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Flucht eines Mitarbeiters des Außenministeriums

[ohne Datum]
[Einzel-Information] Nr. 207/61 über die Republikflucht des Abteilungsleiters im MfAA, Seitz, Christoph, wohnhaft in Berlin-Treptow, [Straße, Nr.]

Am Sonnabend, den 15.4.1961 erschien Seitz nicht auf seiner Arbeitsstelle im MfAA.1 Er erklärte am Sonnabend früh seiner Ehefrau Seitz, [Vorname], dass er dienstlich zur Akademie für Staat und Recht nach Potsdam-Babelsberg fahre und gegen 13.00 Uhr in seinem Wochenendgrundstück in Teupitz sein werde. Er brachte seine Ehefrau deshalb auch am Sonnabend früh mit seinem Pkw F 9 zum S-Bahnhof Plänterwald, damit sie schon nach Teupitz fahren könne. Wie die bisherigen Ermittlungen ergaben, war Seitz weder in Potsdam-Babelsberg noch in Teupitz, und es fehlt seitdem jede Spur von ihm.

Zum gleichen Zeitpunkt, am Sonnabend, den 15.4.1961, wurde die [Name 1], Ehefrau des [Name 2], [Funktion] beim Sekretariat des Ministerrates der DDR, mit ihren beiden Kindern republikflüchtig. Da Seitz intime Beziehungen zur [Name 1] unterhielt, ist mit Sicherheit anzunehmen, dass Seitz mit ihr republikflüchtig geworden ist.

Seitz hat aufgrund seiner Tätigkeit als Parteisekretär und späterer Abteilungsleiter im MfAA Kenntnis internster außenpolitischer und personeller Vorgänge im MfAA und nahm ständig an den Kollegiumssitzungen und anderen wichtigen Besprechungen teil. Seitz weiß konkret, welche Mitarbeiter des MfAA von der Leitung des MfAA als zuverlässig eingeschätzt werden bzw. bei welchen Mitarbeitern es negative Punkte gibt. Da sich viele Mitarbeiter in persönlichen Fragen an Seitz wandten, hat er auch Kenntnis von dem Privatleben vieler Mitarbeiter. Durch seine letzte Tätigkeit als Leiter der 1. Europäischen Abteilung kennt er alle Probleme, mit denen sich die deutsche Botschaft in Moskau beschäftigte. Des Weiteren leitete Seitz im vergangen Jahr die DDR-Delegation nach Togo.

Bei einer Überprüfung seines Arbeitszimmers wurde festgestellt, dass aus sämtlichen Notizbüchern alle beschriebenen Seiten herausgerissen waren und in dem im Zimmer befindlichen Ofen eine große Menge Papier verbrannt worden war. Seine Waffe mit 14 Schuss Munition, sein Parteidokument und alle anderen Dokumente der gesellschaftlichen Organisationen waren im Panzerschrank eingeschlossen zurückgelassen worden. Ob die im Panzerschrank befindlichen dienstlichen Unterlagen noch vollständig sind, konnte noch nicht geprüft werden. An privaten Sachen nahm S. verschiedene Wert- und Schmucksachen und zwei neue Anzüge mit. Von seinem Gehaltskonto waren in den letzten Monaten in der Regel 1 000 bis 1 500 DM abgehoben worden. Sein Pkw F 9 konnte bis jetzt noch nicht aufgefunden werden.

Einige Angaben zur Person des Seitz

Christoph Seitz wurde am 20.11.1914 in München geboren. S. stammt aus einer Arbeiterfamilie, und auch seine in München lebenden Verwandten – zwei Brüder und eine Schwester – sind Arbeiter. Seine Mutter lebte bis zu ihrem Tode ebenfalls in München, und ob sein Vater noch lebt und wo ist nicht bekannt.

S. lebte bis 1937 in München, wo er die Volks- und Berufsschule besuchte, Metallarbeiter lernte und nach 2-jähriger Erwerbslosigkeit als Saison- und Hilfsarbeiter von 1934 bis 1937 mit 6-monatiger Unterbrechung (Arbeitsdienst) tätig war. 1937 wurde er zu einer 2-jährigen Militärpflichtzeit zum 5. Luftwaffenregiment eingezogen und kam anschließend in eine Flak-Reserveeinheit, mit der er 1941 an der Ostfront eingesetzt wurde. Sein höchster Dienstgrad in der faschistischen Wehrmacht war Hauptfeldwebel. Im Januar 1942 lief er zur Roten Armee über. In der Sowjetunion war er in verschiedenen Lagern, wo er die Funktion eines Lagerältesten ausübte und Antifakurse besuchte. Im Jahre 1943 nahm er als Delegierter an der Gründungskonferenz des Nationalkomitees Freies Deutschland in Moskau teil. Nach dieser Konferenz arbeitete er als Beauftragter des NFD an der Front.

