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Analyse (Nr. 2/56) zur Versorgungslage

30. Juni 1956
Analyse zur Versorgungslage [Nr. 2/56]

I. Allgemeine Einschätzung

In den Bezirken ist die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln und Industriewaren häufig noch nicht den Bedürfnissen entsprechend. Es mangelt ständig an dieser oder jener Ware. Zum Teil kommen bestimmte Waren längere Zeit nicht zum Verkauf, was in der vergangenen Zeit z. B. bei Zwiebeln der Fall war. Das ruft unter der Bevölkerung große Verärgerung und negative Diskussionen hervor. Gegenwärtig besteht wieder ein Mangel an HO-Butter und -Margarine. Der Mangel ist nicht nur örtlicher Natur, sondern ist in allen Bezirken aufgetreten.

Weiterhin gibt es auch Schwierigkeiten in der Erfüllung der Erfassungs- und Aufkaufpläne, was Schwierigkeiten in der Versorgung mit HO-Fleisch und -Fleischwaren nach sich zieht. In der nächsten Zeit kann die Fleischversorgung größere Bedeutung gewinnen, da die Bezirke augenblicklich große Mengen Fleisch angeliefert bekommen, die aus Mangel an Kühlanlagen nicht bewältigt werden können.

Die Versorgung der Landbevölkerung entspricht noch immer nicht den Erfordernissen. Nach wie vor wird dieser noch nicht die genügende Beachtung geschenkt, was sich in ungenügender Belieferung usw. ausdrückt.

Unter den Handelsangestellten gibt es sehr viele Diskussionen über die Fragen der Entlohnung. Unter dem Verkaufspersonal herrscht die Meinung, dass die Entlohnung zu niedrig sei. Als Folge der schlechten Entlohnung kann die Fluktuation aus dem Handelsapparat angesehen werden.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Stimmung der Bevölkerung von der Versorgungslage stark beeinflusst wird und die Diskussionen zum großen Teil negativ sind. Diese ständige Unzufriedenheit unter der Bevölkerung rührt daher, dass zu jeder Jahreszeit die gerade benötigten Waren schlecht oder zum Teil überhaupt nicht zu erhalten sind. So gab es z. B. zu Beginn des Jahres Schwierigkeiten in der Versorgung mit pflanzlichen und tierischen Fetten, Fleisch, zum Teil Mehl, Marmelade, Kunsthonig, Fahrradketten, Popelineartikeln, qualitativ hochwertigen Schuhen usw. Es kann festgestellt werden, dass diese Schwierigkeiten nicht behoben sind, sondern sogar noch stärkere Ausmaße angenommen haben.

II. Warenmangel

In den Bezirken wird ständig Klage über Mangel an dieser oder jener Ware geführt. Oftmals ist dieser Warenmangel örtlicher Natur, aber in vielen Fällen sind bestimmte Waren in größeren Umfang im gesamten Gebiet der DDR nicht vorhanden. Im gegenwärtigen Moment ist das bei Fleisch, Fleischwaren, Butter, Margarine auf HO-Basis, Gemüse, Marmelade, Nährmitteln sowie Industriewaren wie Popelineartikeln, Fahrradketten bzw. Ersatzteilen, Fernsehapparaten und Schuhen in höheren Preislagen der Fall.

a) Versorgung mit HO-Fleisch und -Fleischwaren

In verschiedenen Bezirken macht sich ein Mangel an HO-Fleisch und -Fleischwaren bemerkbar, der im Wesentlichen darauf zurückzuführen ist, dass die Erfüllung der Erfassungs- und Aufkaufpläne nicht in jedem Fall gewährleistet ist. Im DDR-Maßstab soll der Stand der Erfüllung der Erfassungs- und Aufkaufpläne für das II. Quartal 1956 210 000 t betragen. Der Stand der Erfüllung bei Schlachtvieh per 10.5.1956 sieht wie folgt aus: Soll 316 284 t, Ist 286 135 t, Fehlmenge 30 149 t. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres betrug die Fehlmenge 15 140 t.

