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Lage in der ersten Oktoberhälfte

[Ohne Datum]
Analyse vom 1. bis 15. Oktober 1953 [Nr. 3/53]

Die allgemeine Stimmung zu politischen Fragen war gekennzeichnet durch den geringen Umfang der Diskussionen, besonders auf dem Lande. Im Mittelpunkt stand die Antwortnote der SU an die Westmächte.1 Der größte Teil der Bevölkerung hat sich dazu nicht geäußert. Positiv diskutierten die Arbeiter und Angestellten in den Betrieben, wo die BPO schnell eine gute Aufklärung entfaltete.

So äußerten z. B. die meisten Arbeiter der VEB Baumwollspinnerei Gückelsberg/Flöha: »Die Westmächte sollten sich nun endlich auf Verhandlungen einlassen, um die Einheit Deutschland wieder herstellen zu können.« Die Angestellten des Krankenhauses in Stadtroda brachten zum Ausdruck, dass die Einheit Deutschlands nur durch den Sturz der Adenauer-Regierung möglich sei, da diese immer wieder den konkreten Vorschlägen der SU auszuweichen versucht. In den Betrieben, wo keine Aufklärung erfolgte, erkannte man die Bedeutung der Note nicht, es diskutierte ein Teil der Arbeiter unter feindlichem Einfluss negativ, wie folgendes Beispiel zeigt: Ein Werkstattleiter, Aktivist der Neptunwerft Rostock, sagte: »Unsere Zeitungen sind voller Lügen, es ist nicht wahr, dass die Westmächte Verhandlungen ablehnen und die Einheit Deutschlands sabotieren. Sie haben vorgeschlagen eine Konferenz durchzuführen und das wurde von der Sowjetregierung abgelehnt.«

Die Beteiligung an den Veranstaltungen zum 4. Jahrestag der DDR am 7. Oktober war in Berlin und in einem kleinen Teil der Bezirke sehr gut und oftmals besser wie 1952. Die Veranstaltungen in Berlin waren ein besonders großer Erfolg. An der Kundgebung auf dem Marks-Engels-Platz haben nach Schätzungen der VP 200 000–250 000 Menschen teilgenommen. Besonders freudig wurde Genosse Wilhelm Pieck begrüßt. Die Beteiligung an betrieblichen Feiern war in vielen Fällen unerwartet hoch, z. B. herrschte in der ABUS Gießerei und Maschinenfabrik unter den sehr zahlreich erschienenen Arbeitern eine so gute Stimmung, wie sie dort selten zu verzeichnen gewesen ist.

Im größten Teil der Bezirke war die Beteiligung vielfach gering und nicht so stark wie im Vorjahr, besonders auf dem Lande. Die Ursachen sind teilweise Interesselosigkeit und teilweise mangelhafte Organisation der Veranstaltungen. Die Stimmung der Beteiligten war überall gut.

Trotz der Gleichgültigkeit breiter Kreise der Bevölkerung zu politischen Fragen wurde in den Betrieben, auf dem Lande und den übrigen Schichten der Bevölkerung, die Wiederwahl des Genossen Wilhelm Pieck zum Präsidenten der DDR2 von vielen begrüßt. So sagten z. B. die meisten Arbeiter der Zuckerfabrik Wolmirstedt/Magdeburg: »Eine Wahl war gar nicht notwendig, so lange unser Wilhelm lebt, wollen wir keinen anderen Präsidenten.« Im Kreis Bützow/Schwerin verpflichteten sich anlässlich der Wahl des Präsidenten Genossenschaftsbauern und werktätige Bauern, 148 000 Ltr. Milch, 4 000 Eier und 226 Schweine auf freie Spitzen3 zu liefern. Auf einer Festveranstaltung in Zittau wurde nach einstimmigem Beschluss ein Grußtelegramm an den Präsidenten geschickt. Dazu äußerte eine Hausfrau: »Die Hauptsache, dass unser Präsident das Telegramm in die Hände bekommt, damit er weiß, wie die Zittauer von ihm denken.«

