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Lage in der Braunkohleindustrie

23. November 1956
Information Nr. 355/56 – Betrifft: Übersicht über die Lage in der Braunkohlenindustrie

Diese Übersicht enthält Material bis einschließlich 10.11.1956 und gliedert sich in folgende Probleme:

  • Stand der Winterfestmachung,

  • Zustand der Gleisanlagen und Geräte,

  • Materialschwierigkeiten und Arbeitsorganisation,

  • Feindpropaganda.

Allgemeine Einschätzung

In der gesamten Braunkohlenindustrie – in den Schwerpunktbezirken Halle, Leipzig und Cottbus und in den kleineren Werken der Bezirke Dresden und Frankfurt/O. – ist festzustellen, dass sich die einzelnen Braunkohlenwerke (BKW) intensiv mit der Winterfestmachung beschäftigen. Die Erfahrungen aus den Kälteperioden der letzten zwei Jahre zugrundelegend, wurden in den BKW Operativpläne erarbeitet, in denen im Einzelnen die Maßnahmen zur Winterfestmachung festgelegt waren. Bis auf einzelne noch durchzuführende Maßnahmen sind diese Pläne realisiert. Bei den Arbeiten, die noch realisiert werden müssen, sind die Ursachen Schwierigkeiten in der Materialbeschaffung, der Beschaffung von Winterschutzbekleidung und Ausfälle neueingesetzter Großraumgeräte. Im Einzelnen ist die Lage in der Braunkohlenindustrie wie folgt:

Stand der Winterfestmachung

Der Gesamtvorrat an freigelegter Kohle aller BKW der Reviere beträgt im Durchschnitt:

  • im Revier des Bezirkes Halle vier Monate,

  • im Revier des Bezirkes Leipzig zwei Monate,

  • im Revier des Bezirkes Cottbus 20 Tage.

Die Kohlefreilegung in den Großtagebaubetrieben des Bezirkes Halle, die in der Hauptsache für die Belieferung der Kraftwerke und der chemischen Industrie verantwortlich sind, beträgt ungefähr vier bis sechs Monate Vorrat. Diese Durchschnittsvorräte schließen jedoch nicht aus, dass einzelne Betriebe – bedingt durch aufgetretene Schwierigkeiten – einen verhältnismäßig geringen Kohlevorrat freigelegt haben. Schwerpunkt sind folgende Betriebe:

  • Im Bezirk Halle die Tagebaue Königsaue und Nachterstedt im BKW Nachterstedt. Beide Tagebaue haben gegenwärtig nur einen Kohlevorrat von einem dreiviertel Monat. Hervorgerufen wurde dieser Rückstand durch Überspülung der Abraumbaggergleise mit Schlammmassen durch Ausbruch eines alten Ascheteiches.

  • Im Bezirk Leipzig hat der Tagebau Schleenhain, [Kreis] Borna, einen Rückstand an Abraum von 2,1 Mio. cbm, gleich 14 Tage Kohle. Die Ursache dafür sind häufige Störungen an den neuen Großraumgeräten und wiederholt aufgetretene Kippenrutschungen.

  • Im Bezirk Cottbus hat das BKW »Franz Mehring« einen Kohlevorrat von 37 000 t, gleich für 15 Tage Kohle. Da in diesem BKW die Förderbrücke im Februar 1957 umgesetzt werden soll, muss ein Kohlenvorrat von etwa 28 Tagen vorrätig sein.

Eine weitere Schwierigkeit bei den Wintervorbereitungen ist in einigen Betrieben die fehlende Winterschutzbekleidung für die Beschäftigten. So fehlen dem BKW »Phönix« Mumsdorf,1 [Kreis] Altenburg, [Bezirk] Leipzig, noch 70 Paar Filzstiefel. Die DHZ kann diese Bestellung nicht realisieren, da keine Filzstiefel vorhanden sind. Dem BKW »Freundschaft« Lauchhammer fehlen noch 694 Paar Filzstiefel und dem BKW Spreetal Spremberg, [Bezirk] Cottbus, fehlen noch Watteanzüge, die ebenfalls von der DHZ noch nicht geliefert wurden.

In einer Anzahl von BKW bereitet das Fehlen von Zement, Dachpappe, Holz, Glas und Kitt Schwierigkeiten in der Winterfestmachung. Die BKW sind dadurch nicht in der Lage, die Geräte, Werkstätten und Aufenthaltsräume der Beschäftigten abzudichten. So wurden dem BKW Tagebau Böhlen von den 15 000 qm Dachpappe nur 2 500 qm zugewiesen. In ähnlicher Lage befinden sich die BKW Schleenhain und Zechau, [Bezirk] Leipzig, sowie Großkayna und Profen, [Bezirk] Halle, in denen es an obengenannten Materialien fehlt.

