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Tagesbericht

25. September 1953
Information Nr. 1077

Die Lage in Industrie, Verkehr, Handel und Landwirtschaft

a) Industrie und Verkehr

Diskussionen über die 16. Tagung des ZK der SED werden in den Betrieben wenig geführt. In den Diskussionen steht in der Mehrzahl die Frage der Preissenkung und der Wegfall der Rationierung 1954 im Mittelpunkt.1 Die Haltung zur 16. Tagung des ZK ist verschieden. Während in einigen Betrieben die positiven Stimmen vorherrschen, sind es in anderen Betrieben wieder die negativen Stimmen. Dazu einige Beispiele:

Ein Arbeiter aus Langensalza/Erfurt: »Walter Ulbricht zeigte eine klare Linie der Partei auf. Nun liegt es an den Mitgliedern, sie zu verwirklichen.« Ein Arbeiter vom VEB Plasta Sonneberg/Suhl: »Ich bin über die Rede von Ulbricht empört, da erst 1954 eine Preissenkung stattfinden soll. Wir haben fest mit einer Preissenkung in diesem Monat gerechnet.« Ein Arbeiter vom LEW Hennigsdorf/Potsdam: »Das sind wieder nur Versprechungen. Man will uns nur bis nächstes Jahr vertrösten, um Zeit für neue Maßnahmen zu gewinnen.« Ein Arbeiter aus Großbodungen/Erfurt: »Wenn ich etwas zu sagen hätte, dann würden alle oben abgelöst. Es finden nur immer Tagungen statt und heraus kommt dabei nichts.«

Die ungenügende Diskussion über die wichtigsten Tagesprobleme haben zum Teil ihre Ursachen in einer schlechten Aufklärungsarbeit. So wurde z. B. im Kraftwerk Finow/Frankfurt/Oder erst in dieser Woche mit der Auswertung der 15. Tagung des ZK2 begonnen.

In vielen anderen Betrieben herrscht noch eisiges Schweigen. Sie äußern: »Wir haben acht Jahre gewartet, nun wollen wir endlich besser leben« oder »Satte Menschen hätten am 17.6. nicht gestreikt«.

Am 23.9.1953 wurde im Schacht der Wismut AG, Johanngeorgenstadt, Revier 4, ein Provokateur entlarvt und mit einstimmigem Beschluss aus dem Betrieb entfernt und den Staatsorganen übergeben. Von Betrieben aus Leipzig wird bekannt, dass nach der Entfernung von Provokateuren aus diesen Betrieben sich die Stimmung verbesserte. Ein schlechtes Beispiel zeigt der [VEB] BMHW Berlin-Niederschöneweide. Hier wurde ein Provokateur fristlos entlassen, ohne dass dies die BPO und BGL im Betrieb bekannt gegeben haben. Der Erfolg war der, dass der größte Teil der Kollegen sich hinter den Provokateur stellte.

Die Nichtzahlung von FDGB-Beiträgen ist weiterhin noch stark vorhanden. Im Bezirk Magdeburg wurden im April 1953 1 332 595,65 DM und im August nur 893 098,12 DM kassiert. Die Schwerpunkte sind folgende Betriebe: Ernst-Thälmann-Werk, Karl-Liebknecht-Werk, Karl-Marx-Werk, Dimitroff-Werk und Bau-Union Magdeburg.

Drei Brigaden des VEB Bergungsabteilung Berlin-Lichtenberg,3 Zweigstelle Fürstenberg, erhielten eine Mitteilung, dass ihre Normen rückwirkend ab 1.9.1953 um 50–75 % erhöht werden. Es erfolgte keine Begründung und Absprache. Man wollte aus Berlin einen Vertreter schicken, was auch nicht geschah. Nun wollen sie geschlossen nach Berlin fahren.

Im VEB Porzellanwerk Neuhaus/Suhl diskutieren die Arbeiter, dass es bald wieder einen Tag X4 gibt, wenn es schon wieder losgeht mit der Normenerhöhung. Auch im VEB Plasta Sonneberg/Suhl drohen einige Arbeiter mit Arbeitsniederlegung, wenn wieder »reale Normen« eingeführt werden.

Im VEB Katzhütte/Suhl wurde am 24.9.1953 2¼ Std. gestreikt, weil die Intelligenz die Quartalsprämie erhalten soll. Während dieser Zeit war der Parteisekretär nicht im Betrieb zu sehen.

Die Kumpels der Grube des VEB Kaliwerk Marx-Engels, Unterbreizbach/Suhl, beschwerten sich, da Dr. Kröger von der HV Kali5 Berlin versprochen hatte, in acht bis zehn Tagen ihnen mitzuteilen, was aus ihren Anträgen und Beschwerden geworden ist. Seitdem sind zehn bis elf Wochen vergangen und nichts hat sich geändert.

Durch mangelnden Gesundheitsschutz im Ofenbetrieb des Eisenwerkes Calbe/Magdeburg erkrankten am 22.9.1953 95 Kollegen an Gasvergiftung. Im Monat August waren es 24 schwere, 155 mittlere und 715 leichte Gasvergiftungen. Ursache ist eine unzureichende Gasreinigungsanlage. Dadurch musste am 22.9.1953 der gesamte Ofenbetrieb (10 Öfen) stillgelegt werden.