Voraussichtlich werden nach Einschätzung des Ministeriums für Handel und Versorgung im II. Quartal 1956 2 000 t Fleisch weniger als planmäßig vorgesehen zur Verfügung stehen. Obwohl für den Monat Juli relativ viele Verträge für Ablieferung von Schweinen abgeschlossen wurden, da höhere Preise bzw. Prämien gezahlt werden, kann bei Einhaltung der Verträge eine Schwemme an Schweinefleisch eintreten. Da ein Futtermangel besteht (es fehlen ca. 250 000 t Futtermittel) und viel Fleisch auf Bauernmärkten verkauft wird, kann aber auch die Tatsache eintreten, dass die Verträge nicht realisiert werden können, sodass im Juli ein Mangel an Fleisch besteht.

Die Planerfüllung zeigt, dass per 31.5.1956 die Erfassungspläne mit 91,7 % und die Aufkaufpläne mit 47,4 % erfüllt wurden. Der Plan für das III. Quartal 1956 liegt um 2 000 t Fleisch höher als der tatsächliche Verbrauch im III. Quartal 1955. Nach Einschätzung des Ministeriums für Handel und Versorgung soll jedoch auch im III. Quartal der Plan des Aufkommens an Lebendvieh mit ca. 6 000 t nicht erreicht werden, sodass die Fleischversorgung im August und September nicht voll gesichert sei, falls nicht durch erhöhte Importe ein Ausgleich geschaffen wird.

In den einzelnen Bezirken sieht der Erfüllungsstand bei Schlachtvieh zum gleichen Zeitpunkt wie folgt aus:

[Bezirk]

Erfassung (in t) Soll

[Erfassung]

Ist

Prozent

Aufkauf Soll

[Aufkauf] Ist

Prozent

Rostock

19 850

18 416

92,8

11 850

5 423

45,8

Schwerin

20 530

19 577

95,41

11 450

5 173

45,2

Neubrandenburg

25 130

23 321

92,8

14 300

6 629

46,4

Potsdam

23 760

22 536

94,9

12 800

6 408

50,1

Frankfurt/O.

13 190

11 992

90,92

8 150

4 666

57,33

Cottbus

15 600

14 549

93,3

10 800

4 866

45,1

Magdeburg

30 900

26 656

86,3

17 000

7 932

46,7

Halle

27 910

25 462

91,2

12 750

6 867

53,9

Erfurt

20 890

20 037

95,9

11 700

5 187

44,3

Gera

11 320

11 206

99,0

6 100

2 958

48,3

Suhl

5 120

5 033

98,3

3 650

1 913

52,4

Dresden

21 300

19 945

93,6

13 300

5 997

45,1

Leipzig

21 020

18 726

89,0

8 600

4 382

51,0

Karl-Marx-Stadt

17 980

16 916

94,1

12 950

5 324

41,1

Berlin

2 500

1 909

76,4

600

407

67,8

Bei Milch und Eiern ist die Erfüllung wie folgt: Milch: Erfassung 81,6 %, Aufkauf 49,0 %; Eier: Erfassung 86,8 %, Aufkauf 63,8 %.

Aus einzelnen Bezirken wird zur Fleischsituation Folgendes berichtet:

Bezirk Halle

Da von den einzelnen VEAB der Auftrieb nicht erfolgt, kann der Schlachthof Dessau nicht mehr ausliefern. Von den zur Überbrückung beantragten 50 t Frischfleisch wurden nur 25 t geliefert.

Bezirk Rostock

Im Kreis Grevesmühlen konnten Privatfleischereien auf Lebensmittelkarten kein Fleisch verkaufen, da keine Reserven vorhanden sind.4 Seit Beginn des II. Quartals 1956 sind hier außerdem ca. 130 t Lebendvieh zu wenig ausgeliefert worden.

Bezirk Cottbus

Nach dem Stand vom 29.5.1956 sind ca. 975 t Lebendvieh für die eigene Versorgung des Bezirkes nicht erbracht worden. Durch Zuweisung von 300 t Fleisch durch das Ministerium für Lebensmittelindustrie kann ein Teil des Bedarfes gedeckt werden. Die Ursache für das ungenügende Aufkommen an Lebendvieh zur Eigenversorgung liegt darin, dass erst für Monat Juli sehr viele Aufkaufverträge (ca. 4 800 t) abgeschlossen wurden. Nach Berechnung der VVEAB werden davon ca. 3 000 t wegen ungenügender Kühlkapazitäten nicht untergebracht werden können. Deshalb gaben die VVEAB und die Abteilung Erfassung und Aufkauf vom Rat des Bezirkes ein internes Schreiben an den Rat des Kreises, wonach ab 11.6.1956 Vieh aus den Verträgen für Juli genommen werden kann.

