Direkt zum Seiteninhalt springen

Lage in der DDR (36) 16.–17.11.

17. November 1956
Information Nr. 342/56 – Betrifft: Die Lage in der Deutschen Demokratischen Republik – in der Zeit vom 16. November 1956, 20.00 Uhr, bis 17. November 1956, 8.00 Uhr, eingegangenes Material.

I. Industrie und Verkehr

Dresden

  • Im RAW Dresden-Friedrichstadt entstehen durch Stromabschaltungen innerhalb von 24 Stunden circa 400 Ausfallstunden. Diese werden nur mit 90 % des Grundlohnes bezahlt.1 Dadurch entsteht Unzufriedenheit unter der Belegschaft.

  • Im Bahnhof Bad Schandau ist für den 19.11.1956 eine Versammlung geplant, wo der Minister Kramer2 zur Frage des 4-Brigade-Planes sprechen will.3 Beide Brigaden des Bahnhofes wollen nicht an dieser Versammlung teilnehmen, was sie damit begründen, dass »der Minister die Leitung der Dienststelle vorgeladen und gefügig gemacht habe und gleiches wolle er auch in der Versammlung mit der Belegschaft tun«.

  • Am 10.11.1956 wurde im Bw Pirna eine Sammelliste für Ungarn ohne Geldbeträge entwendet.4

  • Im VEB Nähmaschinenwerk Dresden fordern die Arbeiter nach 100 Stunden Nachtschicht einen Tag Urlaub. Der BGL-Vorsitzende vertritt die Meinung, dass der Bundesvorstand des FDGB dieses Problem klären müsste.

Leipzig

  • Für das III. Quartal 1956 kommt im VEB Nähmaschinenwerk Altenburg, Werk I und II, eine Prämie in Höhe von 48 000 DM zur Verteilung. Am 8.11.1956 wurden die Namen der an der Prämie Beteiligten auf einer Liste bekannt gegeben. Bei den Namen handelte es sich nur um die des Werkleiters, sämtlicher Direktoren und deren Sekretärinnen, Abteilungsleiter, Meister und einen großen Teil Angestellter. Da kein einziger Produktionsarbeiter genannt wurde, löste dies unter ihnen Unzufriedenheit aus. Sie verlangen eine gerechte Verteilung der Quartalsprämie und andernfalls das Einschreiten übergeordneter Stellen.

II. Landwirtschaft

Dresden: Bei der BHG Pirna liegen ca. 50 Pfändungsbeschlüsse der Bauernbank für Neubauern vor, die ihre Zinsen für Baukredite nicht bezahlt haben. Aus diesem Grunde wurden bereits zwei Bauern aus Cotta republikflüchtig.

III. Hochschulen und Institutionen

Berlin

  • Im Institutskomplex Adlershof der Deutschen Akademie der Wissenschaften – Institut für organische Chemie, Optik und Feinmechanik, Mineralsalzforschung – haben in den Werkstätten die Mechaniker und Handwerker aufgrund einer Rücksprache mit der Kaderabteilung, Genosse Büttner, im Frühjahr dieses Jahres am 15.11.1956 mit Gehalts- bzw. Lohnerhöhungen gerechnet. Es handelt sich dabei um die Einführung eines neuen Tarifes, der jedoch noch nicht zur Anwendung gekommen ist. Es herrscht die Meinung vor, man soll die gegebenen Versprechen einhalten, sonst haben sie die Absicht auf die Straße zu gehen oder zu streiken. Es handelt sich dabei um ca. 30 Personen. Bei längerem Andauern der Diskussion kann sich der Personenkreis um ein mehrfaches vergrößern. Professor Thilo5 hat von sich aus mit den Arbeitern diskutiert und ihnen erklärt, sie sollen bis Montag warten, da dann der Genosse Fruckmann von der BGL wieder zurück ist und dann darüber verhandeln kann. Genosse Model6 vom ZK ist zzt. in Adlershof. Es findet eine Tagung der Parteileitung statt.

