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Tagesbericht

11. Juli 1953
Information Nr. 1011

Stimmung der Bevölkerung

Einwohnerversammlung in Großröhrsdorf am 9.7.19531

In der oben angeführten Einwohnerversammlung war bekannt, dass es zu negativen Diskussionen kommt. Die Kreisleitung2 wurde informiert und erklärte, dass sie dagegen Vorbeugungen getroffen haben. Es traten nur negative Diskussionen von insgesamt 40 Personen auf. Im Saal waren 2 000 Menschen und ca. 1 200 fanden keinen Einlass.

Nach Beendigung des Referates, welches durch Husten und Unruhe gestört wurde, trat eine Diskussion ein, die von fünf Diskussionsrednern eingeleitet wurde. Die negativen Diskussionsredner erhielten heftigen Beifall und Beingetrampel.

Als Ergebnis wurde der Bürgermeister von seiner Funktion entbunden. Seit Juli 1950 ist Genosse Noack Bürgermeister in Großröhrsdorf. Er hat korrekt die Gesetze entsprechend als Genosse durchgeführt. Er ist verhasst bei den bürgerlichen Elementen, erhielt mehrere anonyme Briefe. Sein Stellvertreter, der die Geschäfte jetzt führt, ist Mitglied der CDU. Mit der Bezirksleitung der Partei wurde die Angelegenheit besprochen.

Im Seebad Bansin wurde ein öffentlicher Ausspracheabend durchgeführt, an welchem Vertreter des Rates des Kreises und der HO teilnahmen. Nach dem Referat wurden insbesondere negative Diskussionen geführt, was bei Funktionären unserer Partei den Eindruck erweckte, dass nicht wir die Kläger, sondern die Angeklagten sind.

So sprach der ehemalige Genosse und Kreisschulrat Richter: »In Bansin besteht der Eindruck, dass mehr mit Angst als Vertrauen regiert wird, soviel mir bekannt ist, wurde in der Ortsgruppe der SED unter Leitung des 1. Sekretärs eine Resolution verfasst, in der geschrieben steht, dass zurückgekehrte Inhaftierte als schädigende Elemente aus Bansin auszuweisen sind.«3 (Allgemeine Pfui-Rufe)

Da der 1. Sekretär zu einer Stellungnahme aufgefordert wurde, äußerte er sich folgendermaßen: »Wir haben eine interne Sitzung gehabt und da brauche ich nicht zu sagen, was war. Es wurden Beschlüsse gefasst meine Herrschaften und auch abgesandt, darauf können sie sich verlassen.« (Die Unruhe im Saal wurde noch größer.)4

Unter anderem sprachen auch die aus der Haft entlassenen Pfitzmann5 und [Name 1]. Pfitzmann sagte: »Ich war verurteilt, weil ich einen halben Zentner Hühnerfutter und einen halben Topf Heringe hatte. Meine Steuern selbst habe ich stets pünktlich und reell bezahlt. Der Oberstaatsanwalt in Rostock hat meine Sache als Lappalie bezeichnet.«

Frau [Name 1]: »Ich habe stets geholfen wo ich nur konnte, sei es bei Bombenangriffen, Umsiedlern und dergleichen. Ich wurde verurteilt, weil ich Zucker rechtmäßig im HO gekauft habe, außerdem Holz kaufte, welches frei zu haben war. Dafür wurde ich zu einem Jahr und acht Monaten Zuchthaus verurteilt.« (Pfui-Rufe im Saal)6

Sie sagte unter anderem: »Ich spreche nicht für mich, ich möchte jedoch sprechen, für alle, die noch in Bützow7 sitzen und auf ihre Freiheit warten, von all denen, die in Bützow liegen und krank sind, die nicht wissen, ob sie wiederkommen, von all denen, die mit ihrem Leben Schluss machten. Sie dürfen mein Geld, meinen Schmuck und meine Häuser behalten, ich will nichts, aber geben Sie denen, die zurückkommen, ein einfaches Zimmer, wo sie ihr müdes Haupt hinlegen können.«

Stimmung in Westberlin

Im Allgemeinen konnte man feststellen, dass den Westberliner Zeitungsberichten über die Lage im demokratischen Sektor kein Glauben geschenkt wurde. Heute, am 9.7.1953, nachdem die ersten Bewohner des demokratischen Sektors nach Westberlin kamen, änderte sich die Stimmung wesentlich. Der größte Teil dieser Bewohner erzählte, zu wissen und gehört zu haben, dass die Meldungen des RIAS und der Zeitungen stimmen.

Ein Beispiel: Der Rentner [Name 2] aus Lichtenberg erzählte: »Jawohl am Alex waren Unruhen, in den meisten Betrieben ist Sitzstreik. Die ganzen Straßen sind voller Vopo mit Maschinenpistolen usw.« Diese Bewohner sind es gerade, die die Stimmung der Westberliner in solchen Situationen gegen die Deutsche Demokratische Republik beeinflussen. Wenn der RIAS und der Berliner Blätterwald einmal bei den Lügen ertappt worden sind, wird das von diesen Elementen mit anderen oder gleichen Lügen wieder ausgebügelt und der RIAS freut sich über so viel Dummheit.

Auch in Westberlin gibt es noch Kreise, die in der Hauptsache aus halbwüchsigen und »politischen Flüchtlingen« bestehen, die unter der Bevölkerung Stimmung zu machen versuchen mit der Forderung: »Freilassung der für die Ereignisse am 17. Juni in der DDR Festgenommenen.«

Herr Justizrat [Name 3] äußerte sich: »Etwas Dümmeres könnte man nicht tun und die Arbeiter, die die Demonstration mitgemacht haben, ins Gefängnis oder Zuchthaus zu werfen. Die DDR kann sich nur durch Großzügigkeit gegen die Verhafteten aus der Schlinge ziehen.« Er erzählte weiter: »Solange der Eckpfeiler Westberlin besteht, wird die Deutsche Demokratische Republik stets ein Unruheherd sein. Hier in Westberlin sind die Männer, welche Deutschland zur Einheit und Freiheit bringen werden. Allen Parteien in Westberlin wird durch die Westmächte die Gelegenheit gegen, ihre Stimme in der Zone ertönen zu lassen.«

In Diskussionen mit verschiedenen Personen in Westberlin kam zum Ausdruck, dass es zu begrüßen ist, dass die Sektorengrenzen wieder ungehindert passiert werden können. Andere wieder brachten zum Ausdruck, dass sie nicht verstehen könnten, nachdem sich nun die Besatzungsmacht zurückgezogen hatte, dass die VP zusammen mit der KVP, bewaffnet mit Karabinern, in den Straßen des demokratischen Sektors von Berlin patrouilliert. Dieses sei kein gutes Zeichen. Personen aus dem demokratischen Sektor bringen zum Ausdruck, dass die Bewohner des Westsektors von Berlin nun wiederum, nachdem die Sektorengrenzen gefallen sind, freie Hände hätten, HO-Einkäufe und dergleichen zu tätigen. Befürchtet wird, dass sehr bald ein Mangel an Fettigkeiten und Mangelware in der HO entsteht, da diese nach Westberlin geschleppt werden.

