Direkt zum Seiteninhalt springen

Stimmung und Lage in der GST

5. April 1956
Stimmung und Lage in der GST [Information Nr. M80/56]

Stimmung und Lage in der GST

I. Stimmung zu politischen Problemen

Übereinstimmend wurde festgestellt, dass Diskussionen über die verschiedensten politischen Probleme sehr spärlich bzw. gar nicht erfolgen. Es zeigt sich immer wieder in Versammlungen und Gesprächen, dass viele Mitglieder die GST als eine reine Sportorganisation betrachten. Dafür ein Beispiel: Die Ausbildungsstunden der GST im Kreis Brandenburg werden zwar immer mit kurzen politischen Erläuterungen begonnen, Diskussionen folgen aber darauf kaum, sondern diese werden sofort auf Sportfragen gelenkt. Eine Ausnahme ist hierbei die im Zusammenhang mit der Schaffung der Nationalen Volksarmee entstandene rege Diskussion.1 Dabei werden zum größten Teil positive Stellungnahmen bezogen. Hauptargumente sind:

  • »Ein Staat ohne Armee ist machtlos, das können wir uns in der heutigen Situation nicht erlauben.«

  • »Wir müssen unsere Errungenschaften vor Angriffen imperialistischer Kräfte schützen.«

  • »Die Volksarmee dient den Interessen des Friedens.«

Die Fahrlehrer [Name 1] und [Name 2] vom Motorstützpunkt der Schiffbau- und Reparaturwerft Stralsund äußerten z. B., dass sie die Schaffung einer Volksarmee begrüßen und baten gleichzeitig um Aufnahme in die Partei der Arbeiterklasse. Das GST-Mitglied [Name 3], parteilos, von der Grundorganisation der MTS Kölzow, [Kreis] Ribnitz[-Damgarten], brachte zum Ausdruck: »Ein Staat ohne Armee ist machtlos und das können wir uns bei der heutigen Situation nicht erlauben. Es ist deshalb bei uns wichtig und notwendig, eine Volksarmee zu schaffen.« Das GST-Mitglied [Name 4] aus Bad Sülze, [Kreis] Ribnitz[-Damgarten], meinte: »Es wurde höchste Zeit, dass die Volkskammer diesen Beschluss fasste, denn nur so können wir dem Militarismus in Westdeutschland energisch entgegentreten.«

Daneben wurden in allen Bezirken zahlreiche Verpflichtungen zum Eintritt in die Nationale Volksarmee und zur besseren Ausbildung übernommen, vor allem von den Funktionären der GST, aber auch von ganzen Gruppen. Verschiedentlich wird gefordert, eine Ausbildung an großkalibrigen Waffen durchzuführen. Einige Beispiele:

  • In der Bergingenieurschule in Zwickau erklärten sich 90 % aller GST-Mitglieder unter 25 Jahren bereit, nach Abschluss ihres Studiums in die Reihen der Nationalen Volksarmee einzutreten. In der Oberschule Königs Wusterhausen verpflichteten sich 25 Kameraden, in die Reihen der Nationalen Volksarmee einzutreten. Von ca. 26 Mitgliedern der Sektion Flugsport verpflichteten sich 15, den Luftstreitkräften der Volksarmee beizutreten. Gleiche Verpflichtungen wurden aus dem Lehrkombinat des VEB Blankschrauben in Luckenwalde, aus dem MTS Lehrkombinat Jüterbog, aus der MTS Osterne, Kreis Gransee, und aus der LPG Wernikow, Kreis Wittstock, bekannt.

  • Die Mitglieder der GST-Gruppe Borne, Kreis Belzig, verpflichteten sich, bis zum 1.5.1956 einen Schießstand einzurichten.

  • Die GST-Gruppe in Brück, Kreis Belzig, will die Kameraden soweit ausbilden, dass acht Mitglieder das Mehrkampfleistungsabzeichen in Bronze und fünf Mitglieder die Fahrerlaubnis Klasse 1 erwerben können. Bei der GST-Kreisleitung Zossen gingen 600 ähnliche Verpflichtungen ein.

  • Die Angehörigen der GST Betriebsorganisation Bergbau-Ingenieurschule Senftenberg stellten in einem Brief an den Zentralvorstand der GST die Forderung, dass die Ausbildung der Kameraden der GST mit großkalibrigen Waffen erfolgen soll.

