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Flucht eines Mitarbeiters der SED-Kreisleitung Wismar

8. Juni 1961
Einzel-Information Nr. 295/61 über die Republikflucht des Mitarbeiters der SED-Kreisleitung Wismar, Ludwig Warnat

Dem MfS wurden verschiedene Einzelheiten über die Republikflucht des Sachbearbeiters für Sicherheitsfragen bei der SED-Kreisleitung Wismar, Ludwig Warnat, bekannt. Warnat wurde am 8.12.1927 geboren, ist verheiratet und hat 3 Kinder. Nach vierjähriger Dienstzeit bei der NVA war er seit 1956 bei der SED-Kreisleitung Wismar als Mitarbeiter tätig.

Die Republikflucht von W. wurde am 29.5.1961 bekannt. Sie war offensichtlich vorbereitet. W. hat mit seiner Ehefrau und seinen drei Kindern im Anschluss an einem im Spreewald verbrachten Urlaub die DDR verlassen. In der Wohnung fehlten das Fernsehgerät sowie Wäsche und Kleidungsstücke. Seinen Motorroller hatte W. mit der Begründung veräußert, sich einen Pkw kaufen zu wollen.

Die durchgeführten Ermittlungen und Befragungen ergaben, dass W. schon seit mehreren Monaten gleichgültig und unzufrieden war. Eine seiner üblichen Redewendungen sei gewesen: »Wir haben die Macht und die anderen das Geld!«

W. befand sich ständig in Geldschwierigkeiten und borgte häufig bei seinen Verwandten. [Satz mit schutzwürdigen Informationen nicht wiedergegeben] Er begründete auch die Ablehnung des Besuches der Bezirksparteischule mit seiner finanziellen Lage. Durch den Kauf eines Fernsehgerätes entstandene Schulden deckte W. im Sommer 1960 ab, indem er sich die Lebensversicherung auszahlen ließ. Die ständigen Geldschwierigkeiten W.s waren auch im Wohngebiet bekannt. Da sich die Ehefrau von W. außerdem wiederholt negativ über Versorgungsschwierigkeiten ausließ, wird vom Bruder W.s angenommen, dass sie erheblichen Einfluss auf den Entschluss zur Republikflucht ausgeübt hat.

Die Arbeitsleistungen von W. werden im Allgemeinen als »zufriedenstellend« eingeschätzt; er habe jedoch die nötige Zielstrebigkeit fehlen lassen. Es sei auch schwierig gewesen, W. zur Teilnahme an Versammlungen und Aussprachen nach 17.00 Uhr zu bewegen. Da W. besonders in der letzten Zeit vor seiner Republikflucht sehr verschlossen war und sich nur »vorsichtig« zu politischen Problemen äußerte, führten der 1. und 2. Sekretär der SED-Kreisleitung je eine Aussprache mit ihm.

W. war im Kreis für die Anleitung der Kampfgruppen, der GST, des DRK, des DTSB sowie der Parteiorganisation des Kreisgerichts verantwortlich. Da er jedoch mit dem Abteilungsleiter in einem Raum saß und den Abteilungsleiter zeitweise vertrat, kennt er auch dessen Arbeitsgebiet.

W. ist nach Einschätzung der Genossen der Kreisleitung und des betreffenden Kreisdienststellenleiters des MfS über nachstehend aufgeführte Arbeitsgebiete bzw. Probleme informiert:

  • Er kennt die Mehrzahl der Mitarbeiter der Kreisdienststellen des MfS und das betreffende Gebäude und nahm in Abwesenheit des Abteilungsleiters mehrfach an Parteiversammlungen in der Kreisdienststelle teil.

  • Bis vor etwa neun Monaten unterhielt er ständigen Kontakt zum Volkspolizei-Kreisamt und kannte die Mehrzahl der VVS und GVS, das Alarmierungssystem des VPKA und der Kampfgruppen.

  • Er kennt die Bewaffnung und die Struktur der VP und der Kampfgruppen und legte über die Führungskader der Kampfgruppen selbst Unterlagen an. Außerdem weiß er über die Objektsicherungspläne und über die Pläne zur Verteidigung der wichtigsten Objekte des Kreises Bescheid.

  • Die bis vor sechs Monaten angefallenen Probleme der GST kennt er ebenfalls (nach diesem Zeitpunkt übernahm sein Abteilungsleiter diese Aufgabe).

Es muss auch beachtet werden, dass W. über die gesamtdeutsche Arbeit bis einschließlich 1959 eingehend informiert ist und in Vertretung des Abteilungsleiters selbst einige Gruppen aufbaute. Er hatte zwar ab 1960 auf dieses Aufgabengebiet keinen direkten Einfluss mehr, kennt aber auch hier die Methoden und die Perspektive dieser Arbeit, zumal bei Abwesenheit des Abteilungsleiters verschiedene Fragen mit ihm besprochen wurden.

Auf diese Weise gelangten ihm auch verschiedene Beschlüsse des Büros zur Kenntnis, u. a. der Befehl 1/61 über die Arbeit der Kampfgruppen,1 der Beschluss über die Kaderarbeit, der Beschluss über die Einschätzung der Republikflucht und über die notwendigen Maßnahmen gegen die Republikflucht, der Beschluss über die Gewinnung von Jugendlichen für die bewaffneten Organe usw. W. kennt die Kader im Kreisgebiet, die Waffenträger sind. Über die Lage im Kreis war er aufgrund der Kenntnis der Rapporte der Sicherheitsorgane und der Einschätzung des Büros ständig informiert.

Eine Überprüfung der VVS und der GVS bei der Kreisleitung der SED habe ergeben, dass keine Unterlagen fehlen.

Vom MfS wurden in Verbindung mit der Kreisleitung der SED die notwendigen Maßnahmen eingeleitet.

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    9. Juni 1961
    Bericht Nr. 273/61 über unmoralisches Verhalten von mittleren und leitenden Kadern des Staatsapparates und seine Auswirkungen
  2. Zum vorherigen Dokument Grenzgängerproblem
    8. Juni 1961
    Einzel-Information Nr. 292/61 über Aussprachen zum Grenzgängerproblem durch verschiedene SED-Kreisleitungen in Groß-Berlin