In den letzten Tagen haben die Diskussionen in den Läden und auf den Straßen an Heftigkeit verloren.

In Westberlin sind vor den Arbeitsämtern sowie Sozialämtern heftige Auseinandersetzungen in Erscheinung getreten. Wegen einer verspäteten Öffnung des Arbeitsamtes in der Charlottenstraße kam es zu erregten Diskussionen gegenüber den dort tätigen Reuter-Angestellten.8 Man schrie ihnen zu: »Die Bonzen haben jetzt kein Geld mehr.« Oder: »Wir schlagen euch die Türen ein.«

Stimmung von Rückkehrern in das Gebiet der DDR

Aufgrund des Ministerratsbeschlusses vom 11.6.19539 kehrten auch am 10.7.1953 wieder insgesamt 239 Personen in das Gebiet der DDR zurück. Davon kamen 56 Personen aus Westdeutschland und Westberlin erstmalig in die DDR und baten um Aufnahme. Demgegenüber wurden 145 Personen republikflüchtig. An der hohen Zahl der Rückkehrer ist zu ersehen, dass der Beschluss des Ministerrates bei immer mehr Flüchtlingen in Westdeutschland und Westberlin Anklang findet.

Dass sich die Zahl der Rückkehrer von Tag zu Tag steigert, ist darauf zurückzuführen, dass am Anfang eine große Anzahl der Flüchtlinge dem Ministerratsbeschluss gegenüber misstrauisch waren und eine abwartende Haltung einnahmen. Diese Personen erhielten nun von den schon Zurückgekehrten Post, wo ihnen über die gute Aufnahme in der DDR berichtet wurde. Da sie nun sehen, dass den Rückkehrern in der DDR keine Schwierigkeiten bereitet werden und sie auch nicht, wie die Gerüchte im Lager herumgehen, verhaftet werden, fassen immer mehr den Mut, in ihre Heimatorte zurückzukehren. Besonders ist zu beachten, dass sich auch die Zahl der Personen, die erstmalig in die DDR kommen und um Aufnahme bitten, ständig steigert. Am 10.7.1953 ist auch zu verzeichnen, dass die Zahl der republikflüchtigen Personen, die an den vorhergehenden Tagen ständig abnahm, wieder besonders hoch angestiegen ist.10

1. Aufnahme des Ministerratsbeschlusses bei den Rückkehrern und den Flüchtlingen in den Lagern in Westdeutschland und Westberlin

Die zurückgekehrten Personen äußerten sich alle positiv zu dem Ministerratsbeschluss. Sie waren hoch erfreut darüber, da schon viele seit langer Zeit den Wunsch hatten, wieder zurückzukehren, da sie das Leben in Westberlin und Westdeutschland satt hatten und endlich wieder ein geordnetes Leben führen wollen. Auch in den Flüchtlingslagern wurde der Beschluss größtenteils freudig begrüßt.

Es gibt aber auch noch immer einige, die dem Beschluss skeptisch gegenüberstehen und abwarten wollen. Diese Personen schenken der westlichen Propaganda noch immer Glauben. Es wird ihnen vorgeschwindelt, dass der Beschluss nur eine Falle wäre und sie sofort in der DDR eingesperrt würden.

Viele der Flüchtlinge, die dem Beschluss erst keinen Glauben schenkten, kehrten aber, nachdem sie von ihren Angehörigen aus der DDR Post erhalten hatten, wo ihnen über die wirkliche Durchführung und Realisierung der Beschlüsse berichtet wurde, wieder zurück.

Der Bauer [Name 4, Vorname], geb. [Tag, Monat] 1931 in Strehla, und dessen Ehefrau, die ebenfalls aus Westberlin wieder zurückkehrten, äußerten: »Wir hörten die Beschlüsse des Ministerrates durch den Leipziger Sender. Standen aber der Realisierung der Beschlüsse noch ängstlich und misstrauisch gegenüber. Dazu trug noch bei, dass die Leitung des Flüchtlingslagers uns abgeraten hat, die Rückkehr in die DDR anzutreten. Man sagte uns, dass, wenn wir die Sektorengrenzen überschreiten, dort Lastwagen bereitstehen würden und wir irgendwo in die Fremde gebracht würden und auch den Betrieb niemals zurückbekommen werden.«

2. Stimmung der Flüchtlinge und Hemmungen bei ihrer Rückkehr

Aufgrund der Angaben der befragten Personen kann gesagt werden, dass die Stimmung der Flüchtlinge vor allem in den Lagern nicht gut ist. Diejenigen, die als politischer Flüchtling anerkannt wurden, werden schon nach kurzer Zeit nach Westdeutschland abgeflogen, während alle anderen Flüchtlinge oft sehr lange Zeit unter unmenschlichen Bedingungen in den Flüchtlingslagern hausen müssen.

Die schlechte Unterkunft und vor allem die Arbeitslosigkeit trägt viel zu dieser schlechten Stimmung mit bei. Es wollen deshalb auch viele der Flüchtlinge wieder zurückkehren, verhalten sich aber aufgrund der Beeinflussung von westlicher Seite aus noch abwartend. Ablehnend stehen nur diese Personen zum Beschluss des Ministerrates, die sich eines Verbrechens schuldig machten und nun nicht wieder zurückkehren können.

Hierzu äußerte sich der Rückkehrer [Name 5, Vorname], geb. [Tag, Monat] 1934 in Dresden: »Die Stimmung unter den Flüchtlingen in Westdeutschland ist teils noch skeptisch und abwartend, sie glauben noch nicht ganz an die Wirklichkeit. Es werden noch viele zurückkommen, wenn sie lesen werden, dass denen die zurückgekehrt sind, nichts geschehen ist. Hemmungen und Bedenken gibt es nur insofern, dass ein Teil der Flüchtlinge, die sich etwas zuschulden kommen ließen, sich vor einer Bestrafung fürchten.«

3. Agitation und Maßnahmen von westlicher Seite aus, um eine Rückkehr zu verhindern

Von westlicher Seite aus wird immer wieder versucht, die Flüchtlinge von der Rückkehr abzuhalten. Dies geschieht meist durch Agitation von Presse und Rundfunk, indem diese eine wüste Hetze gegen den Ministerratsbeschluss sowie der [sic!] DDR entfachen.

Neue Maßnahmen, die eine Rückkehr verhindern sollen, wurden, außer den schon angegeben, nicht bekannt.

4. Durchführung der Maßnahmen des Ministerratsbeschlusses bei zurückgekehrten Personen

Übereinstimmend wurde von den Rückkehrern geäußert, dass sie sehr erfreut über die gute Behandlung und höfliche Aufnahme in der DDR waren. Irgendwelche Beschwerden vonseiten der Rückkehrer wurden nicht bekannt.

Anlage 1 vom 11. Juli 1953 zur Information Nr. 1011 (1. Expl.)

