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Tagesbericht

17. September 1953
Information Nr. 1070

Die Lage in Industrie, Verkehr, Handel und Landwirtschaft

a) Industrie und Verkehr

Die Auswirkungen der Diskussionen über die Wahlergebnisse1 sind sehr unterschiedlich. Aus dem RAW Magdeburg verlautet, dass der größte Teil der Belegschaft über den Ausgang der Wahlen befriedigt ist. Im RAW Meiningen/Suhl sind es nahezu 75 % der Arbeiter, die das Wahlergebnis begrüßen. Hier und da tauchen Tendenzen der Lustlosigkeit auf. Genossen wollen nicht mehr in der Parteiorganisation mitarbeiten, einige bezahlen keine Beiträge mehr, z. B. Bahnhof Wesenberg/Neubrandenburg.

Demgegenüber gibt es positive Auswirkungen wie im Steinkohlenrevier Lugau/Oelsnitz/Karl-Marx-Stadt. Dort erfüllt das Werk »Deutschland« seit einigen Tagen ständig sein Tagessoll mit über 100 %. Dort wurden auch überwiegend gute Diskussionen über das Wahlergebnis geführt. In der Abteilung Rechenmaschinen im Thälmann-Kombinat Suhl erhöhten nach eingehender Diskussion die Arbeiter freiwillig ihre Normen, sodass die produzierten Rechenmaschinen, die auf der Messe wegen ihres zu hohen Preises nur gering abgesetzt werden konnten, um 60,00 DM billiger verkauft werden können.

Planungsfunktionäre aus verschiedenen Betrieben im Bezirk Karl-Marx-Stadt beschweren sich, dass von zentraler Stelle der gesamte Planvorschlag für 1954 kurzfristig bis zum 19.9.1954 verlangt wurde. Sie erklären, dass die Lösung dieser Aufgabe einfach unmöglich ist, wenn der Plan nicht »vom grünen Tisch aus über den Daumen gepeilt« werden soll.

Wiederholt wird festgestellt, dass Personen, die mit Interzonenpass in Westdeutschland waren, die dortigen Zustände verherrlichen. Das wirkt sich negativ auf die Stimmung der Bevölkerung aus. Verschiedentlich verlangen Arbeiter unbezahlten Sonderurlaub, um nach Westdeutschland fahren zu können (einige Betriebe in Leipzig, Fliesenwerke Boizenburg/Schwerin).

Tendenzen der Gleichmacherei treten erneut auf, diesmal im IKA Elektrobau Annaberg/Karl-Marx-Stadt. Dort werden die Aktivistenprämien zum 13. Oktober mit der Begründung abgelehnt, man solle die Prämien an alle Arbeiter verteilen. Im Thälmann-Kombinat Merkers/Bad Salzungen/Suhl lehnen die Arbeiter durchweg die Vorschläge ab, den Werksleiter als Nationalpreisträger und einige andere Angehörige des Betriebes als »verdiente Techniker«, »verdiente Erfinder« und »Helden der Arbeit« auszuzeichnen, weil man die Vorschläge nicht mit den Arbeitern beraten hatte, sondern sie einfach von oben, vom Bundesvorstand des FDGB aus, einreichte.

Bedingt durch die Reduzierung des Schwermaschinenbaues wurden im VEB »Heinrich Rau« Wildau junge und ledige Arbeiter und Lehrlinge zur Erntehilfe nach den LPG und MTS geschickt. Sie sind darüber unzufrieden. Im VEB Baumwollspinnerei Plaue/Flöha/Karl-Marx-Stadt, wo sonst eine gute Stimmung herrscht, traten unter den Frauen rege negative Diskussionen über den Artikel der »Tribüne« vom 14.9.1953 »Ist der Haushaltstag wirklich die entscheidende Hilfe für die werktätige Frau?«2 auf. Sie fordern den Haushaltstag auch für alleinstehende Frauen.3

Auf Anforderung des Ortsverbandes des FDGB Erfurt wurde von der BGL des RFT Fernmeldeanlagenbau durch die AGL des Betriebes ein Sofortprogramm, ein sogenanntes »45-Punkte-Programm« aufgestellt. Von den 45 Punkten sind nur ganz wenige vernünftige und berechtigte Forderungen, alle übrigen sind unerfüllbar, weil sie zum Teil provokatorischer Art sind, zum größten Teil aber Gleichmacherei bedeuten.

b) Handel und Versorgung

Stark gefragt wird im Bezirk Potsdam nach Wirtschaftsartikeln wie Eimern, Messern, Gabeln, Töpfen usw., im Bezirk Rostock nach Bohnenkaffee. Aus Rostock wird gemeldet, dass im HO und Konsum große Mengen Konserven lagern, die aufgrund der hohen Preise nicht abgesetzt werden können. Im Kreis Neuruppin/Potsdam mussten Tanzsäle zur Lagerung von Getreide beschlagnahmt werden, da ein Abtransport nicht erfolgte. Die DHZ Eisfeld/Suhl erhielt aus Westdeutschland 90 Ztr. Pflaumen, die einen phenolartigen Geruch und Geschmack haben und deshalb nicht abgesetzt werden können.

