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Lage in der DDR (16) 3.–5.11.

5. November 1956
Information Nr. 307/56 – Betrifft: Lage in der Deutschen Demokratischen Republik (3.11.1956 bis 5.11.1956, 5.00 Uhr, eingegangenes Material)

I. Lage in der Industrie

Karl-Marx-Stadt

An den VEB Chemie Karl-Marx-Stadt1 wurde am 3.11.1956 von unbekanntem Absender folgendes Schreiben per Post zugeschickt: »Zentraler Lenkungsausschuss zur Errichtung der Demokratie Berlin W 12 30.10.1956, Haus der Ministerien, 0937, Ultimatum. Inhalt: Die Regierung der DDR sei sich ihrer Schwäche bewusst, sie verschleiere diese nur [vor] dem Volk. Durch die Reaktion auf die Ereignisse in Polen3 und Ungarn4 sei dies erst klar geworden. Es wäre notwendig, den Demokratisierungsprozess durchzuführen und Ulbricht, Wollweber5 und Benjamin6 zu entfernen.« Folgende Forderungen werden gestellt:

  • »MfS mit den untergeordneten Organen auflösen«;

  • »SPD wieder zulassen«;

  • »Neuwahl der Vorstände aller Parteien«;

  • »Abhaltung freier geheimer Wahlen mit getrennten Listen nach dem Landtagswahlrecht vom 20.10.1946«.7

Nur wenn diese Forderungen erfüllt würden, könnte eine Revolution der DDR erspart werden. Sollten diese Forderungen nicht bis zum 11.11.1956 erfüllt werden, würde die Bevölkerung am 12.11.1956 in den Generalstreik treten und die Arbeit erst wieder aufgenommen werden, wenn die Regierung zurückgetreten ist. Ein gleiches Schreiben erhielt auch der Studentenrat der Karl-Marx-Universität in Leipzig.

In verschiedenen Betrieben im Bezirk Karl-Marx-Stadt wird die Neuregelung der Stromfrage zum Anlass negativer Diskussionen genommen, da durch häufige Abschaltungen Nachtschichten eingeführt werden müssen. (So z. B. 1. Masch.-Fabrik K.M.St.,8 VEB Möbelstoffwerke Hohenstein,9 VEB Renak Reichenbach und VEB Goldfischwerk Oberlungwitz)10

Im Ziehwerk Lugau, [Kreis] Stollberg, kam es zu negativen Diskussionen über Quartalsprämien. Sie stellten die Frage, ob ein Werkleiter mit 2 000 DM Gehalt auch noch eine Prämie in der gleichen Höhe bekommen muss.

Dresden: Am 1.11.1956, 6.30 Uhr, nahmen im VEB Fortschritt Bischofswerda zwölf Former und Hilfsarbeiter die Arbeit nicht auf. 7.30 Uhr schlossen sich sechs Gießer den Formern an. Die Arbeit wurde erst gegen 9.30 Uhr aufgenommen. Grund: Die Formerei wurde in eine Halle verlegt, die noch nicht geheizt war, da am Vortage zwei Öfen eingebaut wurden. Feindliche Diskussionen wurden nicht geführt.

Frankfurt/O.: Im VEB Ausbau Nord versuchte ein Rückkehrer aus Westdeutschland andere Arbeiter zum Widerstand gegen die Regierung aufzuputschen.

Berlin: Am 30.10.1956 schickte eine Zimmerbrigade vom VEB Industriebau, Baustelle Buchberger Straße, eine Abordnung von vier Mann zur Bauleitung und forderte die Veränderung der Norm und Schmutzzulage, andernfalls würden alle 23 Arbeiter die Arbeit niederlegen. Während der Verhandlungen wurde nicht gearbeitet, erst als die Forderungen erfüllt wurden, nahmen die Arbeiter die Arbeit wieder auf. Auf den Bahnhöfen Schöneweide und Oranienburg herrscht eine sehr negative Stimmung gegen die Einführung des 4-Schichten-Planes,11 »weil sich dadurch der 12-Stundendienst vermehren anstatt verkürzen würde«. Eine Anzahl Kollegen sei deswegen schon aus dem FDGB ausgetreten. Mehrere Austritte seien angekündigt worden, falls der neue Plan eingeführt wird.