Information Nr. 1011a: Besondere Vorkommnisse

Aus Jena wird bekannt, dass im VEB Zeiss Jena in der Abteilung MBL11 um 7.30 Uhr die Arbeiter in den Sitzstreik getreten sind. Zwei weitere Abteilungen haben sich angeschlossen. Insgesamt sind zzt. 210 Arbeiter im Sitzstreik.

Am 7.7.1953, 14.30 Uhr, fand im VEB Carl Zeiss in der Abteilung MOB (Mikro-Oberflächen-Behandlung) eine Gewerkschaftsgruppenversammlung statt. Diese Versammlung dauerte ca. 2½ Stunden und war von 50 bis 60 Personen besucht.

Die Gewerkschaftsgruppenorganisatoren Schlegel und Stubenrauch erhielten für die Durchführung der Versammlung eine Rededisposition von der Betriebsgewerkschaftsleitung. In dieser Versammlung wurden die in der Anlage beigefügten 33 Punkte aufgestellt.

Nach Angaben des Betriebsgewerkschaftsleitungsmitgliedes Genossen Menz haben am 7.7.1953 noch ca. 50 solche Versammlungen stattgefunden, wo ebenfalls die ähnlichen Punkte aufgestellt worden sind. Die Betriebsgewerkschaftsleitung besitzt noch ca. 250 Protokolle mit ähnlichen Forderungen, die aus vorhergegangenen Versammlungen stammen.

In der Schicht Schlegel und Stubenrauch wurden von den Kollegen und Kolleginnen folgende Forderungen gestellt: (Gewerkschaftsgruppenversammlung am 7.7.1953, 14.30 [Uhr], in der Abt. MOB):

  • 1.

    Freie geheime Wahlen für Einheit Deutschlands

  • 2.

    Aufhebung der Nachtschicht

  • 3.

    Haushaltstag12 für sämtliche Frauen

  • 4.

    Rente für Kriegswitwen

  • 5.

    Zeiss-Statut

  • 6.

    Wegfall der HO

  • 7.

    Anfrage, wann der Rest der Spezialisten aus der UdSSR kommt

  • 8.

    Sofortige Freilassung von Inhaftierten v. 17.6.1953

  • 9.

    Eine aktuelle Tageszeitung

  • 10.

    Freilassung der Kriegsgefangenen und Zivilgefangenen

  • 11.

    Schichtausgleich für Jugendliche unter 18 Jahren

  • 12.

    Bessere Versorgung mit Arbeitskleidung und Bettwäsche

  • 13.

    Bessere Qualität der Textilien und Schuhwaren

  • 14.

    Ausbesserung der Waisenrente

  • 15.

    Wöchentliche Lohnzahlung

  • 16.

    Senkung der Preise

  • 17.

    Wegnahme der Bilder am Fahrstuhl

  • 18.

    Bessere Versorgung mit Brennmaterial

  • 19.

    Bessere Belieferung mit Mangelwaren

  • 20.

    Wegfall der Beschlagnahme der Paketpost aus dem Westen

  • 21.

    Wegfall der Zonengrenzen

  • 22.

    Lockerung und schnellere Abfertigung der Pässe und Aufenthaltsgenehmigungen

  • 23.

    Mehr Sorge der Werktätigen um Wohnverhältnisse

  • 24.

    Freigabe der Ostgebiete

  • 25.

    Bessere Versorgung mit Medikamenten für Kranke

  • 26.

    Rückgabe der Eigenheime der Firma C. Zeiss

  • 27.

    Neue Schulreform

  • 28.

    Wegnahme der Vertrauensärzte

  • 29.

    Wiederzulassung der freiwilligen Renten- und Krankenversicherung

  • 30.

    Abschaffung des Prämiensystems

  • 31.

    Prozente für Weihnachten

  • 32.

    Eine Unterstützung für nichtgesteuerte13 ältere Leute

  • 33.

    Abbau der zu hohen Gehälter

Am 5.7.1953, gegen 1.10 Uhr, wurde in der Abt. Zelluloidlager im Treppenhaus 12, 3. Stock, des VEB Zeiss-Werkes auf einem Arbeitstisch bei einem Kontrollgang der VP ein handgeschriebener Zettel aufgefunden. Der Zettel mit den acht Punkten war mit einer Zange beschwert. Auf dem Nebentisch lag eine Briefmarke mit dem Bild Hitlers.

Der Inhalt dieses Zettels ist Folgender:

  • 1.

    Preissenkung aller Waren, die sich dem Einkommen eines Normalverdienstes anpassen.

  • 2.

    Senkung der Lohnsteuer, vor allem bei Verheirateten.

  • 3.

    Das Streikrecht ist garantiert und im14 FDGB verankert, also müsste der Tag bezahlt werden und nicht nur den Parteimitgliedern, die sich aus Angst nicht auf die Straße trauten und in den Büros und Abteilungen rumbummelten.

  • 4.

    Radio und Zeitung so zu gestalten, dass man nicht von früh bis abends Politik zu hören bekommt, sondern Tatsachen und Wahrheiten aus aller Welt und den Arbeitern nach dem Tageswerk eine wirkliche freie und frohe Entspannung geboten wird.

  • 5.

    Freie, gerechte und planvolle Aussprache, ohne dass man in die Gefahr läuft, bespitzelt oder verhaftet zu werden, das ist die wahre Demokratie.

  • 6.

    Beförderung nicht nach politischer Einstellung, sondern nach fachlichem erlernten Beruf und Leistung, denn es klingt so sehr nach Postenjägerei und gute[r] Versorgung von Parteimitgliedern.

  • 7.

    Baldige freie und gerechte Wahlen, ohne Druck für Freiheit und Frieden, ohne Zuziehung von Panzern und Bajonetten, denn es sind unsere ureigensten Angelegenheiten und kann nur unter uns Deutschen selbst erkämpft werden.

  • 8.

    Nicht auf Normen und Mehrleistung bei den Arbeitern [he]rumreiten, sondern unseren gesamten Verwaltungsstab vermindern, der doch unproduktiv und bürokratisch ist, verschlingt ungeheure Gehälter und kann eingespart werden.

Über die am 9.7.1953 stattgefundene Belegschaftsversammlung des ZKB15 wird mitgeteilt:

Die Versammlung wurde vom BGL-Vorsitzenden, Genosse Kaufmann, geleitet. Das Referat hielt der Genosse vom Zentralvorstand der IG Metall, Dönitz.16

In der darauffolgenden Diskussion sprachen der Hauptredner, der Kollege Pautzsch, dann Gelbert und noch andere Kollegen. Bei den Ausführungen des Kollegen Pautzsch wurde stürmisch geklatscht. Es war eine sehr starke Begeisterung unter den Kollegen vorhanden.

Kraemer17 führte vorher Folgendes an: Der persönliche Referent des Genossen Selbmann,18 der Kollege Gerke, machte am 8.7.1953 Dr. Kraemer darauf aufmerksam, dass vonseiten des RIAS genaue Instruktionen über das Verhalten der BGL in den weiteren Versammlungen gegeben wurde. Daraufhin hörte der Genosse Kraemer den Kommentar (Stimme Amerikas) über das Verhalten in Zukunft innerhalb des FDGB. Kraemer führte an, dass der Pautzsch genau nach den Instruktionen des RIAS die Diskussion geführt habe.

