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Lage in der DDR (37) 17.11.

17. November 1956
Information Nr. 344/56 – Betrifft: Lage in der Deutschen Demokratischen Republik (am 17.11.1956, von 8.00 bis 20.00 Uhr, eingegangenes Material)

I. Industrie

Halle

  • Farbenfabrik Wolfen, [Kreis] Bitterfeld, Abteilung Böttcherei. Die Arbeiter verweigern die Beitragszahlung für die Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft (DSF) aufgrund der Ereignisse in Ungarn.1

  • Entwurfsbüro für Industriebau Dessau. Der Chefstatiker erklärte seinen Austritt aus der DSF aufgrund der Ereignisse in Ungarn. Die gleiche Absicht äußerten noch mehrere Ingenieure, die alle Mitglieder der CDU sind.

Berlin

  • Vom VEB Bergmann-Borsig, Berlin-Wilhelmsruh, befinden sich 80 Arbeiter und Ingenieure in Ungarn. Die Angehörigen sind unzufrieden, da sie bisher keine Nachricht von dort erhielten. Veröffentlichungen des Rundfunks werden nicht geglaubt. Negative Elemente nutzen diese Situation und betreiben Hetze.

  • Im VEB Kodak, Berlin-Oberschöneweide, halten sich die Arbeiter untereinander dazu an, Hamstereinkäufe zu tätigen, da es bald »zum Krieg kommen würde«.

Karl-Marx-Stadt

  • Am 17.11.1956 wurde bekannt, dass die Fachversammlung des Kraftfahrzeughandwerkes beabsichtigt hatte, eine Resolution zu verfassen, mit dem Inhalt, die Arbeit für zwei Wochen niederzulegen. Damit sollte gegen [eine] bürokratische Auslegung der Gesetze durch die Abteilung Finanzen protestiert werden. Dem Präsidenten der Handwerkskammer gelang es die Annahme der Resolution zu verhindern. Das Gleiche wurde auf einer Versammlung des Ofensetzerhandwerkes bekannt. Die Ofensetzer sind nicht damit einverstanden, dass jede über acht Stunden geleistete Arbeitsstunde versteuert werden muss. Dadurch gerieten sie in Steuerschulden.

Dresden

  • Im VEB Waggonbau Niesky fordert die Brigade 7 eine Senkung ihrer Normen. Bei Nichtdurchführung wird mit Verweigerung der Arbeitsaufnahme gedroht. Der Wortführer beteiligte sich bereits am 17.6.1953.

Neubrandenburg

  • VEB Sägewerk Hohenlychen. Ein großer Teil der Beschäftigten lehnte auf einer Betriebsversammlung den Vorschlag einer Sonderschicht zur Unterstützung Ungarns ab.2

  • Im RWN3 Neubrandenburg wurde dem Hauptbuchhalter und dem Parteisekretär nach erfolgter Prämienzahlung in anonymen telefonischen Anrufen mit ähnlichen Ereignissen wie in Ungarn bedroht.

II. Versorgung

Berlin: Unter der Bevölkerung herrscht Unzufriedenheit darüber, dass es keine Kindermäntel für den Winter und keine Reißverschlüsse zu kaufen gibt.

III. Landwirtschaft

Neubrandenburg

  • Im MTS-Stützpunkt Klein Vielen, [Kreis] Neustrelitz, lehnte ein Umsiedler eine Sammlung für Ungarn ab. Seinen verleumderischen Ausführungen schlossen sich die anwesenden Traktoristen und Feldbaubrigadiere an.

  • Am 17.11.1956 brannte in Strasburg4 eine 14 dz Roggenstroh umfassende Miete eines Großbauern ab. Ursache vermutlich Brandstiftung. Schaden 400 DM.

IV. Schulen und Bildungsstätten

Berlin: Hochschule für angewandte Kunst, Berlin-Weißensee. Zurzeit werden Unterschriften gegen den Russisch- und Gewi-Unterricht5 gesammelt. Politisch organisierte Studenten werden von dieser Sammlung ausgeschlossen.

Dresden: In der Berufsschule Meißen drohte eine Klasse dem Lehrer Streik an, wenn er die geschriebenen Arbeiten nicht zurückgibt.

Gera: Universität Jena. Die Medizinstudenten beabsichtigen anlässlich eines am 24.11.1956 stattfindenden Medizinerballes, den Russisch- und Gewi-Unterricht lächerlich zu machen.

V. Feindtätigkeit

Berlin

  • In der Nacht zum 15.11.1956 wurde von unbekannten Tätern der sowjetische Ehrenfriedhof in Berlin-Biesdorf geschändet. Insgesamt wurden 32 Grabsteine umgeworfen.

  • Am 17.11.1956 wurden vom Amt für Zoll- und Warenkontrolle6 zwei weibliche Personen festgenommen, die im Hüftgürtel je 150 Zeitschriften der Zeugen Jehovas versteckt hatten.7 Beide Personen sind in Gera wohnhaft.

