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Lage in einigen LPG, MTS und Forstwirtschaftsbetrieben

25. August 1956
Information Nr. 170/56 – Betrifft: Zur Lage in einigen LPG, MTS und Staatlichen Forstwirtschaftsbetrieben

In der letzten Zeit wurden immer wieder Fälle bekannt, wo Mitglieder der LPG ihren Austritt aus der LPG beantragen bzw. wo sogar mit Streik oder Arbeitsniederlegung gedroht wird. Gründe dafür sind, dass Genossenschaftsbauern mit den festgelegten Arbeitseinheiten nicht einverstanden sind, da sie ihrer Meinung nach zu niedrig seien und für die Lebenshaltung nicht ausreichen würden. Beispiele zeigen, dass es eine ganze Reihe LPG gibt, die durch wirtschaftliche Schwierigkeiten die geplanten Einkünfte nicht realisieren können, sodass sehr viel Kredite von der Notenbank in Anspruch genommen werden müssen.

Eine Überprüfung im Bezirk Magdeburg ergab z. B., dass 21 LPG im Kreis Havelberg nur 36,1 % der für 1956 geplanten Geldeinkünfte realisieren können. Die bei der Planaufstellung eingeplanten Kredite in Höhe von 1,239 Mio. DM werden wahrscheinlich um 1,700 Mio. DM überschritten. Der für dieses Jahr geplante Wert der Arbeitseinheit liegt ca. 20 % niedriger als im Vorjahr.

Die Ursachen, dass die Genossenschaften in diesem Jahr nicht so rentabel arbeiten, sind Hochwasserschäden, schlechte Futtergrundlage und schlechte Arbeitsmoral. Solche Erscheinungen gibt es auch in anderen Bezirken. Die schlechte Lage in verschiedenen LPG ist nicht allein auf wirtschaftliche Mängel zurückzuführen, sondern ist vor allem mit in der schlechten Arbeitsmoral verschiedener Genossenschaftsbauern zu suchen, die noch nicht die richtige Bedeutung der Genossenschaften erkannt haben. Das äußert sich darin, dass man die genossenschaftliche Arbeit interessenlos und nachlässig verrichtet, dass man die individuellen Felder besser bearbeitet und das eigene Vieh besser versorgt. Weiterhin gibt es auch sehr viele persönliche Differenzen, was einmal die gute Zusammenarbeit behindert und zum anderen der LPG schadet. Verschiedentlich ist auch das Verhältnis zwischen Genossenschaftsbauern und den Vorsitzenden nicht gut. Da gibt es Beispiele, dass man gegen den Vorsitzenden intrigiert oder dass der Vorsitzende eigenmächtig handelt, ohne den Vorstand und die Mitglieder zu informieren. Einige Beispiele dafür, wo in LPG eine besonders schwierige Lage besteht:

  • In der LPG Parkow,1 [Kreis] Bützow, [Bezirk] Schwerin, kam es wegen der Lohnauszahlung in der Feldbaubrigade zu Meinungsverschiedenheiten. So erklärte der Brigadier am 30.7.1956, für das Geld nicht mehr zu arbeiten, dass es am besten wäre, die Arbeit niederzulegen und in den Streik zu treten.

  • In der LPG Kletzke, [Kreis] Perleberg, wurden die Arbeitseinheiten von 6,00 auf 4,00 DM herabgesetzt. Für die individuelle Viehhaltung war keine Futtergrundlage mehr vorhanden. Deshalb traten fünf Mitglieder aus der LPG aus.

  • Die Mitglieder der LPG Parkow, [Kreis] Bützow, Vielank, [Kreis] Ludwigslust; Stolpe, [Kreis] Parchim, und Lennewitz vertreten die Ansicht, dass durch eine Veränderung im Vorstand eine Erhöhung der Arbeitseinheiten erreicht würde. In der LPG Vielank erklärten acht Mitglieder ihren Austritt. Sie erklärten, mit 4,50 DM pro Arbeitseinheit nicht auszukommen.

  • In der LPG Dennewitz sind 80 % der Mitglieder Rückkehrer aus Westdeutschland. Durch schlechte Wirtschaftsführung ist die Fluktuation sehr stark. Verschiedene Rückkehrer sind aus diesem Grunde wieder nach Westdeutschland zurückgegangen.

  • Die LPG im Kreis Potsdam-Land nehmen gegenüber ihren Einnahmen sehr hohe Kredite in Anspruch. Am 30.6.1956 waren es bereits 70 % des gesamten Kredites für 1956. Die Einnahmen dagegen betrugen 16,7 %. Die Bauernbank ging dazu über, für 14 LPG die Kredite für Juli zu sperren. Am 2.8.1956 wurde für zwölf LPG die Kreditsperre wieder aufgehoben.

