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Analyse (Nr. 3/56) über die Republikflucht im Juni 1956

9. August 1956
Analyse über die Republikflucht im Monat Juni 1956 [Nr. 3/56]

I.) Republikflucht im Juni 1956

[Personengruppe]

Berichtsmonat

PM 12a1

Vormonate

Gesamt

Männer

1 673

2 693

8 406

12 772

Frauen

1 828

4 611

9 939

16 378

Kinder

935

1 334

4 060

6 329

Gesamt

4 436

8 638

22 405

35 479

Soziale Aufgliederung im Verhältnis zu den Vormonaten, nach Berufsgruppen [1]:

[Berufsgruppe]

April

Mai

Juni

Spezialarbeiter

1 088

907

963

Bergarbeiter

223

155

178

Arbeiter

9 396

9 065

10 502

[Arbeiter] Gesamt

10 707

10 127

11 643

[Soziale Aufgliederung im Verhältnis zu den Vormonaten, nach Berufsgruppen (2):]

[Berufsgruppe]

April

Mai

Juni

Angestellte

469

4 537

5 354

[Soziale Aufgliederung im Verhältnis zu den Vormonaten, nach Berufsgruppen (3):]

[Berufsgruppe]

April

Mai

Juni

Bauern: Mittelbauern

152

89

109

Kleinbauern

277

170

156

Neubauern

178

125

80

Großbauern

34

51

39

LPG-Mitglieder

210

162

192

[Bauern] Gesamt

851

597

576

[Soziale Aufgliederung im Verhältnis zu den Vormonaten, nach Berufsgruppen (4):]

[Berufsgruppe]

April

Mai

Juni

[Intelligenz:] Wissenschaftler

14

4

13

Künstler

11

17

16

Ingenieure

252

189

181

Chemiker

14

3

13

Ärzte

68

60

70

Techniker

39

33

63

Juristen

6

4

3

Lehrer

331

156

135

Studenten

180

166

175

Pfarrer

9

2

6

[Soziale Aufgliederung im Verhältnis zu den Vormonaten, nach Berufsgruppen (5):]

[Berufsgruppe]

April

Mai

Juni

Handwerk: Handwerker

102

259

315

Geschäftsleute

445

313

317

Besitzer von Privatbetrieben

70

66

68

[Soziale Aufgliederung im Verhältnis zu den Vormonaten, nach Berufsgruppen (6):]

[Berufsgruppe]

April

Mai

Juni

Rentner

1 025

1 088

1 296

ohne Beschäftigung

4 176

3 536

3 882

Hausfrauen

5 251

4 481

5 023

Altersmäßige Aufgliederung:

[Altersgruppe]

April

Mai

Juni

15–18 Jahre

2 923

2 427

2 560

18–25 Jahre

7 686

7 231

8 118

25–35 Jahre

6 182

5 342

6 189

35–40 Jahre

2 133

1 887

2 064

40–50 Jahre

4 764

4 064

4 890

50–60 Jahre

3 414

3 186

3 607

über 60 Jahre

1 507

1 518

1 722

[Aufgliederung nach Parteizugehörigkeit:]

Parteien

April

Mai

Juni

SED

960

812

916

LDP

134

82

118

CDU

147

116

178

LDPD

95

83

87

DBD

97

60

43

FDJ

1 997

1 895

2 039

parteilos

27 168

24 494

27 848

Verhältnis in den Bezirken:

Potsdam

April

Mai

Juni

[Kategorie]

882

687

533

Berichtsmonat [ohne PM 12a]

347

255

313

[Berichtsmonat] PM 12a

2 086

1 698

1 849

Vormonate

3 315

2 640

2 695

Gesamt

Leipzig

April

Mai

Juni

[Kategorie]

423

229

246

Berichtsmonat

592

694

875

PM 12a

1 257

1 699

1 957

Vormonate

2 272

2 622

3 078

Gesamt

Schwerin

April

Mai

Juni

[Kategorie]

337

191

108

Berichtsmonat

230

250

253

PM 12a

1 084

861

1 108

Vormonate

1 651

1 302

1 469

Gesamt

Karl-Marx-Stadt

April

Mai

Juni

[Kategorie]

409

268

293

Berichtsmonat

849

774

1 065

PM 12a

1 773

1 552

1 865

Vormonate

3 031

2 594

3 223

Gesamt

Magdeburg

April

Mai

Juni

[Kategorie]