Verhältnismäßig wenig Menschen zeigten in ihren Äußerungen, dass sie gegen die Wahl von Wilhelm Pieck sind. Ein Buchhalter aus Grevesmühlen/Rostock äußerte darüber zu einem Arbeiter: »Wer hat ihn gewählt? Ich nicht und du auch nicht. Also kannst Du sehen, dass sie machen, was sie wollen.«

Starkes Interesse erweckte die Rückkehr der begnadigten Kriegsverbrecher aus der SU4 in den Betrieben und unter der Bevölkerung. Anfangs waren die Diskussionen darüber in der überwiegenden Mehrzahl positiv. Später machte sich der Einfluss des RIAS [in] vielen feindlichen Diskussionen bemerkbar, wie folgende Beispiele zeigen:

Auf der Mathias-Thesen-Werft in Wismar erklärte ein parteiloser Arbeiter: »Ich begrüße die Rückkehr der verurteilten Kriegsgefangenen. Verschiedene davon sind aber das Entgegenkommen der SU gar nicht wert.« Die negative Einstellung zur Entlassung der Kriegsverbrecher wird durch folgendes Beispiel charakterisiert: Ein Entlassener aus Weida/Gera wurde von einer großen Anzahl der Einwohner mit Blumen vom Bahnhof abgeholt, dabei wurde mehrmals gerufen: »Endlich ist er wieder da.«

Die Lage in Industrie und Verkehr

Im Mittelpunkt des Interesses standen bei den Arbeitern und Angestellten in den Betrieben die Fragen des materiellen Lebens. Dabei wurde oft die Meinung vertreten, dass die Preise sofort gesenkt werden müssten. Man spricht viel vom neuen Kurs und zieht es vor abzuwarten, wie er sich auswirkt.

Folgende Äußerungen einer Arbeiterin aus dem VEB Konfektionsbetrieb in Oelsnitz im Vogtland ist charakteristisch: »Nach den Ausführungen der 16. ZK-Tagung ist mit einer Preissenkung 1953 nicht mehr zu rechnen,5 das ist schlecht. Die Regierung muss mit Tatsachen aufwarten. Um die Massen wieder zu gewinnen, muss man noch in diesem Jahre eine Preissenkung vornehmen.«

Viele Arbeiter in den Braunkohlengruben »Glückauf« und »Jonny Scheer« haben folgende Meinung: »Wenn die Regierung das Preisniveau, wie es zzt. in Westdeutschland besteht, auch bei uns verwirklicht, da stehen wir hinter ihr. Wenn das, was Walter Ulbricht sagte, zutrifft, dass die Preise gesenkt werden und die Löhne bleiben, dann sind wir zufrieden.«

Mit wenigen Ausnahmen wurde in der gesamten Republik die Beitragszahlung für den FDGB verbessert. Dies wurde erreicht durch gute Arbeit der Partei, materielle Verbesserung für die Belegschaften in den Betrieben und verbesserte Aufklärung und Kassierung des FDGB. Besonders in den Bezirken Halle, Erfurt, Schwerin, Rostock, Dresden, Leipzig, Magdeburg und Cottbus ist durch Wiederbezahlung der Beiträge und viele Nachzahlungen eine wesentliche Steigerung der hauptsächlich schon im September einsetzenden Zahlungen erreicht worden. Dies zeigen folgende Beispiele:

Durch gute Agitationsarbeit der Partei und die Entlarvung der Provokateure im Phänomen-Werk Zittau gelang es, die FDGB-Beitragszahlungen wieder auf 98 % zu steigern. Im Betrieb G 44 der Buna-Werke herrscht wieder eine gute Stimmung, weil die wirtschaftlichen Forderungen der Arbeiter erfüllt wurden. Das zeigt sich besonders in der bereitwilligen Nachzahlung der FDGB-Beiträge. Die Bezirke Dresden und auch Halle haben in der Beitragszahlung bald den alten Stand erreicht. In den Bezirken Erfurt, Schwerin, Magdeburg und Rostock erhöhten sich die Zahlungen an den FDGB um 20–30 %.