Schwerin

  • Im Fernmeldeamt Schwerin wurden die Ankündigungen der DSF abgerissen und beschmutzt.

Frankfurt/O.

  • In Stalinstadt, Lager Helmut Just,8 wurde der Haupträdelsführer einer illegalen Gruppe festgenommen. Die Gruppe hatte sich gebildet mit dem Ziel, in der DDR ebenfalls eine Konterrevolution zu unterstützen. Der Rädelsführer war bereits wegen illegalen Waffenbesitzes inhaftiert.

Hetzschriften

  • Magdeburg: In Ihleburg, [Kreis] Burg, wurden die Täter ermittelt, die am 15.11.1956 acht selbstgefertigte Hetzschriften antisowjetischen Inhaltes verbreiteten. Bei den Tätern handelt es sich um drei minderjährige Schüler. Sie gaben an, den Inhalt für die Hetzschriften aus westlichen Rundfunkberichten und Gesprächen ihrer Eltern entnommen zu haben.

  • Neubrandenburg: Am 14.11.1956 wurde in Anklam erneut eine selbstgefertigte Hetzschrift antisowjetischen Inhalts angebracht. Vom 12. zum 13.11.1956 wurden in der Gemeinde Gielow, [Kreis] Malchin, an mehreren Stellen selbstgefertigte Hetzschriften angeklebt. Inhalt in zwei Fällen Aufforderung zur Republikflucht.

Hetzlosungen

  • Dresden: Vom 14. bis 15.11.1956 wurden Losungen, die sich gegen die Regierung und die DDR richten, an drei Stellen im Stadtgebiet Dresden und im VEB Spinnerei und Weberei Ebersbach, [Kreis] Löbau, angeschmiert. Am 15.11.1956 wurden am Bahnhof Pirna faschistische Schmierereien festgestellt.

  • Frankfurt/O.: In Neuenhagen, [Kreis] Strausberg, wurden am 15.11.1956 in mehreren Fällen faschistische Schmierereien angebracht.

Anonyme Anrufe und Briefe

Dresden

  • Am 16.11.1956 wurde die Ingenieur-Schule Meißen anonym angerufen und nach der Bewachung befragt. Die SED-Kreisleitung und der Rat des Kreises sowie die Abteilung Gesundheitswesen Meißen erhielten am gleichen Tage ebenfalls telefonische Anrufe. Inhalt: »Wir leben noch«.

  • In Zittau wurde dem sowjetischen Kommandanten ein anonymer Hetzbrief mit Verleumdungen gegen die SU durch die Post zugestellt.

  • In Löbau erhielt die Nationale Front9 einen anonymen Brief. Inhalt: Mordhetze gegen Walter Ulbricht und Wilhelm Pieck, Verherrlichung des 17.6.1953 und der SPD.

  • Der Rat der Stadt Glashütte, [Kreis] Dippoldiswalde,10 erhielt ein Schreiben mit folgendem Inhalt: »Führt die Stadt Glashütte ein Wappen oder wappenähnliches Symbol? Wir benötigen dieses Zeichen für werbliche Zwecke«. Weiterhin wird um Zusendung eines Abdruckes gebeten. Absender: Fa. Zentralbüro Abeler, Münster/Westphalen, Piusallee 34.

Schwerin

  • Dem VEB Sauerstoffwerk Bützow wurden zwei gefälschte Einladungen der KgU11 zugesandt. Inhalt: Einladung zur Besichtigung der Strafvollzugsanstalt Bützow-Dreibergen.

Anlage 1 zur Information Nr. 344/56

Ergänzung (für die Zeit vom 17.11.1956, 20.00 Uhr, bis 18.11.1956, 8.00 Uhr)

Landwirtschaft

  • In der Nacht vom 16. zum 17.11.1956 wurde der Rinderstall und die angebaute Scheune der LPG »Clara Zetkin« in Pomßen, [Kreis] Grimma, [Bezirk] Leipzig, in Brand gesteckt. Täter unbekannt, Schaden: ca. 75 000 DM.

  • Am 17.11.1956 wurde von zwei 4 bis 6-jährigen Kindern die Scheune der LPG Baumgarten, [Kreis] Bützow, [Bezirk] Schwerin, in Brand gesteckt. Schaden: ca. 750 dz Getreide verbrannt.

Feindtätigkeit

Am 17.11.1956 wurden auf dem Bahnhofsgelände Treuenbrietzen/Berlin12 zwei Weichen durch Schottersteine blockiert. Täter unbekannt. Sach- oder Personenschaden entstand nicht.

Provokationen

Am 17.11.1956, um 19.10 Uhr, wurde die Posten vor dem Munitionsbunker der Flakkaserne Eggersdorf, [Kreis] Strausberg, von drei unbekannten männlichen Personen durch einen Streif- und einen Steckschuss verletzt. Die Täter entkamen auf Fahrrädern. (Die Geschosse lassen auf ausländisches Fabrikat schließen.)