Dresden: Im VEB Annaberg-Buchholz12 äußerte ein Lokheizer: »In Westdeutschland haben die Arbeiter immer noch Streikrecht bei uns aber nicht«. Außerdem sagte er im Beisein von vier Kollegen: »Wenn einmal die Esse der 126. Lok weiß gestrichen ist, dann bewaffnet Euch mit Gabeln und Schaufeln, dann geht der Streik los.«

Leipzig: Im Kesselhaus des VEB Braunkohlenwerk Böhlen besteht eine Missstimmung über die dort herrschenden schlechten Arbeitsbedingungen. Arbeiter äußerten, dass sie es nicht verstehen können, weshalb die begonnenen Dacharbeiten an ihren Arbeitsplätzen wegen Materialmangel nicht abgeschlossen werden. Aus dieser Verärgerung wurde auf der Steuerbühne folgende Losung angebracht: »Wie erhöhe ich den Krankheitsstand? 1. Preis eine Flasche Schnaps«.

II. Lage in der Landwirtschaft

Frankfurt/O.: In der MTS Hohenwalde, [Kreis] Fürstenberg, herrscht eine schlechte Arbeitsmoral. Die dort Beschäftigten nehmen während der Arbeitszeit Alkohol zu sich und drohen mit Arbeitsniederlegungen. Ähnlich sind die Verhältnisse auch im VEG Ziltendorf.13

Karl-Marx-Stadt: In Reinholdshain,14 [Kreis] Glauchau, und Großhartmannsdorf, [Kreis] Brand-Erbisdorf, wurde je einem Bauern ein elektrisches Weidegerät gestohlen. In Rottmannsdorf, [Kreis] Zwickau[-Land], und Gornsdorf,15 [Kreis] Stollberg, wurden je einem werktätigen Bauern die Batterien aus den elektrischen Weidegeräten gestohlen.

III. Versorgung

Erfurt: Im HO-Warenhaus Erfurt kam es zu ausgesprochenen Hamstereinkäufen. Hauptsächlich wurden Butter, Margarine, Öl und Schmalz gekauft, sodass an einem Tage die Zuteilung von zehn Tagen verkauft wurde.

Leipzig: Auch hier treten seit dem 2.11.1956 in verschiedenen Stadtteilen in Leipzig und Torgau Angsteinkäufe auf. Besonders werden Mehl, Haferflocken, andere Nährmittel und Fleischkonserven gekauft.

Karl-Marx-Stadt: Im Bezirk wurden in den letzten Tagen Angsteinkäufe an Zucker, Mehl und Fetten festgestellt.

IV. Studenten

Halle: An der Philosophischen Fakultät wurden Diskussionen über die Bildung einer Studentenvereinigung geführt. Folgende Fragen wurden gestellt:

  • Warum sollte eine Studentenorganisation bei uns nicht möglich sein?

  • Warum gibt es in China eine solche Studentenorganisation?

  • Warum keine Fakultätsabzeichen?

Karl-Marx-Stadt: Im 1. Studienjahr der Fachrichtung Bergbau wurde in einer Studentenversammlung geäußert: »Wenn es in Ungarn an Freiwilligen bei den Konterrevolutionären mangelt, dann melden wir uns freiwillig, und das zu 99 % der hier Anwesenden.«

Gera: Am 5.11.1956 soll im Hörsaal der Chemie (Universität Jena) eine Versammlung stattfinden, wo die Forderung gestellt werden soll, dass die Anweisung 76 des Staatssekretariats für Hochschulwesen abgeändert wird, dass die Abschlussprüfung in Gesellschaftswissenschaft nicht, wie die Anweisung besagt, beim Staatsexamen, sondern bereits ein Jahr vorher abgelegt wird.16

Berlin: Nach vorliegenden Berichten äußerten die »Roten Falken«,17 dass sie an der Humboldt-Universität und an anderen Universitäten der DDR Kerngruppen für eine Organisation gesammelt hätten. Der Verkehr zwischen den Westberliner Universitäten und der Humboldt-Universität ist in der letzten Zeit sehr rege. Nach den eingeleiteten Sicherheitsmaßnahmen hat sich der Verkehr nach Westberlin verlagert.18

Leipzig: An der Karl-Marx-Universität gibt es noch immer Diskussionen über angeblich unkonkrete und zu geringe Informationen in unserer Presse. So stellte die Parteigruppe der Wissenschaftler der Germanisten einmütig fest, dass unsere Informationen »drei Fehler hätten«: Sie wären unvollständig, da nur ein Teil der Fakten verbreitet würden. Es gibt noch immer Tendenzen der Schönfärberei. Der Ton in verschiedenen Kommentaren in Presse und Rundfunk wäre nicht geeignet wesentliche Dinge klarzumachen. Von dieser Meinung ist die gesamte Grundorganisation beeinflusst, nur zwei Mitglieder der SED-Parteileitung kämpften bisher vergeblich gegen diese Auffassungen.