582

455

419

Berichtsmonat

976

716

1 094

PM 12a

2 174

1 917

2 213

Vormonate

3 732

3 088

3 726

Gesamt

Erfurt

April

Mai

Juni

[Kategorie]

399

279

268

Berichtsmonat

1 194

842

1 076

PM 12a

1 910

1 610

1 772

Vormonate

3 503

2 731

3 116

Gesamt

Gera

April

Mai

Juni

[Kategorie]

276

166

148

Berichtsmonat

385

418

311

PM 12a

584

563

682

Vormonate

1 245

1 147

1 141

Gesamt

Berlin

April

Mai

Juni

[Kategorie]

653

549

561

Berichtsmonat

99

106

120

PM 12a

2 202

1 981

1 887

Vormonate

2 954

2 636

2 568

Gesamt

Neubrandenburg

April

Mai

Juni

[Kategorie]

455

374

276

Berichtsmonat

310

230

250

PM 12a

944

900

888

Vormonate

1 709

1 504

1 414

Gesamt

Dresden

April

Mai

Juni

[Kategorie]

337

268

212

Berichtsmonat

948

1 120

1 174

PM 12a

1 956

2 180

2 351

Vormonate

3 241

3 568

3 737

Gesamt

Rostock

April

Mai

Juni

[Kategorie]

431

367

273

Berichtsmonat

426

246

306

PM 12a

1 093

973

1 054

Vormonate

1 9502

1 586

1 633

Gesamt

Cottbus

April

Mai

Juni

[Kategorie]

241

199

195

Berichtsmonat

227

223

295

PM 12a

617

447

790

Vormonate

1 085

869

1 280

Gesamt

Halle

April

Mai

Juni

[Kategorie]

589

551

499

Berichtsmonat

853

781

1 136

PM 12a

2 318

1 606

2 875

Vormonate

3 760

2 938

4 510

Gesamt

Frankfurt/O.

374

343

346

Berichtsmonat

138

198

156

PM 12a

613

791

765

Vormonate

1 125

1 332

1 267

Gesamt

Suhl

April

Mai

Juni

[Kategorie]

104

77

59

Berichtsmonat

181

117

214

PM 12a

362

342

349

Vormonate

647

536

622

Gesamt

Republikfluchten im II. Quartal 1956:

[Personengruppe]

April

Mai

Juni

Männer

12 864

11 551

12 772

Frauen

15 745

14 104

16 378

Kinder

6 820

5 638

6 329

Gesamt

35 429

31 293

35 479

Die Republikfluchten im Juni 1956 wurden nach den Unterlagen der HVDVP mit 35 479 registriert und erreichen somit wieder die Höhe vom Monat April. Besonders groß ist dabei der Anteil der Arbeiter, der gegenüber dem Vormonat von 9 065 auf 10 503 Republikfluchten stieg. Eine ähnliche Situation ist bei den Angestellten zu verzeichnen, wo gegenüber dem Vormonat mit 4 537 Republikfluchten ein Ansteigen auf 5 354 festgestellt wurde. Die Republikfluchten von Hausfrauen stiegen ebenfalls von 4 481 auf 5 023, während die Republikfluchten bei Rentnern von 1 088 auf 1 269 stiegen. Bemerkenswert ist auch die Republikflucht von Handwerkern, die vom April mit 102 zum Mai auf 259 und zum Berichtsmonat auf 315 anstieg.

Eine rückläufige Bewegung zeigt sich bei Lehrern, Ingenieuren sowie bei Groß-, Klein- und Neubauern. Bei diesen Berufsgruppen ergibt sich folgende Entwicklung:

[Berufsgruppe]

April

Mai

Juni

Lehrer

331

156

135

Ingenieure

252

189

181

Großbauern

34

51

39

Kleinbauern

277

170

156

Neubauern

178

125

80

An Bezirken ist besonders der Bezirk Halle zu erwähnen, wo die Republikfluchten vom Vormonat mit 2 938 zum Berichtsmonat auf 4 510 anstiegen. Beim Ansteigen der Republikfluchten im Berichtsmonat muss allerdings berücksichtigt werden, dass wiederum ein großer Teil bereits in den Vormonaten flüchtete und erst im Juni bekannt wurde.

