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Lage und Stimmung zur Versorgung

21. April 1956
Lage und Stimmung zur Versorgung [Information Nr. M89/56]

1. Lage zur Versorgung

In allen Bezirken der Deutschen Demokratischen Republik treten in der Versorgung der Bevölkerung mit HO-Fleisch- und -Wurstwaren sowie in HO-Butter größere Schwierigkeiten auf. Obwohl die Planzahlen für diese Positionen in den einzelnen Bezirken ausreichend sind, bestehen im Eigenaufkommen in Fleisch und Milch große Rückstände. In den einzelnen Positionen zeigt sich folgendes Bild:

a) Fleischversorgung

Die größten Schwierigkeiten in der Lebensmittelversorgung bestehen in der Bereitstellung von Frischfleisch, sodass der HO-Verkauf in verschiedenen Bezirken sehr stark eingeschränkt werden musste und zum Teil in verschiedenen Kreisen tagelang kein Fleisch in den HO-Geschäften vorrätig war. Schwerpunkte in der HO-Fleischversorgung [sic!] treten in den Bezirken Magdeburg, Halle, Leipzig, Erfurt, Karl-Marx-Stadt, Schwerin, Potsdam, Rostock und Neubrandenburg auf. Gleichfalls treten in einigen Kreisen der Bezirke Neubrandenburg und Leipzig Schwierigkeiten in der Markenversorgung auf.1 So kann zurzeit in den Kreisen Demmin und Waren, [Bezirk] Neubrandenburg, nicht die erforderliche Menge an Fleisch- und Fleischwaren für die Markenversorgung sichergestellt werden. Im Bezirk Döbeln,2 [Bezirk] Leipzig, ist für die Markenversorgung nur eine Bevorratung für zwei Tage vorhanden.

Die Ursachen, die zu diesen Schwierigkeiten führen, liegen hauptsächlich in dem geringen Eigenaufkommen an Schlachtvieh. Weiterhin wirkt sich die Futtermittelknappheit auf die Schweinemast aus sowie die ungenügende Arbeit der VEAB, indem sie im I. und II. Quartal 1956 nur geringe Verträge zur Ablieferung von Schlachtvieh abgeschlossen haben. Dies wirkte sich so aus, dass der Bezirk Magdeburg im I. Quartal 1956 einen Rückstand von 2 300 t im Eigenaufkommen hat. Weiterhin besteht im Bezirk Leipzig ein Rückstand von 23 t und die VEAB von Schwerin haben einen Rückstand für die Lieferung an Berlin von 34 t. Der Bezirk Erfurt hat für das II. Quartal ein Plansoll von 15 000 t, voraussichtlich wird aber nur ein Aufkommen von 11 000 t möglich sein.

Wie ungleichmäßig die VEAB die Verträge für den freien Aufkauf von Schweinefleisch abschließt, soll das Beispiel aus dem Bezirk Suhl zeigen. So wurden im

  • Mai 812,

  • Juni 365,

  • Juli 11 907,

  • August 4 405,

  • September 3 464

Verträge abgeschlossen.

Dieses Beispiel, das auch auf andere Bezirke übertragen werden kann zeigt, dass im II. Quartal 1956 noch keine Besserung in der Fleischversorgung zu erwarten ist, es werden sich die Schwierigkeiten – wie bereits schon mehrmals berichtet – noch weiter verschärfen.

