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Tagesbericht

7. November 1953
Informationsdienst Nr. 2014 zur Beurteilung der Situation

Die Lage in Industrie, Verkehr, Handel und Landwirtschaft

Industrie und Verkehr

Die Verpflichtungsbewegung1 zur Unterstützung des neuen Kurses hält unvermindert an. Als äußerer Anlass wird jetzt meist der Freundschaftsmonat im Allgemeinen oder der 36. Jahrestag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution genommen. Besonders in der Wismut AG ist diese Bewegung zu verzeichnen. Vereinzelt werden auch wieder freiwillige Normenerhöhungen bekannt.

Im IFA Phänomen-Werk Kamenz/Dresden erhöhten mehrere Arbeiter ihre Normen für die Herstellung verschiedener Dieselmotorenteile um 7–33 %. Selbst bei Zeiss in Jena – wie die Erfahrung lehrt, ist diese Belegschaft nur schwer für irgendwelche Probleme zu begeistern – verpflichteten sich 24 Arbeiter einer Abteilung, fortlaufend Sonderschichten zu leisten, bis die Erfüllung des Planes gesichert ist. Die Elektrobrigade der chemischen Zeche des Wismut-Objektes Auerbach fuhr eine Sonderschicht zu Ehren des 7. November2 mit 180 % Normenerfüllung. Bereits nach der Preissenkung hatte sich diese Brigade verpflichtet, 50 000 kW Strom einzusparen. Diese Verpflichtung hat sie bereits mit 80 000 kW erfüllt.

Zur Liquidierung feindlicher Spionagegruppen3 wurden wieder vereinzelt Stimmen laut. Die bekannt gewordenen Stimmen sind in der überwiegenden Mehrheit positiv. Negative Meinungen sind gering.

Im Gaswerk Rudolstadt/Gera unterhielten sich zwei Kraftfahrer. Der eine meinte: »Der Staatssicherheitsdienst ist wieder auf Achse. In Cottbus sind wieder Unruhen, wobei zwei Volkspolizisten ermordet worden sein sollen.4 Es wird keine Ruhe unter den Arbeitern in den Großstädten wieder geben.« Der andere, ehemaliges NSDAP-Mitglied, antwortete ihm darauf: »Ich glaube es auch nicht, denn man hört immer wieder, dass die Arbeiter in den größeren Betrieben unzufrieden sind.«

Im Textilwerk in Geyer/Annaberg/Karl-Marx-Stadt diskutieren die Arbeiter positiv über die Verurteilung des Agenten Lange,5 der aus dem gleichen Ort stammt. Sie sagen unter anderem, dass es ihnen unverständlich sei, wie Lange, dessen unrühmliche Vergangenheit bekannt war, Offizier der KVP werden konnte. Eine Arbeiterin sagte: »Ich finde diese Urteile nicht zu hart, denn diese Verbrecher zerstören das, was wir mit unseren Händen aufbauen.«

Aus dem Kabelwerk Oberspree Berlin verlautet, an der Versammlung, in der Generalleutnant Mielke sprach,6 hätten nur fortschrittliche Arbeiter teilgenommen. Ein Arbeiter meinte dazu: »Die Versammlung hätte in größerem Rahmen stattfinden müssen. Vor allem gehörten diejenigen in die Versammlung, die am 17. Juni mit marschiert sind und gestreikt haben.« Wie berichtet wird, haben nur sehr wenige Angehörige der technischen Intelligenz an der Versammlung teilgenommen. Einige Ingenieure aus der Abteilung Planung des Betriebes brachten zum Ausdruck, dass sie wohl solche Verbrecher, die Volkspolizisten ermorden, verurteilen. Sie bezweifeln jedoch, dass sich »anständige Menschen, wie die Intellektuellen, zur Agententätigkeit hergeben«.

Durch Produktionsschwierigkeiten – die Ursachen sind mannigfaltig – entstehen oft Unzufriedenheit und negative Diskussionen. Im VEB Stahlbau Brandenburg/Potsdam mangelt es an Aufträgen für das Jahr 1954. Die Produktionskapazität beträgt 8 Mio. DM im Jahr. Bis jetzt sind Aufträge erst für 1,1 Mio. DM vorhanden. Damit ist nicht einmal die Produktion für das 1. Quartal gesichert. Nach Meinung des Planungsleiters ist die Rentabilität des Betriebes im Jahre 1954 ernsthaft gefährdet. Die gleiche Situation herrscht in der Thälmann-Werft Brandenburg. Dort besteht die Gefahr, dass wegen Auftragsmangel und Materialsorgen 500 Arbeiter entlassen werden müssen.

