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Grenzdurchbruch mit einem Personenzug

6. Dezember 1961
Einzel-Information Nr. 758/61 über einen schweren Grenzdurchbruch mittels eines Personenzuges am Bahnhof Albrechtshof im Bezirk Potsdam

Am 5.12.1961 gegen 20.45 Uhr durchfuhr der Personenzug 2192 (Strecke Oranienburg–Albrechtshof) mit überhöhter Geschwindigkeit den Bahnhof Albrechtshof und auch das »Halt« zeigende Ausfahrtsignal.1

Ca. 500 m hinter der Grenze wurde der aus einer Lokomotive und acht Personenwagen bestehende und mit ca. 50 Reisenden besetzte Zug zum Stehen gebracht. Außer dem Lokführer und dem Heizer verließen noch ca. 30 Reisende auf diese Weise die DDR, während 19 Personen (u. a. der Zugführer, drei weitere Eisenbahner, ein Angehöriger der DGP und ein Angehöriger des AZKW) zu Fuß in das Gebiet der DDR zurückkehrten.

Die bisherigen Ermittlungen ergaben, dass dieser Grenzdurchbruch von dem Lokführer und dem Lokheizer vorbereitet war. Bei dem Lokführer handelt es sich um den Deterling, Harry, geboren 6.12.1933, wohnhaft: Oranienburg, [Straße, Nr.].

Die Personalien des Lokheizers sind noch nicht bekannt. Auch konnte der Name des Lokführers erst nach längeren Ermittlungen des BW Pankow mitgeteilt werden. Vom MfS wurde festgestellt, dass sowohl der Lokführer als auch der Lokheizer nicht das planmäßige Personal für den Personenzug 2192 sind, sondern Deterling gelang es, außerplanmäßig diesen Zug zu übernehmen. Er schickte daraufhin den zum planmäßigen Personal gehörigen Heizer nach Hause und nahm stattdessen den mit ihm flüchtig gewordenen Lokheizer auf die Lok.

Der wieder zurückgekehrte und für den Personenzug 2192 verantwortliche Zugführer [Name], geboren [Tag, Monat] 19352, wohnhaft: Nauen, [Straße, Nr.], unterließ am Ausgangsbahnhof Oranienburg die ordnungsgemäße Übernahme des Zuges. Er ließ sich z. B. nicht vom Wagenmeister den ordnungsgemäßen Zustand des Zuges mitteilen, sondern gab sich mit der Erklärung des Lokführers Deterling zufrieden, der erklärte, dass der Wagenmeister ihm (Deterling) bereits gemeldet habe und alles in Ordnung sei.

Ferner stellte der Zugführer fest, dass sich der Lokführer vor Abfahrt des Zuges aus Oranienburg am Zugende aufhielt, was sonst nicht üblich ist, und der Personenzug deshalb mit 1 min Verspätung abfuhr.

Nach Angaben des Zugführers hätten drei Personen die Notbremse gezogen, als sie merkten, dass der Zug in Richtung Westberlin fuhr. Ob die Notbremse funktioniert hat bzw. gar nicht oder nur schwach ansprach, ist nicht mehr zu überprüfen (technisch), weil bei Rückführung des Zuges die Bremsanlage wieder in Ordnung gebracht werden musste.

Die Organisiertheit dieses Grenzdurchbruchs beweist ferner die Tatsache, dass nach Halten des Zuges auf Westberliner Gebiet ca. 25 bis 30 Personen fluchtartig das Bahngelände verließen und sich in Richtung Spandau oder in nahegelegene Gehöfte begaben.

Nach bisherigen Ermittlungen handelt es sich zumindest bei einem Teil der flüchtig gewordenen Personen um Verwandte und Bekannte des Lokpersonals bzw. kennen sie sich auch gegenseitig. U. a. wurde festgestellt, dass die Ehefrau des Lokführers Deterling mit ihren Kindern seit 5.12. Nachmittag der Wohnung ferngeblieben ist.

Hinweise auf organisierende und vorbereitende Handlungen seitens Westberliner Personen oder Stellen wurden noch nicht bekannt und auch an der Stelle, wo der Zug zum Halten kam, konnten keinerlei derartige Erscheinungen festgestellt werden.

Die weitere Überprüfung ergab, dass das Lokpersonal offensichtlich genaue Kenntnis von der Streckenführung und den Gleisanlagen hatte und auf dieser Grundlage den Grenzdurchbruch organisierte. Der Bahnhof Albrechtshof besteht aus einem von der DDR nach Westberlin führenden Hauptgleis für den Interzonenverkehr und einem Überholungsgleis.

Da der Zug 2192 bisher immer das Hauptgleis benutzte und erst auf dem Bahnhof Albrechtshof auf das Überholungsgleis umgesetzt wurde, war es möglich, auch bei falscher Weichenstellung auf das Hauptgleis zu gelangen. Die von dem Zug stumpf zu befahrende Weiche 1 führt, wenn sie von der DDR aus angefahren wird, immer auf das nach Westberlin führende Hauptgleis.

Auf dem Bahnhof Albrechtshof gibt es reichsbahnseitig keinerlei Sicherungsmaßnahmen, um einen Grenzdurchbruch zu verhindern. Es wurde bekannt, dass über derartige Sicherungsmaßnahmen auf dem Bahnhof Albrechtshof zwischen dem Minister für Verkehrswesen, Genossen Kramer, und dem Präsidenten der Reichsbahn, Genossen Arndt, Beratungen stattgefunden haben, die aber zu keinen Veränderungen führten. Von reichsbahnseitigen Sicherungsmaßnahmen wurde Abstand genommen mit der Begründung, keine Gefahrenquellen für den Interzonenverkehr schaffen zu wollen. Nach der bisherigen Übersicht wäre jedoch auf dem Überholungsgleis eine technische Veränderung zur Erhöhung der Sicherheit möglich gewesen.

Auf Weisung des Präsidenten der Reichsbahn, Genosse Arndt, wurde durch eine Lok des BW Grunewald der Personenzug 2192 von Westberlin aus wieder in das Gebiet der DDR zurückgeführt. Der Zug traf gegen 22.45 Uhr auf dem Bahnhof Albrechtshof ein.

Der Berufsverkehr zwischen Falkensee und Albrechtshof wurde eingestellt und wird bis zum 10.12. durch Autobusverkehr aufrechterhalten.

Ab 10.12.1961 sollen die Interzonenzüge zwischen Hamburg und Berlin über den Bahnhof Griebnitzsee geleitet werden und das Hauptgleis Falkensee/Albrechtshof ab Albrechtshof in Richtung Westberlin (Spandau) unterbrochen werden.

Nach Durchführung dieser Sicherungsmaßnahmen wird der Berufsverkehr der Reichsbahn ab Bahnhof Albrechtshof wieder aufgenommen.

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    6. Dezember 1961
    Einzel-Information Nr. 759/61 über provokatorisches Verhalten von Angehörigen der US-Armee im demokratischen Berlin
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    5. Dezember 1961
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