Bezirk Magdeburg

Im II. Quartal ist ein Rückstand von 542 t Fleisch zu verzeichnen. Der Bezirk hatte per 18.5.1956 in der Erfassung und im Aufkauf einen Planrückstand von 2 205 t. Durch Einfuhr von 1 000 t Importen wurden die bisherigen Schwierigkeiten behoben, sodass die Versorgung im Allgemeinen sichergestellt ist. Es fehlt jedoch weiterhin an Frischfleisch, insbesondere Rind, da größere Mengen Rinder in den Kreisen verendeten bzw. notgeschlachtet wurden.

Neubrandenburg

In der Versorgung der Bevölkerung mit Fleisch treten des Öfteren größere Schwierigkeiten auf, wie das z. B. zurzeit im Kreis Demmin der Fall ist. Hier erfolgt die Belieferung zum großen Teil mit Gefrierfleisch. Frischfleisch wird nur bei Notschlachtungen an die Bevölkerung ausgegeben. Der Planrückstand an Lebendvieh der VEAB an den Schlachthof betrug per 31.5.1956 40 t. Durch schlechte Ablieferung liegt der Kreis mit ca. 90 t im Rückstand. Ähnliche Situation zeigt sich auch in anderen Kreisen des Bezirkes. Unter den eingelagerten Importen im Bezirk befinden sich ca. 30 t Hammelfleisch niedriger Qualität, die zum Teil von Tierärzten als Freibankfleisch erklärt wurden. Ähnlich sieht es auch bei größeren Mengen des eingelagerten Rindfleisches aus Importen aus. Für das III. Quartal 1956 steht eine Planmenge von 3 412 t Fleisch und Fleischwaren, darunter 1 620 t aus Importen und Staatsreserve, zur Verfügung. Nach Einschätzung reicht die gesamte Planmenge nicht, da im gleichen Zeitraum im Vorjahr bei einer unzureichenden Versorgung 3 400 t verbraucht wurden. Die vorgesehene Menge kann deshalb nicht reichen, da in diesem Jahr durch fünf anerkannte Kurort-Versorgungszentren, verstärkte Kinderferienaktion und größere Anzahl Erntehelfer aus anderen Bezirken mehr Fleisch gebraucht wird. Für eine ausreichende Versorgung werden noch 150 t Aufstockung benötigt. Bemerkenswert ist, dass im Plan des III. Quartals der Anteil an Importen 50 t beträgt, was im Widerspruch zum Ministerratsbeschluss vom 14.10.1955 steht, der für Aufkommensbezirke nur einen Anteil von 10 % Importen vorsieht.5 Durch eine Handelsinspektion wurde festgestellt, dass dem Bezirk nach groben Schätzungen jährlich ca. 600 t Fleisch durch ungenaue Gewichtsangabe bei Hausschlachtungen verloren gehen. Es stellte sich heraus, dass das tatsächliche Schlachtgewicht stets bedeutend höher war als angerechnet wurde und deshalb die Kartenansprüche ungerechtfertigter Weise vorzeitig in Anspruch genommen werden.

Bezirk Erfurt

Im Bezirk gibt es Schwierigkeiten in der Versorgung der Bevölkerung mit Fleisch und Fleischwaren auf HO-Basis. Die Ursachen liegen darin, dass durch die Erfassung und den Aufkauf die notwendigen Mengen nicht aufgebracht werden. Besonders dem freien Aufkauf werden nur geringe Mengen Lebendvieh angeboten. Die Ursachen liegen darin, dass aufgrund der Prämienzahlung für Ablieferung von Schweinen in den Monaten Juli, August und September 1956 von den Bauern die meisten Verträge für Juli abgeschlossen wurden und dadurch Schweine, die sonst im Juni geliefert worden wären, von den Bauern wegen der Prämie von 100 DM zurückgehalten werden.

b) Versorgung mit HO-Butter und HO-Margarine

In den Bezirken Rostock, Neubrandenburg, Schwerin, Cottbus, Frankfurt/O., Potsdam, Magdeburg, Halle, Leipzig, Karl-Marx-Stadt und Gera besteht ein erheblicher Mangel an HO-Butter und HO-Margarine. Besonders schlecht ist die Versorgung im Bezirk Schwerin, wo die Lage äußerst angespannt ist und einer schnellsten Änderung bedarf. Bei der Anlieferung dieser Waren kommt es vor den Geschäften zu Schlangenbildung sowie negativen Diskussionen und Empörungen unter der Bevölkerung.