Rostock: Bei den Universitäten ist zzt. Greifswald ein Schwerpunkt. So wurden in der Mensa und im Studentenwohnheim in der Fleischerstraße Anschlagtafeln mit großer Überschrift »Ungarn« angebracht. Darunter stand folgender Aufruf: »Die Studentenschaft und der Lehrkörper der Theologischen Fakultät haben sich geschlossen hinter die von den Studenten begonnene Hilfsaktion für Ungarn gestellt. Die Studentenschaft ruft die noch abseitsstehenden Studenten auf, sich an der Hilfsaktion zu beteiligen.« Der Aufruf war mit sieben Namen unterzeichnet.

V. Besondere Vorkommnisse

Berlin: In den letzten Tagen haben sich verdächtig viel Westberliner beim Postamt O 17 um Einstellung beworben.19

Neubrandenburg: In der Nacht zum 3.11.1956 wurde im Kreisausschuss der Nationalen Front20 Templin eingebrochen und Folgendes entwendet:

  • 1.

    Aufstellung, woraus sämtliche Sekretariatsmitglieder und deren Aufgaben zu ersehen sind.

  • 2.

    Aufstellung über sämtliche Aktive der Nationalen Front

  • 3.

    Eine Kassette mit Bausteinen im Werte von 381 DM.

Frankfurt/O.: In der Nacht zum 3.11.1956 wurde in einer HO-Gaststätte in Ahrendsfelde,21 [Kreis] Bernau, ein Grenzsoldat von sieben Jugendlichen niedergeschlagen, wobei dieselben äußerten: »Die Freiheit hier haben wir satt, es muss bald anders werden. Es kommt der Tag, da schlagen wir Euch alle tot. In Ungarn haben die Arbeiter auch die Freiheit mit Waffen erkämpft, wir bekommen auch welche.«

VI. Feindtätigkeit

Am 1.11.1956 wurden in der Nähe von Großlöbichau,22 [Kreis] Jena[-Land], [Bezirk] Gera, zwei Telefonmaste der Sowjetarmee umgestürzt und die Telefondrähte durchschnitten. Am gleichen Ort wurden sieben selbstgefertigte Schriften mit Antisowjethetze gefunden.

Potsdam: Am 1.11.1956 wurden im Aufenthaltsraum der Konsumbäckerei in Oranienburg die Bilder der Genossen Pieck, Grotewohl, Ulbricht und Thälmann23 von zwei angetrunkenen Kraftfahrern zerschlagen.

Flugblattverteilung

Gera: Vor dem Gaswerk sieben selbstgefertigte Hetzschriften mit Hetze gegen die SED und der Aufforderung zu politischen Unruhen, wobei auch die Ereignisse in Ungarn Bezug genommen wird.

Erfurt: In Nordhausen wurden Flugblätter gefunden, die sich gegen Dr. Loch24 richten.

Halle: Im Stadtgebiet Bitterfeld wurden am 4.11.1956 vier selbstgefertigte Hetzblätter gefunden. Des Weiteren wurde von einer Frau eine Schachtel Reißzwecken gekauft, worin sich ein Flugblatt des SPD-Ostbüros befand.25

Karl-Marx-Stadt: In Oelsnitz am 3.11.1956 ein selbstgefertigtes Flugblatt. Text: »Die Provokation in Ungarn hätte man schon im Keim ersticken müssen sagt Ulbricht. Also handelt er nach dem Grundsatz der Nazis, gegen Demokraten helfen nur Soldaten.26 Fort mit solchen Halunken aus Deutschland.«

Berlin: Auf dem Marx-Engels-Platz wurde am 2.11.1956 folgendes handgeschriebenes Flugblatt gefunden. »Die Forderung der Berliner Studenten:

  • 1.

    Klare, objektive Einstellung der Regierung zu den Geschehnissen in Polen27 und Ungarn.

  • 2.

    Die Regierung muss aus diesen Ereignissen die Konsequenzen ziehen.

  • 3.

    Weitgehende Änderung in der Regierung und in der Politik.«

Am 4.11.1956 wurde auf dem Bahnhof Ostkreuz ein handgeschriebener Hetzzettel gefunden.

