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Lage in der Braunkohlenindustrie

12. Oktober 1961
Bericht Nr. 628/61 über die Lage in der Braunkohlenindustrie

Vorliegende Überprüfungsergebnisse des MfS weisen auf einige Mängel und Schwächen in der Braunkohlenindustrie hin, die sich hauptsächlich auf einige Fragen der Leitungstätigkeit im Industriezweig, Schwächen in der Leitung der Braunkohlenwerke hinsichtlich der Betriebsorganisation, Kleinmechanisierung und Führung des sozialistischen Wettbewerbs sowie der Sicherung der Winterbevorratung und der Winterfestmachung beziehen.

I. Die Leitungstätigkeit im Industriezweig Braunkohle

Aus den VVB und den BKW liegen eine größere Anzahl von Hinweisen vor, aus denen ersichtlich ist, dass die Anleitung durch die Abteilung Kohle der Staatlichen Plankommission in der Vergangenheit als unzureichend einzuschätzen ist. Die Arbeitsweise und der Arbeitsstil der Abt. Kohle würden dabei unter den Schwächen des Genossen Siebold1 leiden, der sich in einer gewissen Isolierung gegenüber seinem Kollektiv befände. Besonders die fehlende Orientierung der Mitarbeiter auf die Lösung von Schwerpunktfragen würde den gesamten Arbeitsablauf hemmen.

Obwohl in einem bestimmten Umfange die Mitarbeiter der Abteilung Kohle die operative Anleitung und Kontrolle an der Basis organisieren, wie z. B. im BKW »Einheit« der VVB Braunkohle Halle zur Überwindung der Planrückstände, besteht jedoch noch immer ein grundsätzlicher Widerspruch zwischen dieser Seite der Arbeit und den Erfordernissen, die Klärung von Grundsatzfragen mit den operativen Problemen der Planerfüllung usw. zu verbinden.

Die Kaderpolitik in der Abt. Kohle unterstützt keinesfalls die Notwendigkeit, diese Fachabteilung mit politisch und fachlich geeigneten Führungskadern zu verstärken. Auf Beschluss der Parteileitung mussten einige parteilose Mitarbeiter aus der Fachabteilung entfernt werden, da kaderpolitische Bedenken und andere Gründe vorlagen. Der Genosse Siebold realisierte diesen Beschluss formal, indem er die betreffenden Mitarbeiter entließ, es aber verabsäumte, für einen entsprechenden und sofortigen Ersatz zu sorgen.

Durch die Entlassung des Dipl.-Ing. [Name 1], einer qualifizierten Fachkraft auf dem Gebiet des Tagebaues, entstanden z. B. ernsthafte Lücken in der laufenden Arbeit. Andererseits gibt es auf dem Gebiet des Tagebaues in der Abteilung Kohle fachlich ungeeignete Mitarbeiter, die den wachsenden Aufgaben nicht mehr gerecht werden (Ing. [Name 2]).

Die Qualifikation der in der Abt. Kohle beschäftigten Ingenieure ist im Allgemeinen sehr unterschiedlich. Sie werden bei ihren Einsätzen in den VVB und BKW oftmals nicht als qualifizierte Kräfte angesehen, wodurch die direkte Hilfe und Anleitung seitens des zentralen Organs wesentlich beeinträchtigt und die politisch-operative Tätigkeit der Abt. Kohle als zentrales Staatsorgan im Industriezweig Braunkohle wesentlich gefährdet wird.

Unbewusst dürfte der Arbeitsstil des Genossen Siebold, er arbeitet fast ausnahmslos nur mit Direktiven und Anweisungen, mit zur Untergrabung der Autorität der Abt. Kohle beitragen.

Eine systematische Kontrolle über die Realisierung der Beschlüsse von Partei und Regierung für die Braunkohlenindustrie ist überhaupt nicht organisiert.