Am 2. Mai 1945 wurde Seitz durch die damalige sowjetische Besatzungsmacht in Rostock als Oberbürgermeister eingesetzt und im Dezember 1945 nach Schwerin als Oberbürgermeister versetzt. Diese Funktion führte er bis Dezember 1949 aus. Nach dem Besuch der Verwaltungsakademie 1949 wurde er im Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten eingesetzt und war mehrere Jahre als Botschaftsrat in der deutschen Botschaft in Prag und später in der deutschen Botschaft in Moskau tätig. 1956 besuchte er den 7. Einjahreslehrgang der Parteihochschule in Berlin. 1957 wurde Seitz als Sekretär der SED-Betriebsparteiorganisation im MfAA gewählt, und seit 1.4.1960 war er als Abteilungsleiter der 1. Europäischen Abteilung (Sowjetunion) im MfAA tätig.

Seitz trat 1945 der KPD bei. Seit der Vereinigung der beiden Arbeiterparteien war er Mitglied der SED. Weiter war er Mitglied des FDGB, der VVN, der DSF sowie des Kulturbundes. Er erhielt folgende staatliche Auszeichnungen:

  • 1955 »Vaterländischen Verdienstorden in Bronze«,

  • 1956 »Ernst Moritz Arndt Medaille«,

  • 1958 »Kämpfer gegen den Faschismus« 1933–1945,

  • 1959 »Vaterländischen Verdienstorden in Bronze«.

Zur politischen und moralischen Haltung des Seitz

Durch eine Reihe inoffizieller und offizieller Hinweise wurde dem MfS bekannt,2 dass sich S. in vielen Fällen nicht parteimäßig verhielt und sich zahlreiche Verfehlungen besonders moralischer Art zuschulden kommen ließ.

Bereits in seiner Tätigkeit als Oberbürgermeister in Rostock und Schwerin führte er ein äußerst kostspieliges Leben und war sehr dem Alkohol ergeben. Er hatte alleiniges Verfügungsrecht über das sog. »Notgemeinschaftskonto« (Unterstützungsfonds für Heimkehrer), und bei einer entsprechenden Revision lagen über die Bewegung der Gelder dieses Kontos keinerlei Belege vor. Offensichtlich sind den Geheimdiensten – wie spätere Äußerungen einer Mitarbeiterin des amerikanischen Geheimdienstes erkennen lassen – Unregelmäßigkeiten des S. aus dieser Zeit bekannt.

Seine Tätigkeit als Parteisekretär wird übereinstimmend als nicht seinen Voraussetzungen und Fähigkeiten entsprechend eingeschätzt. Bei Auseinandersetzungen vertrat er keine konsequente Meinung und bezog oft keinen eigenen prinzipiellen Standpunkt, sondern verhielt sich versöhnlerisch und karrieristisch. Zu den Mitgliedern der Parteiorganisationen bestand nur ein formaler Kontakt. S. neigte sehr zur Bequemlichkeit, verteilte nur die Arbeit, [Teilsätze mit überwiegend schutzwürdigen Informationen nicht wiedergegeben].

[Absatz mit schutzwürdigen Informationen nicht wiedergegeben.]

Im Zusammenhang mit dem beabsichtigten Einsatz des Seitz als Botschafter in Albanien wurde im August 1960 der stellv. Leiter der Abteilung Kader des ZK der SED, Genosse Wieland, vom MfS davon informiert, dass Hinweise vorliegen, wonach der S. außereheliche Beziehungen unterhalten soll. Von einem Einsatz des S. als Botschafter wurde abgesehen, jedoch erhielt er die Funktion eines Abteilungsleiters der 1. Europäischen Abteilung des MfAA.

Neben seinen zahlreichen weiblichen Bekanntschaften, hielt S. noch sehr enge Verbindungen zu anderen Personen, mit denen er teils aus seiner Tätigkeit beim Nationalkomitee Freies Deutschland, teils in seiner Eigenschaft als Parteisekretär und Abteilungsleiter beim MfAA, bekannt war. So bestand z. B. seit ca. 15 Jahren enger Kontakt zu dem Mitglied des ZK der SED, Genosse Willy Bredel3und seiner Frau, die sich gegenseitig öfter besuchten, letztmalig am 11.3.1961. Genosse Bredel bestätigte das außereheliche Verhältnis zwischen S. und der [Name 1] und charakterisierte die [Name 1] als eine Person, die seit längerer Zeit zur Politik der DDR in Opposition stand, in verschiedenen Moral-Affären verwickelt war und dass sich wegen ihr vor einiger Zeit ein Mann in Wien erschossen habe. Außerdem äußerte Genosse Bredel, dass S. viel Schaden anrichten könne, wenn er »tatsächlich zum Feind übergewechselt« sei, weil S. genaue Kenntnis über den Einsatz von Personen in Westdeutschland und im kapitalistischen Ausland hat, die dort für die DDR tätig sind. Diese Äußerung des Genossen Bredel beweist, dass S. mit ihm über interne Fragen gesprochen hat.

Trotz dieser Tatsachen und trotz der Flucht des S. charakterisiert Genosse Bredel den S. als Genossen, bei dem es keinerlei politisch-ideologische Schwankungen gegeben und der in Diskussionen immer konsequent die Linie der Partei vertreten habe. Durch die Freundschaft mit Genossen Bredel erhielt S. auch umfangreiche Verbindungen zu Künstlerkreisen.