Eine sehr schlechte Stimmung herrscht zzt. im Eisenhüttenkombinat »J. W. Stalin«. Am 5.11.1953 erlitten zwei Schmelzer am Hochofen bei einem Unfall so schwere Verbrennungen, dass sie nach kurzer Zeit im Krankenhaus verstarben. Die anderen Schmelzer führen diesen Unfall auf den derzeitigen akuten Mangel an Schlackenpfannen zurück und ziehen die Schlussfolgerungen, man wolle die Produktion auf Kosten der Kumpel steigern. Der Mangel an Schlackenpfannen ist vor allem durch das kürzliche Anblasen des Hochofens V entstanden, dadurch können die Abstichzeiten nicht mehr eingehalten werden. Zudem besteht seit einiger Zeit Mangel an Koks. Ein Apparatewärter bringt die Meinung vieler Arbeiter zum Ausdruck, indem er sagt: »Da wurde am Sonnabend der Hochofen V in Betrieb genommen, aber auf Kosten der anderen Öfen, denn es war bekannt, dass es an Koks und Schlackenpfannen mangelt und dass dadurch die Öfen I und IV angehalten werden mussten. Auf der einen Seite werden Wettbewerbe durchgeführt, aber auf der anderen werden nicht die Voraussetzungen dazu geschaffen.«

Die Transportraumfrage bei der Reichsbahn ist nach wie vor ernst. Oft werden Beispiele bekannt, wo Waggons nicht fristgemäß be- oder entladen oder auch gar nicht beladen und leer zurückgeschickt werden. Dabei handelt es sich in der Mehrzahl um Waggons, die zum Kartoffeltransport bestellt werden. Oft sind dann keine Kartoffeln vorhanden, weil Schwierigkeiten in der Ablieferung und Erfassung bestehen. Die Beispiele von akutem Mangel an Waggons treten jedoch weit häufiger auf und haben zuweilen ernste Auswirkungen. In der Zuckerrübensammelstelle Wietzschke,7 Gardelegen/Halle,8 sind 5 000 Ztr. Zuckerrüben dem Verderb ausgesetzt, weil ungenügend Waggons zur Verfügung gestellt werden. Der VEAB Neuruppin/Potsdam schickte am 4.11.1953 von 183 Waggons 28 leer zurück, weil keine Ladung (Kartoffeln) mehr vorhanden war.

Handel und Versorgung

Schwierigkeiten in der Kartoffelversorgung werden aus den Bezirken Neubrandenburg, Schwerin, Frankfurt/Oder, Magdeburg und Cottbus gemeldet. Im Bezirk Magdeburg liegt der Stand bei 71,9 %, bei der Bevölkerung 75,5 %, bei Großverbrauchern 51,7 %. Im Kreis Klötze/Magdeburg ist der Stand 39,2 %. In einigen Gemeinden des Kreises Fürstenwalde/Frankfurt/Oder liegt der Stand bei 35 %.

Schwierigkeiten in der Lebensmittelversorgung für Weihnachten zeigen sich in Berlin. Der Handel kann sein Weihnachtsangebot eventuell erst im neuen Jahr herausbringen, da einige Länder ihre Lieferungen nicht erfüllen. So werden die Lieferungen an Geflügel aus den Volksdemokratien Rumänien und Ungarn, die 50 % des gesamten Bedarfes der DDR für das 4. Quartal 1953 betragen, nicht eingehen. Das Gleiche zeigt sich bei den Lieferungen von Nüssen aus Rumänien. Von den Bananen sind bereits 50 % verkauft. Die Orangenlieferungen stammen aus der vorjährigen Ernte und bei der Ankunft ist ein hoher Prozentsatz bereits verdorben. Bei Äpfeln wird kein genügendes Sortiment zur Verfügung stehen, da die eingehenden Importsendungen nicht lagerfähig sind.

Schlechte Belieferung der Konsumgenossenschaften und HO-Geschäfte wird aus einigen Kreisen der Bezirke Rostock und Potsdam bekannt. So fehlt es im Kreis Wittstock in HO und Konsum an Waschmitteln aller Art, dagegen ist der Bedarf in Privatgeschäften gedeckt.

Mangel an Nahrungsmitteln verschiedener Art wird aus den Bezirken Neubrandenburg und Halle bekannt. So fehlen im Kreis Quedlinburg/Halle Frischfisch und Fischkonserven und im Kreis Ueckermünde/Neubrandenburg Speiseöl.

Landwirtschaft

Mängel in der Ablieferung von landwirtschaftlichen Produkten treten in den Bezirken Neubrandenburg, Potsdam, Leipzig und Suhl auf. Die Gründe sind verschieden: Ablehnung der Annahme von Zuckerrüben durch die Zuckerfabriken, fehlende Futtergrundlage durch schlechte Ernte, Verweigerung der Ablieferung. Der LPG »Helmut Just« in Werben/Leipzig wurde zum dritten Male bei je 21 t Zuckerrüben durch die Zuckerfabrik Lützen die Annahme verweigert. Einzel- und Großbauern wurden jedoch die Rüben abgenommen. Bauern aus Paplitz9/Potsdam wollen an die Regierung schreiben, um Futtermittel zu erhalten, wenn man eine 100%ige Ablieferung verlangt.