Hetzlosungen

  • Am 12.11.1956 in Altenburg, [Bezirk] Leipzig: »Alle Arbeiter streiken« und »Streik«.

  • In Meuselwitz, [Bezirk] Leipzig, wurden vier Hakenkreuze geschmiert.

Anonymer Brief

Zwei Studenten aus Leipzig erhielten je einen Drohbrief mit folgendem Text: »Es ist angebracht, sich in allen Dingen etwas ruhiger zu verhalten. Das ist zunächst keine Drohung, sondern eine Aufforderung und bezieht sich nicht nur auf persönliches Verhalten. Jemand, dem Du unsympathisch bist.«

Westberlin

Am 18.11.1956 soll um 11.00 Uhr in der Mensa der Technischen Universität in Westberlin eine »Totengedenkfeier« – ausnahmslos für Studenten stattfinden. Sprechen sollen: Dr. Vockel,13 Vertreter der VDS, ehemalige Inhaftierte.

Anlage 2 zur Information Nr. 344/56

Ergänzung (für die Zeit vom 18.11.1956, 8.00 bis 20.00 Uhr)

Besondere Vorkommnisse

Heute Morgen (18.11.1956) bis etwa gegen Mittag wurde am Kontrollpunkt Schönefeld per Eisenbahn und im Straßenverkehr festgestellt, dass auffallend viele Friseure aus den verschiedenen Gebieten der DDR nach Berlin fahren. Am Kontrollpunkt Schönefeld haben einige Hundert solcher Personen die Kontrolle passiert. Ähnliche Beobachtungen wurden auch am Kontrollpunkt Blumberg festgestellt. Offenbar hängt dies damit zusammen, dass in Westberlin eine Friseurschau durchgeführt wird.14 Um bei der Rückreise einen Einblick in diesen Personenkreis zu erhalten, wurden Maßnahmen zur verstärkten Kontrolle eingeleitet; des Weiteren, ob dieser Personenkreis Hetzschriften bei sich führt.

Am 18.11.1956 stellte ein Bürger in Berlin-Friedrichsfelde, Lincolnstraße, beim Spaziergang fest, dass auf der Straße ca. 50 Ampullen herumliegen. Die Ampullen haben etwa eine Stärke von zwei Streichhölzern, Länge ca. 5 cm, gefüllt mit einer weißen Flüssigkeit. Aufschriften oder andere Zeichen sind nicht vorhanden. Die Untersuchung ergab, dass es sich um Riechstoff handelt, der nicht gefährlich ist.

Dresden

Am 18.11.1956, gegen 1.10 Uhr, wurde der VP-Angehörige [Name 1, Vorname] in Cunnersdorf, [Ortsteil von] Pirna, nach einem Tanzvergnügen in der Gaststätte »Heiterer Blick« blutig niedergeschlagen. Als Täter wurde der [Name 2, Vorname] geb. [Tag, Monat] 1932, beschäftigt bei der Bau-Union Dresden, festgenommen. Dieser äußerte schon vor der Ausführung der Tat, dass er, wenn er eine Uniform sieht, gleich rot sieht und rangeht. Der VP-Angehörige konnte noch nicht vernommen werden, da er noch bewusstlos im Krankenhaus liegt. Da der VP-Angehörige schon einige Male, laut Aussagen des Operativstabes der BDVP, in Schlägereien verwickelt war, kann es durch die Trunkenheit des VP-Angehörigen zur Schlägerei gekommen sein.

Neubrandenburg

Am 17.11.1956 meldete ein ehrenamtlicher Mitarbeiter der Nationalen Front in Neubrandenburg, dass bei seiner Tochter unter ihrem Bett eine größere Menge Leitungsdraht liegt. (Ein Päckchen blanker Bleidraht, zwei Rollen Leitungsdraht, ein Karton Leitungsklammern und eine Rolle Sattlerzwirn.) Diesen Draht sollte sie für zwei Soldaten der Volksarmee aufbewahren. (Namen der Soldaten sind bekannt.) Durch die Vernehmung stellte sich heraus, dass ihre Freundin fünf gestohlene Trommelpistolen, sowjetischer und französischer Herkunft, in ihrem Zimmer im Koffer versteckt hielt. Ermittlungen und Vernehmungen zzt. noch nicht abgeschlossen. Drei Personen wurden bisher festgenommen.

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    19. November 1956
    Information Nr. 345/56 – Betrifft: Lage in der Deutschen Demokratischen Republik (vom 17.11.1956, 8.00 Uhr, bis 19.11.1956, 5.00 Uhr, eingegangenes Material)
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    17. November 1956
    Information Nr. 343/56 – Betrifft: Neuregelung der Bezahlung von Ausfallstunden, die durch Energieabschaltungen hervorgerufen werden