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Tagesbericht

10. Oktober 1953
Informationsdienst Nr. 1090 zur Beurteilung der Situation

Die Lage in Industrie, Verkehr, Handel und Landwirtschaft

a) Industrie und Verkehr

Wenn auch noch nicht in breitem Ausmaße, so werden doch mehr und mehr Stimmen über die Wahl des Präsidenten in der Republik laut. Diese sind nach vorliegenden Berichten überwiegend positiv.

So sagte ein Schlossermeister vom Waggonbau Gotha/Erfurt: »Ich begrüße den 4. Jahrestag der Gründung der DDR und die Neuwahl unseres Präsidenten Wilhelm Pieck.1 Denn er hat bisher sein ganzes Leben für die Arbeiterklasse und das deutsche Volk eingesetzt.«

Ein Arbeiter aus den Textilwerken Forst/Cottbus: »Auf der Volkskammertagung wurde Wilhelm Pieck wieder als Präsident unserer Republik gewählt. Wenn jemand behauptet, diese Wahl sei eine abgemachte Sache gewesen, so können wir denjenigen nur als einen Feind unserer Regierung bezeichnen. Jeder ehrliche Deutsche wird über die Wiederwahl unseres Präsidenten erfreut sein. Wir wollen hoffen, dass Wilhelm Pieck noch recht lange für unsere Republik schaffen kann.«

Bei der Sammlung von Unterschriften für ein Grußtelegramm sagte ein älterer parteiloser Wismut-Kumpel: »In meinem Leben hatte ich schon viele Staatsoberhäupter, aber alle haben mit einem Krieg geendet [sic!]. Unser Präsident Wilhelm Pieck will den Frieden und hat ihn bis jetzt immer vertreten, so will ich gerne meine Unterschrift für seine Wiederwahl geben.«

Negative Stimmen, die allerdings weniger verbreitet sind, resultieren in der Regel aus einer Unkenntnis der Verfassung, denn sie meinen, den Präsidenten hätte das ganze Volk wählen müssen.2 Ein Angestellter von der Schiffsreparaturwerft Stralsund sagte: »Es ist nicht richtig, dass die Volkskammer den Präsidenten wählte. Im Westen waren die Wahlen bedeutend richtiger als bei uns.«

Bei der Vorbereitung des Tages der Aktivisten machen sich in einigen Betrieben verstärkt falsche Auffassungen über die Aktivisten-Ehrung und Tendenzen der Gleichmacherei bemerkbar. So berichtet Dresden: Im Gartenbaubetrieb Nieschütz/Dresden organisierten negative Elemente eine Unterschriftensammlung für eine Resolution, in der gefordert wird, die Prämiengelder gleichmäßig unter der Belegschaft zu verteilen. 60 % der Belegschaft unterschrieben diese Resolution. In der Maschinenfabrik Bischofswerda/Dresden3 stützt sich die BGL bei der Auswahl der Aktivistenvorschläge ausschließlich auf die fachlichen Leistungen und lässt die politische Aktivität vollkommen außer Acht. In einer Abteilung des VEB Kodak Berlin-Köpenick fordern Frauen eine Weihnachtsgratifikation für alle anstatt einer Prämierung einzelner Aktivisten.

In letzter Zeit mehren sich Klagen volkseigener Betriebe über akuten Materialmangel, der ernste Folgen verursacht. Im Kalischacht »Thomas Müntzer« Worbis/Erfurt ist die Planerfüllung gefährdet, weil die elementarsten Arbeitsmaterialien wie Seile, Schrauben, Nieten, Flacheisen einfach nicht zu beschaffen sind. Im Werkstoffprüfmaschinenwerk Leipzig ist die Erfüllung von Exportaufträgen nach China gefährdet, weil Rohmaterial fehlt. Das TEWA-Drahtwerk Finsterwalde/Cottbus hat aus gleichem Grunde seinen Quartalsplan nur zu 55 % erfüllen können.

