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Massengräber von Kriegsgefangenen in Schwerin (1)

15. Februar 1961
Bericht Nr. 75/61 über das Auffinden von Massengräbern mit sowjetischen und anderen Kriegsgefangenen in der Nähe von Schwerin

Dem MfS wurde am 25.1.1961 durch den Bürger [Name 1], wohnhaft in Schwerin, [Straße, Nr.], bekannt, dass sich in der Nähe von Schwerin ein Massengrab von ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen aus der faschistischen Zeit befinden soll. [Name 1] gab an, dass er in den Jahren 1941/42 beim Tannengrün-Schneiden in den Forstrevieren Neu Zippendorf und Haselholz mehrmals beobachtet hatte, wie Angehörige der faschistischen Wehrmacht mehrere Leichen, die mit einem Pferdefuhrwerk antransportiert wurden und in Krepppapier und Papiersäcke eingerollt waren, in Massengräbern verscharrten.1

Bei der Überprüfung dieser Angaben durch das MfS wurde festgestellt, dass dieser [Name 1] bereits vor sieben bis acht Jahren der Volkspolizei Mitteilung über diese Angelegenheit gegeben hat. Im September 1960 gab er diesen Hinweis an den Sekretär des Bezirksvorstandes der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft Schwerin, Genosse Bühring, der seinerseits den Sekretär der Parteiorganisation der Schweriner Volkszeitung verständigte, in der Annahme, dass von dort aus weitere Maßnahmen zur Aufklärung eingeleitet würden. Von beiden Stellen, VP und Schweriner Volkszeitung, sind jedoch keine nachweisbaren Schritte in die Wege geleitet worden.

Die aufgrund der Angaben von [Name 1] eingeleiteten Untersuchungen des MfS ergaben, dass sich das bezeichnete Massengrab am Stadtrand von Schwerin, unmittelbar am Verbindungsweg zwischen der Hauptverkehrsstraße Schwerin–Crivitz und dem Ortsteil Schwerin-Neu Zippendorf in Verlängerung der Gemeinde Plate befindet. Der Plater Weg biegt von der Hauptverkehrsstraße Schwerin–Crivitz 1,3 Kilometer hinter der Hauptverkehrsstraßen Schwerin–Crivitz/Schwerin–Ludwigslust rechts ab. Von der Hauptverkehrsstraße Schwerin–Crivitz gesehen befindet sich das Massengrab 500 Meter weiter in einem dichten Unterholz. Es ist zu vermuten, dass dieser Laubwald in den letzten Kriegsjahren oder unmittelbar nach Kriegsende angelegt wurde, eventuell mit dem Ziel, Spuren des Massengrabes zu verwischen.

Nach Angaben verschiedener befragter Personen soll sich das Massengrab in drei bis vier Gruben unterteilen, wovon jede 70 Meter lang ist. Die Gesamtzahl der in diesen Gräbern verscharrten Leichen wird mit 400 bis über 500 angegeben. Neben diesen Massengräbern sollen sich weitere ca. 200 Einzelgräber befinden. Die Leichen wurden in unbekleidetem Zustand und wie erwähnt nur in Papier eingerollt, in ca. 1,80 m Tiefe in mehreren Schichten übereinander verscharrt. Mehrfach soll in den Gruben Chlorkalk auf die Leichen gestreut worden sein, was bei den derzeitigen Ausgrabungen auch durch die schwarze Färbung der Skeletteile nachgewiesen wird.

Die Einzelgräber sollen in fünf Reihen angeordnet gewesen sein, wobei sich in jeder Reihe zwölf Grabstätten befanden. Einzelne befragte Bürger wollen sich erinnern, dass die Einzelgräber bis Kriegsende mit Schildern versehen waren, an denen Nummern oder Namen in fremdländischer Schrift zu lesen waren.

Bei den in den Massengräbern verscharrten Personen soll es sich vorwiegend um sowjetische Kriegsgefangene gehandelt haben, bei den in den Einzelgräbern Begrabenen vor allem um Franzosen, Polen und Serben. Ausgrabungen an der von [Name 1] bezeichneten Stelle ergaben bisher ca. 30 Skelettfunde. Die Untersuchung in dieser Hinsicht ist jedoch noch nicht abgeschlossen.

Die Ausgrabungen werden durch Pathologen des Gerichtsmedizinischen Instituts Rostock durchgeführt. Dabei wurde festgestellt, dass eine Reihe dieser Skelette Durchschüsse aufweisen, also offensichtlich auch Erschießungen stattfanden.