Von der Kohleindustrie werden jährlich Anträge auf Bereitstellung von Investitionsmittel gestellt, die die perspektivischen Kennziffern der Siebenjahrplanprojekte2 z. T. erheblich übersteigen. Im Allgemeinen werden die Mehrforderungen damit begründet, dass die Erfüllung der Pläne sonst nicht gewährleistet sei. Als Ursache der Mehrforderungen werden aber übereinstimmend die mangelhafte ökonomische Vorplanung während der Perspektivplanung und die daraus resultierenden Schwächen in der Projektierung angegeben.

Da die Perspektivplanung nur mit geschätzten Werten arbeitet, stellen sich bei der ökonomischen Vorplanung und Projektierung nachträglich oftmals erhebliche Verteuerungen heraus, die so durch unexakte Angaben über die Lagerungsverhältnisse hervorgerufen wurden.

Beispielsweise war die unzureichende Arbeit der Perspektivplanung verantwortlich für eine Verteuerung des Invest-Vorhabens Tagebau-Neuaufschluss Nochten (Perspektivplanung: 535,7 Mio. DM, Vorplanung: 908,9 Mio. DM). Die aus dem Verantwortungsbereich der VVB Braunkohle Halle vorliegenden Hinweise verdeutlichen, dass sich in den letzten Jahren Widersprüche zwischen dem Aufkommen und dem Bedarf der Industrie an Rohbraunkohle, der mangelhaften Leitungsarbeit auf wissenschaftlicher Basis und der Planung und Projektierung von Tagebauen herausbildeten.

Der schlechte Arbeitsstil bei der Lösung von Grundsatzfragen führte zu einer gewissen Desorientierung bei der Koordinierung und Lösung von Grundsatzfragen in der Kohleindustrie des Bezirkes Halle. Durch die Minderleistungen in der Abraumbewegung in den drei Großtagebauen des BKW »Einheit« ist die Versorgung der Schwerchemie und Kraftwerke im Bitterfelder Raum nicht mehr voll gewährleistet. 1961 müssen zur Versorgung der genannten Industrie-Betriebe ca. 2 Mio. t Rohbraunkohle aus den BKW des Bezirkes Cottbus und aus dem Geiseltal angefahren werden.

Für 1962 sind bereits Rohkohlezufuhren in Höhe von 3,4 t geplant, wodurch ein zusätzlicher Kostenaufwand von ca. 10 Mio. DM verursacht wird. Meinungen von Fachleuten zufolge wird damit eine Entwicklung zugelassen und gefördert, die gegen die Weisungen von Partei und Regierung verstößt, da die Entwicklungsprojekte der Kohleindustrie, der Schwerchemie und der Kraftwerke im Merseburger Revier damit ernsthaft gefährdet werden.

Außerdem wirkt sich als hemmender Faktor in der Braunkohlenindustrie des Merseburger Reviers das Fehlen einer klaren Konzeption für die Nachfolgetagebaue Wallendorf und Amsdorf aus, die nach Auslaufen der Braunkohlentagebaue im Geiseltal die Rohkohleversorgung im Merseburger Revier übernehmen müssen. Die vom PKB »Kohle« Leipzig erarbeiteten Projekte sind nicht auf der Grundlage neuester wissenschaftlich-technischer Erkenntnisse aufgebaut und in ihrer technischen Konzeption schlecht durchgearbeitet.

Durch die Abt. Kohle wurde insgesamt ein umfangreiches Programm zur Lösung aller Fragen der Störfreimachung ausgearbeitet und bestätigt. Seitens der Abt. Kohle wurde jedoch verabsäumt, den VEB Kohleanlagenbau Leipzig und das PKB »Kohle« auf die Probleme der Störfreimachung zu orientieren.