II. Ursachen der Republikflucht

Auch im Juni 1956 sind die Ursachen der Republikfluchten wie in den Vormonaten äußerst verschiedenartig. Neben der Feindtätigkeit, die vor allem in der Beeinflussung der Bürger der DDR zur Republikflucht besteht, treten auch im Berichtsmonat wieder verschiedene Ursachen auf, die vom Gegner ausgenutzt werden, sein Vorhaben, mit dem Ziel unsere Wirtschaft zu schädigen, zu verwirklichen. Hierbei muss jedoch erwähnt werden, dass die direkte persönliche Beeinflussung durch Anschreiben von Bürgern der DDR, auch im Monat Juni zurückgegangen ist. Nach vorliegenden Unterlagen ergibt sich folgende Aufstellung:

  • Vom 26.3. bis 25.4.1956 in der DDR: 1 094 Hetzschriften »Facharbeiter und Ingenieure herhören.«

  • Vom 26.4. bis 25.5.1956 in der DDR: 110 Hetzschriften »Facharbeiter und Ingenieure herhören.«

  • Vom 26.5. bis 25.6.1956 in der DDR: vier Hetzschriften »Facharbeiter und Ingenieure herhören.«

Aufgeschlüsselt nach Bezirken ergibt sich folgendes Bild: Hetzschriften: »Facharbeiter und Ingenieure herhören« [A]; »Stellenangebote« [B]

Bezirk

[A im] April

[A im] Mai

[A im] Juni

[B im] April

[B] im Mai

[B] im Juni

Berlin

Cottbus

Dresden

638

104

Erfurt

2

Frankfurt/O.

Gera

23

4

Halle

2

22

Karl-Marx-Stadt

2

121

Leipzig

1

2

5

Magdeburg

14

Neubrandenburg

60

40

Potsdam

24

Rostock

289

42

6

Schwerin

70

39

Suhl

9

1

Gesamt

1 094

110

4

110

202

a) Verdacht der Abwerbung durch westdeutsche Dienststellen und Firmen

Auch im Berichtsmonat gibt es einzelne Republikfluchten, die auf eine organisierte Abwerbung durch den Gegner schließen lassen. So ging z. B. am 16.6.1956 der Hauptbuchhalter [Name 1] vom VEB Teerwerk Erkner, [Kreis] Fürstenwalde, [Bezirk] Frankfurt/O., nach dem Westen. Er hatte Verbindungen nach Westdeutschland und empfing ca. vier Wochen vor seiner Republikflucht den ehemaligen Konzern-Direktor Weißkopf in seiner Wohnung, wo vermutlich die Abwerbung erfolgte.

Aus der Schiffbauindustrie wurde bekannt, dass der ehemalige Produktions-Direktor der »Warnow-Werft« Warnemünde, Krög, bisher fünf leitende Angestellte und Konstrukteure aus der Schiffbauindustrie nach Westdeutschland abgezogen haben soll. K. wurde im Mai 1953 republikflüchtig und arbeitet in Hamburg im Auftrage des amerikanischen Geheimdienstes als »Betreuer« der Delegierten aus der DDR, welche an Schiffbauertagungen teilnehmen.

Eine andere Art der Abwerbung erfolgt durch westdeutsche Organe, die versuchen, Besucher von ihrer Rückreise in die DDR abzuhalten. Ein Ehepaar aus Schipkau, [Kreis] Senftenberg, [Bezirk] Cottbus, wurde bei einem Besuch in Westdeutschland durch Polizisten aufgesucht, die diese Bürger der DDR überreden wollten, in Westdeutschland zu bleiben. Weiter wird neben verschärften Kontrollen in den Interzonenzügen davon berichtet, dass in der letzten Zeit in Nürnberg Zivilpersonen zusteigen, die sich als Angehörige der »Heilsarmee« ausgeben. Diese Personen sprechen vorwiegend männliche Reisende an und versuchen sie von der Weiterreise in die DDR abzuhalten, da dort angeblich »ihre Verhaftung« stattfinden würde. Diese Personen verlassen in Ludwigsstadt3 wieder den Zug.