Die Bezirke klagen darüber, dass die Kontingente bei Weitem nicht ausreichen und zum Teil wesentlich niedriger als die zum gleichen Zeitpunkt im Vorjahr liegen. Obgleich bereits im vergangenen Jahr des Öfteren festgestellt wurde, dass die Zuteilungen in den Bezirken nicht reichten und die gleichen Mängel wie augenblicklich auftraten, wurden in diesem Jahr die Kontingente trotzdem niedriger gehalten. Die Verärgerung der Bevölkerung über den Mangel an HO-Butter und HO-Margarine wird noch dadurch verstärkt, weil gegen Ende des Monats viele Menschen darauf angewiesen sind, Butter und Margarine zusätzlich zu kaufen, da die Marken oftmals schon Mitte des Monats aufgebraucht sind. Dadurch kommt es auch vielfach unter den Arbeitern z. B. zu solchen Diskussionen, dass sie immer schwer arbeiten müssten und trotzdem mit Marmelade- bzw. Margarinestullen zur Arbeit gehen müssten. Die Hausfrauen sagen dann, dass sie, wenn sich die Lage nicht bald ändern würde, nicht mehr wüssten, was sie ihren Männern auf das Brot streichen können.6

Die ungenügende Versorgung der Bevölkerung mit HO-Butter und HO-Margarine führt, wie bereits erwähnt, dazu, dass die Bevölkerung sich danach anstellt und zum Teil auch mehr Butter oder Margarine als benötigt, aus Angst in den nächsten Tagen keine mehr zu bekommen, kauft. Im Kreis Grevesmühlen, [Bezirk] Rostock, werden z. B. Hamstereinkäufe in Margarine getätigt. Das ist vor allem auch darauf zurückzuführen, dass eine leitende Mitarbeiterin des Rates des Bezirkes Rostock in der »Ostseezeitung« einen Artikel veröffentlichte, in dem sie erklärte, dass im II. und III. Quartal dieses Jahres Schwierigkeiten in der Versorgung der Bevölkerung mit Fleisch, Fett, Kartoffeln und Marmelade eintreten würden.7

c) Nährmittelversorgung

Obwohl die Versorgung der Bevölkerung mit Getreideerzeugnissen insgesamt gesehen sichergestellt ist, wird in vielen Bezirken über die mangelhafte Belieferung mit Nährmitteln geklagt. Es handelt sich vorwiegend um Graupen, Haferflocken, zum Teil Mehl, Hülsenfrüchte usw. Die Ursachen des Mangels sind hierbei vor allem darauf zurückzuführen, dass ein Teil der Bevölkerung diese Nährmittel aus Mangel an Futtermitteln für Futterzwecke verwendet.

In einigen Fällen wird sogar aus Mangel an Futtermitteln verstärkt Brot aufgekauft. Die gleichen Erscheinungen traten bereits vor einem Jahr auf. Es wäre deshalb notwendig, der Bevölkerung mehr Futtermittel zum Verkauf anzubieten, damit in Zukunft keine hochwertigen Nahrungsmittel für die Versorgung verloren gehen. So kauften z. B. in der Gemeinde Hainberg,8 [Kreis] Wernigerode, [Bezirk] Magdeburg, mehrere Familien Brot, Graupen und Haferlocken in größeren Mengen auf. In dieser Gemeinde war das Brot bereits mehrmals um 9 Uhr ausverkauft. Sehr viel Roggen- und Weizenbrot wird auch in verschiedenen Kreisen des Bezirkes Halle gekauft. So ist z. B. im Kreis Aschersleben der Verbrauch pro Kopf der Bevölkerung im Quartal von 16 kg (Bezirksdurchschnitt) auf 25 kg Roggenbrot gestiegen. Die Konsumbäckerei Marnitz, [Kreis] Parchim, [Bezirk] Schwerin, arbeitet in drei Schichten, weil das Brot dort für Futterzwecke verwendet wird. Im Kreis Lübz hat der Rat des Kreises die Verkaufsstellen angewiesen, auf Hamstereinkäufe bei Haferflocken und Grütze zu achten. Im Kreis Gadebusch wurde in den letzten 14 Tagen ein verstärkter Brotaufkauf festgestellt. Die Konsumbäckerei in Renzow9 musste sogar die Produktion mit Brötchen einstellen, um die vorhandene Kapazität für das Brotbacken auszunutzen. Im Handelsbereich HO-Wismut Zwickau kauft die Bevölkerung größere Mengen Lebensmittel ein, da die Kartoffeln knapp werden.