Am 13. Oktober standen die Auszeichnungen der Aktivisten mit Feierstunden und Kulturveranstaltungen im Mittelpunkt.6 Dabei zeigte sich, dort wo von BPO und BGL gut gearbeitet und die Vorschläge mit der Belegschaft beraten wurden, eine positive Einstellung, z. B. im VEB Büromaschinenfabrik Karl-Marx-Stadt, wo die 18 ausgezeichneten Aktivisten als Vorbilder angesehen wurden und deren Arbeitsplätze von der Belegschaft mit Blumen geschmückt worden sind.

In den Betrieben, wo keine gute Partei- und Gewerkschaftsarbeit geleistet worden ist, haben viele den Sinn der Aktivistenbewegung und der Prämien noch nicht verstanden und vertreten Tendenzen der Gleichmacherei. Z. B. im VEB Schreibmaschinenwerk II Dresden erklärte der 2. BGL-Vorsitzende: »Es soll doch endlich Schluss gemacht werden mit dem Aktivistenrummel, man soll lieber zu Weihnachten oder zum Jahresende eine Prämie an alle zahlen.«

Die ungenügende Belieferung einer Anzahl Betriebe mit Material und Rohstoffen hielt in der ersten Oktoberhälfte an und wirkte sich nachteilig auf die planmäßige Produktion und die Stimmung der Arbeiter aus. Z. B. in den Gusseisenwerken Torgelow und Ueckermünde/Neubrandenburg kann zuweilen tagelang nicht gearbeitet werden, weil kein Schmelzkoks geliefert wird. Allein in einem Betrieb müssen täglich 16 000 DM Lohn gezahlt werden, wo praktisch nichts produziert wird. Im VEB TEWA Blankschrauben Luckenwalde müssen mehrere Arbeiter wegen Materialmangel Gelegenheitsarbeiten durchführen, dadurch ist unter der Belegschaft eine schlechte Stimmung zu verzeichnen.

Der Mangel an Transportraum (Waggon) hat weiterhin angehalten und führte zu Rohstoffknappheit und Anhäufung von Fertigprodukten in verschiedenen Betrieben.

Im Braunkohlenwerk »Glückauf« Hoyerswerda, wo große Mengen Briketts lagern, diskutiert die Belegschaft, dass durch den mangelnden Abtransport die Briketts der Witterung und somit dem Verderb ausgesetzt sind und dass sich dies nicht mit der Erhöhung der Produktion vereinbaren lässt. Bei dem VEB Bau in Schwerin ist die Belieferung mit Baustoffen völlig ungenügend, da es an Transportraum fehlt. Die Baustellen müssen stillgelegt werden, wenn Kalk-Steine, Holz und Eisen nicht geliefert wird.

In verschiedenen Betrieben bestehen Unzufriedenheiten wegen Lohnfragen. Z. B. in der Jutespinnerei Triebes/Gera verdienen einige Arbeiter der Lohngruppen I–IV mehr wie qualifizierte Facharbeiter.7 Dazu sagt ein Meistergehilfe: »Mit dem neuen Kurs bin ich nicht einverstanden, denn es müsste in unserem Betrieb mit der Entlohnung besser aussehen, es wird höchste Zeit, dass die Regierung diese Verhältnisse ändert, sonst machen die Arbeiter nicht mehr mit.«

Wegen Differenzen in Lohn- und Normenfragen und wegen Materialschwierigkeiten wurden drei kleine Streiks durchgeführt: am 6. Oktober im VEB Bekleidungswerk Sonneberg-Ilmenau alle Arbeiterinnen zwei Stunden, am 8. Oktober Bau-Union Potsdam in Eberswalde eine Maurerbrigade 3½ Stunden und am 12. Oktober Baustelle Dresden-Altmarkt eine Stunde.

Die Lage in Handel und Versorgung

Die Verbesserung der Versorgung hat weiter angehalten. In einem großen Teil der Bezirke hat sich trotz Transportraummangel die Versorgung der Bevölkerung mit Hausbrandkohle weiter verbessert. Zehn Bezirke sind mit 85 % und mehr Hausbrand beliefert. Bezirk Erfurt bereits mit 99 %. Die restlichen Bezirke liegen bei ca. 80 %, bis auf den Bezirk Cottbus, wo trotz stark verbesserter Versorgung im Oktober erst ca. 55 % erreicht wurden.