Insgesamt wird die Arbeit der Abt. Kohle so eingeschätzt, dass mit dem erkennbaren Arbeitsstil3 kaum eine politisch richtige Führungsarbeit des Industriezweiges gewährleistet ist und die wissenschaftlich-technische Weiterentwicklung des Industriezweiges Braunkohle durch eine unsystematische Bearbeitung der auftretenden Probleme stark behindert wird.4

II. Schwächen in der Arbeitsweise der VVB

Der Arbeitsstil in den drei VVB der Braunkohle kann nach Einschätzungen aus den Betrieben dieser VVB nicht befriedigen. Im Wesentlichen treten die VVB zu wenig als leitendes und lenkendes Organ auf, organisieren die Planerfüllung nur ungenügend als Kampfplan, die politische Einflussnahme auf die Werkleitungskollektive ist schwach ausgeprägt und im Apparat der VVB behindern bürokratische Arbeitsmethoden oftmals einen operativen Arbeitsstil.

Es liegen übereinstimmende Informationen vor, dass die Arbeit auf der Grundlage des Politbürobeschlusses vom 24.3.1959 nicht zielstrebig und konsequent organisiert wurde.5

Der formale Arbeitsstil zeigt sich z. B. an den Ergebnissen, die die VVB Braunkohle Leipzig in der Realisierung der Investitionsvorhaben aufzuweisen hat. Erst nachdem ernsthafte Verzögerungen in der Realisierung des Staatsplanvorhabens Brikettfabrik II Großzössen auftraten, schaltete sich die VVB ein und veranlasste entsprechende Maßnahmen, um weitere Terminverzögerungen zu verhindern.

Allgemein ist für alle VVB charakteristisch, dass zwischen dem Erkennen und der Analyse von Schwächen und Mängeln in der Produktionsplanerfüllung und der Einleitung operativer Maßnahmen zur Überwindung derselben oftmals erhebliche zeitliche Differenzen auftreten, die mit auf den vorhandenen bürokratischen Arbeitsstil zurückzuführen sein dürften.

Zu diesen Schwächen in der Leitungstätigkeit der VVB tragen zu einem wesentlichen Teil Mängel in der Kaderpolitik bei. In der VVB Braunkohle Halle musste z. B. der Hauptdirektor Bönisch aus der VVB ausscheiden, da seine Qualifikation nicht den Anforderungen entsprach. In derselben VVB wurde der Techn. Leiter Kahn durch den Genossen Seifert abgelöst. Nach 1 ½ -jähriger Tätigkeit erwies sich, dass auch Seifert nicht den Anforderungen gewachsen war. Dadurch sah sich die Leitung der VVB gezwungen, erneut den Kahn als Techn. Leiter einzusetzen. Anlass für diese Maßnahmen waren die Einbrüche in der Planerfüllung während des Winterhalbjahres 1960/61.

III. Schwächen in der Leitung der Braunkohlenwerke

a) Probleme der Kleinmechanisierung

Unzureichende Arbeit wurde in der Vergangenheit auf dem Gebiet der Kleinmechanisierung von allen dafür verantwortlichen staatlichen Organen und in den Betrieben geleistet. Nach entsprechenden Hinweisen wird die Auffassung vertreten, dass in dieser Frage ein ernsthaftes Versäumnis der zentralen Leitung, d. h. der Abt. Kohle vorliegt, da die Neuentwicklung von Kleinmechanismen nur »am Rande« bearbeitet wurde. Der verantwortliche Mitarbeiter, der Genosse Adolf Hennecke6, sei durch die unzureichende Unterstützung und die besonderen gesellschaftlichen Verpflichtungen allein nicht in der Lage, eine Änderung dieses Zustandes herbeizuführen.