  • Aus dem VEB Ernst-Thälmann-Werk in Magdeburg stellten neun Motorsportler die Forderung, die vormilitärische Ausbildung in der GST zu erweitern und die Ausbildung an großkalibrigen Waffen vorzunehmen.

Neben den positiven Stellungnahmen gibt es die schon aus anderen Kreisen bekannten Diskussionen über die Uniformen2 und die Einführung einer Wehrpflicht.3 Ein ziemlich beträchtlicher Teil lehnt die Nationale Volksarmee selbst nicht ab und erklärt sich auch bereit in diese einzutreten, aber erst, wenn es eine Wehrpflicht gibt. Z. B. sagte der Kraftfahrer [Name 5], parteiloses GST-Mitglied beim Rat des Kreises Grevesmühlen: »Es wäre besser, wenn wir Gestellungsbefehle hätten, dann würden wir gehen. Freiwillig gehe ich aber nicht.« Der Jugendliche [Name 6] aus der Sparte Schießen in Neubukow, [Kreis] Bad Doberan, sagte: »Jeder Staat muss eine Armee haben, jedoch bin ich in der Meinung, dass dann auch die Wehrpflicht eingeführt werden muss, denn aus den paar Jugendlichen, die sich freiwillig melden, kann man keine Armee aufbauen.«

Diskussionen mit dem gleichen Inhalt werden in allen Bezirken geführt. Sie zeugen von der schlechten ideologischen Arbeit in den betreffenden GST-Grundorganisationen, was sich besonders auf dem Lande bemerkbar macht. Negative Diskussionen sind Einzelerscheinungen und haben meist pazifistische Tendenzen zum Inhalt oder bringen Nursportlertum zum Ausdruck. Hauptargumente sind:

  • »Wir nehmen kein Gewehr in die Hand.«

  • »Wenn wir kein Gewehr in die Hand nehmen, greift uns der Westen auch nicht an.«

  • »Lieber Verhandlungen führen, als eine Armee aufbauen.«

  • »Wir sind ja aktiv in der GST tätig, deshalb machen wir keinen Dienst in der Nationalen Volksarmee.«

  • »Wir wollen nur unserem Sport nachgehen und uns nicht militärisch ausbilden lassen.«

Diese Argumente sind in allen Bezirken und allen Sparten vorhanden, stellen jedoch die Minderheit dar. Am verbreitetsten sind sie in Sparten, wo kleinbürgerliche Elemente zahlreich sind.

In den Sparten Hundesport in Lindow und Altruppin, [Bezirk] Potsdam, wurde beispielsweise erklärt: »Wir sind nicht in die Hundesparte eingetreten, um später als Sanitäter bei der Volksarmee zu dienen.« Und in der Sektion Hundesport Ronneburg-Kayna4 »IV. Parteitag« (Wismut) weigerte sich ein Mitglied, mit dem Gewehr am Aufmarsch teilzunehmen. Außerdem tauchte das Gerücht auf, dass die Mitglieder der GST zuerst in die Nationale Volksarmee eingezogen werden, z. B. im Sprengstoffwerk Schönebeck, Schwerweberei Vetschau, VEB Zellwolle Wittenberge.5 Im Sprengstoffwerk Schönebeck wollten daraufhin einige Kameraden aus der GST austreten.

II. Die Lage innerhalb der GST

Insgesamt gesehen hat sich die GST im letzten Jahr innerlich etwas gefestigt und ist auch nach außen hin schlagkräftig geworden. Das zeigt sich einmal im Anwachsen der Mitgliederzahlen (im Jahre 1955 rund 45 000 Zugänge) und in teilweise aktiver Arbeit innerhalb der einzelnen Sparten und zum anderen in dem geschlossenen und disziplinierten Auftreten der GST-Gruppen bei Demonstrationen und Veranstaltungen. Dieser Aufschwung ist besonders seit der Tätigkeit des neuen Sekretariats unter der Leitung des Genossen Staimer6 festzustellen. Genosse Staimer stellt jedoch auch bei jeder sich bietenden Gelegenheit heraus, dass er besondere Verdienste an der Stärkung der GST hat. Er versucht in allen Fragen eine Alleinherrschaft auszuüben und bezeichnet alte Genossen, die durch ihr Alter in der Arbeit mit ihm nicht Schritt halten, als unfähig, im ZV zu arbeiten. Über den XX. Parteitag der KPdSU7 äußerte Staimer: »Damals haben wir die KPdSU von Pospelow in zwei Bänden verbrannt, heute können wir sie wieder raussuchen.«8

