtrainieren. Für ihn ist diese Entscheidung sehr überraschend gekommen. Die vom Verband genannten Gründe – zu alt und für 1968 keine Perspektive – sind ihm nicht verständlich. Wörtlich sagt er: »Ich kann mir nicht vorstellen, dass man mit 22 Jahren zu alt sein soll.« Nach eigenen Angaben sei sein Trainer mit der Meinung des Verbandes ebenfalls nicht einverstanden.

Ähnliche Ansichten liegen auch von Aktiven der Sektion Boxen vor. Wolfgang Hübner7 teilt nicht die Auffassung des Verbandes, dass er und andere bekannte Boxer, z. B. Guse8 und Babiasch,9 für die Olympiade 1968 keine Perspektive mehr haben sollen. Er verweist in diesem Zusammenhang auf Karl-Heinz Schulz10ASK Vorwärts Berlin –, der mit 29 Jahren in Tokio noch eine Bronzemedaille erkämpfte. Hübner beklagte sich über die schlechte Unterstützung durch den Club in seiner Wohnungsangelegenheit. Er habe schon vor längerer Zeit einen Wohnungsantrag gestellt, da er mit zwei Kindern eine 2-Zimmer-Wohnung bewohnt.

Bei den Fußballern, so erklärte Hübner, ist das Wohnungsproblem von untergeordneter Bedeutung, da sie in kürzester Frist Wohnungen erhalten würden. Mit dieser Regelung sind die Boxer nicht einverstanden. Sollte sich in dieser Hinsicht in nächster Zeit nichts ändern, so deutete er an, wollen sie als Sektion Boxen aus dem SC Turbine ausscheiden und zu ihrer alten BSG zurückkehren.

Zum Trainerwechsel in der Friedensfahrtmannschaft11 äußerte sich Günter Hoffmann12 vom ASK Leipzig – Radsport – sehr zurückhaltend und meinte lediglich, dass man abwarten müsse.

Siegfried Kettmann13SC DHfK – brachte zum Ausdruck, dass die Friedensfahrtkandidaten mit ihrem neuen Trainer Elste14 nicht zufrieden seien. Elste sei zu weich und könne sich nicht durchsetzen. Beim Trainer Weisbrod15 wäre es z. B. noch nie vorgekommen, dass ein Sportler gesagt hätte, »wir wollen heute nicht mehr trainieren, das Wetter ist uns zu schlecht und die Maschinen werden schmutzig«. Ob Elste in der Lage sein wird, die Friedensfahrtkandidaten besser vorzubereiten, als es Weisbrod in den vergangenen Jahren getan hat, kann man heute noch nicht sagen. Nach Meinung des Sportfreundes Kettmann hat Weisbrod die größten Erfahrungen.

Trainer Weisbrod selbst ist mit der Begründung seiner Ablösung als Trainer der Friedensfahrtmannschaft der DDR, sich zunächst nur um die Trainingsgruppe der DHfK zu kümmern, nicht einverstanden. Wörtlich sagte er dazu: »Ich bin der Meinung, dass man mit mir offen und ehrlich darüber sprechen und mir als Genossen klipp und klar die wahren Gründe sagen sollte. Unehrlichkeit unter Genossen halte ich für falsch.«

Gegen zu viele und zu lange Lehrgänge sprach sich Rudolf Franz vom SC Karl-Marx-Stadt aus. Nach seiner Meinung profitieren die Einzelfahrer von solchen Lehrgängen nicht viel. Eine Ausnahme bildet seiner Meinung nach nur die Vierermannschaft, die ständig zusammen trainieren müsste.

Kettmann vertrat weiter die Ansicht, dass man in gesundheitlicher Hinsicht für die Sportler etwas mehr tun müsste als bisher, um die Leistungssportler der DDR nach Beendigung ihrer aktiven Laufbahn vor Schäden zu bewahren. Als Beispiel führte er Schur16 an, der zzt. mit einem Herzfehler im Krankenhaus liegen würde, da er nach seinen eigenen Angaben nicht richtig abtrainiert habe.

