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Tagesbericht

26. August 1953
Information Nr. 1051

Im Mittelpunkt aller Diskussionen stand am 25.8.1953 das sowjetisch-deutsche Kommuniqué.1 Die Diskussion darüber erfasst immer breitere Kreise der Bevölkerung, wobei von vielen Menschen die Hoffnung zum Ausdruck gebracht wird, dass dadurch eine erhebliche Verbesserung des Lebensstandards der Bevölkerung ermöglicht wurde. Feindliche Argumente zum Kommuniqué treten jetzt verstärkt auf. Die Lage in den Betrieben ist unverändert geblieben. In der Landwirtschaft muss besonders beachtet werden, dass zzt. das Ablieferungssoll nur schleppend erfüllt wird.

Stimmung der Bevölkerung zum sowjetisch-deutschen Kommuniqué

Der überwiegende Teil der Bevölkerung – alle Schichten – diskutiert positiv über die Ergebnisse der Moskauer Verhandlungen. Das kommt in zahllosen Zustimmungserklärungen, in durchgeführten Kundgebungen und in übernommenen Produktionsverpflichtungen zum Ausdruck. Besonders wird die materielle Seite, die Streichung der Reparationsverpflichtungen und Staatsschulden sowie die Gewährung von Krediten und die Rückgabe der SAG-Betriebe, begrüßt. Die Bevölkerung erwartet in diesem Zusammenhang in kurzer Zeit eine erhebliche Steigerung des Lebensstandards, besonders durch eine Preissenkung in der HO.

Der Brigadier [Name 1] von der MTS Kussewitz, Bezirk Rostock, sagte: »Die Hilfe der Sowjetunion bringt uns einen gewaltigen Schritt vorwärts, sodass wir im nächsten Jahr mit weiteren Preissenkungen rechnen können und somit sich unser Lebensstandard erhöhen wird.«

In Oberschlemaer Schächten wurden in Kurzversammlungen Selbstverpflichtungen übernommen, in einem Schacht allein 30 Verpflichtungen zur Steigerung der Produktion.

Der werktätige Bauer [Name 2] aus Alt Käbelich, Kreis Strasburg, Bezirk Neubrandenburg, Mitglied der DBD, sagte: »Es liegt jetzt an uns, die Friedensvorschläge der Sowjetunion zu unterstützen«, und verpflichtet sich, 750 kg Schweinefleisch, 200 kg Rindfleisch, 2 000 kg Milch, 1 000 Eier und 100 kg Ölfrüchte über sein Soll hinaus abzuliefern.

Der Kollege [Name 3] vom VEB Mercedes-Werk Suhl sagte: »Für uns ist das Kommuniqué ein gewaltiger Vorteil. Die Summe, die wir nicht mehr als Reparation zu bezahlen brauchen, können wir jetzt für uns aufwenden, und die haben wir meines Erachtens auch durch HO-Preise aufbringen müssen. So nehme ich an, dass bald eine Preissenkung kommen wird.«

Verbreitet ist nach wie vor der Unglaube an den Erfolg der Vorschläge und Beschlüsse der Sowjetregierung, weil jene Skeptiker, die zwar formell die Verhandlungsergebnisse anerkennen und begrüßen, sich noch zu stark auf die Westmächte orientieren und meinen, der Westen würde sich sowieso und auf keinen Fall auf diese Dinge einlassen.

Der Schiffsschlosser [Name 4], parteilos, von der Peene-Werft Wolgast, sagte: »Ich erkenne die Note der Sowjetunion an und begrüße sie. Ich hege aber Zweifel, ob die Westmächte darauf eingehen werden.«

Die in Magdeburg verbreitete Meinung von der Arbeitslosigkeit in den SAG-Betrieben nach Übereignung taucht jetzt auch in mehreren SAG-Betrieben von Leipzig auf.