Produktionsschwierigkeiten sind vorhanden im VEB Grubenlampenwerk Zwickau/Karl-Marx-Stadt durch Materialmangel, VEB Verkehrsbetriebe Plauen/Karl-Marx-Stadt durch Treibstoffmangel, verschiedene Kreisbetriebe Kamenz/Dresden durch Waggonmangel, TRO »Karl Liebknecht« Berlin durch Auftragsmangel (Stanzerei). Diskussionen über mangelhafte Stromversorgung, Brennstoffschwierigkeiten und zu hohe Preise werden weiterhin geführt.

Zu Ehren des 13. Oktober6 erhöhten zwei Brigaden im Fischkombinat Saßnitz/Rostock ihre Norm. Anlässlich der am 25.9.1953 in Auerbach stattfindenden Großkundgebung, auf welcher Erich Honecker spricht, verpflichteten sich die Steiger eines Schachtes von Auerbach (Wismut AG), 72 Stoßschichten zu fahren.

b) Handel und Versorgung

In Luckenwalde/Potsdam wurde eine Tonne ranzige Importbutter angeliefert. In den Geschäften wird von der Bevölkerung nach deutscher Butter gefragt. Im Kreis Wolgast/Rostock wurde der Verkauf von HO-Butter eingestellt, da die Planzahlen schon überschritten sind. Bei der DHZ dagegen lagern größere Mengen Butter, die, falls sie nicht zum Verkauf gelangen, dem Verderb ausgesetzt sind.

Der Umsatzrückgang in HO und Konsum hält in allen Bezirken weiterhin an. Allgemein wird eine Preissenkung erwartet.

c) Landwirtschaft

Änderungen gegenüber den Vortagen sind in der Diskussion unter der ländlichen Bevölkerung nicht zu verzeichnen. Verstärkt wird über die durchgeführten Stromabschaltungen diskutiert, da diese zum Teil auch sonntags durchgeführt werden. So z. B. suchten in Remptendorf/Gera zwei Bauern den Parteisekretär auf und stellten die Frage: »Nun wie sieht es aus im neuen Kurs mit den Stromsperren? Das ist ja doch alles Schwindel in eurer Partei.«

Bei den Pflichtuntersuchungen des Rinderbestandes in Schmiedeberg/Dresden wurde vom Tierarzt in zehn landwirtschaftlichen Betrieben Tuberkulose festgestellt. Laut Bericht des Tierarztes ist der Hauptgrund dieser Verseuchung der Hunger im Kuhstall, hervorgerufen durch die hohe Sollbelastung und den zu hohen Viehhalteplan.

Festgestellt werden kann, dass bei der teilweise noch mangelnden Ablieferung hauptsächlich Großbauern in Erscheinung treten. So z. B. liegt die Ablieferung in Goelchen7/Leipzig bei 30 %. Zurückzuführen ist dies auf sechs Großbauern, die bisher nur sehr wenig abgeliefert haben. Bauern aus dem Bezirk Karl-Marx-Stadt äußern sich, dass sie ihr Getreide abliefern wollen, man solle aber nicht schon wieder derart drücken, denn sie müssten erst die Herbstbestellung beenden.

Missstimmung herrscht unter den Arbeitsbrigaden der Betriebe sowie den Bauern der Gemeinde Krebes/Karl-Marx-Stadt, da die Grenzpolizei erst nach längerer Diskussion und Wartezeit das Betreten der 500-Meter-Sperrzone8 zur Kartoffelernte gestattete.

Im April dieses Jahres erhielt die MTS Bennewitz/Dresden zehn IFA-Schlepper (»Pionier«), wovon sechs Kuppelschäden aufzuweisen hatten. Obwohl dies dem Werk Neuhausen bekannt war, wurde nichts unternommen. Die Schäden werden immer größer, sodass bereits verschiedene Maschinen ausgefallen sind.

Stimmung der übrigen Bevölkerung

Aus vorliegendem Bericht ist zu ersehen, dass über das 16. Plenum unserer Partei nur sehr gering diskutiert wird. Von fortschrittlichen Personen wird das 16. Plenum als richtungweisend im Kampf um die Einheit Deutschlands und die Besserung der Lebenslage der Bevölkerung bezeichnet. Dass die Auswirkung des neuen Kurses nicht in einigen Wochen voll zu spüren ist, wird von diesem Teil der Bevölkerung als selbstverständlich angesehen. Anders verhält es sich mit dem anscheinend größeren Teil der Bevölkerung, der eine größere Preissenkung erhofft hatte.

Hier tritt in Erscheinung, dass das in der Presse veröffentlichte Material nicht bekannt ist. Zum Teil geht man auch auf Diskussionen über das 16. Plenum nicht ein und äußert, dass in der DDR schon viele Tagungen durchgeführt und viel gesprochen worden sei. Entscheidend für sie sei, »was auf den Tisch kommt«.