Eine Abwerbung ist auch in den Bemühungen der Westberliner US-Mission zu sehen,4 die mithilfe der Westberliner Arbeitsämter versucht, deutsche Facharbeiter zur Auswanderung in die USA zu bewegen. So wird davon gesprochen, dass in den USA eine erhebliche Nachfrage nach Köchen und Bäckern besteht und dass bei der amerikanischen Dachorganisation des Hotelgewerbes sowie deren Mitgliederunternehmen 1 000 offene Stellen für Einwanderer bereitstehen. Dazu werden günstige Bedingungen angepriesen, wie gute Bezahlung und sofortige Wohnung. Die Visen werden gebührenfrei erteilt (normalerweise 185 DM pro Person), außerdem wird die Überfahrt mittels eines zinslosen, nach Existenzgründung rückzahlbaren Reisedarlehens finanziert. Weiterhin liegen von der gleichen Stelle Auswandererangebote für Ingenieure, Schneider, Dreher, Fräser, Maschinenschlosser, Metallmodelbauer und andere Berufsgruppen vor. Diese Maßnahme läuft unter der Durchführung des »Flüchtlingshilfsgesetzes«, das am 31.12.1956 abläuft.5

Bei Personen, die durch Amnestie aus der Haft entlassen wurden und die DDR verlassen,6 wird vor allem durch das »Ostbüro der SPD« in persönlichen Dingen, wie Ausflug, Beschaffung von Arbeit usw., Hilfe geleistet.7 Weiter werden diese Republikflüchtigen durch das »SPD-Ostbüro« finanziell und in der Durchführung des sogenannten Verfahrens zur Anerkennung als »politischer Flüchtling« zum Erhalt des C-Ausweises unterstützt.8 Die finanzielle Unterstützung beläuft sich auf ca. 50,00 bis 100 DM pro Person. Auch darin muss eine gewisse Abwerbung gesehen werden.

b) Beeinflussung zur Republikflucht durch Westsender und Westpresse

Auch in den letzten Wochen wird in der Westpresse wieder vom Sinken der Arbeitslosenzahl gesprochen und das Fehlen von Arbeitskräften in Westdeutschland besonders herausgestellt. Neben der üblichen Hetze gegen die DDR sollen diese Sendungen oder Zeitungsnotizen dazu beitragen, Bürger der DDR zur Republikflucht zu verleiten und somit den Arbeitskräftebedarf in Westdeutschland zu decken.

So hetzt der Sender »Freies Berlin« am 21.6.1956 in der »Sendung für die Frau«: »Die Bunderepublik steuert mit Riesenschritten der Vollbeschäftigung zu und trotz der 100 000 Flüchtlinge aus der sowjetischen Besatzungszone, die allein im 1. Halbjahr 1956 kamen, wird es bald an Arbeitskräften fehlen, wenn man nicht auf die stille Reserve zurückgreift. Stille Reserve ist der Fachausdruck für die 300 000 Hausfrauen, von denen man annimmt, dass sie sich im Laufe der nächsten fünf Jahre in den Arbeitsprozess einreihen.«

Auch die Westzeitungen bringen außer ihrer Hetze gegen die DDR Hinweise über die Verringerung der Arbeitslosen und über den Arbeitskräftebedarf in verschiedenen Berufsgruppen in Westdeutschland, die Bürger der DDR zur Republikflucht bewegen sollen. Im »Telegraf« vom 2. Juni 1956 wird von einem bedrohlichen Mangel an Ingenieuren und Dozenten für die Ingenieurausbildung in Westdeutschland gesprochen.9 »Der Tag« vom 4.7.1956 schreibt unter dem Titel: »Kürzerer Instanzenweg für Flüchtlinge«: »… Es wird u. a. an eine Verkürzung des Instanzenweges sowie an eine frühere Zahlung des Taschengeldes gedacht.«10

Die Auswirkungen dieser Hetze zeigen sich in folgenden Beispielen: Der republikflüchtige Arbeiter [Name 2, Vorname] aus Zahna, [Kreis] Güstrow, [Bezirk] Schwerin, erklärte, dass er den NWDR hörte und durch Flugblätter beeinflusst wurde. Er wollte sich überzeugen wie es in Westdeutschland in Wirklichkeit wäre. Auch der Maurer [Name 3, Vorname] aus Bützow, [Bezirk] Schwerin, schrieb: »Ich bin deshalb nach dem Westen gegangen, weil ich immer wieder im NWDR gehört habe, dass die Lebenslage dort besser wäre als in der DDR

c) Republikfluchten durch familiäre Bindungen oder durch Beeinflussung von Bekannten aus Westdeutschland

Auch im Juni ist die Zahl der Republikfluchten, die auf familiäre Bindungen oder auf Beeinflussung durch Bekannte zurückzuführen sind, sehr umfangreich. Oft wird den Bürgern der DDR ein guter Arbeitsplatz und [eine] Wohnung in Aussicht gestellt und dabei die »westliche Freiheit« gepriesen. So kann im Juni vor allem festgestellt werden, dass ein großer Teil von Bürgern der DDR mit PM 12a nach Westdeutschland in Urlaub fuhr und nicht wieder in die DDR zurückkehrte, was auf die Beeinflussung in Westdeutschland zurückzuführen ist. Andererseits werden auch im Berichtsmonat wieder Angehörige von bereits republikflüchtigen Familienmitgliedern nachgezogen.