Im Bezirk Schwerin kann das Wohnungsbauprogramm für die landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften auch nicht annähernd erfüllt werden. Es mangelt an Bauarbeitern, aber auch an Baumaterial, bedingt durch den akuten Transportraummangel.

Die Unzufriedenheit der Werktätigen über die Stromsperren und die dadurch bedingte Nachtschicht in vielen Betrieben führte in Crimmitschau/Karl-Marx-Stadt soweit, dass nicht wenige Arbeiter von volkseigenen Betrieben zu Privatfirmen überwechseln, weil diese eigene Stromaggregate besitzen und keine Nachtschicht haben.

Im Mansfeld-Kombinat »Wilhelm Pieck« sind die Arbeiter über das dort angewandte starre Normensystem unzufrieden. Durch unvorhergesehene örtliche geologische Einflüsse wird die Arbeit zuweilen derartig erschwert, sodass die Normen auch nicht annähernd erfüllt werden können. In solchen Fällen müsse man die Normen verändern.

Die Arbeiter des Treuhandbetriebes Dorow-Plattenwerk Sperenberg/Potsdam, die alle nach den Lohngruppen I bis IV entlohnt werden, haben nach der Lohnerhöhung4 eine positive Meinung zum neuen Kurs.

Im VEB Bekleidungswerk Sonneberg, Zweigbetrieb Ilmenau/Suhl, legten am 6.10.1953 alle Arbeiterinnen wegen Normen- und Lohndifferenzen für zwei Stunden die Arbeit nieder. Örtliche FDGB-Funktionäre sind bis heute noch nicht in diesem Betrieb gewesen.

Die Gerüchte in der Wismut AG – wir berichteten bereits darüber – nehmen immer größere Ausmaße an.5 Die Agitation der Parteiorganisationen ist völlig ungenügend, so wird aus dem Wismut-Gebiet gemeldet.

b) Handel und Versorgung

Schwierigkeiten in der Versorgung mit Einkellerungskartoffeln werden aus den Bezirken Cottbus, Suhl, Dresden und Neubrandenburg berichtet. Als Grund wird in allen Fällen Waggonmangel angegeben. Teilweise tritt in Erscheinung, dass Einkellerungskartoffeln an den Verbraucher noch nicht ausgeliefert wurden, kleinere Mengen für den täglichen Verbrauch von der Bevölkerung in den Geschäften aber nicht zu haben sind.

Im Bezirk Halle wird stark über die Importweintrauben diskutiert. Aufgrund der hohen Preise können diese nicht abgesetzt werden, wodurch bereits größere Mengen schlecht wurden. Dazu äußert sich die Bevölkerung: »Lieber kann das Zeug verfaulen, ehe man es uns rechtzeitig für billigeres Geld geben würde.«

c) Landwirtschaft

In vielen Gemeinden haben am 7. Oktober keine Feierstunden stattgefunden, oftmals dadurch bedingt, dass Bauern mit dringenden Feldarbeiten beschäftigt waren.

Von der LPG Wölsickendorf/Frankfurt wurde unseren Präsidenten ein Telegramm zugesandt, in welchem der Dank für die Hilfe und Unterstützung ausgesprochen wird. Das Soll ist bereits erfüllt, 38 Schweine wurden auf freie Spitzen6 geliefert, 93 weitere Schweine zu liefern verpflichtet sich die LPG.

Im Kreis Bützow/Schwerin verpflichteten sich anlässlich der Wahl des Präsidenten Wilhelm Pieck Genossenschaftsbauern und werktätige Bauern, insgesamt 148 000 Liter Milch, 800 kg Schweinefleisch, 4 000 Eier und 226 Schweine auf freie Spitzen zu liefern.

Aus den Bezirken Schwerin und Rostock werden noch immer Schwierigkeiten in der Ersatzteilbelieferung für die MTS berichtet.