Inhalt: »Nieder mit den Mördern Ungarns. Protestiert durch Generalstreik!«

Hetzlosungen

Gera: In der Toilette des VEB Volltuch28 Pößneck war ein Galgen gemalt und darunter die Unterschrift: »SED« und »KPD«. Im Lesesaal der Universitätsbibliothek Jena: »Freiheit, wir wollen keinen Gewi-Unterricht«. An einem Zaun von der Krankenanstalt Stadtroda: eine Losung, die sich gegen die DDR richtete.

Erfurt: Auf dem Bahnhof Weimar war an einem polnischen Güterwagen die Losung: »Jagt die Russen aus dem Lande«. An verschiedenen Stellen in Erfurt waren sechs handgeschriebene Hetzzettel angeklebt, die sich gegen die Sicherheitsorgane der DDR richteten. »Nieder mit dem Spitzelstaat« – »Nieder mit den Organen der Polizei« – »Nieder mit dem Staatssicherheitsdienst der DDR«.

Leipzig: In Leipzig wurden an verschiedenen Stellen folgende Losungen angeschmiert: »Es lebe Adenauer, nieder mit den Kommunisten« – »Wir haben bald gesiegt« – »Wir fordern freie Wahlen« – »Raus mit den Russen« – »Nieder mit der SED« – »Wir wollen frei sein«. Am 3.11.1956 war an der Wand eines Wartehäuschens in der Oheimstraße in Leipzig die Losung: »Ulbricht ist ein Sch…, nieder mit Euch. Am 15.11.1956 geht’s los!« angeschmiert. Im Aushängekasten der Gemeinde Glesien,29 [Kreis] Delitzsch, war ein Hitlerbild angebracht.

Rostock: An der Tür eines Medizinstudenten im Haus 5 des Studentenwohnhauses in Greifswald war die Titelseite der Zeitschrift »Die Woche« vom 9.9.1936 mit dem Text: »Zum Reichsparteitag in Nürnberg« und mit dem Bild Hitlers angebracht.30 In Saßnitz, [Kreis] Rügen, war an einem Eisenbahnwaggon, der von Schweden nach Ungarn ging, die Losung: »Schweden grüßt das freie Ungarn« in Deutsch angeschmiert.

Halle: An einer Anschlagtafel der Gemeinde Sylda, [Kreis] Hettstedt: »Macht es dem heldenhaften ungarischen Volk nach. Ungarn hat sein Ziel erreicht, soll es uns nicht gelingen? Freie Wahlen – stürzt Ulbricht, sei tapfer. e. M. [sic!]« In den Toiletten der Oberschule Sangerhausen eine Losung gegen die Sowjetunion gerichtet. In den Toiletten des Kraftwerkes Vockerode31 eine gleiche Losung. In der Gemeinde Walbeck, [Kreis] Hettstedt, an einer Bekanntmachungstafel: »Arbeiter und Bauern, greift zu den Gewehren und vertreibt die russischen Herrschaften. Den Bürgermeister hängen wir auf. – Viel Spaß!« In Köthen war an einem Schaufenster ein faschistisches Emblem angeschmiert. Am 2.11. wurden Losungen in Halle, Dessau, Eisleben, Weißenfels und Bitterfeld an verschiedenen Stellen angeschmiert. Diese Schmierereien richteten sich gegen die Sowjetunion, führende Staatsfunktionäre und gegen den Präsidenten.

Karl-Marx-Stadt: Am 3.11.1956 am Spritzenhaus in Dittmannsdorf die Hetzlosung: »Ulbricht der Hund – Russen raus – Pieck muss weg – Freiheit«.

Anonyme Briefe und Anrufe

Berlin: Ein Schüler der Gerhart-Hauptmann-Schule in Berlin-Köpenick erhielt am 3.11.1956 ein Telegramm (angeblich DEFA), worin er aufgefordert wird, am 5.11.1956, gegen 10.00 Uhr, mit recht viel gleichaltrigen Kameraden (16 bis 18 Jahre) nach dem DEFA-Haus in der Leipziger Straße zu Filmaufnahmen zu kommen. Der Lehrer hatte der Schulklasse zu diesem Zweck für den 5.11.1956 Urlaub gegeben.

