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Stimmung zu den Ereignissen in Ungarn

8. Dezember 1956
Information Nr. 378/56 – Betrifft: Stimmung der Bevölkerung zu den Ereignissen in Ungarn

Die Stellungnahmen zu den Ereignissen in Ungarn1 sind unter allen Bevölkerungsschichten der DDR noch in starkem Umfang vorhanden und überwiegen die Stellungnahmen zu anderen politischen Ereignissen. Dabei ist in allen Bezirken festzustellen, dass sich im Gegensatz zu den ersten Tagen die positiven Meinungen durchsetzen. Die negativen Meinungen richten sich in erster Linie gegen das Eingreifen der sowjetischen Truppen in Ungarn und gleichen vorwiegend der Argumentation der Westsender. Die wesentlichsten, immer noch in Vielzahl in allen Bezirken auftretenden Argumente dazu sind:

  • Die »Russen« haben ganz Budapest zusammengeschossen;

  • die »Russen« sollen machen, dass sie fortkommen – auch aus der DDR;

  • die Sowjetunion hatte kein Recht in Ungarn einzugreifen;

  • das ungarische Volk hatte ein Recht darauf, sich seine »Freiheit« selbst zu erkämpfen,

  • es waren keine eingeschleusten Personen, sondern die verbitterte Bevölkerung selbst, die rebellisch wurde;

  • Nagy2 wurde von den »Russen« verschleppt;3

  • der Kommunismus kann sich nur durch Terror durchsetzen, das zeigt Ungarn;

  • Presse und Rundfunk der DDR berichten nicht objektiv;

  • wenn es in der DDR so käme wie in Ungarn, würde ich gleich mitmachen und die »Russen« mit rausjagen;

  • keine Beiträge mehr für die Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft zahlen und austreten. Ungarn beweise, was diese Freundschaft einbringt.

Derartige Meinungen werden von allen Bevölkerungsschichten zum Ausdruck gebracht und sind auf Einfluss der Westsender bzw. die negative Einstellung dieser Personen zur SU und DDR zurückzuführen.

Beachtet werden müssen im Zusammenhang mit den Ereignissen in Ungarn jene Meinungen, in denen gegen die Verhältnisse in der DDR Stellung genommen wird. Diese Stellungnahme von einzelnen Personen in Versammlungen und dergleichen ausgesprochen, enthalten neben offener Hetze auch versteckte Forderungen, die dann auch in den meisten Fällen Zustimmung finden. Folgende Beispiele dieser Art wurden bekannt:

Unter Arbeitern

  • Im VEB Kaliwerk »Einheit« Dorndorf, [Kreis] Bad Salzungen, [Bezirk] Suhl, Abteilung Verladung, äußerte ein Arbeiter gegenüber den dort Beschäftigten: »Bei den Kämpfen in Ungarn ist von der Staatssicherheit nicht mehr viel übrig geblieben. Bei uns in der DDR wird es nach elf Jahren auch Zeit, dass man die Staatssicherheit abschafft.«

  • Im VEB Ernst Thälmann-Werk Suhl brachte ein Mitglied der SED während des Parteilehrjahres zum Ausdruck, dass unter den Arbeitern seiner Abteilung folgende Meinung geäußert wurde: »Wäre in Ungarn nicht solch eine Situation entstanden, hätte man bei uns auch noch nicht daran gedacht, den Diskussionen mit den Renten und Prämien ein Ende zu bereiten.«

  • Im VEB Reifenwerk Fürstenwalde, [Bezirk] Frankfurt/O., erklärte ein Arbeiter vor anderen dort Beschäftigten: »Bei uns wird sich nichts früher verändern, bis W. Ulbricht und Genossen verschwunden sind. Im Übrigen müssten wir es genauso machen wie die Arbeiter in Ungarn.«

  • In der Farbenfabrik Wolfen und im EKB Bitterfeld diskutierten Arbeiter untereinander wie folgt, »dass im ZK der SED sich zwei Strömungen entwickeln; die stalinistische Strömung unter Führung von Walter Ulbricht und die sogenannte liberale Strömung unter Führung von Minister Selbmann.4 Unentschlossen verhalten sich noch der Verteidigungsminister Stoph5 und einige andere.«

  • Im Kombinat 54 der Wismut in Johanngeorgenstadt erklärte ein Mitglied der SED den mit ihm beschäftigten Arbeitern, »die DDR muss im Laufe der nächsten zwei Jahre Krisen in gleicher Form wie in Ungarn durchmachen. Die Gegnerschaft gegen unser Regime ist so stark, dass mit erheblichen Rückschlägen zu rechnen ist.«

Unter Angehörigen der Intelligenz und Angestellten

  • Bei der Deutschen Investitionsbank in Meiningen, [Bezirk] Suhl, äußerte sich ein Angestellter unter den dort Beschäftigten wie folgt: »Bei uns und in den Volksdemokratien müsste man eine Scheinblüte des Sozialismus errichten. Man solle jedem Arbeiter ein Auto und ein Motorrad geben, damit wir nach außen vor der kapitalistischen Welt glänzen. Aber bei uns schafft man oft nur Unzufriedenheit und Missstände. Damit kann man dem Kapitalismus nicht entgegentreten.«

  • Ein Angestellter der Deutschen Notenbank Meiningen erklärte in einem Gespräch mit anderen dort Beschäftigten: »Ich tappe im Dunkeln und verstehe nicht, wie man vom demokratischen Rundfunk behaupten kann, dass Nagy von der Regierung Kádár6 verhaftet worden sei, wenn auf der anderen Seite der NWDR und Radio Frankfurt behaupten, Nagy habe Zuflucht bei der jugoslawischen Botschaft gefunden. Ich kann nicht verstehen, warum man den Menschen in der DDR nicht offen sagt, was los ist. Die meisten Menschen glauben dadurch nichts mehr und wissen nicht, was eigentlich in Ungarn vor sich gehe. Dadurch werden sehr undurchsichtige Diskussionen geführt, die man sich ersparen könnte.«