Das für diese Aufgaben verantwortliche Organ in Leipzig, das der ehemaligen Hauptverwaltung Braunkohle des Ministeriums für Kohle und Energie unterstand, wurde im Rahmen der Reorganisationsmaßnahmen im Februar 1958 aufgelöst, ohne dass sofort eine Nachfolgestelle benannt wurde. Dem VEB Kohlenanlagenbau Leipzig wurde in Form der Leitbetriebsfunktion die Verantwortung für diesen Aufgabenbereich übertragen. In dieser Eigenschaft sollte der Betrieb die Koordinierung von Forschung und Entwicklung sowohl in den Braunkohlenwerken als auch in den Betrieben des Maschinenbaus gewährleisten. Diesen Aufgaben wurde jedoch die Leitstelle nicht gerecht, teilweise zurückzuführen auf subjektive Mängel, da im Werk selbst die Leitstelle mit fachlich ungeeigneten Personen besetzt wurde. Auf der anderen Seite gewährleistet die Funktion dieses Betriebes kaum eine zielstrebige Arbeit auf dem Gebiet der Kleinmechanisierung, die im Wesentlichen als Frage der sozialistischen Rekonstruktion anzusehen ist, da die hauptsächlichste Aufgabe des Betriebes im Neubau von Großanlagen für die Braunkohlenindustrie, d. h. auf dem Gebiet der Investitionen liegt.

Es ist einzuschätzen, dass die Leitstelle die Probleme der Forschung und Entwicklung von Kleinmechanismen für die Braunkohlenindustrie nicht unter Kontrolle gebracht hat und die geforderte Zusammenarbeit mit den Braunkohlenwerken und den Maschinenbaubetrieben nicht erreicht wurde.7

Die vorliegenden Informationen weisen auf die Auswirkungen der fehlenden zentralen Koordinierung und Leitung bei den Entwicklungsarbeiten mit besonderer Deutlichkeit hin. So hat z. B. der Werkleiter der Zentralwerkstatt Regis – Ing. Meischner – ein hydraulisches Gleisunterhaltungsgerät entwickelt, mit dem eine Steigerung der Arbeitsproduktivität um 70 % erreichbar ist. Die Entwicklungs- und Erprobungsarbeiten laufen jedoch schon Jahre, ohne dass bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt erkennbar ist, wann dieses Gerät in die Produktion übernommen und zur Hebung des technischen Niveaus bei der Gleisunterhaltung in den BKW eingesetzt werden kann.

Der vorhandene Bestand an Geräten der Kleinmechanisierung, Winden, Gleisstopf- und Schraubmaschinen, wird als ungenügend bezeichnet. Die Auslieferung von Kleinmechanismen im Bereich der VVB Braunkohle Halle betrug von 244 geplanten und vertraglich gebundenen Geräten im 1. Halbjahr 1961 51 St. Bei der Sicherung für die Zulieferung für den Braunkohlenbergbau traten Schwierigkeiten beim Vertragsabschluss mit den Maschinenbaubetrieben auf. Diese begründeten die Ablehnung von Verträgen hauptsächlich mit der Vorrangigkeit von Exportverpflichtungen und andern schwerpunktmäßig zu lösenden Aufgaben.

Zurzeit sind die aus Westdeutschland importierten Kleingeräte besonders störanfällig. So gibt es Hinweise, dass, wie im Fall des Tagebaues Böhlen, ca. 70 % der aus Westdeutschland stammenden Gleisstopf- und Schraubmaschinen sich in den Werkstätten zur Reparatur befinden und für längere Zeit nicht einsetzbar sind, da von westdeutscher Seite keine Ersatzteillieferungen mehr erfolgen.

Das Fehlen einer ausreichenden Anzahl von Gleisunterhaltungsgeräten in fast allen Braunkohlenwerken verursacht ständig Schwierigkeiten in der Unterhaltung und Sicherung der Gleisanlagen in den Tagebauen. Die vorhandenen Geräte aus der Produktion der DDR werden als zu schwer bezeichnet und sollen kaum einer Produktivitätssteigerung dienen.

Ein großer Teil der Mitarbeiter in den Gleisunterhaltungsbrigaden lehnt z. B. die Schwellenverziehmaschine mit der Begründung ab, dass sie zu schwer für die körperliche Arbeit sei.

b) Der Zustand in der Auslastung der Großgeräte

Die Auslastung der Großgeräte in den drei VVB der Braunkohlenindustrie sowie in den Braunkohlenwerken ist sehr unterschiedlich. In der letzten Zeit werden die Durchschnittswerte in der Auslastung der Gerätetypen nicht mehr erreicht (liegen zwischen 40 und 50 %), wodurch z. B. in der Abraumbewegung erhebliche Planrückstände auftreten. Als Ursachen der rückläufigen Tendenz in der Auslastung der Großgeräte werden in der Mehrzahl mangelnde Betriebsorganisation, das Fehlen von rollendem Material in den Tagebauen mit Zugbetrieb, unzureichende Realisierung der planmäßigen Generalreparaturen und Verletzungen in der Arbeitsdisziplin angegeben.