  • Die LPG Tremsdorf, [Kreis] Potsdam-Land, hat mit ca. 34 000 DM Verlust im ersten Halbjahr abgeschlossen.

  • In der LPG Teurow, [Kreis] Königs Wusterhausen, haben zur Jahreswende alle Mitglieder gekündigt. Sie haben während der Tätigkeit in der LPG ihre individuellen Wirtschaften gut vorwärtsgebracht, sodass sie nun allein weiter wirtschaften können. Unter den Mitgliedern, die gekündigt haben, befinden sich auch der Parteisekretär und andere Genossen. Sämtliche Frauen sind bereits jetzt ausgetreten.

  • In der LPG Everingen,2 [Kreis] Haldensleben, [Bezirk] Magdeburg, haben fünf Mitglieder ihre Kündigung eingereicht. In der LPG Eichholz, [Kreis] Zerbst, reichten sieben Mitglieder ihre Kündigung ein. Sie gaben als Grund an, dass die Arbeit zu schwer sei und sie zu wenig verdienen würden.

  • In der LPG Dobia, [Kreis] Zeulenroda, [Bezirk] Gera, gibt es starke Auflöseerscheinungen, dort soll die Zusammenarbeit unter den Genossenschaftsbauern sehr schlecht sein.

  • In der LPG Großebersdorf,3 [Kreis] Gera[-Land], erklärten in der letzten Zeit acht Personen ihren Austritt. Ähnlich ist es in der LPG Gera-Röppisch.4 Die Ursachen des niedrigen Verdienstes sind, dass die LPG immer mehr herabgewirtschaftete Betriebe, die vom Rat des Kreises den LPG aufgedrängt werden, übernehmen müssen.

  • In der LPG »9. Juli« Bischhagen, [Kreis] Worbis,5 [Bezirk] Erfurt, haben sechs Mitglieder ihren Austritt erklärt, sodass sich die Zahl auf 16 erhöhte. Das sind 50 % der Mitglieder. Gründe des Austrittes sollen folgende sein: Mitte Juni 1956 weilte der ehemalige Bürgermeister, jetzt in Westdeutschland wohnend, zur Beerdigung seines Vaters in der Gemeinde. Während seines Aufenthaltes soll er mit einigen Genossenschaftsbauern – ehemalige Freunde von ihm – gesprochen haben. Ein weiterer Grund ist aber auch, dass die Partei-Grundorganisation schlecht arbeitet.

Abschließend kann dazu noch bemerkt werden, dass in den LPG durch erheblichen Arbeitskräftemangel die wirtschaftlichen Schwierigkeiten noch erhöht werden. Es gibt LPG, die sehr viel Land besitzen, was sie aus diesem Grunde nicht ordnungsgemäß bearbeiten können. Hinzu kommt noch, dass LPG mitunter auch gezwungen werden, noch zusätzlich Land von devastierten Betrieben zu übernehmen.

II. Zur Lage in einigen MTS6

Wie in LPG, so gibt es auch in einigen MTS Unstimmigkeiten über Fragen der Entlohnung. Auch hier glauben die Arbeiter der MTS, dass ihre Arbeit zu niedrig gegenüber anderen Wirtschaftszweigen bezahlt wird. Verschiedentlich besteht die Unzufriedenheit aber auch wegen der schlechten Differenzierung der Entlohnung innerhalb der MTS. Dazu wird z. B. aus dem Bezirk Schwerin berichtet, dass Spezialarbeiter und Angestellte weniger Lohn als Traktoristen erhalten.

In der MTS Kläden, [Kreis] Stendal, [Bezirk] Magdeburg, hat z. B. ein Brigademechaniker gekündigt. Er wurde als Traktorist wieder eingestellt. Der Grund dafür war: Sein Grundgehalt betrug nur 230 DM, da die MTS ihren Halbjahrplan nicht erfüllte. In der MTS Pouch, [Bezirk] Halle, haben zwei Arbeiter aus der Werkstatt gekündigt. In der Werkstatt wird nicht nach Leistungslohn gearbeitet, sodass die Arbeiter nur einen Durchschnittslohn erhalten. In den MTS des Kreises Rochlitz, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, will eine ganze Reihe Traktoristen nicht mehr in den MTS arbeiten, da der Verdienst zu gering ist. Es handelt sich hierbei vor allem um qualifizierte Traktoristen.

