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Tagesbericht

8. September 1953
Information Nr. 1062

Die Lage in Industrie und Verkehr, in Handel und Versorgung und in der Landwirtschaft

a) Industrie und Verkehr

Über den Ausgang der Bundestagswahlen1 wird noch wenig diskutiert, weil laut vorliegenden Berichten die Arbeiter gestern noch ungenügend informiert waren. Viele Arbeiter sind von den Ergebnissen überrascht und enttäuscht. Ein Arbeiter der Wismut AG sagt, man solle den westdeutschen Arbeitern gleich wieder Bomben auf den Kopf schmeißen, weil sie aus der Vergangenheit nichts gelernt hätten.

Ein Arbeiter aus dem Kraftwerk Breitungen/Suhl: »Das habe ich vorher schon gewusst, dass die Wahl so kommt. Die Schwarzkittel (gemeint ist die Kirche) sind alleine schuld daran. Wir brauchen ja keine Angst zu haben, denn die SU steht uns ja zur Seite.« Im VEB Westglas Ilmenau/Suhl wird diskutiert, dass wir es nicht verstanden hätten, die Menschen für uns zu gewinnen. Viele Menschen seien geflüchtet und wären jetzt in Westdeutschland die besten Agitatoren für Adenauer.

Im VEB IFA Zittau/Dresden wird von vielen Arbeitern die Meinung unterstützt: »Wenn die Regierung der DDR vor dem neuen Kurs die Fehler nicht gemacht hätte, hätte die KPD in Westdeutschland zu den Wahlen mehr Stimmen erhalten.« Ein parteiloser älterer Angestellter der Maxhütte: »Ich habe einen Sieg der SPD erwartet. Man hat doch oft genug gesagt, Adenauer ist Krieg. Wir haben doch 1933 gesehen wie es ist, wenn das Kapital über dem Arbeiter steht.«

Im Eisenhüttenkombinat »J. W. Stalin« wird diskutiert, dass das Wahlergebnis eine Auswirkung der gemachten Fehler unserer Regierung sei, die sich besonders in der diktatorischen Form der Durchführung von Beschlüssen ausgewirkt hätten. Jetzt müsse schnellstens eine Viermächtekonferenz stattfinden, um freie Wahlen durchzuführen und die Einheit unseres Vaterlandes herzustellen. Weiterhin müsse man unbedingt eine schnelle Verbesserung der Lebenslage der Werktätigen durch Senkung der Preise herbeiführen, um die westdeutschen Arbeiter von unserem richtigen Weg überzeugen zu können. Schlecht wird in diesem Zusammenhang über unsere Presse diskutiert. So äußern sich Arbeiter aus dem Waggonbau Görlitz/Dresden: »Die Zahl der in unserer Zeitung veröffentlichten Kundgebungen gegen Adenauer und die Zahl der Teilnehmer an diesen Kundgebungen steht [sic!] in keinem Verhältnis zu den Gegenstimmen, die Adenauer bei der Wahl erhalten hat.« Die Arbeiter werden misstrauisch und werfen unserer Presse Schönfärberei vor.

Im EKM Finow/Frankfurt sind die Arbeiter sehr zurückhaltend. Sie befürchten verhaftet zu werden, wenn sie ihre Meinung sagen. Im VEB Glücksbrunn in Bad Liebenstein/Suhl legten 30 Spinner wegen Lohndifferenzen und der schlechten Arbeit des TAN-Bearbeiters die Arbeit nieder. Im RAW Schlauroth/Dresden arbeitet ein Teil der Belegschaft bewusst langsam. Dabei werden Lohnausfälle durch unlautere Manipulationen verhindert.

Im Reparaturwerk Wismar werden FDGB-Beiträge zurückgehalten, weil versprochene Lohnerhöhungen noch nicht durchgeführt wurden. Ähnliche Erscheinungen in der Derutra Rostock. In der Wismut AG machen sich negative Stimmen wegen angeblich zu hoher Parteibeiträge vor allem bei den höheren Lohngruppen bemerkbar.

Auf der Baustelle G Süd an der Stalinallee entstehen Schwierigkeiten mangels guten Materials und Arbeitskräften durch die bestehende Fluktuation. Ferner wird von dort berichtet, dass der Bauleiter Mitglieder der Partei benachteiligt und Paketabholern2 Vorteile zukommen lässt.