  • So wurde die Lehrerin [Name 4, Vorname] von der Hochschule für Schwermaschinenbau11 flüchtig. In einem Schreiben teilt sie mit, dass ihr Verlobter schon längere Zeit in Westdeutschland wohnt und sie ihm gefolgt sei, da er eine gute Arbeitsstelle hat, die er nicht aufgeben möchte.

  • Die Lehrerin [Vorname Name 5] von der 1. Grundschule Halberstadt, [Bezirk] Magdeburg, ging zu ihrem Mann, der bereits 1955 die DDR verließ und wegen seines guten Gehalts nicht in die DDR zurück will.

  • Auch die Lehrerin [Vorname Name 6] von der Pädagogischen Fachschule Weimar und die Verkäuferin [Vorname Name 7] aus Gotha verließen illegal das Gebiet der DDR und gingen zu ihren Verlobten nach Westdeutschland.

  • Vom Entwurfsbüro für Hochbau Meiningen, [Bezirk] Suhl, wurden zwei Personen wegen Erbschaftsangelegenheiten in Westdeutschland republikflüchtig.

  • Ein Chemiefacharbeiter aus dem VEB Kunstfaserwerk »Wilhelm Pieck« in Rudolstadt, [Bezirk] Gera, fuhr in seinem Urlaub zu Verwandten. Nachdem ihm sein Bruder Arbeit verschaffte und in seinem Hause Wohnung bot, kehrte er nicht wieder in die DDR zurück.

  • Der Maschinen-Ingenieur [Vorname Name 8] aus dem VEB Zeiss Jena stand sehr unter dem Einfluss seines Bruders, der als Pfarrer in Westdeutschland lebt. [Name 8] kehrte von einem Besuch aus Westdeutschland nicht wieder zurück.

  • Ein jugendlicher Zugschaffner aus Freiberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, fuhr in seinem Urlaub nach Westdeutschland. Durch Beeinflussung kehrte er nicht mehr in die DDR zurück.

  • Ein Facharbeiter des VEB Signalinstrumentenfabrik Klingenthal,12 [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, fuhr mit seiner Ehefrau zu Verwandten nach Westdeutschland. Nach Aussagen der Eltern des Facharbeiters kehrten beide durch die Beeinflussung und Versprechungen der westdeutschen Verwandten nicht zurück.

  • Vom VEB Mitteldeutsche Kammgarnspinnerei Leipzig kehrten acht Arbeiter vom Urlaub aus Westdeutschland nicht zurück. Ähnlich ist es im VEB Kirow-Werk Leipzig, wo zwei Arbeiter und drei Angestellte vom Urlaub aus Westdeutschland nicht zurückkehrten.

  • Vom VEB VTA Leipzig setzten sich 15 Personen ab. Davon zehn Arbeiter, vier Angestellte, ein Ingenieur. Der größte Teil verbrachte seinen Urlaub bei Verwandten in Westdeutschland und kehrte durch deren Beeinflussung nicht mehr zurück.

Derartige Beispiele liegen aus allen Bezirken vor.

d) Republikfluchten durch Unzufriedenheit über betriebliche Dinge, Wohnungsangelegenheiten, Entwicklungsmöglichkeiten, Lohnfragen und ähnlichen Faktoren

Ein großer Prozentsatz von Republikfluchten im Berichtsmonat ist, wie in den Vormonaten, auf Verärgerung zurückzuführen, die die Betreffenden als Anlass zur Republikflucht nehmen.

Besonders umfangreich treten im Berichtsmonat als Ursache der Republikflucht Wohnraumschwierigkeiten in Erscheinung.

