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Lage in der DDR (46) 27.–28.11.

28. November 1956
Information Nr. 365/56 – Betrifft: Lage in der Deutschen Demokratischen Republik (27.11., 8.00 Uhr, bis 28.11.1956, 5.00 Uhr, eingegangenes Material)

I. Industrie und Verkehr

Karl-Marx-Stadt

  • In den Steinkohlenrevieren ist die Materiallage äußerst angespannt. Besondere Schwierigkeiten macht die Beschaffung von Schraubenmaterial. Der Grund dafür ist unter anderem, dass die Schraubenfabrik Finsterwalde schon neun Monate keine Schraubenstahle erhalten hat. Auf die Forderung der Freitaler Kumpels hin nahmen der Leiter der Abteilung Materialversorgung sowie ein anderer Mitarbeiter der Hauptverwaltung Steinkohle an einer Produktionsberatung in Freital/Gittersee, teil, wo sie über die Materialschwierigkeiten sprachen. Die meisten Diskussionen ergaben, [dass] »wenn die jetzige Materialzuteilung weiterhin so bleibt, ein zweiter 17. Juni unvermeidlich« sei.

  • Im VEB Textilwerk Pleißengrund Crimmitschau1 stehen gegenwärtig 40 Webstühle still, weil es an Schussgarnen/Kammgarnen fehlt. Es besteht keine Aussicht, die restlichen 9 t Kammgarne für dieses Jahr noch zu erhalten, da die Brandenburgische Kammgarnzwirnerei mit ihren Lieferungen nicht nachkommt. Unter den Arbeitern des VEB Elektromotorenwerk Grünhain besteht wegen der Zahlung der Quartalsprämie an die Angestellten Verärgerung. Dadurch kam es zu Äußerungen wie zum Beispiel: »Wenn die Verteilung so weitergeht, braucht man sich nicht zu wundern, wenn es einmal zu Streiks kommen sollte.« Die Erregung ging so weit, dass die Arbeiter in der Nacht zum 24.11.1956 nur wenig arbeiteten, in Gruppen zusammenstanden und diskutierten. Durch eine getroffene Änderung in der Auszahlung der Quartalsprämie hat sich die Stimmung wieder beruhigt.

Gera

  • Im VEB Hochofenwerk der Maxhütte herrscht ebenfalls Verärgerung, weil bei dem Prämiensystem für Einsparung von Koks die Arbeiter nicht genügend berücksichtigt wurden. In den Diskussionen wurde unter anderem bemerkt, »dass man anderswo eben streike«.

  • Bei den BGL-Wahlen in der Baufirma Steiniger (Privatbetrieb) in Greiz wurde ein Zettel mit folgender Beschriftung in die Wahlurne geworfen: »Adenauer2 – Tito3 – Eisenhower«.4 Dazu sei noch bemerkt, dass von sieben gewählten BGL-Mitgliedern einer der SED angehört.

Leipzig

  • In den letzten Tagen forderten die Werkstattarbeiter der mechanischen Werkstatt des VEB ECW Eilenburg statt zwölf Tage 18 Tage Jahresurlaub.5 Sie begründeten es damit, dass die Werkstattarbeiter in den chemischen Betrieben Leuna, Buna u. a. 18 Tage Urlaub erhalten. Die zwölf Tage Urlaub bestehen zu Recht, weil der VEB ECW nicht zur chemischen Grundstoffindustrie gehört.

Dresden

  • Am 26.11.1956 fiel im VEB Reifenwerk Riesa im Kesselhaus die Speisewasserpumpe aus. Ursache: Eine Spule des Motors [ist] durchgebrannt. Produktionsschaden: ca. 90 000 DM.

II. Landwirtschaft

Schwerin

  • Am 20.11.1956 brannte in der LPG Vorbeck, [Kreis] Bützow, die Scheune mit Getreide nieder. Ursache: Brandstiftung durch Kinder, Schaden: 55 000 DM.

Potsdam

  • Am 26.11.1956 brannte die Scheune eines LPG-Mitgliedes in der Gemeinde Wergzahna, [Kreis] Jüterbog, nieder. Schaden: ca. 7 000 DM. Des Weiteren spielten in der Scheune vier Kinder, wovon zwei in den Flammen umkamen und die anderen beiden wurden mit schweren Brandwunden in ein Krankenhaus eingeliefert. Davon ist ein Kind bereits verstorben. Die Kinder waren im Alter von drei bis fünf Jahren. Ursache des Brandes: Vermutlich spielten die Kinder mit Streichhölzern.

III. Studenten

Leipzig

  • Im Institut für Geschichte der UdSSR an der Karl-Marx-Universität tritt ein Professor folgendermaßen negativ in Erscheinung: Er erwähnt lobend die »unparteiliche« und »sachliche« Darstellung des Stoffes durch bürgerliche Studenten. Im Seminar über das »Deutsche Russlandbild« lässt er negative Urteile über die Völker der UdSSR zu und bezeichnet sie noch als objektiv und positiv. Er fordert die Studenten immer wieder auf, »sachlich« und nicht mit »vorgefassten Meinungen« (d. h., marxistisch) an die Probleme heranzugehen. Diejenigen Studenten, die vom marxistischen Standpunkt aus herangehen, werden lächerlich gemacht und ihre Arbeiten werden als »Journalistik« bezeichnet.