Pautzsch kam sehr gut vorbereitet mit einigen Unterlagen, Zeitungen, Verfassung usw. zur Belegschaftsversammlung. Er sprach über den Artikel 919 der Verfassung und ging dann über zum Artikel 36,20 wobei er in einer zynischen Art und Weise die Artikel lächerlich machte. Er forderte, dass die Zeitung eine Liste über die Personen herausgibt, die verhaftet wurden, warum, wann dieselben entlassen werden und wann die Aburteilung erfolgt. Er sprach weiterhin über die Sicherheitsmaßnahmen der DDR, z. B., dass Leute des Nachts aus dem Bett gerissen worden wären.

Er forderte Urabstimmung in sämtlichen Organisationen sowie Neubildung der Regierung und der Volkskammer unter der Wahl des Zweilistensystems, denn es ist eine Unmöglichkeit, dass wir eine Regierung haben, die nur von einer Partei abhängig ist. Die weiteren Äußerungen sind aus dem zu empfangenen Protokoll ersichtlich.

Diese Ausführungen von Pautzsch wurden sehr stark von Beifall und Trampeln sowie Begeisterungsausrufen unterbrochen. P. diskutierte auf eine sehr geschickte Art und Weise und Kr. führte an, dass er die Masse hinter sich habe.

Am 9.7.1953 sprach Dr. Kraemer mit dem Minister Selbmann, der ihm folgende Anweisung unterbreitete: Es muss eine genaue Liste des ZKB mit Charakteristiken erstellt werden, die genau aufzeigt, welche Personen sich provokatorisch verhalten haben bzw. verhalten und wer mit diesen sympathisiert. Diese Liste soll dem Genossen Selbmann bis spätestens 10.7.1953 [am] Abend vorgelegt werden. Weiterhin werden zuerst, so führte Selbmann an, die Provokateure aus dem Betrieb umgehend entlassen mit dem wahren Entlassungsgrund der Provokation.

Sollten Solidaritätskundgebungen stattfinden, so muss mit den Kollegen gesprochen werden, ob sie gewillt sind, weiterhin zu arbeiten, wenn nicht, werden sie ebenfalls entlassen. Vorerst sollen die negativen Personen mit den I-Gehältern21 entlassen werden.

Dr. Kraemer unterbreitete vorerst die Namen von fünf Personen, die dem Minister Selbmann zur Entlassung vorgelegt werden. Gleichfalls wird dem Minister Selbmann eine Charakteristik sowie das Verhalten der einzelnen Personen zugestellt. Dr. Kraemer nannte die Kollegen: Pautzsch, Gelbert, [Name 1], [Name 2] [und] [Name 3]. Weiterhin sollen noch einige Kollegen infrage kommen, deren Namen er aber jetzt noch nicht nennen konnte.

Geplanter Sitzstreik im EAW J. W. Stalin, Zweigwerk Rummelsburg:

Am 9.7.1953, um 9.00 Uhr, wurde durch den BS-Leiter des Zweigwerkes Rummelsburg mitgeteilt, dass die etwa 400 Belegschaftsmitglieder der Montagehalle von 14.00 bis 15.00 Uhr einen Sitzstreik vorbereiten. Der Sitzstreik soll gleichzeitig ein Protest für die sofortige Freilassung des inhaftierten Kollegen Steinbrecher sein, außerdem werden Forderungen wie: 1. Sofortige HO-Preissenkung, 2. Freie geheime Wahlen verlangt. Diese Forderungen sollen in der Montagehalle von Mann zu Mann weitergegeben werden und wo sich mittels Listen jeder eintragen soll.

Bis 9.00 Uhr früh waren etwa 25 Personen über den geplanten Sitzstreik in der Montagehalle informiert. Für den geplanten Sitzstreik um 14.00 Uhr wurde plötzlich von der BGL eine Produktionsbesprechung einberufen. Diese Besprechung verlief ohne weitere Störungen. Der Sitzstreik fand nicht statt. Weiter wurde mitgeteilt, dass im Betrieb verbreitet wurde, dass im Betrieb Siemens-Plania am 8.7.1953 ebenfalls ein Sitzstreik stattgefunden haben soll.

Mit der Parteiorganisation des EAW J. W. Stalin und dem Betriebsleiter Altenbrandt wurde abgesprochen, diesen Sitzstreik dadurch zu vermeiden, dass in der Zeit von 14.00 bis 15.00 Uhr für die gesamte Montagehalle im Speisesaal eine Produktionsbesprechung stattfinden wird. Es wurde somit vermieden, den geplanten Sitzstreik durchzuführen.

Die Produktionsbesprechung verlief im Allgemeinen ruhig, bis auf die Forderung aller Kollegen, die sofortige Freilassung des inhaftierten Steinbrecher zu erfüllen. Alle anderen Fragen bezogen sich mehr oder weniger auf innerbetriebliche Art [sic!]. Es wurde in Erfahrung gebracht, dass die Leitung zur Auslösung eines Sitzstreiks in den Händen zweier Leute liegen soll, die im ZKB beschäftigt sind.

Die Bauarbeiter beim Rundfunk (Straße zum Wendenschloss, an der rechten Seite, kurz vor der Schiffswerft) versuchten, am 9.7.1953 einen Sitzstreik auszulösen, weil einer ihrer besten Brigadiers seit dem 17.6. nicht mehr auf der Baustelle erschienen ist. Die Frau dieses Brigadiers hat die Kollegen ihres Mannes, die ebenfalls in der Republik wohnen, aufgesucht und sich nach ihrem Mann erkundigt. Dies löst den Beschluss auf der Baustelle aus, einen Sitzstreik durchzuführen, damit ihr Kollege freikommt, weil sie vermuten, dass er verhaftet ist. Der Streik wurde von der Kreisleitung der SED Köpenick unterbunden mit dem Hinweis, dass sie heute Mittag um 12.00 Uhr (10.7.1953) eine Antwort erhalten über den Verbleib des Brigadiers. Der Brigadier wird als ein qualifizierter, ehrlicher Mensch, der nichts mit den Provokateuren zu tun hat, eingeschätzt.

Mitteilung aus Jena am 11.7.1953, gegen 11.00 Uhr:

Zurzeit wird der Sitzstreik von 1 500 Personen im Werk durchgeführt. Dieser Streik verteilt sich auf drei Abteilungen. Die Streikenden verhalten sich ruhig, Diskussionen finden nicht statt. Sie sitzen entweder an ihrem Arbeitsplatz oder lehnen sich aus den Fenstern. Der Staatsanwalt befindet sich zurzeit im Werk und spricht zu den Streikenden. Auch Vertreter der Kreisleitung der SED sind im Werk anwesend. Nicht erschienen sind bisher Vertreter der SED-Bezirksleitung. Letztere waren gestern in Jena, aber nur in der Kreisleitung der SED. Die Organisatoren des Streiks sind zum Teil bekannt.