Im ZV ist ein starkes unmoralisches Verhalten festzustellen. So gibt es zahlreiche außereheliche Verhältnisse zwischen Angestellten des ZV, die gar kein Geheimnis sind. Der Kaderleiter Schwarze fördert diesen Zustand insofern noch, als er nachweisbar wegen Unmoral aus anderen Arbeitsstellen entlassene Personen (meist Frauen) einstellt.

Die im Republikmaßstab sichtbaren Verbesserungen (wie einleitend erwähnt) können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es noch überall große Schwächen und Mängel gibt und die GST insgesamt gesehen nicht auf der Höhe ihrer Aufgaben steht. Die Hauptschwäche ist die mangelhafte politische Erziehung, die Erscheinungen wie Nursportlertum, Ablehnung der Kampfsportausbildung, schlechte Gerätepflege und ungenügende Beteiligung an den Übungen zur Folge hat. Die Ursachen sind u. a. im Mangel an geeigneten Ausbildern zu suchen. Es gibt wohl eine große Anzahl Ausbilder mit guten technischen Kenntnissen und gutem Willen, aber dort fehlen die politischen Voraussetzungen. Bei anderen werden durch ungenügende fachliche Fähigkeit die Unterrichts- bzw. Ausbildungsstunden uninteressant und die Teilnehmerzahlen gehen zurück.

Eine typische Erscheinung ist, dass zwar die Sparten Schießen und Geländesport mit zu den größten und aktivsten Sparten zählen, aber alle anderen Sparten überwiegend gegen die Einführung dieser Kampfsportdisziplin in ihren Sparten eingestellt sind. Vorstehende Tatsachen sind eine Allgemeinerscheinung. Ungenügend ist die Zusammenarbeit und Unterstützung durch die FDJ, die Werkleitungen und teilweise auch durch die Parteiorganisationen. Aus allen Kreisen des Bezirkes Potsdam wird gemeldet, dass die Anleitung und Unterstützung durch die Partei- und Massenorganisationen noch sehr schwach ist.

In mehreren Fällen liegt das Hauptgewicht in der verstärkten Arbeit mit den Kampfgruppen,9 und die GST wird als nebensächlich betrachtet. Z. B. beim VEB Bau in Wolgast bestanden einige gut arbeitende Gruppen der Fachdisziplin Motor- und Schießsport. Der größte Teil der Mitglieder ist jetzt von den dortigen Kampfgruppen übernommen worden. Seitdem wird keine GST-Ausbildung mehr durchgeführt. Der Parteisekretär Genosse Collet ist der Meinung, dass man sich dort jetzt nicht mehr um die GST zu kümmern braucht, sondern die Kampfgruppen weiter stärken und die FDJ aufbauen muss.

Die Kreisleitungen der GST geben den Gruppen ungenügend und nicht selten gar keine Anleitung. Meist haben sie keine Übersicht über die Mitgliederstärke und auch die Kassierung liegt oft nur bei 50 %. Die in der letzten Zeit erfolgten Zugänge waren ebenfalls in den seltensten Fällen das Verdienst der Leitungen. Eine ungenügende Arbeit wird vor allem auf dem Lande geleistet (MTS, VEG, LPG), was die gleichen Ursachen hat. Im Kreis Pritzwalk beteiligten sich z. B. von 800 Mitgliedern der GST im vergangenen Jahr nur 85 aktiv. Im Kreis Jüterbog ist die Beteiligung an den GST-Übungen in den Städten Jüterbog und Treuenbrietzen in allen Sektionen gut. In den Landgemeinden ist dagegen die Beteiligung schlecht. Die Ursache liegt hier hauptsächlich darin, dass Ausbildungskräfte fehlen und die Gruppen der Landgemeinden nicht genügend Unterstützung von der Kreisleitung der GST bekommen.

