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Flugblattverbreitung per Post, Ballons und Auslage im Juli

13. August 1956
Information Nr. 148/56 – Betrifft: Hetzschriftenverbreitung im Juli 1956

Im Monat Juli 1956 wurden insgesamt 133 618 Hetzschriften auf dem Postwege (davon gelangten 1 118 in die Hände der Empfänger) und 646 469 Hetzschriften durch Ballon festgestellt. Außerdem wurden 601 Ballons gefunden bzw. gesichtet. Im Vergleich zum Vormonat mit 1 236 Ballons sind es im Monat Juli um die Hälfte weniger.

Die Verbreitung in den einzelnen Bezirken ergibt folgendes Bild:1

Bezirk

auf dem Postwege

durch Ballon u. a.

Berlin

12 837

44 594

Cottbus

6 198

22 503

Dresden

15 539

6 511

Erfurt

7 433

12 110

Frankfurt/O.

5 005

18 050

Gera

12 080

89 537

Halle

12 002

12 210

Karl-Marx-Stadt

8 078

133 242

Leipzig

8 428

9 651

Magdeburg

13 175

28 956

Neubrandenburg

3 779

10 698

Potsdam

8 170

189 549

Rostock

10 843

435

Schwerin

6 956

15 869

Suhl

1 977

56 954

[gesamt]

[132 500]

[650 869]

Die einzelnen Feindzentralen sind wie folgt an der Verbreitung der Hetzschriften beteiligt:

[Absender]

auf dem Postwege

durch Ballon u. a.

UfJ2

24 782

31 966

KgU3

18 868

80 003

NTS4/ZOPE5

1 978

245 873

SPD6

8 163

149 269

CDU

49 193

36

DGB

141

1 675

FDP

425

3 854

Colloquium7

10 035

verschiedene

18 915

119 818

Der Tag8

3 200

Tarantel9

149

Freies Europa10

10 006

Inhalt der Hetzschriften

In der Berichtsperiode wurden zum überwiegenden Teil alte Exemplare verschickt, die Hetze gegen den XX. Parteitag beinhalten,11 sich auf den 17. Juni 1953 und den Vorkommnissen [sic!] in Poznan bezogen.12

In verfälschter Form gibt die KgU erstmalig das Organ für Nationale Verteidigung »Der Kämpfer« heraus.13 Inhalt: Hetze gegen den Personenkult und gegen die Volksarmee. Des Weiteren wird die »militärische Stärke und Überlegenheit der USA« herausgestellt. Eine andere Hetzschrift der KgU wirbt um neue Agenten. Zum Anlass nimmt sie den Einsturz eines einstöckigen Wohnhauses in Senftenberg, [Bezirk] Cottbus in der Grünstraße, dass am 27. Mai 1956 durch Erdrutsch einstürzte,14 wobei das darin wohnende Rentnerehepaar tödlich verunglückte. Dazu heißt es: »Wir bitten alle am Kampf gegen das SED-Regime Interessierten um baldige zweckdienliche Angaben, – auch dann, wenn nur scheinbar zusammenhanglose Einzelheiten, Vermutungen oder Gerüchte bekannt sind.«

Wie der Gegner unzufriedene Stimmung unter den Beschäftigten der VEB für seine Hetze ausnutzt, beweist eine neue Hetzschrift (unbekannter Herkunft), die sich mit dem Prämiensystem in der DDR beschäftigt. Diese neue Hetzschrift wendet sich direkt an die Beschäftigten des VEB Kunstseidenwerk Premnitz,15 [Bezirk] Potsdam. In diesem Betrieb löste die Auszahlung der Quartalsprämien im Juli unter den Beschäftigten unzufriedene Stimmung aus. Daraufhin erhielten mehrere Angestellte und Arbeiter dieses Betriebes auf dem Postwege genannte Hetzschrift. Inhaltlich geht es darum, die Mitarbeiter grundsätzlich gegen das Prämiensystem zu beeinflussen, in dem es heißt, dass »Ansprüche auf Prämien nur das leitende Personal habe«.

In der neuesten Ausgabe des Luftpostbriefes der FDP »Liebe Familie Jedermann«16 geht es um die Beeinflussung der Partei- und Staatsfunktionäre. Zwei verschiedene Hetzschriften (Herausgeber unbekannt) befassen sich mit der Ablehnung des Personenkults und behandeln Parteifragen. Eine andere Hetzschrift (Herausgeber unbekannt) mit der Überschrift »Was Frau Lotte meint« hetzt gegen das Prämien- und Aufbausparen.17 Diese Gelder würden nicht »dem Aufbau, sondern hauptsächlich für die Finanzierung der Nationalen Volksarmee und dem erweiterten Aufbau des Apparates des MfS dienen«. »Deshalb wäre es ratsam in die eigene Tasche zu sparen.«

Verbreitung von Hetzschriften durch Auslegen, Ankleben usw.