Bemerkenswert ist, dass vom FDGB Abteilungs- und Belegschaftsversammlungen einberufen und durchgeführt werden während der Arbeitszeit. Dies muss bei den Arbeitern den Eindruck erwecken, als ob es auf die Steigerung der Produktion gar nicht22 ankäme, dass man jetzt also die Arbeitszeit ruhig verwenden kann zu Zusammenkünften, Diskussionen usw. Darüber hinaus entzieht sich der Ablauf der Versammlungen häufig jeder Kontrolle, die Partei hat in der Regel kein rechtes Bild, was wird dort gesprochen, und vor allen Dingen keine Kontrolle bzw. auch keine Linie über das, was gesprochen wird. Es ist zweifellos notwendig in Bezug auf das zu Sprechende und das zu Versprechende eine einheitliche Linie zu schaffen, damit durch diese Versammlungen nicht mehr Schaden als Nutzen herbeigeführt wird.

Die Lage bei Zeiss Jena, 14.00 Uhr:

Der Sitzstreik wurde zunächst in drei kleineren Abteilungen mit ungefähr 125 Mann durchgeführt. Der Streik breitet sich jedoch auf größere Abteilungen aus, sodass dann 325 Belegschaftsmitglieder streikten. Zuletzt griff der Streik auf die MBL über, und es waren somit 2 000 Streikende zu verzeichnen.

Anschließend fand eine Aussprache mit dem Direktor und dem leitenden Personal statt. Es sprachen der sowjetische Kommandant, Schrade23 als Betriebsleiter sowie Staatsanwalt Wolf24 über die Forderung Norkus.25 Es wurde mitgeteilt, dass es sich hierbei um einen Verbrecher handelt.

Das leitende Personal wurde aufgefordert, in die Abteilungen zu gehen und darauf hin wurde in der MBL26 auch die Arbeit wieder aufgenommen. Zurzeit führen nur geringe Kräfte den Streik durch. Zu irgendwelchen Ausschreitungen ist es nicht gekommen.

Ein Übergriff auf die Schott-Werke Jena, Jenapharm, ist nicht zu verzeichnen. Diese Störungen beschränken sich nur auf das Zeiss-Werk selbst. Schwerpunkt ist die Abteilung MBL. Bis 14.30 Uhr arbeiten noch 1 000 Belegschaftsmitglieder, anschließend arbeitet die nächste Schicht wieder mit 1 000 Mann. Nach Meinung einiger Genossen wäre es nie zu diesen Ausschreitungen gekommen, wenn die Partei sowie die BGL aktiv in Erscheinung getreten wären.

Baustelle Stalinallee fordert Lebensmittelausgleichkarten für Bauarbeiter aus der DDR, VEB Volksbau, Baustelle E-Süd, Stalinallee am 10.7.1953:

Es handelt sich um eine kleine Baustelle (Fassadenputz) von 21 Mann. Rücksprachen ergaben folgendes Bild: Die Maschinistin [Name 4] erklärte: Am Freitag war unser BGL-Vorsitzender Krohn, der unsere Baustelle betreut, hier, dabei traten die Rüster an ihn heran mit dem Wunsch, er möchte sich dafür einsetzen, dass sie die Ausgleichskarte Berlin–DDR wieder bekommen. (Von den 10 Rüstern wohnen 9 in der DDR.)

Alle Rüster haben diese Ausgleichskarte früher bereits erhalten, zumal diese Ausgleichskarte ihnen vom 1. Vorsitzenden des FDGB versprochen sei. Daraufhin suchten der BGL-Vorsitzende und der Brigadier der Rüst, [Name 5], den Genossen Höding auf und verlangten Bescheid, wenn sie die Karten, die ihnen von Warnke27 versprochen seien, wieder bekommen würden. Beide erklärten dabei, dass alle Bauarbeiter aus der DDR, die in Berlin arbeiten, auf diese Karten warten. Genosse Höding28 erklärte ihnen, dass noch von keiner Stelle entschieden sei, sie würden aber bis Sonnabend Mittag Bescheid bekommen. Baul[eiter] [Name 6] sagte, dass es sich bei allen 21 Kollegen um ruhige Menschen handelt, die bestimmt nicht an das Streiken denken. Die Kollegen aus der DDR sagen aber, wenn wir die gleiche Arbeit wie unsere Berliner Kollegen machen, müssen wir auch die gleiche Karte bekommen, zumal wir sie ja gehabt haben. Sie finden dabei auch die Zustimmung der anderen Kollegen.

Genosse Skole29 (ehemaliger Parteisekretär) von der Zentrale zeigte den Kollegen in der Frühstückspause auf, dass man doch den Vorschlag des Vorsitzenden des FDGB nicht so schnell prüfen könne. Er versprach ihnen, sich mit dafür einzusetzen, dass dieses schnellstens geschieht. Er sagte ihnen aber sehr klar, dass das nicht in ein paar Tagen geschehen könne. Die Kollegen sahen das auch ein, sagten aber, wenn man uns etwas verspricht, muss man es auch halten.

Als sich alle Kollegen schon einig waren, erschien der Genosse Gutzeit, Parteisekretär Block 40,30 mit den Worten: »Ich habe gehört, ihr wollt ab 12.00 Uhr streiken.« Er sagte zum Brigadier [Name 5]: »Du hast von uns eine Wohnung in der Stalinallee bekommen und jetzt machst du so etwas.« Die Kollegen wurden dadurch etwas aufgeregt und sagen: »Wenn man eine Wohnung in der Stalinallee hat, darf man dann nicht seine Meinung sagen? Im Übrigen, jetzt kommst du, wir waren uns ja schon vollständig einig und denken gar nicht daran zu streiken.«

Außerdem kamen noch zwei Kollegen von IG Bau-Holz dazu, die aber auf den Wunsch des Genosse Skole nicht mehr viel eingriffen. Sie sagten nur: »Kollegen, wir wollen doch alle keinen zweiten 17. Juni mehr.« Die Kollegen gaben ihre Zustimmung.

Die allgemeine Stimmung auf der Baustelle ist, die Kollegen sagen: »Was man verspricht, das muss man halten. Im Übrigen wollen wir arbeiten, jetzt kommen dauernd irgendwelche Leute hierher. Es wäre besser gewesen, die Gewerkschaften und auch die Partei hätten uns früher richtig verstanden, dann wäre es gar nicht zu einem 17. Juni gekommen.«

Anlage 2 vom 11.7.1953 zur Information Nr. 1011 (1. Expl.)

Information Nr. 1011b: Zur Lage der Versorgung der Bevölkerung

Es machen sich im verstärkten Maße Mängel in der Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln, Textilien und Hausbrand bemerkbar. Dies ist auf verschiedene Mängel zurückzuführen. So fehlt es an einer genügenden Warenbereitstellung bzw. wird die Lebensmittelindustrie im volkseigenen sowie privat[en] Sektor nicht voll ausgelastet, da ihr nicht im zureichenden Maße Rohstoffe zur Verarbeitung gestellt werden. So besteht z. B. im Bezirk Dresden ein Mangel an Rohstoffzuweisung für die Lebensmittelindustrie besonders der HO und Konsum-Bäckereien, welche an Fettmangel leiden und wodurch eine Qualitätsverminderung der Waren auftritt.