Im BKW Sedlitz8 z. B. beträgt die zeitliche Auslastung der Großgeräte im Abraum ca. 60 %. Die Ursachen werden lediglich auf ungünstige geologische Bedingungen zurückgeführt. Ebenso verhält es sich im Tagebauneuaufschluss Meurostollen9 (BKW »Franz Mehring«–Brieske-Ost), wo eine durchschnittliche Auslastung des Großgerätes (RS1200) von 48,5 % zu verzeichnen ist.

Im Tagebau Klettwitz des BKK Lauchhammer10 ist die mangelnde Geräteauslastung auf die schlechte Vorfeldberäumung zurückzuführen. Dort wurde u. a. festgestellt, dass die Vorfeldbewachsung durch die Großgeräte mit abgebaggert wurde. Der hohe Reparaturanfall an rollendem Material im o. g. Tagebau beeinträchtigt den zentralen Auslastungsgrad der Großgeräte. In der Tagebauwerkstatt befinden sich etwa 70 Abraumwagen in Reparatur. Die sich ich im Einsatz befindenden Abraumwagen werden über die normal übliche Zeit beansprucht, sodass die planmäßigen Reparaturen nicht durchführbar sind und erhöhte Störanfälligkeit auftritt.

Die unzureichende Auslastung im BKW Gräfenhain11 wird durch Mängel in der Arbeitsorganisation und Arbeitskräftemangel hervorgerufen. In diesem BKW befindet sich noch ein relativ hoher Anteil an Abraumwagen mit Handkippvorrichtung im Einsatz. Aufgrund fehlender Arbeitskräfte ist keine ausreichende Kippenbesetzung möglich, sodass Kippzeiten bis zu 20 min das Zugspiel hemmend beeinflussen.

In einer Analyse für den Tagebau Großzössen12 werden z. B. 8,2 % nicht nachweisbare Fehlzeiten ausgewiesen, die darauf zurückzuführen sind, dass bei Schichtwechsel die Geräte vor Arbeitsschluss abgestellt und verlassen werden und nach Durchführung des Schichtwechsels erst wieder in Betrieb genommen werden. In diesem Fall wurde von der Betriebsleitung des BKW verabsäumt, mit dem Kraftverkehr einen ordnungsgemäßen Zubringerdienst im Berufsverkehr zu vereinbaren.

Neben den o. g. Ursachen wirken in den Abbauzentren spezifische Faktoren, die die Kontinuität des Abbaus bzw. der Abraumbewegung negativ beeinflussen.

Im Cottbuser Revier mehren sich die Hinweise, wonach sich bei den Neuaufschlussarbeiten die geologischen Abbaubedingungen verschlechtern.

Im Verantwortungsbereich der VVB Halle werden ca. 50 % der Ausfallzeiten durch Zugpausen, Havarien, Entgleisungen und Signalstörungen hervorgerufen. Diese und weitere Faktoren, wie das Fehlen von Arbeitskräften (VVB Halle und Leipzig), Unwettereinflüsse (Leipzig) führten ebenfalls mit zum Absinken der Förderleistungen.

c) Mängel bei der Untertage- und Entwässerungsarbeit

In einer Reihe von Tagebaubetrieben werden die Streckenvortriebs- und Entwässerungsarbeiten immer noch durch manuelle Arbeit bewältigt. Die bisher an den Braunkohlenbergbau ausgelieferten Streckenvortriebsmaschinen decken zahlenmäßig noch nicht den Bedarf bzw. werden noch nicht im erforderlichen Umfange produktionswirksam. Die Konstruktion dieser Geräte entspricht nicht den unterschiedlichen Erfordernissen der Geologie und Hydrologie. Teilweise sollen durch die manuelle Arbeit noch höhere Leistungen erreichbar sein als beim Einsatz derartiger Maschinen. Die kontinuierliche Ersatzteilversorgung für diese Maschinen, die sehr störanfällig sind, ist zzt. noch nicht gewährleistet (Fräsköpfe und Büchsenketten).

