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Stimmung zum Eisenbahnunglück am 25. Februar 1956

2. März 1956
Stimmung zum Eisenbahnunglück am 25. Februar 1956 in Bornitz bei Oschatz [Information Nr. M46/56]

In allen Bevölkerungsschichten hat der Unglücksfall lebhafte Diskussionen ausgelöst.1 Im Allgemeinen wird eine starke Anteilnahme für die Opfer der Katastrophe zum Ausdruck gebracht, und man verlangt eine genaue Untersuchung dieses Vorkommnisses und bei Feststellung von Schuldigen eine strenge Bestrafung derselben sowie Einleitung von Maßnahmen, um Ähnliches in Zukunft zu vermeiden. Immer wieder kommt zum Ausdruck, dass die Hilfe der Regierung den Hinterbliebenen und Verletzten gewiss ist. Lobend wird darüber gesprochen, dass die Regierung sofort 50 000 DM für die Geschädigten bereitgestellt hat. Verschiedentlich wird immer wieder Die Frage gestellt: »Wie konnte so etwas geschehen?«

Dabei werden in den Diskussionen die verschiedensten Fragen aufgeworfen und zwar:

  • Hat an dem Unfall der starke Nebel oder die Frostperiode Schuld?

  • Ist es auf Versagen der Signaleinrichtung zurückzuführen oder auf Versagen der Lok?

  • Ist es auf Sabotage oder auf Fahrlässigkeit der Reichsbahnangestellten zurückzuführen?

  • Oder ist es wegen Übermüdung des Lokpersonals entstanden?

In den vereinzelt bekannt gewordenen negativen Diskussionen wird zum Ausdruck gebracht,

  • dass es kein Wunder ist, »denn die Eisenbahn ist ja in einem technisch veralteten Zustand«,

  • »dieses Unglück ist nur darauf zurückzuführen, dass diese Strecke noch eingleisig ist und man endlich dazu übergehen soll, das zweite Gleis zu legen«, oder

  • »die Zahl der Toten ist viel höher als angegeben«.

Die Stimmung in den einzelnen Bevölkerungsschichten zeigt Folgendes:

1. Stimmung der Angestellten der Deutschen Reichsbahn

Von dem überwiegenden Teil der Eisenbahner wird über das Unglück dahingehend diskutiert, dass es bei Einhaltung der Vorschriften und Fahrdienstordnung nicht zu diesem Unfall kommen konnte. Besonders von den Eisenbahnern der Bezirke Dresden und Leipzig, die zum Teil diese Strecke befahren, wird das Fehlen einer Sicherheitsweiche als Ursache des Unfalles angegeben. Positiv wird von den Eisenbahnern über die Hilfe unserer Regierung sowie die unverzüglich eingeleiteten Hilfsmaßnahmen gesprochen. Vereinzelt wird auch darüber gesprochen, dass es sich um Sabotage handelt, da die Unfälle in letzter Zeit zugenommen haben, und sie fordern strenge Bestrafung der Schuldigen.

  • So erklärten der Lokführer und der Fahrdienstleiter vom Bahnhof Güstrow: »Wir können nicht verstehen, dass so ein Unfall entstehen kann, denn unsere Fahrdienstordnung ist doch genau festgelegt. Wir sind der Auffassung, dass es sich hier nur um Sabotage handeln kann.«

  • Der Lokführer vom Bahnhof Hagenow sagte: »Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie dies aufgrund unserer Fahrdienstvorschrift eintreten konnte, besonders war ich beeindruckt, dass unsere Regierung sofort die notwendigen Schritte eingeleitet hat.«

  • Ein Zugschaffner aus Riesa sagte: »Im Bahnhof Bornitz rangieren wir immer mit Zittern und Zagen, weil dort keine Schutzweiche eingebaut ist. Wenn dort beim Rangieren mal ein Wagen selbstständig ins Rollen kommt, dann ist er auf dem Hauptgleis. Derselbe Zustand ist noch auf dem Bahnhof Glaubitz zu verzeichnen, aber vielleicht wird das nun geändert, nachdem ein derartiger Unfall eingetreten ist.«

  • Ein Bahnarbeiter vom Bahnhof Oschatz sagte: »Ich bin der Meinung, dass so etwas nicht passiert wäre, wenn eine Sicherheitsweiche da wäre. Jetzt, wo es passiert ist, sucht man in den Vorschriften, ›wer hat was falsch gemacht‹. Meiner Meinung nach trägt die Schuld die Verwaltung, weil sie noch keine Weichen eingebaut hat.«

  • Der Fahrdienstleiter vom Bahnhof Oschatz-Süd sagte: »Es muss bei der Eisenbahn alles schnell gehen und dann fehlen die Sicherheitseinrichtungen, in diesem Fall die Sicherheitsweiche.«

  • Die Genossin [Name 1], Kaderbearbeiterin vom Hauptbahnhof Dresden, sagte zum Unfall, dass sie annimmt, dass es sich hier um einen Sabotageakt handelt, zumal ungefähr zur gleichen Zeit bei Halle auch ein Unfall in Erscheinung trat.