Die Sportfreunde Heinsch,17 Fräßdorf,18 Nöldner,19 Körner20 und Krampe21 brachten ihre Befriedigung über den Verlauf der Südamerikareise der Fußball-Nationalmannschaft zum Ausdruck. Nach ihrer Ansicht seien die Provokationen von den Spielern nicht so tragisch genommen worden, da sie gewusst hätten, dass noch nicht alle Probleme der Reise geklärt waren.22 Dieter Krampe ist erfreut, dass er jetzt wieder seine Nationalmannschaftszuwendung erhält. Verärgert äußerten sich Fußballer der Nationalmannschaft darüber, dass oft vonseiten leitender Funktionäre Versprechungen gemacht würden, die nicht eingehalten werden. Z. B. erklärte Horst Weigang,23 dass ihnen vom Genossen Michalski für die Südamerikatournee 4 000 MDN versprochen worden seien. Erhalten habe er aber nur 2 500 MDN. Er vertritt die Meinung, dass man vorher nicht solche Summen nennen sollte, die dann später nicht zu realisieren seien. Das würde, auch wenn kein Recht auf materielle Zuwendungen besteht, die Sportler nur verärgern.

Nach vorliegenden Hinweisen halten die negativen Diskussionen über das Verhalten von Ingrid Engel-Krämer24 nach ihrer Rückkehr aus Tokio in Rostock weiter an. Teilweise wird dieses Verhalten auf die persönlichen Schwierigkeiten zurückgeführt, die Ingrid Engel-Krämer in ihrer Familie habe. Besonders das Verhalten ihres Ehemannes, der sehr arrogant auftreten würde, stieße auf breite Ablehnung.

Sportfreund Frank Wiegand25ASK Rostock/Schwimmen – brachte sein Befremden darüber zum Ausdruck, dass er aufgrund seiner Leistungen in Tokio – 3-facher Silbermedaillengewinner – keine Prämie erhalten hätte. Obwohl er sich bereits bei verschiedenen Organen u. a. DSSV erkundigt habe, waren ihm noch keine verbindlichen Zusagen über nachträgliche Prämiierungsabsichten gegeben worden. In einer Aussprache zwischen dem Generalsekretär des DTSB Orzechowski und Wiegand sei seine falsche Handlungsweise in Tokio als Grund der Nichtprämiierung genannt worden. Wiegand betonte, diesen Fehler eingesehen zu haben. Da man ihm aber auch erklärt habe, nichts nachzutragen, hätte er doch gehofft, eine Prämie zu erhalten. Jetzt sei er aber bereits zu der Auffassung gekommen, vonseiten der Funktionäre würde jemand gesucht werden, der ihm beibringen soll, dass er für seine Silbermedaillen nichts erhalten kann. Über die Auseinandersetzungen in der Parteigruppe des Clubs – ASK Vorwärts Rostock – zu seinem Verhalten in Tokio erklärte Wiegand: Es wird verlangt, dass man offen und ehrlich seine Meinung zum Ausdruck bringen soll. Aber wenn diese nicht 100%ig mit der »gegebenen Linie« übereinstimmt, sondern in seinen Ansichten noch Unklarheiten vorhanden sind, würde man anschließend »fertiggemacht« werden. »Man hat eben, so äußerte Wiegand sehr deprimiert, wenn man seine Meinung offen sagt und dabei auch Fehler begeht, solche Rückschläge zu erwarten, wie sie jetzt bei mir eingetroffen sind.«

Die Republikflucht und die Rückkehr26 der Boxer Kirsch,27 Radnick28 und Brauske29 vom SC Cottbus wird von Werner Pfeil folgendermaßen eingeschätzt:

Die Republikflucht von Kirsch ist ihm vollkommen unverständlich. Kirsch wäre schon des Öfteren im kapitalistischen Ausland gewesen und hätte sich deshalb auch nicht blenden lassen dürfen. Radnick und Brauske hätten noch keine Erfahrungen. Nach seiner Einschätzung sind diese R-Fluchten Ausdruck einer schlechten Arbeit im SC Cottbus. Unter Sportlern des Clubs ist davon die Rede, den SC Cottbus in den »Fußballclub Cottbus« umzutaufen, denn es gibt dort in der Hauptsache nur eine Sportart, das ist der Fußball. Die anderen Sportarten würden stark benachteiligt werden, obwohl z. B. die Fußballer nur in der Liga spielen würden, während es sich bei den Boxern um Nationalkader handelt, denen an sich besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden müsste. Da dies aber nicht der Fall ist, soll es schon Gespräche gegeben haben, dass die Boxer sich einen anderen Club aussuchen wollen. Vielleicht, so äußert Pfeil, ist hierin aber auch eine Ursache der R-Flucht zu suchen. Für die Fußballmannschaft wäre im SC Cottbus nichts zu gut und zu teuer. Die Fußballer seien in guten Stellungen untergebracht worden, ohne große Qualifikation. Sie brauchten auch nicht viel zu arbeiten. Er selbst müsse seine Möbel in Raten bezahlen, die Fußballer aber könnten sich Autos kaufen. Aus seinen Worten sprach eine gewisse Verbitterung.

In den Aussprachen mit den Sportlern wird immer wieder die oftmals ungenügende politische oder soziale Betreuung bzw. sportliche Lenkung in den Clubs und Verbänden erwähnt.

Sportfreund [Name 1] – SC Einheit Dresden/Wasserball – hat es bis heute noch nicht überwunden, dass er kurzfristig von der Teilnahme an den Olympischen Spielen ausgeschlossen wurde. Nach seinen Angaben ist der Grund in Folgendem zu sehen: Er ist in Dresden der einzige Auswahlspieler und man hatte ihm schon des Öfteren nahegelegt, einen Clubwechsel nach Magdeburg oder Leipzig vorzunehmen, damit alle Auswahlspieler in wenigen Clubs konzentriert sind. Er hält diesen Gedanken für gut und richtig und ist auch nicht abgeneigt, einen Clubwechsel vorzunehmen. Dem im Wege steht aber sein Studium, das er nur in Dresden an der Verkehrshochschule – Fachrichtung Fernmeldeanlagen und Sicherungstechnik – durchführen kann. Eine Aussprache mit verantwortlichen Funktionären zur Klärung dieses Problems fand bisher nicht statt.

Der Fußballer Günter Gleis30 vom SC Turbine Erfurt brachte seine Befriedigung zum Ausdruck, vom Leistungssport zurückgetreten zu sein. Er hätte in dieser Beziehung keine guten Erfahrungen gemacht. Nachdem der SC Turbine Erfurt aus der Oberliga ausschied, seien ihm sofort die Förderungsstelle und die Stipendienunterstützung gestrichen worden, wodurch ihm erhebliche finanzielle Schwierigkeiten entstanden sind. Er musste mit dem Stipendium für den Unterhalt seiner Familie auskommen. Es hätte sehr lange gedauert, bis er wieder eine Unterstützung durch die Clubleitung erhalten hätte.

Der Kanute Jürgen Bremer31 teilte in einer Aussprache mit, dass unter einem Teil der Studenten der DHfK die Stimmung nicht gut sei. Der neue Prorektor Dr. Degel32 würde stark darauf drängen, rückständige Prüfungen in kürzester Frist nachzuholen. Das trifft besonders hart jene Leistungssportler, die sich auf die Olympiade bzw. auf andere bedeutende Wettkämpfe vorbereiten müssten.

Mit dem Verband sei über diese Frage zwar gesprochen worden, geändert habe sich aber noch nichts.

  1. Zum nächsten Dokument Faschistische Graffiti am Passierscheinbüro Kreuzberg
    27. März 1965
    Einzelinformation Nr. 271/65 über faschistische Schmierereien am Gebäude der Passierscheinstelle Kreuzberg, Urbanstraße 21, am 26. März 1965
  2. Zum vorherigen Dokument Weitergabe von Filmaufnahmen der Synode durch die DEFA
    25. März 1965
    Einzelinformation Nr. 264/65 über die Weitergabe von Filmaufnahmen von der Synode der EKD in Magdeburg an eine amerikanische Nachrichtenagentur