d) Fischversorgung

Wie im Vorjahr, so tauchen auch jetzt wieder in der Fischversorgung die gleichen Schwierigkeiten auf. Durch überhöhte Einfuhr in die Bezirke können diese die Fische durch Mangel an Kühlanlagen, Lagerungsmöglichkeiten und ordnungsgemäßem Transport oftmals nicht in einwandfreiem Zustand an die Bevölkerung ausliefern. In verschiedenen Fällen ist Fisch sogar dem Verderb preisgegeben. Nachfolgende Beispiele können als typisch bezeichnet werden:

Bezirk Dresden

Im Versorgungs- und Lagerungskontor Fische in Dresden sind erhebliche Mengen Süßwasserfische geliefert worden, da die ausgefallenen Lieferungen aus den ersten vier Monaten 1956 jetzt nachgeliefert werden. Die verarbeitende Industrie ist nicht in der Lage, diesen Fisch kontinuierlich zu verarbeiten. Auch sind die Lagermöglichkeiten restlos ausgelastet, sodass die am Sonntag und Montag (Bericht am 9.6.1956) angekommenen sieben Waggons nicht ausgeladen werden konnten.

Im Kreis Kamenz bereitet die Fischbelieferung seit Auflösung des Großhandelskontors Fische in Kamenz große Schwierigkeiten. Das GHK für Fische befindet sich jetzt in Bautzen und hat die Kreise Bautzen, Bischofswerda und Kamenz zu beliefern, hat aber nur fünf Lkw zur Verfügung. Weiterhin wurde im Lager eine Wärme von 21 Grad gemessen. Bei Anlieferungen von Fisch muss ein großer Teil in die Abdeckerei gegeben werden. Z. B. wurden am 31.5.1956 2 t geräucherter Rotbarsch in Kamenz angeliefert, wovon 260 kg ungenießbar waren.

Bezirk Karl-Marx-Stadt

Die Schwierigkeiten liegen hier in der völlig unkontinuierlichen Anlieferung durch die Betriebe der Lebensmittelindustrie. Die Anlieferung von Heringen ist völlig ungenügend.

Bezirk Erfurt

Im Bezirk Erfurt liegen die Mängel vor allem in der schlechten Warenstreuung. Der HO-Kreisbetrieb Gotha benötigt pro Dekade 5 t Frischfisch. Da er im Monat April die angeforderte Menge nicht bekam, wurde ihm im Mai die Fehlmenge nachgeliefert. Am 30.5.1956 erhielt er vom Fischauslieferungslager Gotha drei weitere Waggons. Die Ware musste auf dem Umlageplatz des Bahnhofes gelagert werden, da der Kreisbetrieb für solche große Mengen keine entsprechenden Kühlanlagen besitzt.

Bezirk Schwerin:

Hier besteht ein Überangebot an Frischfischen, davon 71 % aus Importen. Es werden jedoch noch laufend Zwangsdispositionen des VLK Stralsund angewiesen. Da es sich größtenteils um Dorsch u. a. Rundfische handelt, besteht die Gefahr des Verderbens, weil die Nachfrage nach diesen Fischsorten nur gering ist.

Bezirk Magdeburg

Durch die verstärkte Einfuhr an Frischfisch ergibt sich, dass besonders in den ländlichen Gemeinden der Frischfisch halb verdorben eintrifft, da die Transport- und Lagermöglichkeiten für leicht verderbliche Waren noch ungenügend sind. In den Kreisen fallen Kühlanlagen wegen Mangel an Kühlmasse, Ersatzteilen und durch nicht rechtzeitigen Anschluss von neuen Kühlflächen aus. Besonderer Bedarf besteht an Heringen.