  • Der Fahrdienstleiter vom Bahnhof Leipzig (Hauptbahnhof) meinte: »Ich kann mir nur denken, dass der Unfall in Bornitz Sabotage ist, denn wenn ich mir die letzte Zeit vor Augen halte, so kann ich feststellen, dass mehrere schwere Unfälle in der näheren und auch weiteren Umgebung Leipzigs geschahen. Wahrscheinlich will man damit Unruhe unter die Reisenden bringen, damit viele unsicher werden, das Vertrauen zur Reichsbahn verlieren und dadurch nicht zur Messe nach Leipzig fahren.2 Man muss die Schuldigen sehr streng bestrafen.«

  • Zwei Rangierer vom Bahnhof Engelsdorf, Kreis Leipzig[-Land], forderten, falls sich durch die Untersuchung eine Sabotagetätigkeit herausstelle, für die Schuldigen die Todesstrafe.

Aufgrund des Befehls des Ministers für Verkehrswesen vom 25.2.1956 wurde die sofortige Unterweisung aller Eisenbahner des operativen Dienstes vor Dienstantritt über Betriebs- und Sicherheitsvorschriften durchgeführt, die durch Unterschrift zu bestätigen ist. Hierzu gab es folgende negative Erscheinungen:

  • Im Bw Halle äußerte das Lokpersonal, dass sie nur unterschreiben müssten, damit sie »verknackt« werden könnten. Im Hauptbahnhof Halle verweigerte die Rangierbrigade A 6 die Unterschrift.3

  • Die Rangierbrigade »Blechschmidt« vom Bahnhof Schwarzenberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, äußerte, dass sie schlussfolgern, in Zukunft langsamer zu arbeiten.4

  • Der Fahrdienstleiter vom Bahnhof Dresden-Friedrichstadt äußerte, dass er aufgrund des Unfalles nicht mehr die »hysterischen Antreibereien seiner Vorgesetzten dulden würde, sondern dass ihm die Sicherheit in Zukunft über alles gehen werde«.

Von einem anderen Teil Eisenbahner wird der Unfall zum Anlass genommen, noch besser und überlegter zu arbeiten als bisher, damit in ihrem Bereich nicht gleichartige Unfälle entstehen. Dabei sind von einigen Eisenbahnern Verpflichtungen abgegeben worden.

  • So hat z. B. der Dienststellenleiter des Bahnhofes Gräfenhainichen, [Bezirk] Halle, am 25.2.1956 sofort alle Kollegen zusammengerufen und über den Unfall von Oschatz Besprechungen durchgeführt. Hierbei verpflichteten sich die Kollegen, im Kreis Gräfenhainichen es nicht zu einem Unfall kommen zu lassen und die wichtigsten Weichen ständig zu kontrollieren.

  • Ein Lokführer und ein Lokheizer vom Personenbahnhof Frankfurt/O. verpflichteten sich im Zusammenhang mit dem Eisenbahnunglück, dass sie so arbeiten wollen, dass in ihrem Arbeitsbereich kein Unfall vorkommt.

  • Die Eisenbahner einer Schicht des Bahnhofs Leipzig-Wiederitzsch verpflichteten sich zu einer noch besseren Dienstausführung. Ähnliche Beispiele wurden auch vom Hauptbahnhof Leipzig gemeldet.

Die negativen Diskussionen der Eisenbahner bewegen sich vor allem in der Richtung, dass man unseren Zeitungen keinen Glauben schenkt über die Anzahl der Toten und dass unsere Presse kleinere Unfälle, die in Westdeutschland vorkommen, in großer Aufmachung bringt, während die Unfälle bei uns fast gar nicht in der Presse erscheinen.

