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Unzufriedenheiten bei der Intelligenz (3)

6. Juni 1956
Unzufriedenheiten der Intelligenz (3. Bericht) [Information Nr. M120/56]

In der Zeit vom 16.5.1956 bis 4.6.1956 wurden wiederum aus einigen Bezirken Unzufriedenheiten unter Angehörigen der Intelligenz bekannt. Die Unzufriedenheiten bestehen in der Hauptsache zu materiellen Fragen, zu Fragen der Produktion und zu einigen besonderen Fragen, durch die sich die Intelligenz benachteiligt bzw. verletzt fühlt.

I. Zu materiellen Fragen

  • Im VEB Zeiss Jena, [Bezirk] Gera, sind die Techniker und Laboringenieure unzufrieden darüber, dass sie gegenüber ihren anderen Berufskollegen in der Entwicklungshauptabteilung um ca. 10 bis 15 % niedriger entlohnt werden sollen und fordern eine Gehaltsregelung, da ihre Einstufung nicht den Realitäten entsprechen würde. Die neuen Gehaltslisten für diese Gruppe von Technikern und Ingenieuren liegen schon ca. zwei bis drei Wochen bei der Werkleitung zur Bestätigung vor, sind jedoch bis jetzt noch nicht bestätigt.

  • Im VEB Rohrleitungsbau Bitterfeld ist die Intelligenz darüber unzufrieden, da infolge schlechter Planerfüllung keine Prämien ausgezahlt werden.

  • Im VEB Fernmeldewerk Leipzig haben große Teile der Intelligenz kein Vertrauen zur Parteileitung, vor allem zum Sekretär. So fand vor einigen Tagen ein öffentliches Forum statt, an dem ca. 90 Angehörige der Intelligenz teilnahmen. Geleitet wurde dieses Forum vom Werkleiter, Parteisekretär und BGL-Vorsitzenden. Die Anwesenden waren jedoch teilweise mit der Leitung, besonders durch den Parteisekretär und BGL-Vorsitzenden, nicht einverstanden. Auf dem Forum wurden folgende Fragen gestellt, die nicht zur Zufriedenheit der Anwesenden geklärt werden konnten:

    • 1.)

      Wie die demokratische Entwicklung in der DDR weitergehen wird?

    • 2.)

      Warum ist bei uns der sogenannte kleine Grenzverkehr nicht möglich?

    • 3.)

      Warum gibt es keine Auslandsreisen und eine ständige Erschwernis der Interzonenreisen mit dem eigenen Auto? (Der Einwurf des Parteisekretärs, dass man z. B. nach Polen reisen kann, wurde mit der Antwort: »ja, für 1 200 DM« kann man ins Ausland reisen und [mit] Gelächter unterbrochen.)

    • 4.)

      Dass es in der DDR keine Fachliteratur über die Entwicklung der Luftfahrt gibt.

  • Im 2. Bericht wurde auf die Unzufriedenheit der Intelligenz im VEB Kunstseidenwerk Premnitz, dass sie ihren Urlaub nicht im Ausland verbringen können, hingewiesen.1 Dazu wurde Folgendes bekannt: »Die BGL hat zwei Ferienplätze in die SU erhalten. Die BGL hat bisher noch gezögert, die Plätze anzubieten, weil der Antragsteller erst drei Fragebögen ausfüllen muss und die BGL und Werkleitung beurteilen muss, wie der Antragsteller sich verhält. Die Mitglieder der BGL erklärten, dass sie sich aus diesen Gründen nicht trauen, die Plätze einem Angehörigen der Intelligenz anzubieten.«