In Frankfurt wird teilweise eine verstärkte feindliche Einstellung gegen die LPG festgestellt. Hervorgerufen zum überwiegenden Teil durch die sich zeigenden Erfolge der LPG. So äußern sich z. B. Bauern aus Karlsbiese/Frankfurt, dass ihr Weg ein anderer sei als der der LPG.

Missstimmung herrscht in der LPG Prenzlin7/Potsdam über den Anbauplan 1954, wonach 18 verschiedene Kulturarten, die sich wiederum in verschiedene Gemüsearten unterteilen, angebaut werden sollen.

In den Bezirken Cottbus, Suhl und Erfurt wird stark über die mangelhafte Düngerzuweisung diskutiert. So z. B. brachten Bauern aus Birkungen/Erfurt in einer Versammlung zum Ausdruck, dass sie, um an der Verbesserung der Lebenslage der Bevölkerung mitzuhelfen, ebensoviel Dünger benötigen wie die LPG. Vereinzelt tritt in Magdeburg in Erscheinung, dass Groß- und Mittelbauern versuchen, mit Diskussionen wie »nur 80 % abzuliefern, da noch eine Sollherabsetzung kommt«, werktätige Bauern zu beeinflussen.

Aus den Bezirken Karl-Marx-Stadt, Neubrandenburg, Dresden und Halle wird berichtet, dass negative Diskussionen über durchgeführte Stromabschaltungen besonders in der Landwirtschaft weiterhin anhalten.

Unter den Bauern der Grenzkreise (5-km-Zone) in den Bezirken Gera und Erfurt herrscht Missstimmung, da die bisherigen Vergünstigungen (Sollherabsetzung), die laut Verfügung (unterzeichnet von Zaisser) bisher gewährt wurden, in diesem Jahr wegfallen.8 Von den Bauern wird zum Ausdruck gebracht, dass, obwohl die Verfügung noch in Kraft ist, sie trotzdem keine Sollermäßigung erhalten, die Einschränkungen aber aufrechterhalten werden.

Stimmung der übrigen Bevölkerung

Wie aus vorliegenden Berichten zu ersehen ist, wird allgemein über die Wahl unseres Präsidenten Wilhelm Pieck nur in geringem Maße diskutiert. Dazu muss bemerkt werden, dass der überwiegende Teil der bekannt gewordenen Stimmen positiv ist. Negative Stimmen, die vereinzelt in Erscheinung treten, besagen in der Regel, dass der Präsident vom ganzen Volk gewählt hätte werden müssen. Nachfolgend einige Beispiele:

Ein Angestellter aus Nordhausen: »Dass der Präsident Wilhelm Pieck wieder gewählt werden würde, war uns schon vorher klar. Denn es kann sein wie es will, Wilhelm Pieck ist immer noch der Ehrlichste und hat in den vier Jahren seiner Amtszeit schon sehr viel geleistet.«

Eine Hausfrau aus Cottbus: »Die Liebe und das Vertrauen, das unser Präsident Wilhelm Pieck genießt, kommt durch die gewählte Volkskammervertretung zum Ausdruck. Zu seiner neuen Amtsperiode wünsche ich ihm viel Glück und Erfolg.«

Eine Hausfrau aus Rostock: »In seiner vierjährigen Amtszeit hat unser Präsident Wilhelm Pieck schon sehr viel geleistet. Als Arbeiterkind ist er allgemein beliebt. Mit der Durchführung des neuen Kurses wird auch der Teil der Bevölkerung, die zurzeit noch abseits stehen [sic!], Vertrauen zum Präsidenten und unserer Regierung bekommen.«

Eine Hausfrau aus Kühlungsborn: »Die Wahl des Präsidenten hätte unter Beteiligung aller Deutschen durchgeführt werden müssen.«

In Raguhn/Halle wurde vereinzelt über die Verteilung der Nationalpreise diskutiert, wobei zum Ausdruck gebracht wurde, dass einzelne Personen 100 000 DM erhalten, Rentner aber mit 65,00 DM auskommen müssten.