Ein weiterer Mangel ist, das die Pflege der GST-eigenen Geräte und die Bereitstellung von Geräten zu wünschen übrig lässt. Die Sektion Schießsport Kreis Wittstock kann ihre Ausbildungen nicht reibungslos durchführen, weil ein Mangel an Waffen und Munition besteht. So sind für den gesamten Kreis nur 15 ordnungsgemäße Luftgewehre vorhanden, der wirkliche Bedarf beträgt aber 250 Stück. Für den Motorsport ist seitens der Mitglieder in Jüterbog das größte Interesse vorhanden, von den bereitstehenden 20 Motorrädern sind aber nur zehn einsatzfähig. Ähnliche Beispiele gibt es in fast allen Bezirken.

Zur Einstellung vieler GST-Mitglieder sagt u. a. folgendes Beispiel einiges: Eine Feststellung im Bezirk Berlin ergab, dass von nur ca. 20 % die Zeitung der GST »Das Banner« gelesen wird,10 wogegen die Zeitschriften der einzelnen Fachrichtungen weit größeren Zuspruch finden. In den Sparten Motorsport und Jagdsport ist die Tendenz verbreitet, dass viele Mitglieder billig zu einer Fahrerlaubnis bzw. Jagdschein kommen wollen und dann die Mitarbeit aufhört.

Auf dem Gebiete des Flugsports bestand bis Dezember 1955 die größte legale Verbindung nach Westdeutschland und Westberlin durch Austausch von Delegationen zu Veranstaltungen und Meisterschaften. Diese legalen Verbindungen werden vielfach zum Anknüpfen von persönlichen, illegalen Verbindungen noch aufrechterhalten. Außerdem sind auch eine größere Anzahl von alten faschistischen Fliegern dort organisiert, welche aufgrund ihrer Erfahrungen ihren Einfluss geltend machen wollen.

In der Sparte Hundesport haben sich zu einem großen Teil kleinbürgerliche Elemente angesammelt und die Stimmung und politische Arbeit ist dort besonders schlecht. Dies zeigt sich bis hinauf zum ZV. Dies ist vor allem durch die Übernahme der Hundevereine in die GST begründet, die von einem großen Teil dieser Leute abgelehnt wird. Argumente sind hierbei: »Wir wollen keine Militärhundeausbildung und keine sowjetischen Ausbildungsmethoden.« – »Wir wollen nichts mit Waffen und Geländeübung zu tun haben.« Im Kreis Eberswalde, [Bezirk] Frankfurt/O., schart der Zahnarzt Dr. [Name 7] (internationaler Hundeabrichter, Verbindung zum kapitalistischen Ausland) Angehörige der aufgelösten KSK um sich, um sie vom Eintritt in die GST abzuhalten. Wiederholt wurden Angehörige der GST-Hundesparte von unbekannten ehemaligen Angehörigen des Schäferhundverbandes angepöbelt. So wurde dem Sportler [Name 8] aus Perleberg, [Bezirk] Schwerin, auf der Straße gesagt: »Du Idiot, Du hast jetzt auch schon eine Funktion in der GST, sieh Dich nur vor, sonst wirst Du noch Generalmajor.«

Von den Hundesportlern aus Magdeburg wurde eine Delegation zur Leistungsausstellung nach Düsseldorf geschickt, die sich – wie später festgestellt wurde – ausschließlich aus kleinbürgerlichen Kräften zusammensetzte. Der Leiter dieser Delegation wurde kurze Zeit später republikflüchtig, und ein Delegationsmitglied erzählte in Düsseldorf, »wie schlecht es in der ›Ostzone‹ und wie bedauernswert er als ›Ostzonenbewohner‹ sei«.

In den Kreisen Oranienburg und Jüterbog, [Bezirk] Potsdam, wurden von den Mitgliedern der Hundevereine aufgrund der bevorstehenden Übernahme durch die GST die Vereinskassen »vertrunken«. In der Gemeinde Bötzow, [Kreis] Oranienburg, löste sich der Hundeverein auf, um nicht in die GST einzutreten.

Vonseiten der Kleingärtner, Siedler und Kleintierzüchter im Kreis Jüterbog wurde eine Delegiertenkonferenz einberufen, auf der eine Entschließung ausgearbeitet und angenommen wurde. In dieser Entschließung kommt zum Ausdruck, dass die Ministerratsverordnung zur Kenntnis genommen wurde, die Mitglieder der genannten Vereine aber ein Verfahren einleiten, da sie als betroffene Sparten nicht befragt wurden. Weiter wird angeführt, dass »diese Art zu verordnen mit demokratischen Gepflogenheiten nichts mehr gemein hat« usw. Diese Entschließung war von dem Kreisverbandsvorsitzenden unterzeichnet.