  • Prof. Lange,2 Leiter des Institutes für NE-Metalle3 in Freiberg brachte bei einer Aussprache Folgendes zum Ausdruck: »In unserem Institut ist ein großer Teil von Wissenschaftlern beschäftigt, aber der Bedarf ist bei Weitem noch nicht gedeckt. Um solche Spezialkräfte nach Freiberg zu holen, ist es erforderlich, ihnen eine entsprechende Wohnung zur Verfügung zu stellen. Die bisherige Wohnraumbereitstellung deckt bei Weitem nicht den Bedarf. Ich sehe in dem Mangel an Wohnraum eine Gefährdung der zu erfüllenden Aufgaben des Instituts, weil nicht die Spezialisten in Freiberg sesshaft gemacht werden können.«

  • Im Bergarbeiterkrankenhaus der Wismut in Zwickau herrscht Missstimmung unter der medizinischen Intelligenz und dem technisch-medizinischen Personal. Der Grund dafür ist einmal, dass bei Abordnung zu Kursen, gleich ob kurz- oder langfristig, diese Zeit von der Jahresprämie abgezogen wird. Zum anderen, dass bei Versetzungen innerhalb der Krankenhäuser der Wismut die Personen als neueingestellt geführt werden und ihnen somit die Jahresprämie verringert wird.

II. Zu Fragen der Produktion

Im VEB Werk für Fernmeldewesen Berlin, Abteilung Entwicklung, ist die Intelligenz der Meinung, dass die gesetzliche Regelung über die Einschränkung der Leistung von Überstunden im Prinzip richtig ist, es aber erforderlich sei, eine passende Linie zu finden, um der Wirtschaft den größtmöglichen Nutzen zu bringen. Nach ihrer Meinung wäre es durchaus vertretbar und für den Betrieb von Nutzen, wenn zum Beispiel den Ingenieuren gestattet werden würde, bestimmte vordringliche und wichtige Arbeiten außerhalb der normalen Arbeitszeit durchzuführen.

Die technische Intelligenz der Fliesenwerke Boizenburg, [Bezirk] Schwerin, erklärt, dass der Wesselkonzern4 bei Köln ein neues Wandfliesenwerk errichtet, das eine monatliche Kapazität von 2,6 Millionen hat. Des Weiteren, dass die Servais-Werke5 in Witterschlick6 bei Bonn ihre Produktion gegenüber den Vorjahren um 1,2 Millionen gesteigert hat [sic!], und dass dadurch die Boizenburger Fliesenwerke vom Weltmarkt verdrängt werden sollen. Das bedingt die Modernisierung des VEB Fliesenwerkes Boizenburg, um auf dem Weltmarkt standzuhalten.

Zu besonderen Fragen

Im Synthesewerk Schwarzheide, [Bezirk] Cottbus, gab es in den Kreisen der Intelligenz erregte Diskussionen. Die Ursache dafür war die Aufführung der Komödie »Das tolle Lamm«,7 was als eine Kritik an der Intelligenz aufgefasst wurde. Bei der Aufführung dieses Theaterstückes verließ eine Reihe von Angehörigen der Intelligenz das Klubhaus in Schwarzheide. Ein Angehöriger der Intelligenz erklärte dem Parteisekretär, »dass er für solche Einladungen, wo er nur ausgeschmiert wird, für die Zukunft danke«.

Der Werkleiter vom Zementwerk Göschwitz, [Kreis] Jena, [Bezirk] Gera, erklärte: »Er könne nicht verstehen, dass es Institutionen gibt, die mit allen Mitteln versuchen, aus kleineren Vergehen, die im Werk vorkommen, den Werkleiter mit einer Geldstrafe bzw. mit Prämienentzug zu belegen, sodass es bereits so ist, dass er sich mit dem Gedanken trage, seine Stellung als Werkleiter im VEB Zementwerk Göschwitz aufzugeben.«

Dr. Reintanz,8 Dozent für Jura an der Universität in Halle, nahm am Kulturtag in München teil. Bei seiner Rückreise hatte er Zeitungen aus Westdeutschland mit, welche ihm an der Grenze von der Volkspolizei abgenommen wurden. Auf seine Frage nach der gesetzlichen Grundlage für diese Handlung antwortete ihm ein Volkspolizist, dass es das Gesetz zum Schutz des Friedens und zum Schutze der Jugend sei.9 Nach seiner Meinung ist erst dann eine Beschlagnahme möglich, wenn der Beschuldigte ordnungsgemäß verurteilt worden ist und eine Quittung ausgestellt wird. Nach seiner Ansicht müsste wenigstens eine solche Verordnung erlassen werden, oder die Beschlagnahme, über die er sehr verärgert ist, solcher und ähnlicher Artikel habe zu unterbleiben.