III. Zur Lage in den Staatlichen Forstwirtschaftsbetrieben

Unter den Arbeitern der Staatlichen Forstwirtschaftsbetriebe gibt es seit der Einführung der neuen Normen am 1.1.1956 heftige Diskussionen und Verärgerungen. Da man bei der Einführung der neuen Norm nicht mit den Arbeitern darüber sprach und auch die örtlichen Gegebenheiten nicht berücksichtigte, werden Waldarbeiter z. T. sehr hart betroffen. Eine Überprüfung des Lebensstandards einer 5-köpfigen Familie ergab z. B., dass nach Abzug der Lohnsteuer, SVK, Miete, Licht, Feuerung, wöchentlich ein Betrag von DM 10,00 pro Kopf übrig bleibt. Durch die neuen Normen wurde im I. Quartal im Holzeinschlag ein Durchschnittsverdienst von 255 DM erzielt. Im II. Quartal stieg der Durchschnittsverdienst auf 300 DM an. Durch diese Tatsache ist die Stimmung der Waldarbeiter sehr schlecht. So sagte z. B. ein Forstvermessungsinspektor (NDPD) von Perleberg, [Bezirk] Schwerin: »Ich bin für 3 000 ha Wald verantwortlich und bekomme dafür 320 DM. Ein Schweinemeister im VEG bekommt dagegen 800 DM einschließlich Prämienzulage. Es wäre Zeit, dass die Gehälter in der Forstwirtschaft überprüft und verändert werden.«

Im Staatlichen Forstwirtschaftsbetrieb Blankenburg, [Kreis] Wernigerode,7 [Bezirk] Magdeburg, sind die Waldarbeiter der Meinung, dass die Normerhöhung nicht gerechtfertigt sei, da die technischen Voraussetzungen fehlen würden. Bei einer Aussprache mit einem jüngeren Brigadier lehnte dieser den Eintritt in die SED ab und sagte dazu, die Partei soll erst einmal beweisen, dass sie etwas für die Arbeiter unternimmt, indem sie die Normen ändert.

Die Forstarbeiter vom Staatlichen Forstwirtschaftsbetrieb Katzhütte, [Kreis] Neuhaus, [Bezirk] Suhl, sagen, es würde sich bei der Einführung der neuen TA-Normen8 um eine verschleierte Normerhöhung handeln, weil man jetzt den Raummeter als Schichtmeter bezeichnet und beim Schichtmeter ein Viertel Meter Holz mehr als beim Raummeter bearbeitet werden muss.9 Weiterhin wird dazu erklärt, dass es in unserer DDR keinen Lohnabbau bzw. keine Normerhöhung geben dürfte. Eine Normerhöhung könne es nur dann geben, wenn durch die Einführung von Maschinen und technischen Geräten die Arbeit vereinfacht und erleichtert würde. Die Waldarbeiter fordern eine ihrer Arbeit angemessene Entlohnung.

Die Arbeiter der Brigade 24 des Staatlichen Forstwirtschaftsbetriebes Ilmenau, [Bezirk] Suhl, wollen bei diesen Lohnverhältnissen nicht mehr länger im Forst arbeiten. Es waren mehrere Aussprachen nötig, um die Arbeiter von einer Kündigung abzuhalten. Viele Forstarbeiter brachten zum Ausdruck, dass sie nur deshalb dem Betrieb treu bleiben, weil sie schon lange dort arbeiten und Holz und Kohle erhalten hätten. Diskussionen von aus dem Forstbetrieb ausgeschiedenen Arbeitern beinhalten, dass sie wieder im Walde arbeiten würden, wenn die Verdienstmöglichkeiten anders wären.

Im Staatlichen Forstbetrieb Bad Salzungen und Meiningen wird über die Auszahlung von Treuegeld10 für Angehörige der Intelligenz heftig diskutiert. Die Produktionsarbeiter sind darüber verärgert, dass ihnen kein Treuegeld gezahlt wird, obwohl sie im Forst die schwerste Arbeit zu leisten hätten. Im Staatlichen Forstwirtschaftsbetrieb Meiningen wird dazu gesagt: »Wir, die Arbeiter, sind 30 und 40 Jahre im Forst tätig und bekommen keine Treueprämien. Wir denken, dass wir in einem Arbeiter- und Bauernstaat leben.«

Im Staatlichen Forstwirtschaftsrevier Altenburg, [Bezirk] Gera,11 erheben die Waldarbeiter ebenfalls Einspruch gegen die Zahlung von Treueprämien. Sie erklären: »Die Angestellten, speziell die Förster und Oberförster, haben durch die neue Entlohnung nach Tarifen eine Lohnerhöhung erhalten. Außerdem erhalten sie bei der Erfüllung des Planes noch eine Quartalsprämie. Der Stundenlohn eines Waldarbeiters beträgt 1,08 DM.« Sie vertreten die Meinung, ihnen würde genau wie den Angestellten diese Treueprämie zustehen.

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