Im Monat Juli wurden 64 Fälle gemeldet (Vormonat 56 Fälle). Die Fälle verteilen sich wie folgt auf die Bezirke:

  • Berlin: 5 Fälle,

  • Dresden: 14 Fälle,

  • Erfurt: 1 Fall,

  • Frankfurt: 8 Fälle,

  • Gera: 9 Fälle,

  • Karl-Marx-Stadt: 3 Fälle,

  • Leipzig: 1 Fall,

  • Magdeburg: 2 Fälle,

  • Potsdam: 12 Fälle,

  • Schwerin: 1 Fall,

  • Suhl: 10 Fälle.

Im Bezirk Potsdam konnten zwei Täter festgenommen werden, die Hetzschriften verbreiteten.

Selbstgefertigte Hetzschriften wurden in den Bezirken Frankfurt/O., Gera, Leipzig, Magdeburg, Neubrandenburg, Potsdam, Rostock, Schwerin und Suhl aufgefunden.

  • Frankfurt/O.: 2.7.1956: vier handgeschriebene Hetzschriften in der Gemeinde Schwedt, [Kreis] Angermünde. Inhalt: Hetze gegen Funktionäre unserer Regierung und Aufforderung zum Streik.

  • Gera: 7.7.1956: zwei selbstgefertigte Hetzschriften (Druckschrift) in Jena an zwei Schaufenstern von Privatgeschäften. Inhalt: Hetze gegen Funktionäre unserer Regierung und der Staatssicherheit.

  • Leipzig: 19.7.1956: zwei handgeschriebene Hetzschriften im Hausbriefkasten des Postamtes Meuselwitz, [Kreis] Altenburg. Inhalt: Hetze gegen die Friedenspolitik der Freunde.

  • Magdeburg: 24.7.1956: 14 selbstgefertigte Hetzzettel, Größe 8 × 2 cm, in Zerbst in der Karl-Marx-Straße. Inhalt: »Freie Wahlen und fort mit Ulbricht«.

  • Neubrandenburg: 31.7.1956: eine selbstgefertigte Hetzschrift in Neustrelitz in der Bernhard-Goering-Straße auf dem Treppenaufgang des Radiogeschäftes Stratonowitsch.18 Größe DIN A4, beschriftet mit Rotstift (Druckschrift). Inhalt: Hetze gegen unsere Regierung und den Lebensstandard, Aufruf zum Streik am 7. August früh 6.00 Uhr.

  • Potsdam: 10.7.1956: ein Hetzbrief mit zehn handgeschriebenen Hetzzetteln an die SED-Kreisleitung in Luckenwalde. Inhalt: Hetze gegen unseren Lebensstandard. Auf den Hetzzetteln standen folgende Losungen: »Nieder mit den Kommunisten – Nieder mit Grotewohl, Ulbricht und Pieck – Nieder mit der Volksarmee – Nieder mit den Kriegstreibern Grotewohl, Ulbricht und Pieck.« Es handelt sich um die gleichen Hetzschriften wie im Monat Juni gemeldet.

  • Rostock: 16.7.1956: vier selbstgefertigte Hetzschriften (handgeschrieben) auf der Strandpromenade in Ahlbeck, [Kreis] Wolgast. Inhalt: »Wir wollen geheime Wahlen und freie Diskussionen – die Ostgebiete den Deutschen.«

  • Schwerin: 27.7.1956: ein selbstgefertigter Hetzzettel (Schreibmaschine) im VEB Lederwerk Neustadt-Glewe, [Kreis] Ludwigslust, an dem Schalterkasten der Kupferschmiede. Text: »Adenauer, du armer Konrad,19 und du hast doch gesiegt.«

  • Suhl: 23.7.1956: eine selbstgefertigte Hetzschrift (handgeschrieben) an der Anschlagtafel der Gemeinde Truckendorf, [Kreis] Sonneberg, Größe DIN A4. Inhalt: Hetze gegen die MTS, Forderung nach eigenem Maschinenpark, Gewährleistung des 8-Stunden-Tages.

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    Republikfluchten von Lehrern im Jahre 1956 [Information Nr. M133/56]
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    13. August 1956
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