  • So schreibt z. B. ein Republikflüchtiger aus Gelsenkirchen: »… Du hast ja unsere Wohnung gesehen, wie sie aussieht, einen Hund möchte man niemals dort reinsperren, deswegen hatte ich keine Lust mehr dazubleiben …«

  • Ein Lehrer aus dem Bezirk Magdeburg schreibt nach Westdeutschland: »… Ich wünsche so sehr, endlich auch mal wieder in eine andere Wohnung zu kommen. Sie glauben ja gar nicht wie primitiv ich hier wohne! Ich habe meine Wohnung in der alten Schule! Das Haus ist 200 Jahre alt. Das Wasser muss ich mir aus der Klasse hochholen und jeden Eimer wieder auf die Straße hinausschleppen. Vorige Woche erhielt ich nun Bescheid, dass mein Versetzungsgesuch nicht genehmigt worden ist, da in diesem Kreis besonderer Lehrermangel besteht. Soll ich denn hier vollends verkommen? Wenn ich denke, dass ich vielleicht bis zum Tode hierbleiben soll, komme ich wirklich in die Versuchung, von hier einfach davonzulaufen …«

  • Der Ingenieur [Vorname Name 9] vom VEB Zeiss Jena, [Bezirk] Gera wurde republikflüchtig, da er seit fünf Jahren versuchte eine Wohnung in Jena zu erhalten und seine Bemühungen erfolglos blieben.

  • Die Republikflüchtige [Name 10] schreibt aus Lübeck-Blankensee an ihre Eltern: »Ich selbst wäre nicht rübergegangen, wenn ich in Rostock eine Wohnung bekommen hätte. Doch so ging es nicht mehr, ich konnte nicht den Jungen den ganzen Tag allein lassen.«

  • Der wissenschaftliche Oberassistent [Vorname Name 11] vom Pharmakologischen Institut Leipzig schrieb an den Institutsdirektor, dass ihm sein jahrelanger Kampf um eine geeignete Wohnung dermaßen verärgert habe, dass er die DDR verlassen hat.

Ähnliche Fälle gibt es in allen Bezirken und Bevölkerungsschichten.

Eine weitere Ursache der Republikflucht ist Unzufriedenheit über schlechte Entwicklungsmöglichkeiten.

  • Z. B. setzte sich vom VEB Industrieentwurf Magdeburg aus der Abteilung Forschung für Turbinenfundamente der Statiker [Name 12] ab. Er gibt an, dass er sich in der DDR nicht weiterentwickeln konnte.

  • Einige Lehrer in Stendal, [Bezirk] Magdeburg, vertreten die Meinung, dass parteilose Lehrer wenig Aussicht auf Förderung haben. So erklärte der Lehrer [Name 13] von der Diesterwegschule Stendal, [Bezirk] Magdeburg, dass durch die Partei nur Genossen gefördert werden, die fachlich meist nicht die Besten sind. Er sagte dazu: »Wenn das so weitergeht, bleibt uns nichts weiter übrig, als den Koffer zu packen und nach dem Westen zu gehen.«

  • Am 4.6.1956 wurde der TAN-Sachbearbeiter13 vom VEG Jühnsdorf, [Kreis] Zossen, [Bezirk] Potsdam, mit seiner Familie republikflüchtig. Seine Tochter hatte eine Zeichnerlehrstelle in einem Projektierungsbüro erhalten. Das Referat Berufsausbildung gab jedoch keine Genehmigung für das Lehrverhältnis, sondern verlangte, dass das Mädchen eine Lehrstelle in der Landwirtschaft annimmt. Daraufhin erfolgte die Republikflucht.

  • Der Jugendliche [Vorname Name 14] aus Bützow, [Bezirk] Schwerin, erklärte zu seiner Republikflucht: »… Ich wollte in Greifswald Geologie studieren und wurde nicht zugelassen.«

  • Der Dr. [Name 15] aus Berlin-Weißensee führte zu seiner Republikflucht an, dass seine Kinder in der DDR kein richtiges Fortkommen hätten, da ihr Vater Arzt und nicht Arbeiter oder Bauer ist. Aus diesem Grund würden sie auch keine Studienplätze erhalten.

  • Aus der Poliklinik Frankleben, [Kreis] Merseburg, [Bezirk] Halle, wurde der Dentist [Name 16] flüchtig, da ein Antrag auf Privatpraxis abgelehnt wurde. Aus dem gleichen Grund ging ein Arzt aus dem Küchenwaldkrankenhaus nach Westdeutschland.