Im VEB Stern-Radio Berlin-Weißensee mussten durch den Widerstand der Belegschaft 13 Kündigungen gegen Westberliner Arbeiter zurückgenommen werden.

b) Handel und Versorgung

In verschiedenen Kreisen von Schwerin besteht Unzufriedenheit unter der Bevölkerung über Kartoffelknappheit. Angsteinkäufe sind festzustellen. Die Landbevölkerung des Bezirkes Neubrandenburg kritisiert die sehr schlechte Belieferung mit Arbeitskleidung. Im Bezirk Erfurt wird von Bauern Klage geführt, dass der VEAB ihr Obst nicht restlos abnimmt und die Bauern es an das Vieh verfüttern müssen.

c) Landwirtschaft

Die Diskussion der Landbevölkerung über die Bundestagswahlen ist noch schwach. In der LPG in Meiningen/Suhl hoffte man, dass die SPD die Mehrheit erhalten würde. In den Gemeinden Rohr und Schwarza/Suhl spricht man, die Einheit Deutschlands kann nur »durch den Ami mit freien geheimen Wahlen« erfolgen, solange soll man [das] Abgabesoll zurückhalten.

In starkem Maße verlangen Bauern verschiedener Bezirke (Potsdam, Gera, Halle, Cottbus und Rostock) eine Herabsetzung des Solls, da sonst die Futtergrundlage fehlt. In diesen Bezirken geht auch die Ablieferung des Solls schleppend vor sich. Missstimmung besteht weiterhin über das Fehlen von Saat für Zwischenfruchtanbau. Auch Fehlen von Dünger wird kritisiert.

In Umgebung von Freyenstein/Potsdam steht Getreide noch auf Feldern (besonders bei devastierten Betrieben) und ist wieder ausgewachsen.

In MTS Fröhden/Potsdam besteht große Unzufriedenheit, da die Leitung Prämien in Höhe von 370 bis 1 200 DM erhielt.

Stimmung der übrigen Bevölkerung

Diskussionen über Wahlen in Westdeutschland wurden bisher dahingehend geführt, dass ein Teil der Bevölkerung über das Ergebnis überrascht ist. Die negativen Elemente hingegen triumphieren.

Der Kreissekretär der VdgB Großenhain/Dresden äußert: »Ich bin ehrlich enttäuscht über die Wahlergebnisse. Ich dachte, dass mindestens die SPD einen höheren Sieg davonträgt.« Ein Drogeriebesitzer aus Riesa/Dresden äußert: »Gegen die Kirche konnten die Kommunisten nichts machen, da nützen selbst Wahlplakate und Lügenmeldungen in unseren Zeitungen nichts.« Ein Arbeiter der VEAB Liebenwerda/Cottbus sagt: »Adenauer hätte nie so einen Wahlerfolg erreichen können, wenn wir nicht selbst seine Propagandawege geschaffen hätten.« Ein parteiloser Arbeiter aus Dippoldiswalde/Dresden sagt: »Nun ist Reimann3 erst zum Befehlsempfang in der DDR gewesen, jetzt haben sie nicht einmal einen Sitz im Bundestag. Adenauer kann gar nicht so schlecht sein, wenn so viele ihn wählen.« Ein Rentner aus Greifswald/Rostock erklärt: »Wenn bei uns eine Wahl kommt, würde die SED eine Pleite erleben. Man muss mit dem Essen mehr Politik treiben. Ich möchte gratulieren, denn Adenauer ist wieder durchgekommen.«

Im Bezirk Leipzig werden über die Verhaftungen Interzonenreisender4 negative Diskussionen geführt, indem man äußerte: »Was haben FDJ-ler und Genossen in Westdeutschland zu suchen.« Über den neuen Kurs der Regierung verhält man sich abwartend, »da schon viel versprochen wurde«. Stimmen aus der Bevölkerung verschiedener Bezirke (Potsdam, Erfurt usw.) besagen, dass man auf eine baldige Preissenkung der HO hofft.

In Rochlitz/Karl-Marx-Stadt ist die Bevölkerung unzufrieden, da 25 % der Schulanfänger noch keine Schulbücher haben. In Plauen/Karl-Marx-Stadt ist die Bevölkerung beunruhigt durch zunehmende Zwischenfälle mit der Sowjetarmee (Zwischenfälle auf Tanzsälen, Gärten usw.). Dadurch entstehen negative Diskussionen unter der Bevölkerung. Im Kreis Heiligenstadt/Erfurt spricht man, dass [die] Einheit Deutschlands nur durch gewaltsamen militärischen Einmarsch der USA erreicht wird. In Werder, [Kreis] Lübz, [Bezirk] Schwerin, wird unter den Umsiedlern aus Danzig geäußert, dass sie bald wieder zurückkönnen.