Zustand der Gleisanlagen und Geräte

Der Zustand der Gleisanlagen in den einzelnen BKW aller Reviere ist in der Mehrzahl aufgrund von Überalterung besorgniserregend und bedarf einer dringenden Ausbesserung.2 Insgesamt beträgt die Gleisanlage in der Kohlenindustrie 3 500 km Gleis = 350 000 t Schienen. Davon je zur Hälfte bewegliche und stationäre Gleise. Der durchschnittliche Verschleiß beträgt 6 %, d. h., der Reparatur-Bedarf beläuft sich auf jährlich 21 000 t Schienen. An Schwellen liegen insgesamt rund 700 000 m³. Die Lebensdauer der Schwellen in beweglichen Gleisen beträgt sechs Jahre, in stationären Gleisen 18 Jahre. Bei einem durchschnittlichen Abschreibungssatz von 12 % bedeutet das einen Reparaturbedarf von jährlich rund 80 000 m³ Schwellen. Die Belieferung der Kohlenindustrie mit Schwellen und Schienen erfolgt jedoch sehr unzulänglich. Aufschluss darüber gibt folgende Übersicht für die Jahre 1956 und 1957:

[Tabelle 1: Bedarf und Realisierung] 19563

[Kategorie]

Schienen

Schwellen

1.) Bedarf

74 330 t

161 800 m³

2.) Kontingent

33 880 t

95 400 m³

3.) Realisierung bis 30.9.1956

15 200 t

68 100 m³

4.) Fehlmenge a) Kontingent zu Bedarf

40 450 t ~ 54 %

66 400 m³ ~ 41 %

Der Investitionsbedarf für 1956 beträgt 58 000 t Schienen und 109 000 m³ Schwellen. Abgesehen von dem für die Kohlenindustrie wichtigen Unterhaltungsbedarf fehlen allein rund 25 000 t Schienen und 15 000 m³ Schwellen, um die Investitionen durchzuführen. Dem Ministerium für Kohle und Energie wurde in Verhandlungen mit der Staatlichen Plankommission am 12.6.1956 eine zusätzliche Belieferung von 25 000 t Schienen aus einem Kompensationsgeschäft zugesagt. Diese Menge wurde vonseiten des Ministeriums für Außen- und Innenhandel in den folgenden Monaten zweimal reduziert, sodass von den ursprünglich zugestandenen 25 000 t nur 8 000 t zur Auslieferung kommen sollen. Für 1957 ergibt sich folgendes Bild:

[Tabelle 2: Bedarf 1957]4

[Kategorie]

Schienen

Schwellen

1.) geplanter Bedarf

106 000 t

220 000 m³

2.) von der Plankommission anerkannter Bedarf

85 000 t

180 000 m³ (einschl. Betonschwellen)

3.) bisher erhaltenes Kontingent

24 600 t
(I. und II. Quartal 1957)

100 000 m³ (Jahreskontingent, 15 000 t Betonschwellen entspricht ca. 6 000 m³ Holzschwellen)

Zum anerkannten Schienenbedarf fehlen allein im I. Halbjahr 1957 rund 20 000 t Schienen und zum anerkannten Schwellenbedarf rund 70 000 m³ Schwellen. Über die Lage in den einzelnen Braunkohlenrevieren der DDR dafür folgende Beispiele:

In den BKW des Revieres Borna, [Bezirk] Leipzig, wurde der Zustand der Gleisanlagen und des rollenden Materials im Vergleich zum Vorjahr durch intensive Reparaturarbeiten wesentlich ausgebessert. Dadurch treten gegenwärtig keine besonderen Schwerpunkte an Havarien und Entgleisungen in Erscheinung.

In den BKW der Reviere Altenburg, [Bezirk] Leipzig, sowie in den Revieren und Werken der Bezirke Cottbus, Halle und Dresden ist die Mehrzahl der Gleisanlagen veraltet und bedarf einer dringenden Überholung. So waren für diesen Zweck im Jahre 1956 im Braunkohlenrevier Halle insgesamt 45 000 m³ Schwellen geplant, jedoch wurden nur 17 000 m³ genehmigt. Davon sollte allein das BKW Großkayna 16 000 Schwellen erhalten. Ähnlich ist die Lage in den BKW der Bezirke Cottbus, Leipzig und Dresden. Schwierigkeiten an Geräten wurden nur aus den BKW des Bezirkes Cottbus bekannt.

Im BKW »Freundschaft« Lauchhammer konnte der neu aufgebaute Schaufelradbagger 630 nicht für die Produktion eingesetzt werden. Der Bagger wies beim Probelauf erhebliche Mängel und Konstruktionsfehler auf. Im BKW »Friedenswacht« sind die Bagger 620 und 621 eingesetzt. Sie brachten jedoch nicht die vorgesehene Leistung. Beide Bagger wiesen ernsthafte Mängel besonders an den Hubseilrollen auf.