Bei einer Versammlung des Kynologischen Verbandes11 Luckenwalde im Jahre 1956 wurden die Vertreter der GST aus dem Versammlungsraum gewiesen. Wortführer der vorwiegend kleinbürgerlichen Elemente war das SED-Mitglied [Name 9]. Bei einer Versammlung des »Deutschen Teckelklubs«12 in Berlin-Treptow wurde von einem Westberliner Mitglied das Gerücht verbreitet, dass den Schäferhundvereinen bei Übernahme durch die GST 20 000 DM abgenommen wurden und dass jetzt das Decken von Hunden in Westberlin verboten sei.

Im ZV ist folgende Lage zu verzeichnen

Der Vorsitzende der Zentralen Fachkommission und Redakteur der von der GST herausgegebenen Zeitschrift »Der Hund«, Jean Sir,13 war von 1933 bis 1945 aktiver Nazi, Reichsobmann für Gebrauchshundezucht und Herausgeber der Zeitschrift dieser Fachschaft. Jean Sir gehört zu einer Clique (meist alle Faschisten wie Liebig, Walter, Kokotz, Fritz,14 Hirsch,15 Werthmann,16 Marx17) als deren Führer er anzusehen ist. Diese Clique – alles »alte Hundeexperten« – hat auch in einem Schreiben an den Ministerpräsidenten erklärt, dass sie mit der Übernahme des Hundewesens durch die GST nicht einverstanden sind, und versucht auf allen Wegen ihren Einfluss geltend zu machen. Besonders Jean Sir legt eine besondere Aktivität an den Tag. Nachdem die sogenannte Zentrale Fachkommission, das ehemalige führende Gremium der gesamten Hundezucht in der DDR, mit der Übernahme der 20 Hunderassen in die GST aufgelöst worden war, gingen die führenden Mitglieder dieser ehemaligen Zentralen Fachkommission – zu denen Jean Sir und Hans Hirsch gehören – sofort daran, eine neue Zentrale Fachkommission, und zwar für die nicht in der GST erfassten Hunderassen, zu schaffen. In dieser neuen zentralen Fachkommission sitzen sämtliche führenden Mitglieder der alten ZfK; legalisiert dadurch, dass sie einfach die Verantwortung für eine andere Rasse übernommen haben. So z. B. Jean Sir für die Pudel. Diese neue ZfK entwickelt eine äußerst rege Tätigkeit z. B. in Zusammenarbeit mit dem DIA (dem Import und Export von Rassehunden), der Beschickung von internationalen Hundeausstellungen (Weltsiegerausstellung anlässlich des Internationalen Kynologenkongresses im Mai in Dortmund usw.).18 Die Tätigkeit des Jean Sir beschränkt sich jedoch nicht nur außerhalb der Redaktion »Der Hund« auf die Zentrale Fachkommission. Er ist außerdem Leitungsmitglied des Verbandes der Kleingärtner, Siedler und Kleintierzüchter. Dieser Verband besitzt allein im demokratischen Sektor von Berlin über 120 000 (!) Mitglieder.

In der Zuchtbuchstelle der GST in Woltersdorf sind unmoralische Zustände (Trinkerei, Frauen, schlechte Arbeitsdisziplin), wodurch eine gute Arbeit sehr erschwert wird, weil diese Vergehen zur Herausbildung regelrechter Fraktionen geführt haben.

Der Referent für Hundesport Triska19 unterhält zu alten faschistischen Hundesportlern enge Verbindung, nimmt an Saufgelagen solcher Kreise teil, versucht die Arbeit auf dem Gebiet des Hundesportes zu hintertreiben, indem er fortschrittliche Methoden der Hundeabrichtung (Pawlow-Methode)20 einengt und gegen den Genossen Ende,21 welcher diesen wissenschaftlichen Meinungsstreit in der Presse führt, auftritt.