Kontrollen bei Paketabholern ergaben, dass darunter ein großer Teil Bauern mit größerem Besitz sowie FDJ-ler und Frauen, deren Männer Mitglieder der SED sind, festgestellt wurden.

Ereignisse von besonderer Bedeutung

Über die Leipziger Messe wird nach wie vor von den Messebesuchern wie auch von den Kaufleuten und Ausstellern positiv diskutiert. Bei den Besuchern haben die Ausstellungen der Volksdemokratien, besonders die Chinas, gut angesprochen.

Die Schweinepest hat sich in den Bezirken Potsdam und Neubrandenburg verbreitet. Im Kreis Neuruppin/Potsdam kann das zu stark anfallende Fleisch nicht abgesetzt werden und droht zu verderben.

Feindtätigkeit

a) organisiert

Zzt. übliche Flugblätter in allen Bezirken in kaum veränderter Anzahl. Verstärkte Flugblattaktionen im Bezirk Leipzig durch Postsendungen, Herausgeber: Ostbüro der FDP5 und Verband deutscher Studenten.6 Mehrere Betriebe der Republik erhielten durch Postsendungen Hetzschriften mit fingiertem Absender: IG Metallurgie Berlin (genaue Adresse). An allen Ortsausgängen von Weimar wurden amerikanische Fahnen und Hetzschriften, die die »europäische Idee« zum Inhalt haben, angebracht. In Görlitz/Dresden wurde ein Arbeiter, Mitglied der Partei, überfallen und geschlagen, in Themar der Bürgermeister und in Karl-Marx-Stadt ein VP-Angehöriger.

Bei einer VP-Kontrolle im Bezirk Cottbus wehrte sich eine Person mit einer Schusswaffe, flüchtete jedoch und hinterließ auf der Flucht einen Koffer, der ein gebrauchsfertiges Sendegerät enthielt.

b) vermutlich organisiert

In der letzten Zeit mehren sich die Brände, besonders auf dem Lande:

  • am 4.9.1953 in Pappendorf/Karl-Marx-Stadt das Wohnhaus eines Großbauern (Schaden 15 000 DM),

  • am 5.9.1953 in Stotternheim7/Erfurt die Scheune eines Großbauern (Schaden 18 000 DM),

  • am 5.9.1953 in Buchholz/Neubrandenburg Scheune, Stall und Doppelwohnhaus von zwei Genossenschaftsbauern (Schaden 50 000 DM),

  • am 6.9.1953 in Bönitz/Leipzig die Feldscheune einer LPG und eines Großbauern (Schaden 26 000 DM),

  • am 6.9.1953 in Wildenfels/Karl-Marx-Stadt das Klubhaus der Wismut AG (Schaden 70 000–80 000 DM).

Am 7.9.1953 explodierte in einem Kupolofen8 der Metallgießerei GmbH Zöller & Grese in Torgelow/Neubrandenburg ein Hohlkörper. Reparaturzeit vier Wochen. Es wurden nur Exportgüter hergestellt.

In einer leer stehenden Baracke an der Germsdorfer Chaussee/Potsdam9 wurden ca. 300 Schuss gebrauchsfähige Munition sowjetischen Fabrikats gefunden.

Stimmen aus Westberlin und Westdeutschland

Aus vereinzelt vorliegenden Stimmen aus Westberlin über die Bundestagswahlen geht hervor: Man hat nie an einen Sturz Adenauers geglaubt; der Verlust der SPD ist mit Befriedigung aufgenommen worden. Einige Arbeiter meinten, von einer richtigen Wahl könne so lange keine Rede sein, bevor wir keinen vernünftigen Friedensvertrag hätten und alle Besatzungsmächte verschwunden seien.