  • Von einem Bahnbetriebsarbeiter aus Kamenz, [Bezirk] Dresden, wurde z. B. Folgendes geäußert: »Wenn im Westen etwas passiert, da stehen die Zeitungen voll und es wird so ausgelegt, dass das kapitalistische Ausbeutersystem daran schuld ist. Bei uns sagt man davon nichts.«

  • Ein Fahrmeister vom Bahnhof Leipzig-Wahren äußerte sich, als Kollegen mit ihm über das Eisenbahnunglück diskutieren wollten: »Darüber kann ich mir sowieso kein genaues Bild machen, denn man weiß nicht, ob unsere Zeitungen die Wahrheit schreiben.«5

Schwerpunkt der negativen Diskussionen ist die Bahnmeisterei Leipzig-Hauptbahnhof, wo von den Eisenbahnern folgende Diskussionen geführt werden:

  • »Diesen Unfall können sie nicht verschweigen, weil wahrscheinlich Messegäste im Zug waren. Bisher haben sie uns immer beschwindelt und werden uns auch weiterhin nicht die Wahrheit sagen.«

  • »Ich habe heute einen Westsender gehört, der hat nicht gehetzt, sondern ganz sachlich über den Unfall berichtet.«

  • »Es kann sich ja niemand mehr wagen mit dem Zug zu fahren, weil alles nicht in Ordnung ist.«

  • »Die erzählen uns ja sowieso nicht die Wahrheit, wer weiß, wie viel Tote es sind. Vielleicht sind es sogar 100 Tote?«6

2. Stimmungen von Arbeitern aus den VEB

Da die Ursachen des Unglücks den Arbeitern noch ungenügend bekannt sind, wurden darüber die verschiedensten Vermutungen ausgesprochen. Verschiedene Beispiele zeigen, dass als Hauptursache die schlechten Witterungsverhältnisse und zum geringen Teil Sabotage angenommen wird. Die sofortige Unterstützung vonseiten der Regierung und des FDGB wird von dem größten Teil der Arbeiter begrüßt.

  • In der Abteilung Planung des RFT Eisenach,7 [Bezirk] Erfurt, wird diskutiert, dass solche Unfälle auch schon früher gewesen sind. Denn bei diesem Wetter ist es leicht möglich, dass durch den Frost an der Mechanik etwas nicht in Ordnung war.

  • Im Fotobetrieb der Filmfabrik Wolfen, [Bezirk] Halle, wird Folgendes diskutiert: Die Belegschaft ist über das Zugunglück sehr erschüttert. Von einer Schuldsprechung kann man nicht reden, denn nur der Nebel und die Kälte sind an diesem Unfall schuld.

  • In der Margarinefabrik Milka, Kreis Wittenberg, herrscht die Meinung, dass man keinem die Schuld geben kann, denn durch die Wetterlage sei es ein Risiko, mit dem Zug zu fahren. Die Sicherheit könnte nicht gewährleistet werden, man dürfte überhaupt nur die notwendigsten Züge fahren lassen, Schnellzüge überhaupt nicht, dass mal was passiert, könne man sich ja vorstellen.

  • Mehrere Kumpel des Steinkohlenwerkes »Martin Hoop« in Zwickau, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, erklärten: »Es ist bedauerlich, dass so viele Menschen bei diesem Zugunglück den Tod fanden. Wir wissen es aber zu schätzen, dass unsere Regierung und der FDGB den Hinterbliebenen sofort Unterstützung gewährt.«

  • Unter einem Teil der Beschäftigten der Fimag Finsterwalde, [Bezirk] Cottbus, wird geäußert, dass sie sehr verwundert sind, dass so ein Zugunglück passieren konnte. Sie sind der Meinung, dass dies nicht Unfähigkeit des Fahrdienstleiters oder des Lokführers ist, sondern dass wahrscheinlich ein westlicher Geheimdienst die Finger im Spiel hat.

Die geringen negativen Diskussionen bewegen sich vor allem in folgende Richtung:

  • »Das Unglück ist auf Übermüdung des Zugpersonals zurückzuführen«,

  • »es ist eine Auswirkung der Wettbewerbsbewegung bei der Reichsbahn«, oder

  • »die Eisenbahn befindet sich in einem technisch veralteten Zustand«.8

So wird von einigen Straßenbahnschaffnerinnen des Straßenbahnhofes Leipzig-Paunsdorf geäußert: »Dieses Unglück ist bestimmt darauf zurückzuführen, dass das Zugpersonal übermüdet war, wie die Eisenbahner und alles andere Personal jetzt arbeiten müssen, um den Verkehr aufrechtzuerhalten.«

Besonders negative Diskussionen wurden aus dem VEB Werkzeugmaschinenbau Zeulenroda, [Bezirk] Gera, bekannt. Dort äußerte sich ein Arbeiter wie folgt: »Ich wundere mich nicht, wenn bei der Eisenbahn solche Unglücke passieren, denn die Eisenbahn befindet sich ja schon in einem technisch völlig veralteten Zustand.«9

Im VEB Montan Leipzig diskutiert ein Teil der Kollegen dahingehend, dass solche Unfälle auftreten können, weil alles erzwungen wird, wie auch die Aufrechterhaltung des Verkehrs. Außerdem kursieren in diesem Betrieb Gerüchte und Argumente wie z. B.:

  • »Die Rettungsmannschaften sind erst nach Stunden erschienen«,

  • »das Unglück ist auf das schlechte Material zurückzuführen«,

  • »es sind mehr Opfer zu verzeichnen als angegeben«.10

Ein Arbeiter aus dem VEB Kirow-Werk Leipzig äußerte: »Es ist ja kein Wunder, dass solche Unfälle passieren. Denn durch den Wettbewerb um die ›Grüne Strecke‹11 versucht doch jeder bei der Reichsbahn nicht aufzufallen, indem er auf Pünktlichkeit der Abfahrt und Ankunft der Züge bedacht ist. Zumal bei den bedingten Zugverspätungen versucht man doch, die verlorene Zugverspätung wiedergutzumachen.«

3. Stimmung der übrigen Bevölkerung

Die Argumente in den Diskussionen sind die gleichen wie unter den Arbeitern. Im großen Maße werden dabei die Hilfsmaßnahmen unserer Regierung anerkannt. Gleichzeitig wird die Vermutung ausgesprochen, dass der Unfall entweder auf die Kälte zurückzuführen sei oder wahrscheinlich auf Sabotage beruhe.

  • So erklärte z. B. der Oberingenieur vom Wasserstraßenhauptamt Stralsund: »Ich bin der Meinung, dass dieses Unglück tatsächlich auf den Witterungseinfluss zurückzuführen ist und glaube nicht, dass hier Sabotage vorliegt.«

  • Ein Angestellter vom Rat des Kreises Parchim, [Bezirk] Schwerin, Abteilung Verkehr, sagte: »Die Ursache liegt an den zurzeit herrschenden Temperaturschwankungen.«

  • Vier Großbauern aus der Gemeinde Görlitz, [Kreis] Perleberg, sagten: »Zugunglücke hat es schon immer gegeben, durch den Nebel ist es leicht möglich, dass Weichen falsch gestellt werden können.«

  • In einer Unterhaltung brachte der Dekorateur der Konsumgenossenschaft Neubrandenburg zum Ausdruck, dass das Unglück nicht auf die Kälteperiode zurückzuführen ist, sondern auf Sabotage, was man im Zusammenhang mit der Leipziger Messe betrachten muss.

  • Eine Hausfrau aus Frankfurt/O.: »Meine Meinung ist, dass hier ein Sabotageakt durchgeführt wurde, denn die DDR wird immer stärker und der Gegner will uns schädigen.«

  • Einige Angestellte vom Rat des Kreises Malchin, [Bezirk] Neubrandenburg, äußerten: »Wir haben großes Mitleid mit den Menschen, die ihr Leben hingeben mussten. Unsere Regierung verdient die größte Anerkennung, da sie sofort für die ärgste Not Maßnahmen eingeleitet hat, um diese zu lindern.«

  • Der Uhrmacher [Name 2] aus Jüterbog, [Bezirk] Potsdam, sagte: »Ich begrüße die schnelle Hilfe vonseiten unserer Regierung für die Hinterbliebenen der bei dem Unglück ums Leben gekommenen Personen.«

Die wenig bekannt gewordenen negativen Diskussionen befassen sich mit dem Zustand der Reichsbahn und über die Meldungen über das Zugunglück.

  • Ein Ofensetzer aus Meißen erklärte z. B. Folgendes: »Es ist ja kein Wunder, wenn mal so etwas geschieht. Wegen der Leipziger Messe machen sie so eine Reklame, dass über 400 Sonderzüge eingesetzt sind und auf der anderen Seite passiert so etwas. Man schimpft immer über Westdeutschland, dass dort so viel Verkehrsunfälle passieren, aber bei uns ist es ja auch nicht besser, die sollen lieber vor der eigenen Tür kehren und wieder zweigleisig fahren.«12

  • Ein Zigarrenhändler aus Bernburg, [Bezirk] Halle, sagte: »Das wundert mich, dass über das Zugunglück geschrieben wird, sonst werden nur Unglücke von Westdeutschland geschrieben. [sic!] Na ja, dass lässt sich ja auch nicht vertuschen bei so vielen Toten.«13

  • Ein selbstständiger Bäcker aus Mansfeld, [Bezirk] Halle, brachte zum Ausdruck, dass schon wieder ein Unglück passiert sei, was darauf zurückzuführen ist, da nicht das richtige Material vorhanden sei.14

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    3. März 1956
    Analyse über die Tätigkeit und den Einfluss der SPD und des SPD-Ostbüros in der DDR [Nr. 1/56]
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    1. März 1956
    Nationale Volksarmee (12. Bericht für die Zeit vom 18.2. bis 1.3.1956) [Information Nr. M45/56]