Aus den anderen Bezirken wurden Schwierigkeiten mit Geräten nicht bekannt.

Materialschwierigkeiten

Außer den genannten Schwierigkeiten bei der Winterfestmachung bestehen noch erhebliche Mängel durch das Fehlen von Material, die zu ernsten Störungen in der Produktion führen können. In der Mehrzahl fehlt es an Materialien, die zur Reparatur eventuell ausfallender Geräte im Tagebau und in den Brikettfabriken benötigt werden.

Den BKW im Bezirk Cottbus fehlen dafür besonders Bleche, Winkelstahl aller Abmessungen, Rundstahl 30 mm, Schrauben und Kleinteile. Den BKW im Bezirk Leipzig fehlen besonders Kleineisenteile, Schrauben, Eisenkeile, Bau- und Formstähle, Formeisen und andere Ersatzteile. Außerdem fehlen noch Weichenbesen, Steigeisen und Schaufeln. So fehlen allein im BKW Kulkwitz für 100 kg (Gesamtgewicht) Stahlgussteile, 11,6 t Bleche, 9 t Profileisen und 2,2 t Winkeleisen für den Aufbau einer Kohlenpresse.

In der Hauptwerkstatt des BKW Espenhain müssen zur Ausbesserung der Geräte meterlange Winkeleisen zu U-Eisen zusammengeschweißt werden. Diese Eisen weisen dadurch Differenzen in der Festigkeit auf. Weiterhin müssen, um eine Welle von 200 mm Durchmesser zu erhalten, Wellen von 400 mm abgedreht werden. Dem BKW Zipsendorf, [Bezirk] Leipzig, fehlen Zahnkränze und Räder, Seile und Ketten. Ähnliche Schwierigkeiten bestehen auch in den BKW der Bezirke Halle und Dresden.

Arbeitsorganisation

Übereinstimmend geht aus allen vorliegenden Berichten hervor, dass in den BKW der genannten Bezirke eine bessere Arbeitsorganisation als in den Vorjahren vorherrscht. Ein großer Teil der Werke hat – um größeren Störungen vorzubeugen – mit umliegenden Bau-Unionen, LPG und Betrieben Verträge abgeschlossen, die bei großen Schneefällen den zusätzlichen Einsatz von Arbeitskräften aus diesen Betrieben garantieren.

Feindpropaganda zur Lage in der Braunkohlenindustrie

SFB nimmt in einer Sendung vom 11.10.1956 zur Lage in der Braunkohlenindustrie der DDR Stellung. In dieser Sendung hetzt SFB gegen die Regierung, indem behauptet wird, dass »die Brikettausfuhr (damit ist besonders die Interzonenlieferung gemeint) nach wie vor ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse der Bevölkerung vorangetrieben« würde. Weiterhin wird dazu behauptet, »die Zonenbehörden sollten sich weniger mit einer nutzlosen Polemik gegen den Interzonenhandel beschäftigen, sondern dafür sorgen, dass die Bevölkerung (in diesem Zusammenhang sind bestehende Schwierigkeiten in der Hausbrandversorgung gemeint) der Zone und Ostberlins mehr Haushaltskohle guter Qualität geliefert bekommt«. Weiter wird in diesem Kommentar über verschiedene Schwierigkeiten gesprochen, die sich beim Einsatz neuer Maschinen und bei alten Maschinen und Werkbahnen in der Förderung ergeben. Diese Schwierigkeiten – sie sind vorher in der Übersicht mit angeführt – werden zum Anlass genommen, in folgender Weise gegen das Wirtschaftssystem der DDR und die Betriebsleitungen zu hetzen: »Die Betriebsleitungen der Tagebaue versuchen durch Wettbewerbe, Sonderprämien und Vergünstigungen aller Art, aber auch mit Drohungen und Anprangerungen in den Werkzeitungen die Planrückstände aufzuholen. Dieses kurzsichtige Antreibersystem führt jedoch lediglich zu einem unvorstellbaren Absinken der Qualität. Der Tagebau fördert minderwertige, mit Abraumteilen vermischte Kohleschichten. Die Gütekontrolleure drücken im Interesse des erhöhten Produktionsausstoßes beide Augen zu.«

  1. Zum nächsten Dokument Lage in der DDR (43) 24.–25.11.
    25. November 1956
    Information Nr. 357/56 – Betrifft: Lage in der Deutschen Demokratischen Republik (vom 24.11.1956, 8.00 Uhr, bis 25.11.1956, 8.00 Uhr, eingegangenes Material)
  2. Zum vorherigen Dokument Internationale Polizeiausstellung in Essen
    [Ohne Datum]
    Information Nr. 354/56 – Betrifft: Internationale Polizeiausstellung in Essen