Die negativen Diskussionen drehen sich meist um die alten Argumente, Oder-Neiße-Grenze, Reparationen, Kriegsgefangene, schließlich die ganz abstrakten wie »Propagandarummel« usw., die aber gegenüber den konkreten gegnerischen Argumenten mehr in den Hintergrund getreten sind. Die gegnerischen Argumente stützen sich im Wesentlichen auf westliche Agenturmeldungen. Der RIAS brachte am 24.8.1953, das Rote Kreuz habe 100 000 Kriegsgefangene in der SU registriert, die SU dagegen spreche nur über die Rückführung von 13 000.

Offensive gegnerische Diskussionen treten oft nur an bestimmten Punkten, dort aber umso konzentrierter auf. In der Leipziger Kugellagerfabrik wird das Kommuniqué von der übergroßen Mehrheit der Arbeiter, der Angestellten und der Intelligenz positiv aufgenommen. Lediglich in der Abteilung Härterei werden hetzerische Meinungen verbreitet und alles Fortschrittliche ins Lächerliche gezogen.

Der selbstständige Bäckermeister [Name 5], früher aktiver Nazi, aus Aue, sagte: »Dies ist doch nur eine Reklame für die Wahl am 6. September im Westen, damit sie mehr Stimmen erhalten. Wenn das alles vorbei ist, dann bekommen wir wieder eins auf den Deckel.«

Der BHG-Angestellte [Name 6] (CDU) aus Teistungen, Kreis Worbis, Bezirk Erfurt, äußerte sich: »Die Vorschläge von Russland sind gut, jedoch wurden in dieser Erklärung die Gebiete östlich der Oder-Neiße-Linie nicht erwähnt, wir hatten zumindest auch über den Verbleib dieser Gebiete im zukünftigen Friedensvertrag eine Stellungnahme erwartet.«

In der Tuchfabrik Großenhain, Bezirk Dresden, wurde in Diskussionen zum Ausdruck gebracht, es sei dringend notwendig, dass die SU eine Liste über die noch in der SU befindlichen Kriegsgefangenen veröffentlicht und dass sie Auskunft über die politisch Inhaftierten gibt, damit zumindest deren Angehörige benachrichtigt werden.

Im VEB Minimax, Bezirk Potsdam, wurde die Frage gestellt, wie es möglich sei, dass jetzt auf einmal Kriegsgefangene freigelassen werden. Bisher sei doch immer gesagt worden, dass in der SU keine Kriegsgefangenen mehr sind.

In Westberlin sind Stimmen über die Note und das Kommuniqué nur vereinzelt festzustellen. Das liegt daran, dass die Westberliner Bevölkerung vollkommen ungenügend informiert ist und im Wesentlichen nur die entstellten Berichte und Kommentare der Westpresse liest.

An der Stempelstelle in der Sonnenallee unterhielten sich die Erwerbslosen nicht über das Kommuniqué und die Note. Offensichtlich waren sie2 über den Inhalt nicht orientiert.

Von einem Westberliner wird mitgeteilt, dass man erwartet hätte, dass die Extrablätter mit dem Kommuniqué am Sonntag und Montag auch in Westberlin verteilt worden wären. Dadurch hat die Westberliner Bevölkerung die ersten Meldungen über das Kommuniqué entstellt durch die Westpresse erfahren.

Trotzdem gibt es auch in Westberlin positive Meinungen, in denen die Ergebnisse der Moskauer Verhandlungen begrüßt werden. Das wird besonders aus dem Bezirk Steglitz berichtet. Weiter wird bekannt, dass sich einige Justizangestellte der Strafanstalt Tegel positiv äußerten.

Die Lage in den Betrieben

Die Bestrebungen, FDGB-Beitragszahlungen in den Betrieben zu verweigern, halten weiter an. Zum überwiegenden Teil wird argumentiert, dass der FDGB nicht die Interessen der Arbeiter vertritt. Teilweise werden Forderungen gestellt und zum Ausdruck gebracht, dass erst nach Erfüllung dieser Forderungen wieder FDGB-Beiträge bezahlt werden. Hierbei macht sich der Einfluss des RIAS und der Agenturen3 in den Betrieben bemerkbar. Im Schlepperwerk Brandenburg werden nur 16 % der FDGB-Beiträge bezahlt.