Westdeutsche Besucher sagten bei einem Ausspracheabend in Kleinmachnow, die Bauten der Stalinallee, die im Augenzeugen10 gezeigt würden, seien nur Attrappen. Nachdem ihnen die Gelegenheit gegeben wurde, die Stalinallee selbst zu besichtigen, war ihr Erstaunen so groß, dass sie zum Bürgermeister sagten: »Wenn Sie in Westdeutschland Propagandisten für die DDR brauchen, dann können Sie sich zu jeder Zeit an uns wenden.«

Einschätzung der Situation

In einem großen Teil der DDR wurden die Ergebnisse der Wahlen in Westdeutschland gestern zu spät bekannt, deshalb wurde noch nicht allzu stark darüber diskutiert und es besteht noch kein klares Bild, wie die Bevölkerung darauf reagiert. Die bisher bekannt gewordenen Meinungen zeigen in ihrer Mehrheit eine Überraschung über den großen Stimmenzuwachs für Adenauer.

Die fortschrittlichen Kreise sind enttäuscht über das Ergebnis und sehen mit als Ursache, dass wir in der DDR nicht verstanden haben, die Massen für uns zu gewinnen und entsprechend die Meinung in Westdeutschland zu beeinflussen, des Weiteren die Fehler vor Beginn des neuen Kurses mit ihren Auswirkungen auf die Stimmung in Westdeutschland und die vielen Republikflüchtigen, welche als Agitatoren für Adenauer auftraten. Vielfach glaubt man jetzt nicht mehr an die Einheit Deutschlands. Eine Reihe Genossen hatte aufgrund ihrer Information aus Presse und Rundfunk ein besseres Ergebnis erwartet.

Diejenigen, welche uns feindlich gegenüberstehen, triumphieren, sie hoffen jetzt auf den Amerikaner, und unter Ausnutzung des schlechten Wahlergebnisses verbreiten sie feindliche Argumente. Der Gegner wird versuchen jetzt stärkeren Einfluss zu gewinnen und wird aktiver werden. Eine umfassende Aufklärung über die Terror- und Betrugswahlen ist jetzt notwendig.

Anlage (o. D.) zur Information Nr. 1062

Weitere Stimmen zu den Ergebnissen der Bundestagswahl

Genosse Holland, Leiter der Kaderabteilung, VEB Simson-Werk Suhl: »Ich bin etwas erschüttert, dass die KPD so wenig Stimmen erhalten hat. Aus dem Wahlergebnis ist zu ersehen, dass die Deutschen noch nicht die Lehren aus der Geschichte gezogen haben, sonst würde die SPD nicht so viele Stimmen erhalten haben.«

Lehrausbilder der Textima Wittenberge/Schwerin: »Es war vorauszusehen, dass Adenauer siegen wird, denn er wendet dieselben Methoden an wie Hitler. Wahlbetrug und Verhinderung der Wahlvorbereitungen aller fortschrittlichen Parteien.«

Genossen der Textima Wittenberge: »Durch den Sieg Adenauers ist die Kriegsgefahr in ein erhöhtes Stadium getreten.«

Genosse [Name 1], Elbewerft Boizenburg/Schwerin: »Ich habe nie geglaubt, dass Adenauer so eine Zustimmung erhalten würde. Es ist schlecht, dass die KPD kein Mandat erhalten wird. Den Wahlbetrug erkennt man an der großen Zahl ungültiger Stimmen.«

Ingenieur [Name 2], Bau-Union Hochseefischerei Rostock: »Das Ergebnis der Wahlen in Westdeutschland habe ich vorausgesehen. Unsere Partei hat einen Fehler gemacht, indem man FDJ-ler nach drüben schickte.«

Arbeiter der Märkischen Ölwerke Wittenberge/Schwerin: »Es musste ja zu diesem Wahlergebnis kommen, nicht die KPD ist schuld, sondern unsere Fehler vor dem 17.6. Durch die Wiederwahl Adenauers ist die Einheit Deutschlands infrage gestellt.«

[Vorname Name 3], Reparaturmeister VEB Kraftwerk, Breitungen Suhl: »Nun habt ihr die Quittung für eure Gewaltmethoden.«

Arbeiter des Walzwerkes Buntmetalle Hettstedt/Halle: »Die Bundestagswahlen haben gezeigt, dass es den Arbeitern doch nicht so schlecht geht, wie es unsere Regierung in den Zeitungen schreibt.«

Negative Elemente der TEWA Drahtwerk Finsterwalde/Cottbus äußerten, indem sie sich über den Ausgang der Wahl freuten, dass man in der DDR bei einer freien Wahl mit der SED die gleiche Niederlage erleben wird.

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