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CDU-Parteitag in Weimar (1)

25. September 1956
Information Nr. 219/56 – Betrifft: CDU-Parteitag in Weimar

Diskussionen

Von einem Teil der Delegierten wurde während des Parteitages die Meinung vertreten, dass der 8. Parteitag dem 7. Parteitag gegenüber kein Fortschritt wäre1 und dass die neue Lage – entsprechend dem 28. Plenum2 – nicht genügend berücksichtigt wurde.

Der Diskussionsbeitrag des Genossen Matern3 wurde von allen Delegierten gut aufgenommen. Dagegen hat das Referat Göttings allgemeines Unbehagen hervorgerufen.4 So waren z. B. die Delegierten aus dem Kreis Karl-Marx-Stadt der Meinung, dass der Parteitag den Delegierten überhaupt nichts gegeben habe. Die Referate und Diskussionsbeiträge seien hohl und leer, zu allgemein und nicht mit der Praxis verbunden. Missstimmung herrschte unter dem technischen Personal des Parteitages. Dieses wurde nicht zum Empfang bei Dr. Nuschke5 eingeladen, sondern sie sollten an einem gesonderten Empfang teilnehmen. Dieser »gesonderte Empfang« wurde als »Gesindeball« bezeichnet. Die Einsatzfreudigkeit dieser Mitarbeiter hat dadurch natürlich nachgelassen.

Die anwesenden Katholiken waren bestrebt, die CDU für kirchliche Zwecke auszunutzen. Dies kam besonders im Diskussionsbeitrag des katholischen Pfarrers Westermann6 zum Ausdruck. Er verlangte, dass sich die CDU dafür einsetzen möchte, dass die atheistische Propaganda gegenüber der Kirche eingestellt wird. Gegen die Kirche gerichtete Bilder in Zeitungen und Illustrierten müssten verschwinden und Filme wie »Stechfliege«,7 »Teufelskrallen«8 und »Ivo, der Mönch«9 nicht mehr aufgeführt werden. Falls diese Dinge nicht abgeändert werden, ist er nicht mehr bereit mitzumachen. Weiterhin erklärte er, dass vonseiten »gewisser Stellen« die Koexistenz zwischen Kirche und Staat nur für sie selbst in Anspruch genommen wird. »Ein wirksames Mittel zur Sicherung einer echten Koexistenz«, so sagte er, »sieht die Kirche in einem Konkordat, dass der Kirche rechtliche Sicherheit und die für ihre Aufgaben erforderliche Unabhängigkeit gibt«. In diesem Zusammenhang erklärte der Bezirksvorsitzende der CDU Erfurt, dass er mit den Ergebnissen des Parteitages nicht voll zufrieden sein kann, da er eine Demonstration der Katholiken ist, die die CDU für ihre Zwecke ausnutzen wollen.

In der Delegation des Bezirksverbandes Karl-Marx-Stadt wurde die Frage aufgeworfen, warum im Bezirk Karl-Marx-Stadt keine Mitglieder der CDU den Kampfgruppen angehören dürfen.10

Besondere Vorkommnisse

Am Freitag, den 14.9.1956, erschien bei Dr. Nuschke eine Delegation von Rentnern, die ihm eine Petition überreichte, in der sie von ihm verlangten, bei der Regierung eine Erhöhung der Renten zu erreichen. Diese Delegation hob besonders hervor, dass sie nicht verstehen könnten, dass Nuschke als christlicher Politiker mit der derzeitigen Rentenreglung einverstanden ist. In diesem Zusammenhang ist von Bedeutung, dass ein westlicher Journalist erklärte: »Er habe einer Rentnerin, die aufgrund ihrer geringen Rente Hunger leiden müsste, seine Tagesspesen gegeben«.

Als bei einem Fest am 15.9.1956 ein Teil der Delegierten betrunken war, versuchten die westdeutschen Journalisten aus den Delegierten etwas »herauszuholen«. So wurde die Fernschreiberin [Name] systematisch unter Alkohol gesetzt und machte in diesem Zustand den westlichen Journalisten Angaben über die CDU und deren Funktionäre. Die [Name] sollte nach dem Parteitag entlassen werden. Der Journalist Beyer11 »Süddeutsche Zeitung« belästigte den Bezirksvorsitzenden der CDU mit auffälligen Fragen und negativen Äußerungen, worauf Letzterer – schon angetrunken – dem Journalisten ins Gesicht schlug. Der Journalist wollte daraufhin abreisen.

An den Parteitag wurde ein anonymes Schreiben (»Komitee für Demokratie und Recht, gegen Unterdrückung der friedlichen Bevölkerung in der Deutschen Diktatur Republik«) gerichtet. Das Schreiben beinhaltet sinngemäß Folgendes: – Was sagt der Parteitag der CDU zu der Losung: »Ohne Gott und Sonnenschein bringen wir die Ernte ein«? – Was sagt der Parteitag der CDU zum Personenkult, einerseits Ulbricht – Nuschke, andererseits Adenauer –,12 zur Jugendweihe,13 freie Wahl, III. Parteikonferenz?14 Die Zukunft wird zeigen, dass sich dies nicht mehr »wegdiskutieren« lässt.

Am 11.9.1956, um 19.00 Uhr, wurde in der Herder-Kirche15 in Weimar durch Weihbischof Dr. Freusberg16 [ein] katholischer Gottesdienst abgehalten. Dr. Freusberg erklärte in seiner Predigt,

  • dass die katholischen Christen nicht das Recht haben, Beschlüsse zu fassen, die über die Kirche hinausgehen. Dazu sei der Papst da.

  • dass die Mitglieder der CDU auf dem Parteitag daran denken müssen, dass sie Mitglied der katholischen Kirche sind.

  • dass nur der bei uns vorwärtskommt, der von der atheistischen Propaganda überzeugt ist.

  • dass der Religionsunterricht nicht mehr als Schulfach während des Unterrichts gegeben werden darf.

  • dass die christlichen Kinder in Gewissenskonflikte kommen (atheistische Propaganda in der Schule und christliches Elternhaus).

  • dass ein Christ niemals mit jemanden zusammen arbeiten kann, der eine andere Anschauung besitzt.

  • dass der Mensch eine göttliche Schöpfung ist und nicht vom Tier abstammt.

  • dass die CDU Beschlüsse fassen soll, die diese Dinge abändern.

Hetze

Der RIAS und auch der Sender »Freies Berlin« hetzten in einigen Sendungen gegen den Parteitag der CDU. Es wurde erklärt,

  • dass die CDU in der DDR zu einer »Nebenorganisation der SED« herabgewürdigt wurde.

  • dass die CDU versuche, durch politische Phrasen von den »peinlichen Fragen«, die innerhalb dieser Partei stehen, wie z. B. Jugendweihe, Kommunalwahlen, abzulenken.

  • dass Nuschke darüber Rechenschaft abgeben soll, was er in den vergangenen zwei Jahren wirklich erreicht hat und wie weit es ihm gelungen ist, den Christen gegenüber dem Totalitätsanspruch der SED politisch und gesellschaftlich Einfluss zu verschaffen.

  • dass die Entwicklung in der DDR durch »rücksichtslose Verstöße« gegen die Grundfesten der Kirche gekennzeichnet ist,

  • und dass die CDU fast nur noch aus Funktionären besteht.

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    25. September 1956
    Information Nr. 220/56 – Betrifft: Unfall im Ernst-Thälmann-Schacht des Mansfeld-Kombinates »Wilhelm Pieck«
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    25. September 1956
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