Bezirk Cottbus

Da ebenfalls Ende Mai und Anfang Juni fast die gesamte Quartalsmenge angeliefert wurde, sind z. B. in der Filiale Senftenberg 700 kg geräucherter Rotbarsch verdorben. Die Anlieferung erfolgt durch Zwangsdispositionen der Dispositionsstelle Stralsund und der Zentralstelle Fischwirtschaft in Berlin.

e) Versorgung mit Industriewaren und anderen Bedarfsgütern

Obgleich die Versorgung mit Industriewaren und anderen Bedarfsgütern im Wesentlichen besser ist, gibt es auch hier bestimmte Artikel nicht zu kaufen. Das sind z. B. Fahrradketten und andere Ersatzteile. Der Mangel an diesen Waren macht sich besonders in den ländlichen Gegenden bemerkbar, wo viele Arbeiter gezwungen sind, mit Fahrrädern zur Arbeit zu fahren. Das ruft dann unter diesen heftige Diskussionen hervor. Es kam vor, dass die Arbeiter in Versammlungen diesbezüglich Forderungen erhoben. Speziell von den Frauen wird immer wieder darüber gesprochen, dass das Angebot an modischen Artikeln noch nicht befriedigend ist. Besonders stark ist die Nachfrage nach Popelineerzeugnissen, insbesondere Mänteln. Dazu wird des Öfteren erklärt, dass doch solche Waren in genügendem Maße angeboten werden müssten. Gegenwärtig ist die Nachfrage nach Fernsehgeräten besonders hoch. Jedoch entspricht das Angebot bei Weitem nicht der Nachfrage. Zum Teil wird auch über das mangelhafte Angebot von Fahrzeugen aller Art geklagt. Die Nachfrage nach diesen Artikeln ist unter der Intelligenz besonders stark.

III. Versorgung der Landbevölkerung

Die Versorgung der Landbevölkerung ist zwar im Verhältnis zu den vorangegangenen Jahren besser geworden, sie kann aber trotzdem noch nicht als zufriedenstellend betrachtet werden. Um dieses zu erreichen, wäre es notwendig, dass der Konsum dem Landhandel noch mehr Beachtung schenkt und seine Aufgabe, die Belieferung der Landbevölkerung, besser erfüllt. Auch wird Klage darüber geführt, dass das Warenangebot noch nicht immer dem Bedarf entspricht und z. T. noch ungenügend ist. Ganz besonders trifft das für solche Waren wie Kakao, Kaffee, Fisch und Fischwaren usw. zu.

Unzufriedenheit gibt es unter der Landbevölkerung auch über das ungenügende Angebot an Textilien und modischer Bekleidung. Vielfach wird dazu erklärt, dass solche Waren doch in ausreichendem Maße in der Stadt angeboten würden, aber auf dem Lande nichts davon zu sehen wäre. Aus diesem Grunde wäre sie gezwungen ihre Waren in der Stadt zu kaufen, was für sie ein ungeheurer Zeitverlust bedeute.

Schwierigkeiten gibt es weiterhin in dem noch immer mangelhaft ausgebauten Verkaufsstellennetz sowie in Transportfragen. Besonders durch Transportschwierigkeiten können oftmals keine Waren in die Landverkaufsstellen geliefert werden. Das zeigt sich z. B. bei der Fischanlieferung; während im Augenblick ein Überangebot an Fisch besteht, wird der Landbevölkerung z. T. aus diesem Grunde kaum Fisch angeliefert.

IV. Stimmung der Bevölkerung zur Versorgungslage

Diskussionen über die Versorgungslage treten unter der Bevölkerung immer wieder dann stark zum Vorschein, wenn diese oder jene Ware längere Zeit in den Läden nicht zu erhalten ist. So sind z. B. gegenwärtig durch den Mangel an HO-Butter und HO-Margarine die Diskussionen wieder stärker angestiegen. Besonders unter Hausfrauen und unter Arbeitern wird in den Betrieben wie folgt diskutiert: »Vor Jahren war die Fettversorgung schon einmal besser gewesen.«; »So etwas dürfte es 11 Jahre nach Kriegsende nicht mehr geben.« Verschiedentlich wird dabei auch darüber gesprochen, dass der Lebensstandard in Westdeutschland höher als in der DDR sei. Begünstigt werden diese Argumente durch solche, die in Westdeutschland zu Besuch weilten, bzw. durch Personen aus Westdeutschland, die in der DDR zu Besuch waren.