Der enorme Ausfall von Untertage-Akku-Loks, die aus der VR Rumänien importiert wurden, bewirkt, dass die Häuer vor Ort z. T. gezwungen sind die Hunte selbst zu schieben. Mit diesen Methoden wird der angestrebte Vorlauf in der Entwässerungsarbeit der Tagebaue auch in Zukunft nicht erreichbar sein. Hemmend für die maximale Auslastung der Arbeitszeit wirken sich die langen Wegstrecken bei den zu Entwässerungsarbeiten eingesetzten Arbeitern aus.

IV. Vorbereitung in den BKW für das Winterhalbjahr 1961/62 – Mängel in der systematischen Winterbevorratung an freigelegter Kohle

Nach vorliegenden unvollkommenen Hinweisen wird die Vorbereitung für die Winterperiode 1961/62 als befriedigend bezeichnet.

In den Abbauzentren der Braunkohle ist der Zustand im Vorlauf an freigelegter Kohle jedoch unterschiedlich. Als operativer Schwerpunkt der gesamten Braunkohlenindustrie ist demnach das Bornaer Revier anzusehen, da hier erhebliche Rückstände in der Kohlefreilegung zu verzeichnen sind. So muss z. B. im Tagebau Großzössen der derzeitig freigelegte Kohlevorrat angegriffen werden, um die umliegenden Brikettfabriken planmäßig mit Rohbraunkohle versorgen zu können.13 In diesem Revier hemmen Terminverzögerungen in der Montage von Großgeräten (Tagebau Borna-Ost) die laufende Kohleversorgung (BKW Thräna) sowie geologische und hydrologische Schwierigkeiten die Schaffung des erforderlichen Vorlaufes.

Als operativer Schwerpunkt im Verantwortungsbereich der VVB Braunkohle Halle ist das BKW »Einheit« anzusehen. In den drei Tagebauen dieses BKW hat die Abraumbewegung einen so geringen Vorlauf gegenüber der Kohle, dass eine ernsthafte Gefährdung der Winterversorgung mit festen Brennstoffen für die Schwerchemie, Kraftwerke und den Bevölkerungsbedarf besteht.

Im Verantwortungsbereich der VVB Braunkohle Cottbus ergeben sich insofern keine unmittelbaren Schwerpunkte, da der Tagebau Koschen des BKW Senftenberg als Puffertagebau ca. 3,2 Mio. t Rohkohle freigelegt hat, was einem Vorlauf von 6½ Monaten entspricht. Der freigelegte Kohlevorrat ist als operative Reserve für das Cottbuser Revier vorgesehen. Erhebliche Schwierigkeiten bei der Schaffung eines entsprechenden Vorlaufes bestehen im Tagebau Klettwitz des BKK Lauchhammer durch Mängel im Zugfahrspiel des Vorschuttes, das eine Kohlefreilegung von zehn bis zwölf Tagen bisher gewährleistete.

Die Planwerte, ca. sechs Monate Vorlauf im Durchschnitt für alle Braunkohlentagebaue zu erreichen, dürfte nach Einschätzung des vorliegenden Zahlenmaterials im Republikmaßstab nicht gewährleistet sein.

Ein weiterer Schwerpunkt hinsichtlich der Winterperiode 1961/62 bildet die Überholung der Gleisanlagen. Im Allgemeinen ist der Zustand der Gleisanlagen als schlecht zu bezeichnen. Die Mängel in der Kleinmechanisierung der Gleisunterhaltungsarbeiten wirken sich hindernd bei der Schaffung eines ausreichenden Vorlaufes aus.