  • Die Wissenschaftler des Zoologischen Institutes der Humboldt-Universität erhielten Karten für die Vorstellung des Sowjetischen Staatszirkus im Friedrichstadt-Palast am 13.11.1956. Sie lehnten ab, die Vorstellung zu besuchen mit der Begründung: »Sie könnten nicht zu den Russen gehen, da sie das ungarische Volk unterdrücken.«

Schwerin

  • Studentinnen der Pädagogischen Fachschule Schwerin lehnen den obligatorischen Sport ab, nachdem eine Studentin bei einem Geländespiel mit einem Schädelbruch verunglückte und verstarb.

IV. Feindtätigkeit

a) Schmiererei

  • Halle: Ergänzend zu den wiederholt berichteten Hetzlosungen, Hetzzetteln und Drohbriefen im VEB Kupferbergbau Eisleben wurde bekannt, dass am 15.11.1956 der Täter festgenommen werden konnte. Es handelt sich um einen ehemaligen FDJler, der seit einiger Zeit Feindtätigkeit verübt.

  • Potsdam: 14.11.1956 am Gebäude der VP-Bereitschaft Potsdam: ein Hakenkreuz.

  • Dresden: 15.11.1956 im VEB Zellstoffwerk Heidenau, [Kreis] Pirna: fünf Hakenkreuze.

  • Gera

    • 15.11.1956 in Hermsdorf, [Kreis] Stadtroda:7 sechs Hakenkreuze und

    • 16.11.1956 20 Hakenkreuze und SS-Runen.

    • 16.11.1956 im Treppenhaus des VEB Zeiss Jena: »Schlagt die Kommunisten tot – bildet illegale Gruppen«.

  • Leipzig: 16.11. in einer Straße im Stadtgebiet Leipzigs: »Der Arbeiter ist nicht frei – Tod dem Kommunismus«.

b) selbstgefertigte Hetzschriften

  • Dresden

    • 12.11.1956 mehrere Hetzzettel im Stadtgebiet Dresden: »Am 13.11. wird in den Streik getreten«.

    • 14.11.1956 zwei Hetzzettel im Stadtgebiet Görlitz: »Arbeiter, folgt dem Beispiel Ungarns« und »Fordert Freiheit und Unabhängigkeit«.

    • 14.11.1956 ein Hetzzettel auf der Straße von Miltitz nach Munzig, [Kreis] Meißen: »Wir fordern Abzug der sowjetischen Truppen und freie Wahlen«.

    • 14.11.1956 ein Hetzzettel am Grundstück des VEB Pappenfabrik Munzig gleichen Inhalts.

  • Leipzig: 13.11.1956 zwei Hetzzettel im Stadtgebiet Leipzig: »Nieder mit dem Kommunismus« und »Es lebe unser Freund und Helfer Adenauer«8 sowie mehrere Hakenkreuze. Ein Hetzzettel im Briefkasten einer Lehrerin in Leipzig: »Wir raten Ihnen kein Russisch mehr zu geben, schauen Sie die Lage in Ungarn an«.

c) anonyme Hetzbriefe und Anrufe

  • Dresden: Am 14.11.1956 erhielt der Betriebsschutz des VEB Zellstoffwerk Heidenau, [Kreis] Pirna, einen anonymen Anruf mit dem Wortlaut: »Ihr Kommunisten werdet alle aufgehängt.«

  • Leipzig: Eine Arbeiterin vom VEB Zylindergießerei Leipzig erhielt von einem gewissen [Name] die briefliche Mitteilung, dass ihr 1944 vermisster Sohn verstorben sei. Des Weiteren erhielt den gleichen Brief die Mutter einer ihrer Arbeitskolleginnen (der Brief ist in Leipzig abgestempelt).