Die Kartoffelversorgung wurde während der Berichtszeit oft gehemmt durch Mangel an Transportmitteln. Bis 15. Oktober wurde die Bevölkerung in den Bezirken durchschnittlich mit ca. 30 % Einkellerungskartoffeln beliefert, bis auf den Bezirk Suhl, welcher erst mit 9,5 % beliefert wurde. Im Kreis Quedlinburg war z. B. die Versorgung schlecht, weil die im Liefervertrag aufgeführten Kreise nicht liefern konnten, da keine Waggons zur Verfügung standen.

Die Versorgung mit Butter hat sich qualitätsmäßig etwas verbessert, jedoch wurde immer noch hauptsächlich in einigen Kreisen der Bezirke Schwerin, Neubrandenburg, Cottbus, Potsdam und Karl-Marx-Stadt ranzige Butter (oft Importware) verkauft. Dazu sagte ein Lebensmittelhändler aus Plauen: »Wir erhalten die Butter bereits in schlechtem Zustand von der DHZ und müssen sie verkaufen. Eine Rückgabe wird abgelehnt.«

Oft haben die Mängel in der Versorgung ihre Ursache in der schlechten Organisation und Warenverteilung. Teilweise auch in der Schwerfälligkeit bei notwendigen Preisveränderungen. So häufen sich an einer Stelle Waren und an anderer Stelle mangelt es. Bei der HO in Leipzig lagern z. B. für 4 Mio. DM Überplanbestände an Stoffen und anderen Industriewaren, und in anderen Bezirken mangelt es. Aufgrund hoher Preise konnten im Bezirk Halle Importweintrauben nicht abgesetzt werden, wodurch größere Mengen verdarben. Dazu sagt die Bevölkerung: »Lieber kann das Zeug verfaulen, ehe man es uns rechtzeitig für billigeres Geld geben würde.«

Die schematische Freigabe von Waren zu gleichen Mengen an HO und Konsum im Kreis Cottbus führt zu einer Benachteiligung der Landbevölkerung, da die HO 4/5 ihrer Verkaufsstellen in der Stadt hat (Aufschlüsselung entsprechend der Verkaufsstellen).

Die Lage in der Landwirtschaft

Große Teile der Landbevölkerung sind zurückhaltend in politischen Fragen, zeigen dafür wenig Interesse und halten sich fern von offenen Diskussionen. Trotz Feindpropaganda und Sabotageversuchen der feindlichen Elemente auf dem Lande wurde die Ablieferung der Produkte erfolgreich weitergeführt. Bis zum Ende der Berichtszeit wurden ungefähr 76 % des Getreidesolls und ca. 40 % des Kartoffelsolls erfüllt. Dabei steht der Bezirk Suhl mit Getreide 102 % und Kartoffeln 80 % an der Spitze. Am schlechtesten ist die Ablieferung im Bezirk Potsdam bei Getreide mit 60,3 %. Das schlechte Ergebnis ist darauf zurückzuführen, dass besonders die Groß- und Mittelbauern auf Herabsetzung des Solls bestehen und die Parole verbreiten, es würde in Kürze die »freie Wirtschaft« eingeführt. In Friesack/Potsdam äußerten ca. 20 Mittelbauern zu den Erfassern, als diese die Bauern auf ihre Verpflichtungen hinwiesen: »Wir lassen unseren Hof im Stich, wenn wir wegen der Sollablieferung unter Druck gesetzt werden und gehen nach dem Westen.«

Die großbäuerlichen und andere feindliche Elemente versuchen auf die verschiedenste Art die Ablieferung zu sabotieren, wie nachstehende Beispiele zeigen: Im Bezirk Schwerin, wo das Getreidesoll erst zu 66,9 und das Kartoffelsoll mit 31,5 % erfüllt wurde, erklärt ein Teil der Groß- und Mittelbauern, dass sie jetzt keine Zeit zum Dreschen hätten, die Ablieferung hätte Zeit bis 31. Dezember. Sie rechnen noch mit einer Sollherabsetzung, sie könnten das Getreidesoll nicht erfüllen, weil sonst die Futtergrundlage nicht ausreichend sei. Dabei gibt es Großbauern, die ihr Soll nicht erfüllen und Getreide an die Schweine verfüttern.