  • Vom Krankenhaus Oranienburg, [Bezirk] Potsdam wurde der Dr. [Vorname Name 17] republikflüchtig, da ihm schon seit mehreren Jahren bauliche Veränderungen im Krankenhaus versprochen wurden, aber keine Realisierung erfolgte und noch ca. 60 Patienten in Baracken untergebracht sind.

Unzufriedenheit über die Entlohnung führt ebenfalls bei einem großen Teil von Angestellten und Arbeitern zur Republikflucht, da sich diese Menschen in Westdeutschland bessere Verdienstmöglichkeiten erhoffen. So wurde aus dem »Ernst-Thälmann«-Werk Magdeburg der Meister [Name 18] flüchtig, da er weniger als sein Brigadier und ein Teil der in seinem Meisterbereich beschäftigten Arbeiter verdiente. Der Maurer [Vorname Name 19] wurde vom VEB Eisenhüttenwerk Thale, [Bezirk] Halle, mit noch anderen Jugendlichen wegen Arbeitsmangel dem VEB Kreisbaubetrieb Aschersleben überwiesen. Hier erfolgte eine weit niedrigere Bezahlung, sodass [Name 19] nach Westdeutschland ging.

Die Zahlung von Pensionen und höheren Renten in Westdeutschland ist eine weitere Ursache zur Republikflucht.

  • So kehrte der Zugführer [Name 20] vom Bahnhof Güstrow, [Bezirk] Schwerin, von einer Dienstfahrt nach Neustadt (Dosse) nicht mehr zurück. Seine Frau erklärte, dass er in Westdeutschland sofort in eine höhere Gehaltsstufe eingereiht wurde, die sich auf seine Pension auswirkt.

  • Ein Rentner aus Aue ging nach Westdeutschland, da er sich eine höhere Rente erhofft.

  • Ein Elektriker des VEB IFA Karl-Marx-Stadt war verärgert, dass er nach Überprüfung seinen Schwerbeschädigtenausweis nicht wieder erhielt und sagte, dass er nach Westdeutschland gehen müsse, um seine Rente nicht einzubüßen.14

  • Die Laborantin [Vorname Name 21] vom VEB Zellwolle Wittenberge,15 [Bezirk] Schwerin, teilte mit, dass sie nur deshalb nach Westdeutschland gegangen wäre, weil ihr Ehemann Oberstleutnant der faschistischen Armee war und sie dort Pensionsansprüche geltend machen kann.

  • Aus den gleichen Gründen ging die Sekretärin der Comeniusschule16 aus Güstrow sowie die Hausfrau [Name 22] aus Gadebusch, [Bezirk] Schwerin, nach Westdeutschland.

e) Republikflucht von Bauern; durch Sollrückstände, Arbeitskräftemangel und erhöhte SVK-Beiträge17

In der Landwirtschaft stehen auch weiterhin besonders Sollrückstände und Arbeitskräftemangel als Ursachen der Republikflucht im Vordergrund. So wird in einzelnen Gemeinden in Bauernversammlungen von verschiedenen Bauern provokatorisch erklärt, dass sie sich absetzen würden, wenn keine Streichung der Sollrückstände erfolgt.

  • In der Gemeinde Steckby,18 [Kreis] Zerbst, [Bezirk] Magdeburg, äußerten fünf werktätige Bauern, dass sie sich absetzen würden, wenn ihre Sollrückstände nicht gestrichen würden.

  • Auch in einer Bauernversammlung in Lübars/Riesdorf,19 [Bezirk] Magdeburg, wo 80 Bauern anwesend waren, kam es mehrfach zu unzufriedenen Diskussionen. Hierbei erklärten die Bauern [Name 23] und [Name 24], dass sie republikflüchtig werden wollen, falls ihre Forderung auf Streichung des Solls von 1955 nicht berücksichtigt wird.

  • Aus Illmersdorf, [Kreis] Jüterbog, [Bezirk] Potsdam, wurde der Großbauer [Name 25] republikflüchtig. Er bewirtschaftete eine 40 ha große Wirtschaft. Da er keine Arbeitskräfte bekam, konnte er das Land nicht richtig bearbeiten und geriet in Sollschwierigkeiten. Nachdem er sich mehrmals vergebens an die Gemeinde und den Rat des Kreises wandte, wurde er flüchtig.

  • Aus dem gleichen Grund verließen auch die Großbauern [Name 26] aus Dyrotz, [Kreis] Nauen, und [Name 27] aus Wesendorf, [Kreis] Gransee, [Bezirk] Potsdam, die Republik.