Organisierte Feindtätigkeit

Im Bezirk Schwerin wurden an 12 volkseigene Betriebe fingierte Einladungen (ND, Bezirksredaktion) gesandt, worin zum Ausdruck kommt, dass eine Besprechung stattfindet, an der auch Genosse Walter Ulbricht teilnimmt, Reisekosten und Arbeitsausfall würden bezahlt.

Flugblattfunde werden vereinzelt aus den Bezirken Karl-Marx-Stadt und Gera; in größeren Mengen aus den Bezirken Magdeburg und Cottbus berichtet.

Einschätzung der Situation

Trotz der Gleichgültigkeit breiter Kreise der Bevölkerung mehren sich in den Betrieben und auch bei den übrigen Schichten der Bevölkerung die Stimmen, die die Wiederwahl Wilhelm Piecks als Präsident der Republik freudig begrüßen. Negative Elemente vergleichen diese Wahl mit den westdeutschen Bundestagswahlen und versteifen sich in der Behauptung, der Präsident hätte durch das Volk direkt gewählt werden müssen, und die Wahl durch die Volkskammer wäre undemokratisch. Unaufgeklärte Menschen, die mit unserer Verfassung nicht vertraut sind, reden diese feindlichen Parolen nach. Allerdings sind diese Stimmen nicht sehr verbreitet, außer [in] den Bezirken Rostock und Schwerin, wo sie etwas häufiger vorkommen.

Die Verärgerung der Bevölkerung über die Stromsperren nimmt zu und hat örtlich ernste Folgen. In Betrieben werden nach wie vor bei der Diskussion über die Aktivistenvorschläge Tendenzen der Gleichmacherei laut.

Des Öfteren muss festgestellt werden, dass Transportraummangel Schwierigkeiten in der Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln, Kartoffeln, Kohlen und in der Rohstoffversorgung der Industrie verursachen.

Anlage 1 vom 10.10.1953 zum Informationsdienst Nr. 1090

Stimmungsberichte aus der Bevölkerung über den Prozess gegen die Schädlingsgruppe im Zwickauer Steinkohlenrevier

Über die im Prozess angeklagten Personen wird verhältnismäßig wenig diskutiert.9 Die Ursache ist die, dass in den Tageszeitungen nur ein Auszug und das Urteil bekannt gegeben wurde, obwohl in der »Freien Presse« und »Volksstimme« angekündigt wurde, laufend Veröffentlichungen über den Verlauf des Prozesses zu bringen.10

Fast in allen uns bekannten Äußerungen in dieser Angelegenheit wird zum Ausdruck gebracht, dass die Urteile zu »mild« ausgefallen sind und nicht dem von ihnen verursachten Schaden entsprechen. Weiterhin äußert ein großer Teil darüber Unzufriedenheit, dass der Prozess nicht im Steinkohlenrevier stattfand. Andere bringen zum Ausdruck, was mit den im Prozess ungenannten Personen wie [Name 1] u. a. geschehen ist.

Die technische Intelligenz verhielt sich ruhig und abwartend. Bei der alten Intelligenz hörte man keinerlei Diskussionen über diesen Prozess. Einige Intelligenzler äußerten, dass sie von den Angeklagten Fleischer11 und Kappler12 so mit Arbeit überlastet wurden, dass sie zu nichts anderem Zeit finden konnten. Weiterhin sei [es] schwer gewesen, an ihnen irgendeine Kritik zu üben. Sie verstanden es, sich dagegen gut zu schützen. Im Umgang mit den Arbeitern waren sie herrisch und stark überheblich. Einzelne versuchen die Angeklagten als unschuldig bzw. weniger belastet hinzustellen. Dazu einige Beispiele:

Kollege [Name 2], »Karl-Liebknecht-Werk«: »Ich kann nicht verstehen, dass sich diese Schädlinge so lange verbergen konnten und dass nicht ein Todesurteil oder lebenslänglich gefällt wurde, obwohl sich ein Teil der Angeklagten am Tode von 48 Kumpel mit schuldig machte.«13

Hausfrau [Vorname Name 3], wohnhaft: Oelsnitz/Erzgebirge, [Straße Nr.]: »Diesen Verbrechern gehört zum größten Teil der Kopf herunter, denn sie haben 48 Familien Tränen gebracht.«

Jugendfreund [Name 4], beschäftigt [im] Werk »Deutschland«:14 »Von15 den Jugendfreunden, mit denen ich sprach, sagten alle, dass hier zu mild abgeurteilt wurde. Diese Verbrecher haben bewusst sabotiert und das Leben von 48 Kumpel auf dem Gewissen. Kleinere Vergehen werden viel härter bestraft und hier gibt man nur 15 Jahre Zuchthaus als Höchststrafe.«

Kollege [Name 5], beschäftigt [in der] Lohnrechnung »Martin-Hoop-Werk«: »Dem Verbrechen nach, was diese Lumpen begangen haben, sind Fleischer und Kappler nicht mehr wert als den Tod.«

Ähnliche Äußerungen (Strafen zu niedrig) wurden noch von folgenden Personen getan:

  • Kollege [Name 6], beschäftigt auf der Halde des »Karl-Liebknecht-Werkes«,

  • Kollege [Vorname Name 7], Tagearbeiter im »Karl-Liebknecht-Werk«,

  • Kollege [Vorname Name 8], beschäftigt auf der Halde des »Karl-Liebknecht-Werkes«,

  • Kollege [Vorname Name 9], beschäftigt im »Karl-Liebknecht-Werk«, Untertagekumpel,

  • Genosse [Name 10], »Rudolf-Breitscheid-Schacht«,

  • Kollege [Name 11, Vorname], beschäftigt im Werk »Deutschland«,

  • Kollege [Vorname Name 12], Arbeitsschutzleiter im »Karl-Liebknecht-Werk«,

  • Kollege Keckstein, Leiter der technischen Bergbauinspektion (parteilos),

  • Kollege [Name 13], Arbeitsschutzinspekteur.

Kollege [Vorname Name 14], Grubenarbeiter im »Martin-Hoop-Werk«: »40 Kumpel haben durch diese Banausen ihr Leben gelassen. Hundert mussten unter den schwierigsten Bedingungen arbeiten. Millionen Tonnen Kohle stecken in der Erde, die nicht geborgen werden können. Dies alles spielte sich in unserem Werk ab. Warum berichten unsere Zeitungen nichts über diesen Prozess? Warum wurden Fleischer und Kappler nicht zum Tode verurteilt? Was ist mit [Name 1] und Konsorten und warum wurden sie nicht mit im Prozess aufgeführt?«

Ingenieur [Name 15], »Martin-Hoop-Werk«: »Warum hat man denn in der Zeitung überhaupt nichts geschrieben, denn bei uns und in der VVB hat es noch mehrere kleine ›Kapplers‹ gegeben wie [Name 1] u. a. Warum hat man diese im Prozess nicht mit aufgeführt? Wenn man die entlassen hat, weiß ich nicht, was eigentlich los ist. Diese Lumpen haben mir als Techniker selbst das Leben schwer gemacht.«

Genosse [Name 16] vom »Karl-Marx-Werk«: »Warum wurde im Prozess Fleischer u. a. nur das Urteil bekannt gegeben. Wir Kumpel haben alle geglaubt, dass eine ausführliche Bekanntgabe über die Steinkohlensaboteure erfolgt. Wir hoffen, dass dies noch nachgeholt wird.«

Ähnlich äußerten sich dazu noch folgende Personen:

  • Genosse [Name 17] vom »Martin-Hoop-Werk«,

  • Kollege [Name 18], »Martin-Hoop-Werk«

  • Kollege [Name 19] »Martin-Hoop-Werk«

Genosse Schindhelm, Instrukteur der SED: »Der Genosse Schreiber war in Halle beim Bundesvorstand des FDGB und nahm in Berlin im Beisein von den16 Genossen Sobottka17 und Fritsch18 Stellung gegen Fleischer (vor der Verhaftung) und stellte ihn als Agent hin. Dies hat ihm aber niemand geglaubt.«

Genosse Adolf Hennecke:19 »Sieh dir das an. Das ist unsere Intelligenz, in die wir soviel Vertrauen gesetzt haben. Im Kapitalismus erhielten diese Strolche 300 Mark. Heute bekommen sie bei uns 2 000 DM und Zucker in den Arsch geblasen. Damit sind sie immer noch nicht zufrieden. Was wollen die denn noch.« Genosse Hennecke äußerte weiterhin zu drei Ingenieuren der Steinkohlenindustrie: »Ihr habt es an der nötigen Wachsamkeit fehlen lassen.«

Ingenieur (Name unbekannt, 53 Jahre): »Es war nicht so leicht, Fleischer zu durchschauen, wir erhielten soviel Arbeit, dass wir Not hatten, dies zu schaffen. Uns blieb wenig Zeit, uns mit solchen Zusammenhängen zu befassen.«

Ingenieur (Name unbekannt): »Gegen Fleischer anzugehen war sehr schwer. Überall wurden konkrete Beweise verlangt, und da man sie nicht hatte, wurde einem gesagt, ›dann müssen wir es noch entwickeln lassen‹, ein Kumpel wurde gar nicht erst angehört. Mit seiner Kritik prallte er gegen eine Wand. Dies ist der größte Fehler, welcher auch heute noch nicht beseitigt ist.«

Ingenieur [Name 20], Zwickauer Steinkohlenrevier: »Es war schwer an Fleischer und Kappler irgendwelche Kritik anzusetzen, da diese verstanden, sich klug zu tarnen. Diese beiden und Hertel20 waren herrisch und stark überheblich im Umgang mit Arbeitern und Angestellten. Die Angeklagten sollen sich ja nicht wieder im Zwickauer Gebiet sehen lassen. Da würde man sie totschlagen.«

Paul Warg, Abteilungsleiter der Vorplanung »Karl-Marx-Werk« Zwickau (sinngemäß): »Der Obersteiger Fankhähnel21 hat doch keine Verbrechen begangen und hat auch immer seine ganze Kraft eingesetzt.« Alfred Unger, Arbeitsdirektor »Karl-Marx-Werk« Zwickau, äußerte das Gleiche wie Warg.

Genosse Adolf Hennecke: »Verschiedene Personen in Freiberg stellen die Angeklagten Fleischer und Kappler als Märtyrer hin. Sie sagen, früher war es schon so gewesen, dass man Menschengeständnisse erpresste und heute sei es auch nicht viel anders.«

Ingenieur (Name unbekannt): »Durch offene Propagierung des Prozesses wird das Ansehen und der Ruf der Intelligenz herabgemindert. Dies führt zu einer Kluft zwischen Arbeiter und Intelligenz. Deshalb soll man lieber davon absehen.«

Anlage 2 vom 10.10.1953 zum Informationsdienst Nr. 1090

Stimmungsberichte aus der Bevölkerung über den Prozess gegen sieben Agenten der KgU22 in Magdeburg

Unter der Bevölkerung von Magdeburg wird über den Spionageprozess23 nicht besonders stark diskutiert. Der Grund ist darin zu suchen, dass in der Presse nicht eingehend zu diesem Prozess Stellung genommen wurde. Es liegen lediglich aus dem »Ernst-Thälmann-Werk« und »Georgi-Dimitroff-Werk« Magdeburg Stellungnahmen vor. In den uns bekannten Stellungnahmen wird fast ausschließlich die feindliche Tätigkeit der Agenten erkannt und ihre Handlungsweise aufs Schärfste verurteilt. Dabei bringt man zum Ausdruck, dass solche Elemente nicht hart genug verurteilt werden können.