Ein großer Teil der Bauern im Kreis Parchim lagert die Kartoffeln in Mieten ein, sie erwarten Sollermäßigung und Erhöhung der Kartoffelpreise. Ein Mittelbauer aus Großolbersdorf/Karl-Marx-Stadt erklärte: »Bei der günstigen Witterung werden wir erst die Feldbestellung durchführen, die Ablieferung läuft uns doch nicht weg.« Dieser Meinung schlossen sich weitere Bauern an.

Die großbäuerlichen Elemente verstärkten ihre Tätigkeit gegen die fortschrittlichen Kräfte im Dorf. Sie versuchten diese durch Drohungen von ihrer Linie abzubringen. In Warsow8/Potsdam wurde von Bauern, die wegen Nichterfüllung des Solls inhaftiert gewesen sind, den Funktionären gedroht, es kommt noch die Zeit, wo wir uns revanchieren können. Ein Großbauer aus Haage, Kreis Nauen, bedrohte den LPG-Vorsitzenden mit Schlägen, wenn er nicht bald zur Auflösung der LPG beiträgt.

Die Besserung in der Lage der LPG hält an. Die Mehrzahl hat sich gefestigt. Auflösungserscheinungen sind in den Bezirken verhältnismäßig gering mit Ausnahme des Bezirkes Schwerin. Dort liegen noch 1 647 Austrittserklärungen vor und 86 LPG beabsichtigen die Auflösung. Dabei steht aber fest, dass durch die tägliche Aufklärungsarbeit der Partei, MTS, und des Kreisrates es in der Mehrzahl der Fälle gelingt, die beabsichtigten Austritte und Auflösungen zu verhindern. Nur in den Fällen, wo die Aufklärung und Unterstützung fehlt, ist die Existenz der LPG bedroht. Z B. die LPG »Clara Zetkin« und die LPG »Rudolf Spranger« Karl-Marx-Stadt haben ihr Ablieferungssoll an Getreide und Ölsaaten vorfristig erfüllt. Dafür erhielten sie 1 650 DM Prämie, dies war nur möglich, weil die Parteiorganisation in der Arbeitsplanung und Brigadearbeit eine führende Kraft gewesen ist. Im Kreis Sangerhausen sind in einigen LPG Auflösungserscheinungen wegen schlechter Unterstützung durch den Kreisrat und die Partei.

In der 1. Oktoberhälfte hatten die MTS wiederum vielfach große Schwierigkeiten, um ihre Aufträge zu erfüllen. Die Ursachen waren meistens Mangel an Ersatzteilen, schlechte Qualität der Maschinen und Geräte, teilweise aber auch ungenügende Pflege der Maschinen, wie ein Beispiel aus Schwerin zeigt, wo in einem Fall 40 % der Maschinen ausgefallen sind, weil die tägliche und verantwortungsbewusste Pflege der Maschinen fehlte. Eine weitere Ursache ist auch, dass das Zweischichtensystem noch nicht in allen MTS zur Anwendung kommt. Z. B. in einem der besten Kreise des Bezirkes Schwerin, Kreis Gadebusch, arbeiten die MTS erst zu 40 % in zwei Schichten.

Diese Mängel führen zur Missstimmung unter den Arbeitern der MTS und Unzufriedenheit unter den Bauern, welche zum Teil, wie im Bezirk Rostock, auf die Hilfe der MTS verzichten und die Kartoffeln mit dem Pflug oder der Hacke ernten mussten. So hat z. B. die MTS Penkun/Neubrandenburg für 1 000 DM Ersatzteile bestellt, jedoch nur9 für 30,00 DM erhalten. Dadurch verlängert sich die Reparaturzeit und wirkt sich auf die Erfüllung der Aufträge, den Lohn und die Arbeitsmoral aus. In der MTS Missen/Cottbus sind die Pflüge alle zwei Tage zur Reparatur. Die MTS Lüdersdorf/Potsdam kann ihre Verträge nicht einhalten, da die Kartoffelroder erhebliche Mängel aufweisen.