Dresden

  • An der Forsthochschule Tharandt macht die Partei ihren Einfluss ungenügend geltend, zumal bekannt ist, dass der Lehrkörper größtenteils konservativ ist. So wird gegen Mitglieder der SED gehetzt und provoziert. Auch die Einstellung zu unserem Arbeiter- und Bauern-Staat ist bei vielen schlecht. Von 570 Studenten und Mitarbeitern gehören 92 der SED an.

Berlin

  • Studenten der Humboldt-Universität beklagen sich über die ungenügende Arbeit der Partei und Massenorganisationen mit den Studenten. So werden keine Aussprachen mit den Studenten über ihre Schwierigkeiten beim Studium oder über ihre persönlichen Sorgen geführt. Studenten der Germanistik (Mitglieder der SED) erklärten, dass sie sich nicht zur Parteiorganisation ihrer Fakultät hingezogen fühlen und mit ihr keine Verbundenheit haben. In den Leitungssitzungen der SED werden hauptsächlich Lehr- und Forschungsarbeiten besprochen. Die Anleitung der FDJ ist auch ungenügend. Die Auswirkung zeigte sich darin, dass provokatorischen Argumenten nicht genügend entgegengetreten wurde und Studenten sich beeinflussen ließen.

IV. Besondere Vorkommnisse

Dresden

  • Am 21.11.1956 gab der Pfarrer zum Gottesdienst in der Kirche Bischofswerda eine »Anregung vom Frankfurter Kirchentag« bekannt, die »jetzt überall eingeführt« würde.6 Jeder Christ soll jeden Sonnabend um 18.00 Uhr für die Dauer von zwei Minuten jede Arbeit einstellen sowie das Radio abschalten zum Gedenken der Verständigung der Christen in Ost und West.

V. Lage beim Gegner

Am 21.11.1956 wurden ca. 20 amerikanische Staatsangehörige (Zivil) von Frankfurt/M. über Belgien nach den USA abtransportiert. Des Weiteren soll der amerikanische Flughafen Bockenheim bei Frankfurt/M.7 nach Belgien verlegt werden. Material soll bereits abtransportiert sein. Personentransporte gingen schon zehn Tage, je Tag zwei Eilzüge mit ca. 200 Mann (gemeldet von der BV Erfurt).

Aus dem Kreis Haldensleben, [Bezirk] Magdeburg, wurde berichtet, dass vor einigen Tagen die Zolltätigkeit westlicherseits sehr stark war. Zeitweise, vor allem von 11.00 bis 14.00 Uhr, wurden 14 Zöllner in einem Abschnitt der Grenze gezählt. An der Straße Grasleben-Weferlingen,8 wurden wiederholt Fahrzeuge der englischen Besatzungsmacht und des Grenzschutzes gesehen.9

VI. Feindtätigkeit

a) Schmierereien

  • Dresden: 24.11.1956 auf dem Bahnhof Bischofswerda erneut die Hetzlosung »SED-Hunde«.

  • Magdeburg: Vor einigen Tagen im zentralen Waschraum des Werkteiles B des VEB Georgi-Dimitroff-Werk10 Magdeburg die Losung: »Kollegen, eine Woche nicht arbeiten und wir sind die Führung los.« Im Betrieb 11 des VEB Ernst-Thälmann-Werkes Magdeburg: »Macht es wie in Ungarn – wir kommen bald wieder. Hoch lebe Horthy.«11

  • Potsdam: 26.11.1956 zwei Hetzlosungen in Nauen: »Bekämpft den Kommunismus«. (Die Losungen waren mit Ölfarben geschrieben und ca. 6 m lang.)

  • Leipzig: 26.11.1956 eine Hetzlosung in Leipzig-Schönefeld12 »Freie Wahlen – SPD Freie Wahlen«.

b) selbstgefertigte Hetzschriften

  • Magdeburg: 25.11.1956 fünf Hetzschriften in Seehausen: »Russen raus«.

  • Karl-Marx-Stadt: 24.11.1956 fünf Hetzzettel vor dem Hausgrundstück eines VP-Angehörigen in Lichtenstein: »Freiheit für Ungarn – raus mit den sowjetischen Truppen aus Ungarn«.

c) Hetzbriefe

Magdeburg

  • Ein Genosse der Stahlgießerei des Ernst-Thälmann-Werkes Magdeburg erhielt einen Hetzbrief. Dieser war unterzeichnet mit: »Die Widerstandskämpfer der Stahlgießerei«.

  • 23.11.1956 erhielt der Vorsitzende der NF13 in Alt-Brandisleben,14 [Kreis] Schönebeck, einen Hetzbrief. Darin wurde er aufgefordert, seine politische Arbeit aufzugeben und sich in Westberlin zu melden. Unterschrift: »Mitarbeiter der freien Welt«.

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    29. November 1956
    Information Nr. 366/56 – Betrifft: Lage in der Deutschen Demokratischen Republik (28.11., 8.00 Uhr, bis 29.11., 8.00 Uhr, eingegangenes Material)
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