Halle: Das Finanzamt Wittenberg erhielt eine Postkarte mit folgendem Text: »Ihr Lumpen, zu den jetzigen Ereignissen Folgendes: Wenn wir wieder ein freies Volk werden wollen, dann muss sofort das Finanzamt aufgelöst werden. Euch vor Faulheit stinkende Verbrecher müsste man ausbrüten und nicht auf Kosten anderer Mitmenschen ernähren lassen – Die Freiheitsbewegung«.

Gerüchte

Magdeburg: In Havelberg wird das Gerücht verbreitet, dass bis Weihnachten mehrere Männer eingezogen würden; als erste müssten sich Angehörige der Kampfgruppen32zur Volksarmee melden. Einige Bauern aus Zerbst verbreiten, dass spanische Truppen an der ungarischen Grenze stehen. In 8 bis 14 Tagen würde es auch in »Russland« losgehen. Im Krankenhaus Wolmirstedt kursiert unter den Schwestern das Gerücht, das Schwestern zum Einsatz nach Ungarn gesucht würden. In Stendal erzählte ein Rentner, dass in der Zuckerfabrik in Goldbeck 100 »Russen« stationiert wären um aufzupassen, dass gearbeitet wird.

Ein Kraftfahrer der Konsumgenossenschaft Barleben,33 [Kreis] Wolmirstedt, verbreitete das Gerücht, dass Verteidigungsminister Stoph34 zu W. Ulbricht äußerte, dass er aufhören soll dem Volk etwas Unwahres zu sagen.

VII. Lage in Westberlin

Inoffiziell wurde bekannt, dass der amerikanische Geheimdienst sich für die Stimmung zu den Ereignissen in Polen und Ungarn interessiert. Dabei werden folgende Fragen gestellt:

  • 1.

    Besteht die Möglichkeit, dass in der DDR durch Studenten gleiche Unruhen wie in Ungarn geschaffen werden?

  • 2.

    Welche Gegenmaßnahmen werden beobachtet (Polizeiverstärkung, Streifentätigkeit).

  • 3.

    Welche Weisungen werden an die SED-Parteigruppen betr. Sicherheitsmaßnahmen gegeben.

Nach vorliegenden Unterlagen hat die KgU35 in Westberlin 800 bis 1 000 meist jüngere Flüchtlinge aus der DDR zusammengestellt und hält sie für besondere Einsätze bereit. Die KgU hat momentan einen Informationsdienst im demokratischen Sektor von Berlin eingesetzt (etwa 150 bis 200 Personen vorwiegend weiblich). Von der SPD wird behauptet, dass sie in den letzten Monaten viele neue Mitglieder im demokratischen Sektor registrieren konnte, darunter ebenfalls viele Mitglieder der SED.36 Außerdem habe sie angeblich an gewissen Schwerpunkten in der DDR die Grundlage für eine neue SPD geschaffen. Inoffiziell wurde bekannt, dass der Amerikaner der Westberliner Bereitschaftspolizei in den letzten Tagen schwere Maschinengewehre älterer Bauart zur Verfügung stellte.

In einer Versammlung der Falken am 30.10.1956 am Wedding wurde diskutiert, dass die Falken stärker als bisher im Osten arbeiten müssten, um dort ein »aufweichen« zu erreichen. Der Jugendvertreter Koffke37 sagte dazu, dass dieses »aufweichen« in der Humboldt-Universität bereits vorhanden wäre.

Ein Teil der Studenten der »Freien Universität«, die aus der DDR kommen und Verwandte in der Bundesrepublik haben, lassen sich von diesen aus der BR Personalausweise auf ihren Namen ausstellen. Die Eltern beantragen dann beim Rat des Kreises in der DDR eine Aufenthaltsgenehmigung für acht Wochen. Auf diese Weise gelangen viele Studenten in die DDR (inoffiziell).

Am 4.11.1956 wurden in den späten Abendstunden verstärkte Fahrzeugbewegungen in der englischen Kaserne in Kladow38 festgestellt.

  1. Zum nächsten Dokument Lage in der DDR (18) 5.11. (1)
    5. November 1956
    Information Nr. 308/56 – Betrifft: Lage in der Deutschen Demokratischen Republik (Material vom 5.11.1956, 8.00 Uhr, bis 6.11.1956, 8.00 Uhr)
  2. Zum vorherigen Dokument Lage in der DDR (17) 4.11.
    4. November 1956
    Information Nr. 306/56 – Betrifft: Die Lage in der Deutschen Demokratischen Republik (eingegangenes Material vom 4.11.1956, 14.00 Uhr bis 21.00 Uhr)