In allen Bezirken bestehen Unklarheiten über die Wintereinkellerung von Kartoffeln, da bis jetzt noch nicht die Höchstmengen bekannt sind. Aus Halle wird berichtet, dass beim Rat des Bezirkes keine generelle Anweisung über die Verteilung der Planziffern zwischen staatlichem, genossenschaftlichem und privatem Handel bestehen. Hinzu kommt, dass private Großhändler die Forderung stellen, wieder als diese eingeschaltet zu werden. Kritisiert wird besonders, dass die Planung nach wie vor von oben nach unten durchgeführt wird, ohne dabei die Aufkommensquelle der einzelnen Kreise zu berücksichtigen.

c) Landwirtschaft

Diskussionen unter der Landbevölkerung tragen fast ausschließlich wirtschaftlichen Charakter, z. B. »Das Soll müsste herabgesetzt werden« oder »Die Preise der Industriewaren sind im Verhältnis zu landwirtschaftlichen Produkten zu hoch« usw. Einige Bauern im Kreis Anklam/Neubrandenburg, die 2–3 Ar über 10 Hektar haben, beschweren sich, dass sie dadurch in die Ablieferungsgruppe 10–15 ha eingestuft wurden.

In Merkendorf/Gera wird darüber diskutiert, dass Bauern ihr Futtergetreide abliefern müssen, in der BHG dagegen der Hafer vom vergangenen Jahr von den Mäusen aufgefressen wird. In einer öffentlichen Gemeindevertretersitzung in Hardisleben/Erfurt wurden von den Anwesenden Fragen gestellt wie: »Wo bleibt der neue Kurs? Wenn wir dreschen oder füttern wollen, ist Stromsperre. Warum gibt es keine Backsteine und Zement, warum wird der Anbau von Gemüse und Gurken erhöht, wenn alles eingeführt wird und unsere Erzeugnisse den Schweinen gefüttert werden?« usw.

Stimmung der übrigen Bevölkerung

Im Vordergrund der Diskussionen steht die ungenügende Versorgung mit Brennstoff. So schildert z. B. der Leiter der Abteilung Materialversorgung beim Rat des Bezirkes Cottbus die Situation in der Kohlenversorgung so, dass dies bereits keine Frage der Versorgung mehr sei, sondern eine politische Frage geworden ist.

Übereinstimmend wird aus allen Bezirken berichtet, dass zzt. noch keine Richtlinien für die Wintereinkellerung von Kartoffeln in den Bezirken vorliegen. Dadurch entstehen Hamstereinkäufe, heftige Diskussionen und Gerüchte. So wird z. B. aus Cottbus gemeldet, dass die Bauern die Kartoffeln über die VEAB gleich an die Kaufleute liefern, die diese an den Verbraucher zentnerweise abgeben. Dadurch kann die Wintereinkellerung gefährdet werden, da bereits 20 % der Winterkartoffeln von den Bauern geliefert wurden.

Die Forderung nach Senkung der HO-Preise hat nicht nachgelassen. In allen Bezirken sind Gerüchte über eine kommende Preissenkung in der HO im Umlauf.

Feindtätigkeit

a) organisierte

Vereinzelte Flugblatttätigkeit in den Bezirken Gera, Neubrandenburg, Suhl, stärker in Magdeburg, Karl-Marx-Stadt, Schwerin und Halle. In Magdeburg wurde einwandfrei festgestellt, wie die Flugblätter durch Flugzeuge abgeworfen wurden. Dabei handelt es sich nicht nur um Grenzkreise, sondern um Kreise die an der Ostgrenze des Bezirkes liegen, wie Genthin und Burg.

In Batzlow wurden zwei von der MTS Prötzel, Strausberg/Potsdam, abgestellte Traktoren beschädigt (Lichtkabel abgeschnitten, Lampen eingeschlagen, Batterien unbrauchbar gemacht, Benzin gestohlen).

Im Filmerwerk Kodak Berlin-Köpenick wurde ein Sack Gelatine durch Sand unbrauchbar gemacht.

b) vermutlich organisierte

In der LPG »Glückauf« in Alt Mahlisch, [Kreis] Seelow, [Bezirk] Frankfurt, wurden bei Milchkühen Lähmungserscheinungen an der Hinterpartie festgestellt. Die Tiere schleimen aus Nase und Scheide. Der Tierarzt vermutet Vergiftung.

Stimmen aus Westberlin

In SPD-Kreisen hat das Wahlergebnis große Bestürzung ausgelöst. Ältere SPD-Genossen sagen, dass alles, was in den letzten Tagen in Berlin passierte, an das verhängnisvolle Jahr 1932 erinnere. Die Nazis seien in Berlin schon wieder tonangebend und würden singen: »Heute gehört uns Deutschland, wenn alles in Scherben fällt …« Es bilden sich Oppositionsgruppen in der SPD (speziell bekannt aus der Seestraße), die sonntags Ernst-Thälmann-Mützen tragen wollen. Gleiche Bestrebungen tauchen auch bei ehemaligen RFB-Leuten, die heute parteilos sind, auf. Ein SPD-Genosse sagte, dass er lieber die Schiffermütze von Ernst Thälmann trage, als die Verräterfratze von Adenauer.

Bei den Erwerbslosen auf dem Arbeitsamt Charlottenburg herrscht wohl eine starke Anti-Adenauer-Stimmung, aber kaum einer von ihnen macht sich Gedanken darüber, wie die drohende Kriegsgefahr abgewendet werden kann. Es wird berichtet: »Es traut sich sowieso keiner mehr, viel zu sagen, seit die neue Alarmglocke dort angebracht ist.«

Einschätzung der Situation

Gegenüber dem Vortage ist die Lage unverändert geblieben. In den Diskussionen der Bevölkerung steht weiterhin die Versorgungslage im Mittelpunkt, wobei die mangelhafte Belieferung mit Hausbrandkohle noch viel Unzufriedenheit erzeugt.

Die heute in der Presse veröffentlichte Bekanntmachung über die Belieferung der Kartoffelbestellscheine wird einen großen Teil der Unzufriedenheit beseitigen. Durch die sehr späte Bekanntgabe war es den Gerüchtemachern möglich, eine Missstimmung unter der Bevölkerung über die angebliche Kartoffelknappheit zu erzeugen und viele zu Angsteinkäufen zu veranlassen.

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