Unter der Landbevölkerung hat die Unzufriedenheit über die verstärkten Stromabschaltungen größeren Umfang angenommen, wofür folgende Äußerung eines werktätigen Bauern charakteristisch ist: »Von 18.00 bis 20.00 Uhr wird der Strom abgeschaltet, das ist der neue Kurs.10 Die Bauern müssen in dieser Zeit füttern, da gehen sie mit der Kerze in den Stall.«

Übrige Bevölkerung

Im Vordergrund des Interesses standen wiederum wirtschaftliche Fragen, besonders die Stromversorgung. Die Unzufriedenheit über die Stromabschaltungen ist größer geworden durch die in den Bezirken Rostock, Magdeburg, Halle, Gera, Schwerin und einigen Kreisen im Bezirk Dresden im Oktober noch verstärkten Abschaltungen. So äußerten die Hausfrauen in Spremberg: »So viel Stromsperren hat es ja bei den Nazis nicht gegeben wie jetzt, wo der Krieg schon acht Jahre vorbei ist. Sollen sie doch zugeben, dass sie nichts haben.«

Die Diskussionen der Bevölkerung über die »hohen HO-Preise« und die vielfach noch in diesem Jahr erwartete Preissenkung sind umfangreich in allen Schichten der Bevölkerung und halten unvermindert an. So äußerte ein Einwohner aus Steinach/Suhl: »Wie lange soll das noch so weitergehen. Für ein Pfund Wurst muss ich noch heute 6,00 bis 8,00 DM bezahlen und für ein Bier eine Stunde arbeiten.« Eine Hausfrau aus Zwickau sagte: »Wir warten mit der Anschaffung unseres Wohnzimmers noch bis zur baldigen Preissenkung, dann bekommen wir vieles billiger.«

Von der VP wurden im August 3 797 und im September 3 538 Republikflüchtige gemeldet, die im gleichen Monat geflüchtet sind. Dazu wurden im August 6 876 und im September 10 765 Republikflüchtige festgestellt, die in den vorhergehenden Monaten, zum größten Teil im Vormonat geflüchtet sind. Vom Juli zum August stiegen nach verhältnismäßig realen Berechnungen die Republikflüchtigen um 36,5 %. Ob die Zahl im September weiter angestiegen ist, kann jetzt noch nicht festgestellt werden, da viele mit Interzonenpässen nicht in die DDR zurückkehrten. Schwerpunkte der Republikflüchtigen sind Berlin und die Bezirke Potsdam, Rostock, Schwerin, Neubrandenburg und Frankfurt/Oder. Die Zahl der Rückkehrer stieg von 3 217 im August auf 3 633 im September. Die Zahl der Zuwanderer stieg zur gleichen Zeit von 938 auf 1 332.

Vom 1. bis 15. Oktober ist nach vorläufigen Meldungen die Zahl der zurückgekehrten Republikflüchtigen und Zuwanderer in Berlin und den Bezirken Potsdam, Erfurt, Schwerin und Frankfurt/Oder gestiegen gegenüber der vorhergehenden Berichtszeit. In den Bezirken Halle, Neubrandenburg, Gera und Cottbus ist die Zahl etwas gesunken und in den restlichen Bezirken auf gleicher Höhe geblieben.