Im Kreis Schmölln, Bezirk Leipzig, werden in mehreren Betrieben, besonders in Gößnitz, seit dem 17.6.1953 keine FDGB-Beiträge mehr bezahlt.

Im Kreis Eilenburg spricht man davon, dass man nicht weiß, warum die FDGB-Beiträge noch bezahlt werden, da der FDGB in Bezug auf wöchentliche Lohnzahlungen angeblich nicht die Interessen der Arbeiter vertritt.

Im Kunstseidenwerk Premnitz, Bezirk Potsdam, wird die Nichtbezahlung der FDGB-Beiträge damit begründet, dass sich der FDGB nicht für die Senkung der HO-Preise einsetzt.

Im Stahl- und Walzwerk Brandenburg wird gefordert, die Überstunden und Prämien beim Urlaubsgeld mit zu berechnen, andernfalls sollen keine FDGB-Beiträge mehr bezahlt werden. In diesem Betrieb werden immer mehr unberechtigte Forderungen gestellt, z. B. 20 % Erschwerniszulage und Ähnliches.

Die Stimmung im Walzwerk Kirchmöser ist aufgrund der Verurteilung eines Provokateurs beträchtlich gesunken.4 Man fordert von der BGL, sie solle sich für die Revidierung dieses Urteils einsetzen, andernfalls sollen keine FDGB-Beiträge mehr bezahlt werden.

Im Karl-Marx-Werk Babelsberg wurden in diesem Monat 40 % FDGB-Beiträge weniger bezahlt als im Juli. Von den Schichtarbeitern werden 18 Tage Urlaub gefordert. In der Abteilung Technologie herrscht eine Missstimmung über den Kollektivvertrag, und es wird rege über die Abstimmung zum Kollektivvertrag diskutiert und zum Ausdruck gebracht, »bei der zweiten Abstimmung wurden nur Mitglieder der SED bestimmt, man hat verstanden, die tatsächlichen Vertreter der Arbeiter auszuschalten«.

Mitglieder der SED machen im Schlepperwerk Brandenburg Schwierigkeiten in der Bezahlung der Beiträge.

Im Walzwerk Kirchmöser musste die Parteiaktivtagung ausfallen, da sich zu wenig Genossen daran beteiligten.

In der Zuckerfabrik in Döbeln, Bezirk Leipzig, sind seit dem 17.6.1953 31 Mitglieder aus der Partei ausgetreten, sie erklärten dazu, dass sie mit der Linie der Partei nicht mehr einverstanden sind. Dabei handelt es sich zum größten Teil um ehemalige Mitglieder der NSDAP und der SPD, welche in der Mehrzahl an Schwerpunktstellen des Betriebes arbeiten.

Durch die Stromabschaltungen häufen sich die Missstimmungen in den Betrieben. Ein parteiloser Arbeiter im RAW Gotha sagt dazu: »Die Stromversorgung ist ein schwieriges Problem und wirkt sich in unserem Werk bis auf den einzelnen Arbeiter aus. Durch die zeitweilige Sperrung der Stromentnahme an den wichtigsten Maschinen im Werk treten Betriebsstörungen auf, die die Kollegen zu tragen haben. Ich sehe die Sache so an, und das ist auch die Meinung aller anderen Kollegen, hier wird in den obersten Stellen nicht richtig geplant. Soll man doch woanders den Strom wegnehmen, aber nicht in der Produktion.«

Die Lage in der Landwirtschaft

In den Kreisen Grevesmühlen, Bergen und Putbus, Bezirk Rostock, sind die Bauern mit den immer noch stattfindenden Stromabschaltungen unzufrieden.