V. Besondere Vorkommnisse

  • Im Abschnitt des Grenzkommandos Waddekath, Kreis Salzwedel, [Bezirk] Magdeburg, kommt es in den letzten Tagen zum verstärkten Übergang von Bürgern der Bundesrepublik. In den meisten Fällen sind es kriminelle Elemente. (berichtet von der BV Magdeburg)

  • Am 16.11.1956 wurde von der Transportpolizei Halle ein amerikanischer Agent, wohnhaft in Biesenthal, auf einer Spionagefahrt nach Dessau festgenommen. In seinem Notizbuch wurden Autonummern vorgefunden. Nach seinen Aussagen wurde er im September 1956 vom amerikanischen Geheimdienst angeworben.

  • Am 11.11.1956 wurde in Bornstedt, Kreis Potsdam-Land,9 ein Arbeiter im angetrunkenen Zustand festgenommen, weil er einen VP-Angehörigen wie folgt beschimpfte: »Ihr Lumpen, Euch müsste man aufhängen, wie man es in Ungarn getan hat. Bei uns ist sowieso alles Sch… Was die anderen machen, das steht in der Zeitung, aber was die Russen machen, steht nicht drin.« Zu diesen Äußerungen kam es, als der Arbeiter an einer Schlägerei beteiligt war und der VP-Angehörige diese schlichten wollte. Der Arbeiter erklärte, er habe die Äußerung deshalb getan, weil er erfahren habe, dass ein Taxifahrer von sowjetischen Soldaten erschlagen worden sei.10 Da der Haftbefehl vom Staatsanwalt abgelehnt wurde, ist der Arbeiter aus der Haft entlassen worden.

VI. Lage beim Gegner

In der Nacht vom 3. zum 4.11.1956 ist die 288. Amerikanische Panzerdivision aus ihrer Garnison über Frankfurt/M., Fulda im Raum [Bad] Hersfeld, ausgerückt. Im Raum Hersfeld sollen weitere zwei bis drei Divisionen konzentriert sein. Die 288. Panzerdivision ist in Hanau stationiert. Es soll sich um Manöver handeln, die bis Ende November gehen sollen. (berichtet von der BV Erfurt)

Am 14.11.1956 wurden durch den Westberliner Zoll starke Fahrzeugkontrollen vorgenommen. So wurden Fahrzeuge, die aus dem demokratischen Sektor kamen, so kontrolliert, dass die vordere Verkleidungshaube des Fahrzeuges geöffnet und mit der Taschenlampe das Wageninnere abgeleuchtet wurde.

VII. Westpropaganda

Am 16.11.1956 hetzte der »Telegraf« in einem Artikel mit der Überschrift »Die stille Revolution«, dass »die Situation in der Zone gespannt wie in den Tagen vor dem 17.6.1953 ist. Doch die bitteren Erfahrungen des Volksaufstandes sind nicht vergessen. Es herrscht in allen Bevölkerungskreisen Einigkeit darüber, dass nicht eine gewaltige Auflehnung das verhasste Regime stürzen kann. … Die Arbeiter und Studenten haben alle zu einer Taktik gegriffen, die den Machthabern Gewalt und Terror verbietet. Sie diskutieren mit den Argumenten des Westens, denen die Funktionäre hilflos gegenüberstehen. …«11

Im »Tagesspiegel« vom 16.11.1956 wird eine verleumderische Mitteilung der SPD wiedergegeben, die verlautet, dass »der Ostdienst der SPD aus Ostberliner Quelle erfahren hat, dass Ulbricht von den Sowjets den Einsatz der Roten Armee mit Panzern in Ungarn gefordert habe …« Weiter heißt es, »besonders in der Woche vom 28.10. bis 4.11. habe Ulbricht in mehreren Besprechungen mit dem Sowjetbotschafter in Ostberlin sowie mit den andern Kontaktleuten der KPdSU die Anwendung schärfster Gewalt gegen das ungarische Volk verlangt.«12

  1. Zum nächsten Dokument Neuregelung der Bezahlung von Ausfallstunden
    17. November 1956
    Information Nr. 343/56 – Betrifft: Neuregelung der Bezahlung von Ausfallstunden, die durch Energieabschaltungen hervorgerufen werden
  2. Zum vorherigen Dokument Republikflucht im September 1956
    16. November 1956
    Information Nr. 340/56 – Betrifft: Republikflucht im September 1956