Feindtätigkeit

Die gegnerische Tätigkeit wurde im Allgemeinen im gleichen Umfang fortgeführt wie im September. In allen Bezirken wurden Flugblätter verbreitet, besonders verstärkt in den Bezirken Potsdam (40 000), Frankfurt (22 000), Cottbus (21 000), Magdeburg (18 000) und Suhl (16 000). Besonders nachgelassen hat die Flugblattverbreitung in Berlin und 50 % der Bezirke. Der überwiegende Teil ist von der NTS,11 viele von der KgU,12 die übrigen vom SPD-Ostbüro,13 kirchlichen Sekten, zum Teil auch vom sogenannten »Rat freier deutscher Arbeiter und Bauern in der sowjetischen Besatzungszone« und »Kampfgruppe zur Befreiung der Ostzone«. Sie befassen sich im Wesentlichen mit der bekannten Hetze gegen die SU und DDR, bis auf Flugblätter der KgU, die sich gegen Angehörige der Staatssicherheit richten. Von der sogenannten »Widerstandsgruppe Mecklenburg« wurden Hetzschriften in geringem Umfange verbreitet, die sich gegen führende Genossen des Bezirkes Schwerin richten. Es wurde auch versucht größere Mengen Hetzschriften »Sinnvoller Widerstand« und gefälschte »Junge Welt«14 durch die Post zu verbreiten, was aber größtenteils verhindert wurde. In Berlin kamen Hetzschriften, als Romanhefte getarnt, zur Zersetzung der VP in geringem Umfange zur Verbreitung. Die offen erkennbare Feindtätigkeit durch Parolenschmierereien, Beschädigung von Anschlagtafeln, gefälschte Einladungen an VEB, fingierte Anrufe und Facharbeiterabzug15 beschränkte sich auf Einzelfälle.

Von der Westpresse wurde dazu aufgefordert mehr Päckchen in die DDR zu schicken. Der RIAS propagierte die Verlängerung der Paketprovokation bis 10. Oktober16 und brachte in seinen Hetzsendungen das Gleiche wie vorher.

Der Gegner setzte seine Terrorakte fort. Von fünf Fällen geschahen vier auf dem Lande. Unter den misshandelten und verletzten Personen ist [sic!] eine FDJ-Funktionärin, zwei MTS-Traktoristen und drei Volkspolizisten, dabei wurde in einem Fall ein Großbauer als Täter festgestellt. In Welzow, Kreis Spremberg, wurden bei vier Funktionären Zettel mit offenen Morddrohungen in den Wohnhäusern angebracht.

Am 10. Oktober wurden fünf bewaffnete Banditen in Uckro gestellt. Die Banditen töteten dabei einen VP-Angehörigen, verwundeten einen VP-Angehörigen lebensgefährlich und einen VP-Angehörigen leicht. Danach flüchteten sie. Einer wurde festgenommen. In der Nacht zum 12. Oktober wurde im Wald bei Dresden ein Pkw durch zwei bewaffnete Banditen angehalten und [der Fahrer] gezwungen, die Banditen zu fahren. Sie wurden bei Grimma gestellt, einer festgenommen und einer flüchtete, dabei wurde ein Volkspolizist getötet.

Diversionsakte sind nicht stark in Erscheinung getreten. Es sind zwei unbedeutende Fälle in den Bezirken Karl-Marx-Stadt und Gera und einige Fälle im Bezirk Rostock zu verzeichnen. In Berlin wurde ein Konsumtextilkiosk in Brand gesteckt. In zwölf Fällen sind wieder in der Landwirtschaft Brände vorsätzlich angelegt [worden] bzw. besteht der Verdacht der feindlichen Handlung. Davon sind bei je drei Fällen in den Bezirken Magdeburg und Leipzig, LPG oder Genossenschaftsbauern betroffen.

Einschätzung der Situation

In der Gesamtstimmung der Bevölkerung ist während der ersten Oktoberhälfte keine wesentliche Veränderung eingetreten. Die misstrauische, abwartende Haltung und die Gleichgültigkeit zu politischen Fragen sind im Ganzen gesehen bei den Werktätigen während dieser Zeit bestehen geblieben. Anzeichen einer Verbesserung der Stimmung sind verschiedentlich in geringem Umfang unter den Arbeitern in Berlin, Bezirk Cottbus und zum Teil auch in den Bezirken Neubrandenburg und Dresden festzustellen. Demgegenüber hat die abwartende Haltung und Gleichgültigkeit unter den Werktätigen in den Bezirken Suhl und Rostock zum Teil auch in den Wismut-Betrieben noch zugenommen.

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    Informationsdienst Nr. 2005 zur Beurteilung der Situation
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