Es tritt in Erscheinung, dass durch die Einzelwirtschaften in der Landwirtschaft die Sollablieferung schleppend durchgeführt wird. Im Kreis Delitzsch und Eilenburg ist die Ablieferung durch die Großbauern schlecht und vonseiten der CDU wird die Meinung vertreten, die Ablieferung bis zum 31.12.1953 hinauszuschieben. Im Bezirk Potsdam sind zzt. die Einzelwirtschaften und die Großbauern als Schwerpunkt zu betrachten. So hat der Kreis Luckenwalde große Schwierigkeiten mit den Sollablieferungen. Während von 24 landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften bereits 16 ihr Soll 100%ig erfüllt haben, ist bei den Einzelwirtschaften insgesamt gesehen eine Sollzurückhaltung von 50 % zu verzeichnen. Hier macht sich wieder der Einfluss des RIAS bemerkbar.

Sehr nachteilig wirkt sich der Mangel an Ersatzteilen bei den MTS auf die Landwirtschaft aus. Arbeiter der MTS Lenzen, Bezirk Schwerin, erklären, dass sie für die Erfüllung des Planes kämpfen werden, dass man ihnen aber helfen muss, indem sie besser mit Ersatzteilen beliefert werden.

Die Mitglieder der LPG Dutzow, Kreis Gadebusch, sind mit der Arbeitsweise der MTS Roggendorf unzufrieden. Der Dreschkasten steht seit 14 Tagen still und keiner bemüht sich, ihn zu reparieren.

Im MTS-Bereich Rhinow, Bezirk Potsdam, und in der LPG Kleßen,5 Kreis Rathenow, beklagen sich die Bauern, dass ihnen Hilfe für die Druscharbeiten versprochen wurde, bis heute aber noch kein Einsatz stattgefunden hat. Es wurde noch kein Drusch durchgeführt. Die LPG-Mitglieder beabsichtigen, die LPG aufzulösen.

Feindtätigkeit

Durch Gerüchte in der DDR und laufende Zeitungsartikel in der Westpresse unter der Überschrift »Kinderlähmung gefährdet Messe« und »Epidemie in Leipzig breitet sich weiter aus«, »Die gelbe Flagge über Leipzig« wird versucht, die Menschen aus Westdeutschland und auch aus der DDR vom Besuch der Messe abzuhalten. Bis zum 25.8.1953 sind die Fälle der spinalen Kinderlähmung im Bezirk Leipzig auf 436 Erkrankungen zurückgegangen. Der demokratische Rundfunk müsste in dieser Frage aufklärend wirken.

In Jüterbog wird das Gerücht verbreitet, dass die abgenommenen Schmalzbüchsen in den HO-Verkaufsstellen verkauft werden.

Im Kreis Neuruppin und Zossen, Bezirk Potsdam, wurden durch einen Pkw Hetzschriften der NTS6 verstreut. In Lindenbrück, Kreis Zossen, wurden durch einen Ballon 2 000 Hetzschriften: »Warum muss das Volk hungern« abgeworfen. Im Werk »Rosa Luxemburg« Großräschen, Bezirk Cottbus, wurden Flugblätter verschiedener Art in einem Wagen gefunden.

Im Kreis Bernau, Bezirk Frankfurt, wurden 500 Hetzschriften, welche die Ereignisse vom 17.6.1953 behandeln, gefunden. Im Kreis Seelow, Bezirk Frankfurt, wurden 2 000 Flugblätter über den neuen Kurs unserer Regierung und Verunglimpfung unseres Justizministers, Genossin Benjamin,7 gefunden.

In der LPG Wulkow, Kreis Neuruppin, Bezirk Potsdam, wurden sechs Kühen Scheidenverletzungen zugeführt, in dem den Rindern offensichtlich mit Gewalt ein harter Gegenstand in die Scheide eingeführt wurde. Zwei Kühe erlitten innere Verletzungen und mussten notgeschlachtet werden.

Am 24.8.1953 erhielt der Rat des Bezirkes Neubrandenburg zwei fingierte Schreiben, worin das oberflächliche Abnahmeverfahren von Getreide einzustellen ist [sic!]. Feuchtigkeitsgrade und Schwarzbesatz sind dabei festzustellen. Im anderen Schreiben wird darauf hingewiesen, im Monat August auf alle Abschnitte der Lebensmittelkarte Butter auszugeben. Fingierter Absender: »Ministerium für Handel und Versorgung, Minister Wach.«

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