Auch in der Tierhaltung sind Anzeichen vorhanden, die schließen lassen, dass auch in der weiteren Perspektive sich ein Mangel an Schweinefleisch bemerkbar macht. So sind in der gesamten Republik ca. 600 000 Sauen nicht gedeckt. Die Ursachen, die dazu führten, liegen darin begründet, dass Ende des Jahres 1955 von dem staatlichen Zucht- und Nutzviehkontor die abgeschlossenen Verträge mit den Bauern nicht eingehalten wurden und die Bauern ihre Tiere nicht loswurden. Wenn nicht unverzüglich Maßnahmen eingeleitet werden, damit die Bauern ihre Sauen decken lassen, wird es im I. und II. Quartal 1957 zu Versorgungsschwierigkeiten in Schweinefleisch kommen. Zu beachten ist noch die Tatsache, dass in der DDR der Stand3 von Schweinen um ca. zwei Millionen zurückgegangen ist.

b) HO-Butterversorgung

In der HO-Butterversorgung treten in den Bezirken Erfurt, Schwerin, Dresden, Gera, Leipzig, Potsdam, Karl-Marx-Stadt und Rostock Schwierigkeiten in Erscheinung. Dies führt dazu, dass es in verschiedenen Kreisen der Bezirke Karl-Marx-Stadt, Leipzig, Dresden und Gera bei der Lieferung von Butter zu Schlangenbildungen kam. Ebenfalls liegen auch hier die Ursachen wie in der Fleischversorgung in der mangelhaften Erfassung von Milch, was gleichzeitig mit auf die mangelhafte Futtergrundlage zurückzuführen ist.

Über die Versorgung mit HO-Margarine, Mehl und Fischwaren wurden uns nur örtliche Schwierigkeiten aus den Bezirken Erfurt, Dresden, Potsdam, Magdeburg, Halle und Karl-Marx-Stadt bekannt, welche jedoch keine größeren Ausmaße annahmen.

In der Belieferung mit Industriewaren treten immer wieder Schwierigkeiten auf, vor allem macht sich ein Mangel an Fahrradersatzteilen sowie Fahrradketten bemerkbar. So wurden uns aus Wittenberge, Boizenburg, [Bezirk] Schwerin, Borna, Torgau, Grimma, [Bezirk] Leipzig, Kamenz, Bautzen, [Bezirk] Dresden, sowie aus den Bezirken Magdeburg, Halle und Karl-Marx-Stadt diese Mängel bekannt.

2. Stimmung unter der Bevölkerung zur Versorgungslage

Die bekannt gewordene Stimmung zur Versorgungslage kann im Allgemeinen als negativ betrachtet werden. Zu der Lebensmittelversorgung nehmen hauptsächlich Hausfrauen Stellung, wogegen zu dem Mangel an Ersatzteilen für Fahrräder Industriearbeiter, die ihre Fahrräder für den Arbeitsweg benötigen, Stellung nehmen.

  • So wird z. B. von Hausfrauen aus Zschopau, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, geäußert: »Die Belieferung mit HO-Butter ist zurzeit schlechter als vor zwei Jahren. Die Bildung von Schlangen ist ein schlechtes Zeichen für westdeutsche Besucher.«

  • Der Traktorist [Name], beschäftigt auf der MTS Lübbenow, Kreis Strasburg, [Bezirk] Neubrandenburg, sagte: »Man sprach 1950/1952/1954 und auch noch jetzt von der Verbesserung des Lebensstandards bei uns in der DDR. Man sprach sogar von der Abschaffung der Marken, aber wie sieht es denn aus? Man hat uns vieles versprochen, aber nichts hat sich verbessert. Man redet viel und nichts wird gemacht. Ich glaube an nichts mehr.«

  • Ein Angestellter der SVK in Karl-Marx-Stadt sagte zur Versorgungslage Folgendes: »Da faseln sie schon von 7-Stunden-Tagen.4 Der Arbeiter- und Bauernstaat soll erst einmal die Versorgung regeln, damit es nach zehn Jahren nicht mehr solche Schwierigkeiten gibt. Das sind doch auch keine anderen Menschen. Warum tut hier die Partei nichts. Sie hat ja die Macht im Staate.«

Diese oder gleichlautende Diskussionen wurden noch aus den Bezirken Dresden, Leipzig, Gera, Potsdam und Karl-Marx-Stadt bekannt.