Vom Rat des Bezirkes Dresden, Ref. Nahrungs- und Genussmittelindustrie, wurden Zusatzlieferungen an verschiedenen Rohstoffen gefordert, welche jedoch bisher seitens der Planinspektion des Ministeriums für Lebensmittelindustrie noch nicht genehmigt wurden. Dadurch tritt laufend in Erscheinung, dass insbesondere die privaten Lebensmittelindustriebetriebe, welche eine höhere Zuteilung aufgrund der neuen Beschlüsse an Rohstoffen beim Rat des Bezirkes fordern, diese nicht erhalten können. Dadurch werden diese Betriebe nicht 100%ig ausgelastet. Die Forderung der privaten Industriebetriebe auf größere Zuteilung von Rohstoffen nimmt immer breiteren Rahmen ein.

Es bestehen weiterhin Schwierigkeiten bei der Rückgabe von Geschäften an Privatbesitzer, da diesen Privathändlern noch keine Kontrollziffern zugestellt werden konnten und sie auch keine Ware aus der volkseigenen Industrie erhalten. Die HO kann nicht genügend Agenturverträge mit dem Privateinzelhandel abschließen, da sonst diese Waren in den HO-Verkaufsstellen fehlen.

Festzustellen ist jedoch, dass vonseiten des Ministeriums für Handel und Versorgung sowie der einzelnen Fachministerien und zentralen Leitungen keine Richtlinien vorliegen. Zum Teil wird durch bürokratisches bzw. fehlerhaftes Verhalten von verantwortlichen Stellen die Versorgung der Bevölkerung noch behindert oder gestört.

So hat die VEAB Dippoldiswalde, Bezirk Dresden, es trotz des reichlichen Gemüseangebotes nicht verstanden, die Warenlieferung gut zu organisieren, so wurde dem Konsum Possendorf, der direkt neben einer Gärtnerei liegt, nicht genehmigt, dass er das Gemüse der Gärtnerei sofort verkaufen kann. Das Gemüse musste erst zur VEAB gebracht werden, von dieser gelangte es in die Konsumzentrale und erst von dort aus zurück in die Verkaufsstelle nach Possendorf.

Im Kreis Strausberg, Bezirk Frankfurt/Oder, lagern ca. 5 800 Gläser Putenfleisch mit Reis. Diese Gläser wurden im Januar 1953 hergestellt, da sie infolge des Geflügelüberangebotes nicht abzusetzen waren. Der Preis pro Glas beträgt 3,50 DM. Die Gläser sind jedoch nur begrenzt haltbar und müssen kurzfristig wegen der warmen Jahreszeit abgesetzt werden. Ein Absatz innerhalb des Bezirkes sowie in anderen Bezirken wurde vom Konsumverband eingeleitet, dies hatte jedoch wenig Erfolg, da fast überall Überplanbestände an Fleischkonserven vorhanden sind. So ist ein kurzfristiger Absatz nur bei einer Preisherabsetzung möglich. Dazu ist jedoch die Genehmigung vom Ministerium für Handel und Versorgung sowie vom Ministerium der Finanzen erforderlich. Minister Wach31 wurde persönlich vom Konsumverband davon in Kenntnis gesetzt, jedoch ist bisher noch keine Entscheidung darüber getroffen worden.

Große Schwierigkeiten bestehen in der Versorgung der Schwerpunktbetriebe mit alkoholfreien Getränken, da die Getränkeindustrie nicht über genügend Flaschen verfügt und dadurch die Versorgung stockt. So wurden in Stalinstadt 30 000 Stk. Flaschen zusätzlich angefordert. Der Rat des Bezirkes, der Beauftragte des Ministers Wach und die Staatliche Kontrolle wurden eingeschaltet, jedoch blieb die Lage unverändert.

Teilweise ist es auch auf die Unfähigkeit der verantwortlichen Stellen zurückzuführen. So zeigt sich z. B. bei der Kollegin Weite, Abteilungsleiterin für Handel und Versorgung im Kreisrat Riesa, eine teilweise Unfähigkeit bei der Durchführung der Ministerratsbeschlüsse. Die Kreisparteileitung der SED und der Vorsitzende des Rates des Kreises wissen seit ca. einem Vierteljahr von ihrer Unfähigkeit, jedoch hat man bisher noch keine Veränderungen vorgenommen.

Versorgungsschwierigkeiten sind immer noch besonders an Fettstoff, Zucker, Nährmittel und Kartoffeln vorhanden, da zum Teil der Bedarf an diesen Gütern höher liegt als diese Waren vorhanden sind. So reichen z. B. im Bezirk Frankfurt/Oder die zugewiesenen Kontingente in Nährmittel und Marmelade nicht aus, um die Nachfrage des Bedarfes der Bevölkerung zu decken. So besteht bei Nährmitteln eine geplante Menge von 565 Tonnen, während nur 438 Tonnen zugewiesen wurden. Dabei besteht noch ein zusätzlicher Bedarf von 200 Tonnen. Bei Marmelade beträgt die geplante Menge 230 Tonnen, zugewiesen wurden nur 223 Tonnen. Auch hier besteht ein zusätzlicher Bedarf von 150 Tonnen. Hinzu kommt, dass die zugewiesenen Mengen gleichzeitig noch für die Versorgung der Ferienlager ausreichen müssen, dafür diese keine Kontingente an Nährmitteln und Marmelade zur Verfügung stehen. Dadurch tritt ein starker Mangel an diesen Erzeugnissen bei der Versorgung der Bevölkerung auf.

Im Bezirk Dresden werden, um die Bedürfnisse der Bevölkerung restlos zu decken, folgende Lebensmittel benötigt: Butter, Margarine, Hülsenfrüchte, Nährmittel (Reis, Gries, Haferflocken, Erbsen, Linsen, Eierteigwaren, Stärkemittel, Süßwaren).

Im Bezirk Frankfurt/Oder tritt ein starker Mangel an HO-Zucker auf. So ist die erste Freistellung von Zucker restlos vergriffen. In verschiedenen Landgemeinden wurde bis zum heutigen Tage noch kein HO-Zucker verkauft. Bei32 Margarine ist die Kartenversorgung gewährleistet, es wird jedoch beim Verkauf auf HO-Basis festgestellt, dass die Nachfrage bedeutend höher ist als das Angebot. Das Gleiche trifft auch bei Butter zu.

Auch im Bezirk Dresden reicht die Versorgung bei Butter und Margarine nicht aus, um jeden Einwohner des Bezirkes im Monat Juli 1953 125 g zur Verfügung zu stellen. Demgegenüber konnte man in Weida (Thüringen) Butter stückweise kaufen.