Nur einzelne Personen sind sich über die Gefährlichkeit dieser Agenten noch nicht voll bewusst und äußern, dass diese Urteile nur als Abschreckung dienen, damit keiner seine wahre Meinung zum Ausdruck bringt. Dazu einige Beispiele:

[Vorname Name 1] aus Magdeburg, beschäftigt als Planer, Mitglied der SED: »Wer sich am Volkseigentum vergeht, muss damit rechnen, dass ihn die härteste Strafe trifft. Besonders im Fall Genrich24 vertrete ich den Standpunkt, dass die ausgesprochene Strafe unbedingt zu Recht besteht. Er ist mir bereits aus den Jahren 1928 bis 1930 als wüster Rowdy bekannt und ich kann nicht begreifen, dass solche Menschen in der NDPD einflussreiche Funktionen erhalten können. Wer mit ihm in Berührung kommt, muss sofort sehen, was für ein Mensch er ist.«

Kollege [Name 2], beschäftigt als Dispatcher im »Ernst-Thälmann-Werk« Magdeburg, parteilos, früher NSDAP-Mitglied: »Man kann den Geßler25 nicht hart genug bestrafen. Die Todesstrafe wäre viel zu wenig für ihn. Er wollte Volkseigentum vernichten und dadurch viele Kollegen um ihr Brot bringen.«

Kollege [Name 3], Wettbewerbssachbearbeiter in der großen Schmiede »Ernst-Thälmann-Werk«, Mitglied der SED: »Ich sowie die anderen Kollegen der Schmiede sind der Meinung, dass mit solchen Subjekten wie Geßler und Konsorten kurzer Prozess gemacht werden muss.« Das Gleiche äußerte auch Kollege [Name 4], AGL-Vorsitzender »Ernst-Thälmann-Werk«, Mitglied der SED.

Kollege [Name 5], beschäftigt [in der] Zimmerei des »Ernst-Thälmann-Werkes«: »Ich war erfreut über den guten und sachlichen Verlauf der Verhandlungen. Habe jedoch festgestellt, dass die Verteidiger in der politischen Entwicklung hinterherhinken. Alle Verteidiger brachten während des Prozesses zum Ausdruck, dass die Verbrecher mit der politischen Entwicklung nicht mitgekommen wären. Das Gegenteil ist aber der Fall. Die Verbrecher waren politisch sehr gut unterrichtet und haben sich deswegen auch gut getarnt.«

Ein Kollege (Name unbekannt) des »Ernst-Thälmann-Werkes«: »Wir können nicht wachsam genug sein und müssen aus diesem Prozess lernen. Ebenfalls kann man auch nicht sagen, man habe nichts gewusst und auch nicht so urteilen wie die Verteidiger, welche die Verbrecher als nicht politisch geschult hinstellen.«

Kollege [Name 6], Hobler im »Ernst-Thälmann-Werk«, Betrieb 13, parteilos: »Ein großer Teil der Kollegen hat sich über das Urteil keine Gedanken gemacht, aber die meisten halten die harte Bestrafung für richtig.«

[Vorname Name 7], Dreher im »Ernst-Thälmann-Werk«, Betrieb 13, parteilos: »Es ist eine reine Angst, die in diesem Prozess zutage tritt. Sie wollen mit diesen Urteilen die Menschen nur abschrecken, damit keiner mehr die wahre Meinung sagt.«