V. Zu einigen Problemen der Planerfüllung

Besonders im Verantwortungsbereich der VVB Braunkohle Halle sind erhebliche Rückstände in der Abraumbewegung eingetreten. Insgesamt sind hier die Förderleistungen im Vergleich zum Vorjahr während des 1. Halbjahres 1961 zurückgegangen. In keinem der Braunkohlenwerke wurden die Vorjahresleistungen in der Abraumbewegung erreicht. Allein auf die BKW »Gustav Sobottka«, »Einheit« und »Erich Weinert« entfallen ca. 90 % der im I. Halbjahr eingetretenen Planrückstände.

Im Verantwortungsbereich der VVB Halle zeigt sich gegenwärtig die widersprüchliche Tendenz, dass Abraumbetriebe mit der höchsten prozentualen Planerfüllung die niedrigsten zeitlichen Auslastungskoeffizienten für Großgeräte aufweisen.

BKW

Planerfüllung

Auslastung Bagger

[Auslastung] Absetzer

Geiseltal-Mitte I

137,2 %

25 %

29,4 %

Königsaue

124,0 %

30 %

19,4 %

»Einheit«

78,4 %

60 %

50,0 %

Es sind innerhalb der Planteile Disproportionen im Verhältnis zur Planerfüllung enthalten. Z. B. erfüllt das BKW Geiseltal-Mitte seinen Planteil Abbau mit 137 %, lastete seine Großgeräte jedoch durchschnittlich mit etwa 25 bzw. 29 % aus, zahlte jedoch außerplanmäßige Löhne und Gehälter in Form von erhöhten Mehrleistungs- und Monatsauftragsprämien. Ähnlich verhält es sich mit dem Abraumbetrieb des BKW Königsaue14, in welchem ca. 36 TDM außerplanmäßige Löhne gezahlt wurden.

Nach Auffassung des MfS wäre es unbedingt erforderlich, fachlich geeignete Gremien zur Überprüfung der Leitungs- und Planungsmethoden in der VVB Halle einzusetzen und arbeiten zu lassen, um maximale Produktionsreserven sichtbar zu machen und die Lage in der Rohkohleversorgung in diesem Gebiet zu verändern.

Außerdem wäre es erforderlich, über die zuständigen staatlichen Organe verstärkt Einfluss auf die Lohnpolitik in der Braunkohlenindustrie zu nehmen.

Im Verantwortungsbereich der VVB Braunkohle Halle verlief die Entwicklung der Relation Arbeitsproduktivität: Durchschnittslohn im I. Halbjahr 1961 entgegen den staatlichen Direktiven. Bei einer Erfüllung der Arbeitsproduktivität pro Arbeitskraft mit 98,8 % wurde der bereitgestellte Lohnfonds mit 104 % in Anspruch genommen.

Gegenüber dem I. Halbjahr 1960 ging die Arbeitsproduktivität um 3,3 % zurück, der Durchschnittslohn stieg demgegenüber um 2,8 %. Offensichtlich wurden von der Leitung der VVB Braunkohle Halle diese Entwicklungstendenzen nicht zum Gegenstand prinzipieller Auseinandersetzungen mit den Werkleitungen der BKW genommen.

Mielke [Unterschrift]

  1. Zum nächsten Dokument Proteste von Schülern der Scholl-Schule (Anklam)
    12. Oktober 1961
    Einzel-Information Nr. 638/61 über die provokatorischen Vorkommnisse an der »Geschwister-Scholl-Oberschule« in Anklam/Neubrandenburg
  2. Zum vorherigen Dokument Zerstörung von Grenzsicherungsanlagen bei Groß-Ziehten
    10. Oktober 1961
    Einzel-Information Nr. 631/61 über eine schwere Grenzprovokation am 5.10.1961 an der Staatsgrenze DDR/Westberlin und über die Festnahme von zwei Provokateuren am 8.10.1961