In der letzten Zeit wurden die Diskussionen außerdem durch die letzte Preissenkung bestimmt.10 Im gegenwärtigen Moment sind diese bereits wieder im Abklingen. Darüber wurde zum größten Teil zwar gesagt, dass die Preissenkung eine gute Sache sei; aber nicht zu unterschätzen waren auch die ablehnenden bzw. negativen Stimmen. Letztere Diskussionen beschränkten sich vor allem auf folgende Argumente:

  • »Es sollten lieber die Preise für Lebensmittel gesenkt werden.«,

  • »Die Preise steigen sowieso wieder an« und

  • »es sind sowieso alles nur Ladenhüter«.

V. Stimmung der Handelsangestellten

Unter den Handelsangestellten nehmen die Diskussionen über die Fragen der Entlohnung einen großen Raum ein. Diese erklären, dass die Entlohnung gegenüber den Industriearbeitern zu niedrig sei und außerdem eine bessere Differenzierung der einzelnen Lohngruppen (Verkaufsstellenleiter, Verkäufer, Lagerarbeiter, Reinigungspersonal usw.) vorgenommen werden müsste.11 Die Folge der schlechten Bezahlung sind Fluktuation aus dem Handelsapparat zum privaten Handel in die Industrie usw. Dazu einige Beispiele:

  • In der HO-Industriewaren in Halle schieden in der Zeit vom 15.11.1955 bis 15.6.1956 von 99 Kollegen 71 Frauen wegen zu geringem Verdienst aus, um sich finanziell zu verbessern. Ein großer Teil der Verkäuferinnen hat einen Verdienst von ca. 240 DM.

  • Am 2.5.1956 weigerten sich drei Expedienten der Konditorei Lichtenhain, [Bezirk] Gera, die Ware einzupacken, weil sie zu ihrem Stundenlohn (1,18 DM) einen Leistungslohnzuschlag von 13 % forderten und nicht erhielten.

  • Im Kreiskonsum Jena waren in der Zeit vom 2.1. bis 31.5.1956 104 Abgänge zu verzeichnen. Die Gründe hierfür waren finanzielle Verbesserung und Arbeitsüberlastung bei verheirateten Verkäuferinnen. Das führt z. B. dazu, dass in der Ferienperiode verschiedene Verkaufsstellen geschlossen werden müssen. Ähnlich ist es noch in anderen Kreisen und betrifft hauptsächlich den Konsum.

  • In Glauchau, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, verließen im vorigen Jahr 27 Fachverkäuferinnen den Konsum, um im Staatsapparat oder VEB zu arbeiten.

  • Im Landkreis Dresden sind im vergangenen Jahr 22 qualifizierte Verkaufsstellenkräfte wegen schlechter Bezahlung ausgeschieden. So ist jetzt z. B. hiervon eine Verkaufsstellenleiterin als Flaschenwäscherin im VEB Nordstern tätig, wo sie mehr verdient und nicht diese Verantwortung zu tragen hat.

  • Im Kreis Bischofswerda mussten einige Verkaufsstellen geschlossen werden, da keine Leiter vorhanden sind.

  • Im Kreis Dresden besteht ebenfalls eine starke Fluktuation. Ähnlich ist es auch im Kreis Meißen und Riesa.

  • Im Kreis Riesa ist vor allem unter den Lagerarbeitern (mit einem Stundenlohn von 1,20 DM) die Stimmung bedenklich. Die Fluktuation ist erheblich, sodass mitunter die Warenauslieferung und die Geschäftsaufrechterhaltung gefährdet ist.

Weitere Unstimmigkeiten gibt es auch in der Umsatzplanerfüllung. Das Verkaufspersonal ist an der Umsatzplanerfüllung interessiert, weil es bei der Erfüllung Prämien erhält. Jedoch tritt die Tatsache in Erscheinung, dass oftmals durch mangelhafte Belieferung der Plan nicht erfüllt werden kann und das Verkaufspersonal somit auch nicht in den Genuss der Prämien kommt.

  1. Zum nächsten Dokument Stimmung zu den Unruhen in Posen (1)
    30. Juni 1956
    Information Nr. 45/56 – Betrifft: Stimmung zu den Provokationen in Poznan
  2. Zum vorherigen Dokument Arbeitsniederlegungen (3)
    29. Juni 1956
    Information Nr. 44/56 – Betrifft: Arbeitsniederlegungen