[Vorname Name 8], »Georgi-Dimitroff-Werk«, Mitglied der SED: »Wir müssen endlich einmal aus den Vorkommnissen der letzten Zeit (Prozess Magdeburg) die Lehren ziehen. So auch bei der Wiederaufnahme in die SED des [Name 9, Vorname]. ([Name 9] war in eine Unterschlagungsaffäre verwickelt, wurde aus der Partei ausgeschlossen, setzte sich daraufhin nach dem Westen ab, kam jedoch wieder zurück.) Wir können von hier aus nicht feststellen, ob [Name 9] von westlichen Agenten beauftragt wurde.« (Von den anwesenden 48 Mitgliedern stimmten 4 Genossen für die Wiederaufnahme, 5 dagegen und 39 enthielten sich der Stimme.)

Anlage 3 vom 10.10.1953 zum Informationsdienst Nr. 1090

Stimmungsberichte aus der Bevölkerung über den Prozess gegen sieben Agenten der KgU in Leipzig

In Leipzig wird über den stattgefundenen Prozess26 nicht groß gesprochen. Die Ursache liegt darin, dass selbiger in der Presse nicht eingehend popularisiert wurde. Selbst in Espenhain, wo der Bruder des Gnichtel wohnt, wird so gut wie gar nicht darüber diskutiert. Aus den uns bekannten Stellungnahmen ist zu ersehen, dass die Arbeiter der Abteilung Kraftfahrer des Kombinats Espenhain die Verurteilung des Gnichtel27 und Konsorten für richtig befinden und auch mit der Höhe des Strafmaßes einverstanden sind. Es wird jedoch stark kritisiert, dass dieser Prozess nicht unter den Arbeitern ausgewertet wird. Sie sagen, dass sie ein Recht haben zu erfahren, was das für Verbrecher waren. Man soll dafür sorgen, dass die Kumpel bald etwas Näheres über diesen Prozess zu hören bekommen.

Genosse [Name 1] und [Name 2], Abteilung Kraftfahrer des Kombinats Espenhain: »Hoffentlich erfahren wir Kumpel bald etwas Näheres über diesen Prozess. Unseres Erachtens nach müsste es die Aufgabe der Massenorganisationen sein, dies zu tun.«

Kollege [Name 3], Abteilung Kraftfahrer; Kombinat Espenhain: »Für mich gibt es so etwas nicht. Ich würde mich in so eine Sache nicht einlassen. Die Leute, die sich mit solchen Dingen beschäftigen, setzten ihr Leben aufs Spiel. Ich finde die Strafe voll gerechtfertigt.«

Genosse [Name 4], Kombinat Espenhain: »Ich sprach die Omnibusfahrer persönlich an. Musste jedoch feststellen, dass die dort beschäftigten parteilosen und indifferenten Kollegen selbst auf direktes Ansprechen nichts sagen. Es wird dort ganz wenig darüber gesprochen.«

Kollege [Name 5], Kombinat Espenhain: »Die Aburteilung der Agenten ist richtig, aber die Strafe ist zu hoch. Eine Strafe von ein bis zwei Jahren hätte auch genügt.«

Anlage 4 vom 10.10.1953 zum Informationsdienst Nr. 1090

Stimmungsbericht über den Prozess gegen die Agentengruppe von Zeiss/Jena in Gera am 5. und 6. Oktober 1953

Über den Prozess28 sind keine Äußerungen bei der Bevölkerung bekannt, da dieser unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand. Bis heute wurde darüber auch noch nichts in der Presse veröffentlicht. In Jena/Gera ist noch nichts bekannt, dass ein Prozess stattgefunden hat.

Ein Zeuge dieses Prozesses (Name unbekannt) teilte mit: »Der Prozess ist unter Ausschluss der Öffentlichkeit geführt worden, deshalb kann ich auch nichts sagen. Nur soviel soll erwähnt werden, dass es dabei sehr korrekt zugegangen ist und keiner wurde in seiner Meinung beschnitten. Jeder hat seinen Anwalt gehabt und konnte sich auch jederzeit orientieren.«

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