III. Einfluss auf die Bevölkerung

Der Einfluss der GST-Gruppen auf die Bevölkerung muss als noch nicht genügend bezeichnet werden. In der Regel wird er nur durch das Auftreten der einzelnen Sparten bei besonderen Veranstaltungen, wie beispielsweise 1. Mai, Staatsfeiertage, Sportveranstaltungen usw. spürbar. Bei diesen Anlässen ist der größte Teil der Bevölkerung von den sportlichen Darbietungen begeistert und äußert sich auch dementsprechend zustimmend. Diese Form der Einflussnahme ist charakteristisch und überall vorhanden, in der Hauptsache aber nur durch bestimmte Sparten wie Motorsport, Flugmodellbau, Schießen, Reiten. Eine über diesen Rahmen hinausgehende Einwirkung auf die Bevölkerung ist selten.

Gute Beispiele wurden gegeben durch Organisierung von Wett- und Massenschießen und Unterricht im Schießen wie z. B. im BKW »Franz Mehring« Senftenberg, was große Begeisterung auslöste. Im Bezirk Cottbus wurden 1955 insgesamt 27 Ausstellungen der GST organisiert, die ca. 21 500 Besucher sahen. In Magdeburg fand eine Ausstellung der Funkamateure statt, die ebenfalls bei der Bevölkerung ansprach.

Man muss bei der Einschätzung des Einflusses der GST auf die Bevölkerung jedoch differenzieren, da die Bevölkerung zum großen Teil nur die sportlichen Leistungen und Aufgaben sieht und anerkennt, zur GST selbst als Organisation aber eine ablehnende bzw. gleichgültige Haltung einnimmt. Dies wird durch Diskussionen (vielfach von Bürgerlichen und Kleinbürgerlichen) über die GST bestätigt, deren Hauptinhalt sich gegen den »militärischen Charakter« richtet.

  • Z. B. haben in Halle Eltern ihren Kindern verboten, am Wettbewerb für Luftbüchsenschießen teilzunehmen.

  • In Grünhain/Erzgebirge beeinflussten einige Frauen eine Kameradin der GST, sich nicht mehr an der Ausbildung im Fallschirmspringen zu beteiligen.

  • In Unterpörlitz, [Kreis] Ilmenau, erklärt ein Teil der Bevölkerung, dass die GST weiter nichts sei als eine Parteiorganisation, die im Ernstfall im Hinterland eingesetzt werden soll.

  • Im Mercedes-Werk Zella-Mehlis spotten die Arbeiter, wenn die Sparte Schießsport zum Schießplatz marschiert.

In fast allen Bezirken tritt in Erscheinung, dass Eltern ihre Kinder nicht mehr zu den Übungen der GST gehen lassen, vorwiegend nicht zum Schießen. Jedoch ist dies nicht als Allgemeinerscheinung zu werten.

Schwerpunkte, wo eine schlechte GST-Arbeit durchgeführt wird

  • Berlin: VEB Gaselan, Rat des Stadtbezirkes Prenzlauer Berg, Isokond, Industriebau, Elfe, Elektrokohle, Berliner Metallhütten- und Halbzeugwerke, Wälzlager, Fortschritt im Kreis Weißensee, Zentrale Lehrwerkstatt Fortschritt im Kreis Friedrichshain;

  • Rostock: Kreis Bad Doberan (hier sind besonders stark die Kirche und CDU) MTS Reinberg22 und Wilmshagen, MTS Grimmen, MTS Testorf,23 [Kreis] Grevesmühlen, VEB Faserplattenwerk, Kreisbaubetrieb Ribnitz[-Damgarten], Zuckerfabrik Barth, HO/L Barth, GHK Barth, MTS Semlow, Langenhanshagen und Kuhlrade;

  • Neubrandenburg: Kreis Strasburg,24 Kreis Ueckermünde;

  • Potsdam: Glienicke;

  • Magdeburg: Halberstadt, Wolmirstedt und Tangerhütte, Großbetriebe in Magdeburg;

  • Karl-Marx-Stadt: Schwarzenberg;

  • Halle: Kreis Halle25 (vor allem die Lehrkombinate, Lehrwerkstätten, Oberschulen), VEB Waggonbau Dessau, Kreis Sangerhausen, MTS Teuchern;

  • »26 Karl-Marx-Stadt: Ronneburg, Objekt 101 Zwickau, Werk 512, Aue, Kombinat 277 Auerbach;