In der Schiffswerft Oderberg im Kreis Eberswalde, [Bezirk] Frankfurt/O., wird unter den Arbeitern und Angestellten besonders darüber diskutiert, dass die Butter nach zehnjähriger Kriegsbeendigung in der HO noch zu teuer ist, ebenso die Preise für Fleisch- und Wurstwaren. Ähnliche Diskussionen treten in fast allen Bevölkerungsschichten dieses Bezirkes auf. In den Diskussionen in der Bevölkerung der Kreise Güstrow, Parchim, Perleberg, [Bezirk] Schwerin, kommt zum Ausdruck, dass der Engpass in der Versorgung in der ungenügenden Arbeit der Erfassungsorgane zu suchen ist.

Von einem Teil von Industriearbeitern wird immer wieder in Betriebsversammlungen und Diskussionen die Forderung erhoben, dass mehr Ersatzteile für Fahrräder und Fahrradketten in den Handel kommen müssen. Dabei treten besonders solche Arbeiter hervor, welche in den Landgemeinden wohnen und ihr Fahrrad für den Arbeitsweg benötigen. Besonders stark treten diese Forderungen in dem VEB Zellwolle,5 dem Öl- und Nähmaschinenwerk Wittenberge, [Bezirk] Schwerin, der Elbewerft Boizenburg, [Bezirk] Schwerin, und dem Braunkohlenwerk Knappenrode, [Kreis] Kamenz, [Bezirk] Dresden, hervor.

Aus allen Bezirken wird bekannt, dass über die neue Zigarettensorte mit dem Aufdruck »1. Mai« negative Diskussionen geführt werden. Ein großer Teil der Bevölkerung ist damit nicht einverstanden, dass sich auf den Zigarettenschachteln das Symbol des 1. Mai und eine marschierende Kampfgruppe6 befindet. Sie sehen darin eine Herabwürdigung.

Überplanbestände

Wie bekannt wurde, befinden sich in den einzelnen Großhandelskontoren und Handelsniederlassungen in Berlin beträchtliche Überplanbestände. Dazu wurde Folgendes bekannt:

  • GHK Textil: 24,8 Mio. DM,

  • GHK Schuhe und Leder: 6,3 Mio. DM,

  • Konsum HN Textil: 13,3 Mio. DM,

  • Konsum HN Schuhe: 2,5 Mio. DM.

Im VEB Herrenbekleidung »Fortschritt«, Berlin-Lichtenberg, sind Überplanbestände von 5,5 Mio. DM vorhanden, bei denen es sich zum größten Teil um vertragslose Produktion handelt. Im VEB Damenoberbekleidung Berlin-Friedrichshain lagern für ca. 300 000 DM Fertigwaren, die der Handel nicht abnimmt, obwohl es sich hierbei zum überwiegenden Teil um Modelle aus der Produktion 1955 handelt. Außerdem besteht ein Überhang an Stoffen im Werte von ca. 2 Mio. DM, die nicht verarbeitet werden können, da dieselben sehr viele Webfehler aufweisen.

Im VEB Baumwollspinnerei Erdmannsdorf, [Kreis] Flöha, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, lagern wegen Absatzmangel 50 000 kg Fertigwaren. Im VEB Baumwollspinnerei Werk I, Mittweida, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, lagern ebenfalls 300 t Fertigware. Im VEB Baumwollspinnerei Karl-Marx-Stadt lagern 2 500 t Garn und im VEB Baumwolle Adorf,7 [Kreis] Oelsnitz, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, 60 t.

Ebenfalls befinden sich in einigen Textilbetrieben des Bezirkes Karl-Marx-Stadt größere Überplanbestände. So befinden sich z. B. im

  • VEB Trikotagenwerk Limbach für 800 000 DM,

  • VEB »Bruno Freitag«8 für 800 000 DM,

  • VEB Trinelli für 1,1 Mio. DM und im

  • VEB »Clara Zetkin« Burgstädt9 für 800 000 DM.

Fertigwaren am Lager, welche nicht abgesetzt werden können.

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    Stimmung und Lage in der VP [Information Nr. M94/56]
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