  • Im VEB Reifenwerk Fürstenwalde, Abteilung Vulka, äußerten sich zwei Angestellte folgendermaßen: »Wenn man in der DDR ein zweites Ungarn vermeiden will, so soll man die Läden mit Waren vollstopfen und vor allen Dingen die HO-Preise senken.«

  • Im VEB Elmo Dessau, [Bezirk] Halle, brachte ein Ingenieur gegenüber anderen Ingenieuren Folgendes zum Ausdruck: »Unsere Regierung besteht nur aus Puppen. Es ist im wahrsten Sinne eine Bauernregierung, die unfähig ist und sich vom Russen bevormunden lässt.«

Unter der ländlichen Bevölkerung

  • In der Ortschaft Altendambach, [Kreis] Suhl[-Land], wurde folgende Meinung zum Ausdruck gebracht, »dass es in der DDR ähnlich wie in Ungarn kommen müsste, damit erst einige verschwinden würden. Otto Grotewohl und Walter Ulbricht hätten auf der letzten Volkskammersitzung wieder einige Zugeständnisse (Renten) gemacht,7 was jedoch nicht ausschlaggebend sei. Zum anderen seien diese Zugeständnisse nur aus Angst seit den Ereignissen in Ungarn gekommen, um die Menschen wieder zu befriedigen.« Ähnliche Meinungen traten in der Gemeinde Oberstadt, [Kreis] Suhl[-Land], auf. Daraufhin wurden bereits einige DBD-Mitglieder so eingeschüchtert, dass sie sich jetzt von der Parteiarbeit zurückziehen wollen.

  • In der Gemeinde Kl[ein] Rossau, [Kreis] Osterburg, [Bezirk] Magdeburg, erklärte ein Großbauer: »Wo sind in Ungarn die kleinen Kommunisten geblieben? Wenn wir stark bleiben, dann sind sie auch bei uns bald weg.«

  • In Gräfenwarth, [Kreis] Schleiz, [Bezirk] Gera, brachte ein Mittelbauer in einer Versammlung der VdgB zum Ausdruck, »dass auch in der DDR das Soll wegfallen müsse, damit es den Bauern besser ginge.« Später erklärte er noch einem Viehaufkäufer, »ich gebe nichts her. Wir machen es wie in Ungarn. Die haben es auch erzwungen, dass sie kein Soll mehr haben. In vier Wochen ist es so weit wie in Ungarn.«

  • In Langenwetzendorf, [Kreis] Greiz,8 führen Mittelbauern ähnliche Diskussionen, indem sie sich folgendermaßen äußern: »Die Aufkäufer der VEAB bekommen von uns nichts. Wer eine Gans essen will, soll sich eine halten.« (eine Mittelbäuerin), oder »Ehe ich meine Gänse an die VEAB abgebe, schicke ich sie lieber nach Westdeutschland.« (ein Mittelbauer)

Unter Mitgliedern bürgerlicher Parteien

  • In den Gemeinden Barby und [Groß] Rosenburg wurden unter Mitgliedern der NDPD Forderungen nach »freien Wahlen« laut. Mitglieder der NDPD aus diesen Orten erklärten, »dass die SED bei einer ›freien Wahl‹ keine Anhänger hätte«.

  • In Ilmenau, [Bezirk] Suhl, äußerte ein Mitglied der NDPD im Verlaufe eines Ausspracheabends, »dass man auch damit rechnen und fürchten müsse, dass bei einem Aufbäumen unseres Volkes gegen Fehler und Mängel in der DDR auch die SU einmarschieren und mit Gewalt Ordnung schaffe. Unsere Bevölkerung sei überhaupt mehr nach dem Westen orientiert und es sei doch logisch, dass das Kulturgut des Westens bzw. Westdeutschlands näher stehe als alle noch so hochstehenden Kulturgüter des Ostens. Man brauche doch nur den Besuch der Filmtheater zu betrachten, wenn ein sowjetischer oder ein westlicher Film läuft. Man sollte doch mehr die Mentalität des Volkes sehen, denn dadurch könne man die Mehrheit der Bevölkerung für den Sozialismus gewinnen. Z. B. Tito9 in Jugoslawien, der den Sozialismus ohne sowjetische Bevormundung aufbaue.«

  • Ein anderes Mitglied der NDPD brachte während dieses Ausspracheabends in Ilmenau zum Ausdruck: »Denkt Ihr denn, die hätten bei uns die Renten erhöht, wenn nicht der Krach in Ungarn gewesen wäre. Wir können nicht zu allem Ja und Amen sagen und in Bausch und Bogen den russischen Sozialismus übernehmen.«

  • Ein anderes Argument, dass unter NDPD-Mitgliedern in Ilmenau geäußert wird, ist, »dass in den ersten Tagen der Ereignisse in Ungarn die Presse und der Rundfunk unter Zensur der Regierung gestanden haben. Man ist ja gezwungen gewesen, westliche Sender zu hören, um sich ein Bild machen zu können. Warum zögern unsere Presse und der Rundfunk, die Wahrheit zu sagen? Dies wäre besser und die Bevölkerung hätte Zutrauen zu unserem Funk und zur Presse. Bekannt gegeben wurde es doch so oder so, und eine Verschönerung habe keinen Zweck.«

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    10. Dezember 1956
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