Bauer aus Geblar/Suhl: »Ich bin meinen Verpflichtungen gegenüber dem Staat immer nachgekommen, aber dieses Jahr schaffe ich es durch die schlechte Ernte nicht.«

Bauer aus Nauen/Potsdam: »Von mir erhaltet ihr nichts, wenn ihr mich drückt, haue ich ab nach dem Westen, das Fahrgeld habe ich schon in der Tasche.«

Durch gute Überzeugungsarbeit von verantwortlichen Funktionären wurde erreicht, dass am 4.11.1953 von den Bauern im Kreis Artern/Halle 23 t Schlachtvieh, 11,2 t Getreide, 0,8 t Hülsenfrüchte, 0,5 t Ölsaaten und 142,4 t Kartoffeln abgeliefert wurden.

Unzufriedenheit in den LPG treten im Bezirk Rostock in neun Fällen auf. Durch schlechte Buchführung ist man nicht in der Lage, die Naturalverteilung und die Bezahlung der Arbeitseinheiten ordnungsgemäß durchzuführen.

Stimmung der übrigen Bevölkerung

Diskussionen über die Preissenkung10 gehen im Allgemeinen zurück. Die positiven Stimmen sind in der Mehrzahl. Die Argumente sind die gleichen wie bisher.

Zum Monat der deutsch-sowjetischen Freundschaft11 werden in verschiedenen Kreisen die Veranstaltungen besser besucht als im Vorjahr. Dort, wo sich der Besuch dieser Veranstaltungen verschlechtert hat, liegt die Ursache zum größten Teil in organisatorischen Mängeln. Beim Demonstrationszug zum Ehrenmal in Hildburghausen/Suhl am 6.11.1953 nahmen ca. 600 Personen teil, 46 Kränze wurden niedergelegt und 20 Fahnen mitgeführt. Die Beteiligung war besser als im Vorjahr. Auch im Kreisgebiet Borna/Leipzig wurden in diesem Jahr mehr Veranstaltungen durchgeführt als zum 35. Jahrestag. Der Besuch war gut. Ein schlechtes Beispiel zeigt sich im Kreis Wittstock/Potsdam, wo eine politische Aufklärungskommission zum Monat der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft von allen Blockparteien unter Leitung der SED gebildet wurde. Der Leiter (Mitglied der SED) erschien nur zu einer Sitzung und dann nahm niemand mehr von der SED daran teil.

Zur Entlarvung der Agentengruppen wird, soweit bekannt, positiv Stellung genommen. Reinemachefrau, Justizverwaltung Magdeburg: »Die Verbrecher müssen eine sehr harte Strafe erhalten, auch die, welche die VP-Angehörigen ermordet haben. Wenn Menschen dagegen diskutieren, so muss man sie fragen, was würdest Du sagen, wenn Dein Mann dabei wäre und er hätte sterben müssen.«

Parteisekretär aus Dömitz/Schwerin: »Es wäre sehr angebracht, wenn auch in unserem Kreis und Bezirk bekannt gegeben würde, wenn Agenten gefasst werden, damit die Bevölkerung sieht, aus welchen Gründen diese Verbrecher verhaftet werden.«

Wissenschaftler der Universität Berlin: »Die Veröffentlichungen der von uns durchgeführten Prozesse sind unvollständig und oberflächlich. Man sollte mehr Beispiele anführen, wie die Agenten gearbeitet haben, damit die Bevölkerung die Prozesse und die Arbeitsweise der Agenten verstehen lernt.«

Zur Rückkehr des ehemaligen Generalfeldmarschalls Paulus12 wird von der gesamten Bevölkerung (auch Industrie und Landwirtschaft) fast ausschließlich negativ diskutiert.

Angestellte der DHZ Lebensmittel Dresden: »Ich höre nur Westsender, denn unser Rundfunk bringt ja doch nicht die Wahrheit. Ich kann nicht verstehen, dass Paulus seine Gesinnung so schnell geändert hat, na hoffentlich wird er seine Arbeit für den Westen gut machen, denn bei uns wird ihm doch alles in den Hals geschmissen.«

Organisierte Feindtätigkeit

Geringere Flugblatttätigkeit in den Bezirken Rostock, Schwerin, Potsdam, Halle, Gera, Dresden, stärker in Neubrandenburg und Karl-Marx-Stadt. Im Bezirk Gera wurde festgestellt, dass von Frankfurt/Main aus mit Ballons Postkarten eingeschleust werden, auf denen die Finder aufgefordert werden, die Karte zurückzuschicken um damit an einer Tombola mitspielen zu können, bei der »schöne Preise« gewonnen werden können. Es wird angenommen, dass auf diese Weise Menschen gesucht werden, die für solche Dinge, die aus dem Westen kommen, empfänglich sind.

In letzter Zeit wurden öfter Fälle bekannt, wo in Werften des Bezirkes Rostock sowjetische Schiffe mutwillig beschädigt wurden (Abreißen von Lichtleitungen, Verschmutzen von Möbeln in Kabinen u. Ä.).

In der Technologie der Warnow-Werft in Warnemünde wird das Gerücht verbreitet, in Mitteldeutschland seien neue Unruhen ausgebrochen.

Einschätzung der Situation

Produktionsverpflichtungen zu Ehren der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution und gute Beteiligung an den Veranstaltungen im Freundschaftsmonat zeigen das Besondere der im Übrigen unveränderten Lage.

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