  • Ein Großbauer aus Parchen, [Kreis] Genthin, [Bezirk] Magdeburg, äußerte wenige Tage vor seiner Flucht: »Ich stehe vollkommen vor dem Ruin, meine Kartoffeln wurden im vergangenen Jahr durch Wasser vernichtet, Vieh kann ich nicht füttern, sodass die Freien Spitzen in Fleisch und Milch auch wegfallen.20 Außerdem fehlen mir Arbeitskräfte. Ich weiß mir einfach nicht mehr zu helfen.«

  • Missstimmung herrscht bei einigen Bauern auch über die Erhöhung der SVK-Beiträge. Der Neubauer [Name 28] aus Loburg, [Bezirk] Magdeburg, schrieb nach seiner Republikflucht, »dass er durch die hohen SVK-Beiträge seine Wirtschaft aufgeben musste. Ihm blieb dadurch zu wenig zum Leben übrig.«

Ähnliche Fälle werden aus allen Landwirtschaftsbezirken berichtet.

Weiter wurde aus der Gemeinde Zachow, [Kreis] Nauen, [Bezirk] Potsdam, folgendes Gerücht bekannt: »Wenn sich ein werktätiger Bauer noch vor der Ernte nach dem Westen absetzt, erhält er in Westberlin eine Entschädigung von 2 000 DM West.«

f) Republikfluchten, die auf kriminelle Delikte oder unmoralischem Lebenswandel zurückzuführen sind

Aus allen Bezirken werden auch im Berichtsmonat Republikfluchten gemeldet, wo sich Personen durch Flucht der Verantwortung für begangene kriminelle Delikte zu entziehen versuchen.

  • So wurde der Lehrer [Name 29] von der Schule Neuwerder, [Kreis] Rathenow, [Bezirk] Potsdam, republikflüchtig, nachdem festgestellt wurde, dass er 300 DM Spargelder von Schülern unterschlagen hat. Seine Frau war im Konsum tätig und hinterließ ein Manko von 1 125 DM.

  • Die Postzustellerin [Name 30] aus Dossow, [Kreis] Wittstock, [Bezirk] Potsdam, hat 1 100 DM Postgelder unterschlagen und Briefe an Empfänger nicht zugestellt. Um sich der Verantwortung zu entziehen, ging sie nach Westdeutschland.

  • Der Arbeiter [Name 31] aus Merseburg, der an einer Benzinschiebung der MTS Schafstädt21 beteiligt war, setzte sich ebenfalls aus Angst vor Strafe ab.

Neben den kriminellen Delikten, die im Berichtsmonat in größerem Umfang berichtet wurden, spielt auch ein unmoralischer Lebenswandel eine Rolle beim Entschluss zur Republikflucht.

  • Die Krankenschwester [Vorname Name 32] vom Städtischen Krankenhaus Frankfurt/O. unterhielt ein Verhältnis mit einem verheirateten Arzt. Als dieses Verhältnis unter den Kolleginnen bekannt wurde, kündigte sie ihre Stellung und ging nach Westdeutschland.

  • Der verheiratete werktätige Bauer [Name 33] aus Carlewitz, [Kreis] Ribnitz, [Bezirk] Rostock, hatte ein Verhältnis mit einer anderen Frau, die jetzt ein Kind von ihm erwartet. Um dem Gerede im Dorf zu entgehen, setzte er sich mit seiner Familie ab.

  • Der stellvertretende Vorsitzende des DRK im Bezirk Erfurt, [Vorname Name 34], hatte ein Verhältnis mit einer Mitarbeiterin des DRK und verließ wegen Zwistigkeiten in der Ehe die DDR.

  • Der Autoschlosser [Name 35] vom [Betrieb] Stralsund, [Bezirk] Rostock, verkehrte mit einer Witwe, die zwei Kinder hat. Da diese Frau jetzt von ihm ein Kind erwartet, ging er nach Westdeutschland.

  1. Zum nächsten Dokument Vorkommnisse auf Bauernversammlungen im Kreis Brandenburg

    9. August 1956
    Information Nr. 131/56 – Betrifft: Vorkommnisse in Gollwitz [und] Wusterwitz, [Kreis] Brandenburg, [Bezirk] Potsdam

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    7. August 1956
    Information Nr. 130/56 – Betrifft: Neue Hetzschriften