Ebenfalls seit ca. 15 Jahren kennt S. den [Name 2], [Funktion] beim Sekretariat des Ministerrates. Nach Unterbrechungen fanden seit August 1960 gegenseitige Besuche zwischen S. und [Name 2] statt, und S. nahm außereheliche Beziehungen zu Frau [Name 1] auf. Die [Name 1], geboren am [Tag, Monat] 1926, war Verkäuferin in [Arbeitsstelle], stammt aus bürgerlichen Verhältnissen und verkehrte auch bis zuletzt noch viel in bürgerlichen und in Künstlerkreisen in der DDR und in Westberlin. Sie hat ausgesprochen dekadente Moralbegriffe, was sich auch noch in anderen außerehelichen Beziehungen zeigt. Sie stand verschiedenen Fragen der Politik in der DDR ablehnend gegenüber und billigte u. a. auch nicht die politische Arbeit ihres Mannes. Sie korrespondierte mit westdeutschen Personen – u. a. mit einer Republikflüchtigen – und mit westdeutschen Firmen und ließ sich über ihre in Westberlin wohnhafte Schwester verschiedene westdeutsche Artikel schicken.

Am 15.4.1961 wurde die [Name 1] mit ihren beiden Kindern [Alter] republikflüchtig, nachdem in der letzten Zeit Seitz sie fast täglich heimlich besucht hatte. Diese Zusammenkünfte wurden von Nachbarn beobachtet, und in einem Falle wurden Seitz und die [Name 1] auch von dem Ehemann der [Name 1] überrascht, was eine scharfe Auseinandersetzung zwischen [Name 2] und seiner Ehefrau zur Folge hatte. Hinterher versprach Seitz telefonisch dem [Name 2], dass er die ganze Angelegenheit aufklären und sich rechtfertigen werde. (Dies ist jedoch nicht geschehen, sondern Seitz wurde republikflüchtig.) Am 17.4.1961 erhielt [Name 2] einen Brief von seiner Ehefrau, abgestempelt am 15.4.1961/13.00 Uhr, Zentralflughafen Berlin-Tempelhof, in dem sie mitteilt, dass sie sich von ihm getrennt habe, u. a. wegen des »ganzen politischen Krams«.

[Name 2] war dem schädlichen Einfluss seiner Ehefrau stark unterlegen, und das Sekretariat des Ministerrates wurde deshalb vom MfS schon wiederholt auf den sich daraus ergebenden Unsicherheitsfaktor hingewiesen. So wurde auch bereits gemeinsam beraten, [Name 2] auf Bezirksebene einzusetzen. Bisher wurde jedoch von der Parteiorganisation und auch von den verantwortlichen Funktionären wenig dazu getan. Wiederholt wurde das labile Verhalten des Genossen [Name 2] zu seiner Frau Anlass zu verschiedenen Auseinandersetzungen, aber es wurden keine konkreten Schlussfolgerungen gezogen. Im letzten Parteiverfahren gegen Genossen [Name 2] im Januar 1961, wo die Ehefrau wiederum als Hauptursache in Erscheinung trat, wurde versöhnlerisch entschieden und der Beschluss, den Genossen [Name 2] nun endgültig aus dem Objekt herauszulösen, nicht realisiert.

Weitere Verbindungen unterhielt Seitz zu

  • Hanscher, Fritz, Abteilungsleiter beim Deutschen Reisebüro,

  • Klobes, August, Kaderleiter im MfAA,

  • Prof. Schaeler, Potsdam,

  • Große, Lea,4 Frau des verstorbenen Botschafters Fritz Große5

und zu einem großen Personenkreis aus dem MfAA.

Abschließend soll noch darauf hingewiesen werden, dass dem MfS glaubwürdige Hinweise vorliegen, wonach sich ein Mitarbeiter des amerikanischen Geheimdienstes erst vor kurzer Zeit für Seitz interessiert hat und z. B. auch Andeutungen über »Unterschlagungen während seiner Zeit als Bürgermeister« machte. Von einem seiner Agenten wurde der amerikanische Geheimdienst auch darüber informiert, dass Seitz’ Interesse an Frauen und Alkohol als seine schwächsten Stellen ausgenutzt werden könnten. Eine Bestätigung, dass die Bestrebungen feindlicher Geheimdienste bereits vor seiner Flucht zu einer Verbindung mit Seitz geführt haben, kann jedoch zurzeit nicht gegeben werden.

  1. Zum nächsten Dokument Lage im Staatsapparat auf Bezirks- und Kreisebene
    24. April 1961
    Bericht Nr. 213/61 über die Lage im Staatsapparat
  2. Zum vorherigen Dokument Untersuchung des Zugunglücks in Bitterfeld
    17. April 1961
    Einzel-Information Nr. 202/61 über die bisher ermittelten Ursachen des Zugzusammenstoßes am 15. April 1961 um 7.18 Uhr im Bahnhofsbereich Bitterfeld