Die Kartoffelversorgung ist gleichfalls noch nicht überall gesichert. So werden im Bezirk Frankfurt/Oder, wenn sie in der 3. Julidekade die Lieferung von 1 000 Tonnen Frühkartoffeln nach Berlin erfüllen, sie nicht in der Lage sein, die Bevölkerung des Bezirkes ausreichend zu beliefern.

Der Aufkauf landwirtschaftlicher Erzeugnisse besonders bei Vieh ist ebenfalls noch nicht befriedigend. So zeigt der Aufkauf von landwirtschaftlichen Erzeugnissen bis 30.6.1953 im Bezirk Dresden folgendes Bild:

  • Aufkauf (Soll): 45,0 Rind, 35,0 Schwein, 30,0 Milch, 70,0 Eier;

  • Aufkauf (Ist): 17,5 Rind, 31,3 Schwein, 12,6 Milch, 74,7 Eier.

Zur Planerfüllung für das 2. Quartal fehlen 7 552 Tonnen Fleisch (lebend Vieh) und 646 Tonnen Butter.

Im Bezirk Frankfurt/Oder ist gleichfalls die Bereitstellung an Lebendvieh seit 14 Tagen mangelhaft und geht nur schleppend vorwärts. Durch die Schwierigkeiten, welche sich in der Versorgung besonders im Bezirk Dresden ergeben, besteht eine sehr [an]gespannte und ernste Lage. Besonders in der allgemeinen Versorgung mit Nährmitteln, Teigwaren und Marmelade, da diese Warenarten in Kürze aufgebraucht sind. Hinzu kommt, dass diese Warenmengen ebenfalls wie im Bezirk Frankfurt/Oder für die Versorgung der Ferienlager benötigt werden.

Sie wurden aus allgemeinen Handels- bzw. Großverbraucherkontingenten entnommen. Um die Butterbelieferung auf Markenbasis sowie im vorgesehenen Umfang auf HO-Basis weiterhin durchführen zu können, ist es notwendig, dass der Bezirk Dresden bis spätestens 20.7.1953 vonseiten des Ministeriums für Handel und Versorgung ca. 300 Tonnen Butter aus weiteren Eingängen von Importen zur Verfügung gestellt werden, da auch sonst hier ernste Schwierigkeiten auftreten.

Trotzdem noch nicht alle Nahrungsmittel ausreichend vorhanden sind, treten immer wieder Fälle auf, wo Nahrungsmittel in Verderb übergehen. So mussten vom HO-Lager Dippoldiswalde, Bezirk Dresden, mehrere Kisten Bockwurst und andere Wurstsorten, welche verdorben waren, weggeworfen werden, was bei der Bevölkerung besonderen Unwillen hervorrief.

Gleichfalls ist die Bevölkerung unzufrieden, wenn bekannt gegeben wird, dass – wie es die Presse im Bezirk Dresden getan hat – ab 1. bzw. 3.7.1953 genügend Butter in der HO zum Verkauf gelangen, dies nicht auf Wahrheit beruht.33

Bei Gemüse und Obst sind ebenfalls noch große Mengen dem Verderb ausgesetzt. So sind im Bezirk Dresden die aus den Orten anfallenden Gemüsemengen aufgrund ihrer schlechten Qualität nur unter großen Schwierigkeiten zu verwerten. Da die Importe mitunter bis zu zehn Tagen Laufzeit haben, kommen sie zum größten Teil vollkommen verdorben an. Ein großer Teil musste deshalb Schweinemästereien zugeführt bzw. vollkommen vernichtet werden. Die Industrie ist gegenwärtig nicht mehr aufnahmefähig, hinzu kommt, dass durch günstige Wetterbedingungen ein großer Anfall von eigenem Gemüse besteht. So kam es in den letzten Tagen vielfach zum Verderb an Gemüse. So wurden alleine in der Großmarkthalle Dresden ca. 15 Tonnen in den letzten Tagen der Schweinemast zugeführt.

Auf einer Arbeitstagung am 27.6.1953 der Abteilungsleiter der EAW34 der VEAB der Bezirke brachte der Kollege Landgraf vom Staatssekretariat für Erfassung und Aufkauf, Referat Obst und Gemüse, aus Berlin zum Ausdruck, dass er jetzt erstmalig erfahren habe, dass Importe aus anderen Ländern eintreffen würden. Es ist unverständlich, dass bei den verantwortlichen Stellen keine Abstimmung bezüglich des Aufkommens an Gemüse und Obst aus der DDR und aus Importen besteht.

Weiterhin wurde eine schlechte Stimmung in Zittau, Bezirk Dresden, hervorgerufen, da man 19 Tonnen Erdbeeren völlig verdorben in einen Steinbruch gefahren hat.

Weiterhin ist zu verzeichnen, dass durch langes Stehen Gemüse und Obst vernichtet wird. So wurden am 3.7.1953 am Bahnhof Krippen täglich zwei bis drei Güterzüge mit Gemüse aus den Volksdemokratien mehrere Tage aufgehalten, da der Verteilungsplan noch nicht fertig war. Am 5.7.1953 wurden zehn Güterwagen mit verdorbenem Gemüse zum Dresdner Zoo befördert.

Eine weitere Schwierigkeit bei der Versorgung der Bevölkerung ist der Mangel an Transportmitteln und Verpackungsmaterial. So herrscht z. B. bei der VVB Kraftverkehr Dresden ein erheblicher Mangel an Ersatzteilen, besonders Kugellager, sodass Wagen stillstehen und nicht eingesetzt werden können.

Bei der Reichsbahn fehlen immer noch genügend Waggons, so konnte die Elektrochemie Hirschfelde ihr Karbid nicht verladen, da keine Waggons vorhanden sind. In Bad Schandau stehen täglich ca. 100 Wagen vorwiegend mit Grubenholz, welche von der ČSR wegen Mangel an Ladung nicht übernommen werden. Im Kreis Pirna, Bezirk Dresden, bestehen in der Lebensmittelindustrie Schwierigkeiten bei der Heranbringung von Fässern, die zur Auslieferung von Lebensmitteln dringend benötigt werden.

Um eine volle Ausnützung aller Transportmittel (Kraftverkehr) zu erreichen, muss eine bessere Zuteilung von Treibstoff erfolgen. Die bisherigen Treibstoffzuweisungen ließen es nicht zu, den privaten Einzelhändlern (Besitzer von Kleinstfahrzeugen unter einer Tonne) Treibstoff zur Verfügung zu stellen. Durch die neuen Beschlüsse unserer Regierung sofort Maßnahmen einzuleiten, um die Bedürfnisse der Privatindustrie, Handwerk und Privateinzelhandel zu befriedigen, muss diesen Personen Treibstoff zur Verfügung gestellt werden. Besonders die Einzelhändler, welche zur verstärkten Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln herangezogen werden, benötigen besonders in der gegenwärtigen Situation (erhöhte Transporte an Obst und Gemüse) diese Zuteilungen.