Dr. Stille aus dem VEB Leunawerk »Walter Ulbricht« erklärte: »Es dürfte nicht allen bekannt sein, dass in Westdeutschland viele neue Werke gebaut werden und ca. 20 000 Akademiker und 40 000 mittlere Berufe sowie Meister, Techniker und Handwerker gebraucht werden. Zum Teil ist dies auch den Akademikern in der DDR und in den Leunawerken bekannt. Berücksichtigt man dabei die hohen Gehälter, die dort gezahlt werden, so muss man vielleicht damit rechnen, dass sich in nächster Zeit verschiedene Intelligenzler nach dem Westen absetzen. Aber es sind oftmals keine finanziellen Ursachen, die diese Personen zur Westflucht veranlassen. Zum Beispiel führe ich die Absetzung des Dr. Legutke10 an, der in einem Brief zum Ausdruck gebracht hat, dass er niemals zulassen würde, dass seine Kinder Kommunisten werden. Aber auch noch viele andere Gründe gibt es. So werden zum Beispiel verschiedene Kinder von Angehörigen der Intelligenz, die ihr Abitur bestanden haben, nicht zum Studium zugelassen.«

Im Georgi-Dimitroff-Werk Magdeburg besteht unter den Angehörigen der Intelligenz eine Ablehnung gegenüber dem Werkleiter, Genossen Schechter,11 da dieser ein diktatorisches Verhalten an den Tag lege. Aus diesem Grunde hat vor Kurzem der Hauptproduktionsleiter Reinwald seine Funktion niederlegen wollen. Auch der Hauptingenieur äußerte sich, dass er durch die Behandlungsweise das Interesse an der Arbeit verloren habe und kündigen wolle.

Im VEB Ernst-Thälmann-Werk Suhl weilt gegenwärtig ein Genosse Technischer Leiter einer Maschinenfabrik aus Bulgarien, um Erfahrungen auf dem Gebiet der Produktion von Pressluftwerkzeugen zu sammeln. Die Angehörigen der Intelligenz äußerten ihr Unverständnis darüber, dass aufgrund einer Rücksprache mit den Genossen [Name 1] und [Name 2] vom Amt für Technik12 über den neuen Bohrhammer 9/097 gegenüber dem Genossen aus Bulgarien keine Ausführungen gemacht werden sollen. Es wird die Meinung vertreten, dass das nicht als gut angesehen werden kann, da es doch gegenüber einem anderen sozialistischen Land beim Erfahrungsaustausch keine Geheimnisse gibt, vor allem auch deshalb, weil Bulgarien dringend die Presslufthammer zur Förderung von Uranerzen benötigt.

Feindpropaganda

In einer Sendung am 24.2.1956 hetzte der UfJ13 über den RIAS, dass sich die Intelligenz der DDR in »politischer Bedrängnis« befände und deshalb »ihren Blick nach Westdeutschland richten würde«. Dabei würde sie »erkennen, dass viele ihrer geflüchteten Kollegen dort in gut bezahlten Stellungen ein auskömmliches Leben ohne politische Bedrängnis führen würden«. Bezugnehmend auf den Prozess vor dem Obersten Gericht wird die Intelligenz aufgefordert,14 sich beim UfJ beraten zu lassen, wenn sie die Absicht hat, ihren Arbeitsplatz zu wechseln.

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    7. Juni 1956
    Informationsdienst Nr. 11 zur Beurteilung der Situation in der DDR
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    5. Juni 1956
    Betrifft: Schul- und Jugendfragen [Information Nr. M 119/56]