Preissenkung ist gegenwärtig Inhalt der Diskussion, die am stärksten in Erscheinung treten. Ebenso halten die Diskussionen über die durchgeführten Stromabschaltungen weiterhin an. Negative Diskussionen werden verstärkt über die ungenügende Kohlenversorgung geführt. So wird z. B. aus Halle berichtet, dass ab 1.10.1953 die Preise für Kohle erhöht werden sollen (Briketts 1,42 DM auf 2,10 DM). Die Bevölkerung bringt zum Ausdruck, es sei nicht ihre Schuld, dass sie keine Kohlen bekommen haben, und nun sollten sie als Strafe dafür mehr bezahlen.

Organisierte Feindtätigkeit

Verstärkte Flugblatttätigkeit wurde aus den Bezirken Cottbus und Frankfurt/Oder gemeldet. Es handelt sich hierbei um Flugblätter der NTS.9 In den Bezirken Gera, Erfurt, Karl-Marx-Stadt, Halle, Potsdam und Neubrandenburg war nur vereinzelte Flugblatttätigkeit festzustellen. Hier waren es Flugblätter der NTS, des SPD-Ostbüros10 und des FDP-Ostbüros.11

Im Bezirk Potsdam erhielten in letzter Zeit mehrere Mitarbeiter des Staatssekretariats für Staatssicherheit Drohbriefe mit der Unterschrift »Widerstandsgruppe Brandenburg«. Im Bezirk Halle wurden verschiedene Personen durch unbekannte Personen angerufen und man teilte ihnen mit: »Sie werden demnächst verhaftet, setzen Sie sich bitte nach Westberlin ab.«

Im Bezirk Dresden und Magdeburg ist das Gerücht im Umlauf, dass im Oktober bzw. noch in diesem Jahr ein neuer »Tag X« stattfindet. So äußerte z. B. ein Angestellter des Rates des Kreises Zerbst/Magdeburg: »Es kommt alles anders. Der zweite 17.6.1953 am 3. und 4.10.1953 wird es beweisen, was mit euch geschehen wird. Auch die Sache der Partei bleibt nicht so.«

Aus einer nicht bestätigten Meldung geht hervor, dass Angestellte der Paketausgabestellen in Westberlin12 folgende Meinung haben: »Nach den bisher vorläufigen Auszählungen wurden bei politisch wichtigen, aber kleinen Ortschaften der DDR bis zu 75 % Abholer erfasst.« Man hofft mit diesen Aktionen, 50–70 % der Bevölkerung schnell aktionsreif zu machen, um noch vor Beginn einer spürbaren Verbesserung der Lebensverhältnisse in der DDR eine bis ins Kleinste vorbereitete und gut durchdachte Aktion schlagartig zu starten. Man rechnet so, dass jeder Abholer der DDR im Falle einer neuen Aktion sich passiv verhält. Besonders dafür bearbeitete Personen erhalten dann die Aufgabe, schlagartig in allen Städten und Dörfern die Situation an sich zu reißen, wobei ihnen dann die passive Haltung der Bewohner der DDR zu Hilfe kommt, und die örtlichen Machtorgane überraschend zu beseitigen. Man hofft, dass dann die Passiven sich auch aktiv am Umsturz beteiligen werden.

Vermutlich organisierte Feindtätigkeit

In Wachenbrunn/Suhl brannte am 24.9.1953, gegen 21.50 Uhr, die Transformatorenstation. Angeblich ist durch Überlastung eines Dreschsatzes ein Überschlag in der Station eingetreten. Die Leitungen Themar und Streufdorf mussten abgeschaltet werden.

Einschätzung der Situation

An den wenigen Diskussionen über die 16. Tagung des ZK ist zu ersehen, dass große Teile der Werktätigen mit dem Inhalt der Rede des Genossen W. Ulbricht13 nicht vertraut sind. Von den wenigen, welche diskutieren, wird oft nur über die Preissenkung und die Aufhebung der Rationierung gesprochen. Während ein Teil positiv Stellung nimmt, zweifelt der andere Teil die Durchführung dieser Maßnahmen an oder er ist enttäuscht, weil sie nicht sofort durchgeführt werden. Daran sieht man, dass die Aufklärung der Werktätigen verbessert werden muss, damit die Menschen mit unserer Politik vertraut gemacht werden. Man muss den Werktätigen unsere Politik besser verständlich machen, damit sie sie unterstützen. Das Vertrauen der Werktätigen, die jetzt unserer Politik skeptisch gegenüberstehen, muss wieder gewonnen werden durch die rasche Beseitigung vieler Mängel und Missstände.

Es werden aber immer wieder Tatsachen festgestellt, die geeignet sind, das Vertrauen der Arbeiter zur Partei und Regierung zu untergraben, z. B. wenn man den Arbeitern die Normen erhöht ohne Absprache und Begründung, wenn man ihnen Versprechungen macht, ohne sie einzuhalten oder wenn man die Sorge um den Menschen stark vernachlässigt.

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    [Ohne Datum]
    Analyse vom 1. bis 15. September 1953 [Nr. 1/53]
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    24. September 1953
    Information Nr. 1076