Die Junizuteilung dieses Jahres betrug bei VK 1 350 000 Liter und bei DK 503 000 kg. Mitte des Monats Juni wurde außer dieser Zuweisung erstmalig eine größere Menge Treibstoff zur Verfügung gestellt. Diese Sonderzuweisung betrug bei VK 1 070 000 Liter und bei DK 140 000 kg. Durch diese zusätzliche Zuteilung konnten erstmalig die Einzelhändler eine Zuteilung von 5 bis 100 Liter je Aufgabenbereich erhalten. Dies wirkte sich sehr positiv aus.

Man war überzeugt, dass diese Zuweisung auf Realisierung der Ministerratsbeschlüsse erfolge. So diskutierte z. B. der Einzelhändler [Vorname Name 1] aus Dresden, welcher vorher negativ in Erscheinung trat, sehr positiv, was sich auch auf die anderen Bevölkerungsschichten auswirkte. Es wurde jedoch festgestellt, dass die Julizuweisung eine Kürzung gegenüber der Junizuweisung vorsieht. So werden jetzt bei VK 1 340 000 Liter und bei DK 495 000 kg ausgegeben.

So wurde am 7.7.1953 bei einer Besprechung der Außenstellenleiter des Bezirks Dresden bereits festgestellt, dass die privaten Fahrzeughalter solche Gespräche führen, in denen sie äußern, das die Zuweisung Ende Juni nur ein Maulstopfen gewesen sei. Die bisherigen Bemühungen des Rates des Bezirkes beim Staatssekretariat für Kraftverkehr und Straßenwesen um weitere Zuweisungen von Kraftstoff blieben erfolglos. Es wurde mitgeteilt, dass weitere Treibstoffmengen in diesem Monat nicht zur Verfügung stehen. Wie der verantwortliche Sachbearbeiter bei der ATG35 Berlin mitteilte, ist in diesem Monat ein Engpass bei Treibstoff zu verzeichnen.

In der Versorgung der Bevölkerung mit Textilien und Haushaltsgegenständen treten ebenfalls noch Schwierigkeiten auf. Der Konsumverband Frankfurt/Oder erhielt laut Anweisung des VDK Berlin die Mitteilung, dass er Sonderkontingente aus der Staatsreserve erhalten soll. Das Sonderkontingent in Textilien (Mangelware wie Inletts, Bettwäsche usw.) sollte aus dem Lager bzw. Importlager Dresden ausgeliefert werden. Die Konsumgenossenschaften vom Bezirk Frankfurt/Oder haben sich sofort mit Dresden in Verbindung gesetzt. Feststellungen an Ort und Stelle haben ergeben, dass die Waren bis jetzt überhaupt noch nicht vorhanden sind, sodass die sofortige Realisierung der Beschlüsse des Ministerrates infrage gestellt ist.36 Der Konsumbezirksverband setzte sich sofort mit dem VDK und dem Ministerium für Handel und Versorgung in Verbindung, er erhielt jedoch bis zum heutigen Tage noch keinen näheren Bescheid.

Im Bezirk Frankfurt werden die Vertragsabschlüsse für das 3. Quartal in Textilien und Haushaltswaren immer wieder vom DHZ hinausgezögert, da angeblich die Muster für verschiedene Warengruppen nicht vorliegen.

Für den Monat Juli ist fast überall keine Vertragsbindung in der von der Konsumgenossenschaft und HO gewünschten Form durchgeführt worden. Zusatzkontingente an Industriewaren wurden bisher noch nicht realisiert. Ganz besonders werden jetzt Nägel in allen Größen verlangt, da durch die Erleichterung im Baustoffhandel eine verstärkte Bautätigkeit eingetreten ist.

Im Bezirk Dresden besteht ein großer Mangel an folgenden Industriewaren: Bettwäsche, Haushaltswäsche, Unterwäsche, Buntkleiderstoffe, Kinderwäsche [für Kinder] bis zu drei Jahren, Windeln, Badeartikel, Taschentücher, Scheuertücher, Haushaltsartikel sowie Sommerschuhe und Kinderschuhe, Sandaletten, Fahrradersatzteile und Arbeitskleidung.

In der Brennstoffversorgung sind gleichfalls noch große Lücken zu verzeichnen, sodass die Versorgung der Bevölkerung noch nicht als voll gesichert betrachtet werden kann. Wenn die in der Presse angekündigte Sommerbevorratung durchgeführt werden soll, müssen bis 31.8.1953 90 % vom Jahresplan an die DHZ geliefert werden. Laut aufgestelltem Plan durch die Materialversorgung [in] Verbindung mit dem Staatssekretariat Kohle sind nur 80 % des Jahresplanes für das Ministerium für Handel und Versorgung zur Ausgabe an die Bevölkerung vorgesehen.

Aus diesem Grunde schrieb Minister Wach an den Stellvertretenden Ministerpräsidenten Rau37 einen Brief und forderte eine Berichtigung des Planes, indem er [darauf] hinwies, dass die Kohlenlieferungen an die DHZ ungenügend sei[en]. Genosse Rau lehnte die Behandlung dieser Frage in einen schroff gehaltenen Brief an das Ministerium für Handel und Versorgung ab. Die Mitarbeiter im Ministerium Handel und Versorgung, besonders der Genosse Gehrberg, welcher im Besitz des Briefes ist, sind über den Ton desselben sehr niedergeschlagen.

Die Genossin Elli Schmidt38 versucht im Präsidium des Ministerrates den Termin für die Sommerbevorratung mit niedrigen Kohlenpreisen bis zum 31.10.1953 zu verlängern. Es gibt schon jetzt Anzeichen39, dass die Leichtindustrie ebenfalls in Schwierigkeiten mit der Kohlebelieferung gekommen ist. So hat man z. B. in Magdeburg vergangene Woche Briketts, welche für die Versorgung der Bevölkerung vorgesehen war, für die Industrie abgezogen.

Im Bezirk Dresden ist nach wie vor ein entscheidender Punkt der Unzufriedenheit der Bevölkerung die vollkommen unzureichende Kohlenversorgung. So können z. B. im Kreis Bautzen nur die wichtigsten Betriebe und Industrie mit Kohle versorgt werden. Im Kreis Zittau sprechen täglich Delegationen aus der Bevölkerung und den Betrieben bei der Kreisleitung der SED und beim Kreisrat vor und verlangen sofortige Verbesserung der Kohlenversorgung. Werktätige aus Seifhennersdorf, Kreis Zittau, bringen zum Ausdruck, dass, wenn in den nächsten vier bis sechs Wochen diese Fragen nicht geklärt sind, sie in den Streik treten wollen.

Im Allgemeinen kann man den Diskussionen der Bevölkerung entnehmen, dass trotz der eingetretenen Verbesserungen betr. der Versorgung der Bevölkerung mit Butter, Margarine, Zucker, Fisch und Fischkonserven noch zum Ausdruck kommt, dass man bis jetzt noch nicht von einer Verbesserung der Lebenslage der Bevölkerung sprechen kann, sondern nur von der Wiederherstellung des bereits einmal gewesenen Zustandes.

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