  • Suhl: Kaliwerke »Einheit« und »Ernst Thälmann«, [Kreis] Bad Salzungen, VEB Wälzkörper Bad Liebenstein, RFT-Röhrenwerk Neuhaus, Brotterode (Eisenmanganerzbergbau), Werkzeugunion Steinbach-Hallenberg, VEB Möbelfabrik Floh, [Kreis] Schmalkalden;

  • Gera: VEB Kunstfaserwerk Rudolstadt, VEB Zeiss Jena, VEB Zellstoff- und Papierfabrik Rosenthal ([Kreis] Lobenstein), MTS im Kreis Eisenberg, MTS Leutenberg27 ([Kreis] Saalfeld), MTS Tanna ([Kreis] Schleiz), MTS Schlöben ([Kreis] Stadtroda), Rat des Kreises Stadtroda und Schleiz, Konsumverband Stadtroda, Kreisleitung der SED und FDJ in Schleiz;

  • Frankfurt/O.: Kreis Seelow, Kreis Angermünde, MTS Altranft;

  • Schwerin: MTS Groß Molzahn, MTS Renzow, Lederwerk Neustadt-Glewe;

  • Dresden: MTS Sollschwitz,28 MTS Obergurig, LPG Göda, Phänomenwerk und Füllhalterwerk Singwitz, Dippoldiswalde, Rat des Kreises, GUB + Werk IV, Kalkwerk Hermsdorf, VEB Armaturenwerk Dippoldiswalde, MTS Reichstädt, Großenhain, VEB Kreisbaubetrieb, MTS Kamenz und Panschwitz, VEB Wärmegerätewerk Königsbrück,29 VEB Kunstlederfabrik Coswig und VEB EWS Sörnewitz, Textima Zittau, MTS Schlegel und Wittgendorf;

  • Erfurt: Kaliwerk »Glückauf« Sondershausen, Greußen, Gräfenroda.

IV. Hetze

Der RIAS benutzt die regelmäßigen Hetzsendungen »Jugend spricht zur Jugend«30 auch zur Diffamierung und Verleumdung der GST. So in einer Sendung am 20.1.1956, wo er u. a. mit lügnerischen Argumenten und auch mit einer Verallgemeinerung von bei der GST bestehenden Schwächen versucht, die Bevölkerung, vor allem die Jugend, gegen die GST zu beeinflussen und die Organisation als unfähig und lächerlich hinzustellen.

Im Zusammenhang mit der Verbreitung der Organisations-Wahlen heißt es wörtlich: »… der beste Agitator (für die Wahlen) ist aber nutzlos, wenn sich seine Agitation nur an einige hauptamtliche Funktionäre richten kann, weil die Mehrzahl der Mitglieder zzt. die Wahlversammlung der FDJ oder andere Versammlungen bevorzugt …« und »… aber die GST muss Erfolge haben, die Führung braucht Beweise, um ihre Notwendigkeit zu unterstreichen. Richard Staimer, Richard Gladewitz31 suchen ihre Erfolge bei den volksdemokratischen Kollegen. Sie waren in den letzten drei Monaten viel unterwegs. Haben vom Swarsan bis zur Dossack (ph)32 alles abgeklappert, um ihre Erfolg versprechenden Vorschläge an den Mann zu bringen …«

Im Zusammenhang mit dem Besuch einer GST-Delegation in Polen wird unter Hinweis auf eine Veröffentlichung im Zentralorgan der »Liga der Freunde der Soldaten«33 wie folgt gehetzt: »… Übersetzen wir das aus der Parteisprache, dann heißt es, die GST-Mitglieder haben die polnischen Delegierten und Gastgeber über den tatsächlichen Stand der Dinge, also über die Schwäche der GST unterrichtet. Sie haben wahrscheinlich auch ihre Erfahrungen weitergegeben, die in der Feststellung gipfeln, für uns bleibt die GST eine Fahrschule, auch wenn man uns das Schießen beibringen will …«

Die von der Redaktion »Freie Junge Welt«34 verbreitete Hetzschrift »Die neue Generation« befasst sich in einem Artikel »3 Jahre GST« (1. Jahrg. 5/55)35 ebenfalls mit Fragen der GST. Unter dem Deckmantel einer Polemik wird dort in verstärkter Form gegen die Entwicklung der GST als eine »vormilitärische Einheit« gehetzt. Angebliche Spannungen zwischen GST und FDJ, »Unfähigkeit der Leitungen« und »laufende Kursänderung« sind der Hauptinhalt der Hetze, mit der eine Abwanderung der Mitglieder von der GST erreicht werden soll.

V. Andere Feindtätigkeit

Über eine organisierte Feindtätigkeit innerhalb der GST ist wenig bekannt. Es wurde lediglich festgestellt, dass sich der amerikanische (CIC36 und MID)37 und der französische Geheimdienst für die GST interessieren (operatives Material, nicht publizieren). So hat der CIC in Westberlin, Clayallee, durch einen republikflüchtigen GST-Funktionär andere Funktionäre der GST anschreiben lassen und nach Westberlin »eingeladen«. Außerdem werden durch den amerikanischen Geheimdienst Personen dazu angehalten, in den Korridoren der Firmen die Anschläge an den Schwarzen Brettern zu lesen. Festgestellt werden soll hierbei insbesondere, welche Veranstaltungen die GST, der Betriebsschutz, die Kampfgruppen usw. planen. Ganz besonders interessiert hierbei, ob und wann Schießen, in welcher Form (Kleinkaliber o. a.), durchgeführt wird. Wenn aus den Anschlägen die Stärke der Verbände zu ersehen ist, wenn Namen von Verantwortlichen und Instrukteuren usw. genannt werden, sind diese weiterzumelden. Auch die Sammelplätze sowie Sportarten der GST, wie viel Männer und Frauen, in welchen Altersstufen usw. sind wichtig. Außerdem sollen Namen von Kader- und Personalleitern – soweit sie aus Anschlägen zu ersehen sind, aus diesen, andernfalls durch Unterhaltungen – ermittelt werden sowie eventuell Anmeldeformulare für das Betreten des Betriebes zu verschaffen [sic!].

Der Instrukteur für Hunde-, Reit- und Schießsport der Bezirksleitung Groß-Berlin Trenkmann38 wurde im Dezember 1955 von einem gewissen Peterson (MID Berlin-Dahlem) aufgefordert, einen Treff mit ihm durchzuführen.

Eine Dienststelle des französischen Geheimdienstes ist an allen organisatorischen, ausbildungstechnischen und personellen Fragen der GST interessiert und gibt diesbezüglich Spionageanweisungen. Die Treffs werden über eine Mittelsperson in Westberlin durchgeführt. Weiter ist bekannt, dass einige Funktionäre und Angestellte des ZV trotz Verbots eine Verbindung nach Westberlin bzw. Westdeutschland unterhalten, wie beispielsweise der Abteilungsleiter für Flugsport, Vertriebsleiter Enders, [oder die] Stenotypistin [Name 10], (die deshalb entlassen wurde).

Im Juni 1955 wurden im Kreisgebiet Worbis gefälschte Schreiben (Abs.: ZV der GST in Halle) versandt und darin Meldungen zur Aufstellung von »Spezialabteilungen« gefordert. Als Spezialabteilungen waren angegeben:

  • a)

    Division der Bajonett-Nahkämpfer,

  • b)

    Rote Garde der Todesflieger und Todestorpedos,

  • c)

    Spezialabteilung der Unterwasser-Froschmänner,

  • d)

    Atom-Entgiftungs-Spezialabteilung Karpin39 und Stern-Buchholz.40

In Angermünde, Mürow, [Bezirk] Frankfurt/O., Eisenberg, [Bezirk] Gera, und Mittenwalde, [Bezirk] Potsdam, wurden die Schießstände der GST zerstört. In Seehausen, [Bezirk] Magdeburg, wurden dem Kreissekretär während der Versammlung die Kabel der Lichtmaschine zerschnitten. Im GST-Motorstützpunkt Böhlitz-Ehrenberg, [Bezirk] Leipzig, wurden zwei Kräder, die zum Einsatz kommen sollten, beschädigt.

  1. Zum nächsten Dokument Stimmung zur III. Parteikonferenz der SED (10)
    6. April 1956
    III. Parteikonferenz der SED (10. Bericht) [Information Nr. M81/56]
  2. Zum vorherigen Dokument Westliche Rundfunk- und Presseberichte zur III. Parteikonferenz (3)
    5. April 1956
    Feindpropaganda zur III. Parteikonferenz (3. Bericht) [Information Nr. M79/56]