Weitere Ermittlungen ergaben, dass die in dieser Grabstelle verscharrten Toten aus den beiden Kriegsgefangenenlagern stammen, die während des Krieges in der Nähe der Grabstätten stationiert waren.

Es handelt sich dabei um:

  • 1.

    das Kriegsgefangenenlager Plater Weg, genannt »Pulverschuppen« oder »Stalag II E« (bedeutet Stammlager oder Staatliches Lager II E),2 und

  • 2.

    das Kriegsgefangenenlager Stern-Buchholz.

Das Kriegsgefangenenlager Schwerin/Plater Weg wurde etwa 1940/41 auf dem ehemaligen Gelände des sog. »Pulverschuppens«, 1,4 km entfernt der Kreuzung Schwerin–Crivitz/Schwerin–Ludwigslust als Nebenlager von Neubrandenburg errichtet. Es hatte anfangs die Größe von ca. 2 500 m² und diente der Unterbringung französischer Gefangener, wurde jedoch nach Beginn des faschistischen Überfalls auf die Sowjetunion erweitert und in zwei Teillager unterteilt. Im zweiten Teillager befanden sich ausschließlich sowjetische Kriegsgefangene in einer durchschnittlichen Belegschaftsstärke von 300 bis 400 Gefangenen. Da die Belegung vermutlich mehrmals wechselte, dürfte die Gesamtzahl mehrere tausend Kriegsgefangene betragen, die im Laufe der Kriegsjahre in diesem Lager untergebracht waren.

In diesem Lager sollen neben den allgemeinen Unterkünften, die in einem schlechten Zustand und halb zerfallen waren, ein Lazarett mit einem französischen Arzt, Werkstätten, eine Küche, die auch die Versorgung des Lagers Stern-Buchholz durchführte, und ein Lebensmitteldepot bestanden haben. In den Werkstätten waren Gefangene eingesetzt, die für die Instandhaltung der Einrichtungen verantwortlich waren.

Bei den Ermittlungen wurde festgestellt, dass die Behandlung der Gefangenen in den beiden Teillagern des »Stalag II E« entsprechend der Nationalitäten unterschiedlich war. Die französischen und serbischen Gefangenen sollen ausreichend verpflegt worden sein und sollen sich auch in einem besseren körperlichen und gesundheitlichen Zustand befunden haben. Darüber hinaus erhielten sie unbewachten Stadtausgang. Die sowjetischen Gefangenen wurden jedoch von Wachpersonal und von Angehörigen der Lagerleitung mehrfach misshandelt und litten unter Unterernährung. Teilweise ernährten sie sich von Gras und rohen Pilzen.

Besonders der im »Stalag II E« verantwortliche Feldwebel Schossow, über den nur bekannt ist, dass er nach Kriegsschluss von den Gefangenen selbst zur Verantwortung gezogen wurde, soll durch grausame Behandlungsmethoden aufgefallen sein. Schossow war seit dem Aufbau des Lagers im Jahre 1940/41 bis Kriegsschluss dort tätig und avancierte vom Unteroffizier zum Feldwebel. Die Gefangenen wurden von ihm mit Gummiknüppeln und anderen Gegenständen geschlagen bis sie am Boden lagen und danach mit den Füßen getreten. Im Lager befindliche Juden wurden von Schossow, der ständig den Gummiknüppel bei sich trug, mit Gewalt zur Vernehmung zur damaligen »Adolf-Hitler-Kaserne« geschleppt. Zu den Misshandlungen der Gefangenen wurde Schossow häufig von Hauptmann Pessier (Lagerkommandant) aufgefordert.

Täglich starben in diesem Lager hauptsächlich sowjetische Kriegsgefangene an Hunger und den unmenschlichen Behandlungsmethoden und wurden neben dem Lager – im jetzt aufgefundenen Massengrab – verscharrt.

Außer dem Lager Schwerin/Plater Weg gab es in Stern-Buchholz auf dem Gelände des heutigen Objektes der Nationalen Volksarmee ein weiteres Kriegsgefangenenlager, das als Nebenlager vom »Stalag II E« bezeichnet wird.

Beide Lager unterstanden nur einem Kommando, das seinen Sitz in Neustrelitz hatte.

Das Kriegsgefangenenlager Stern-Buchholz war wiederum nach den einzelnen Nationalitäten in verschiedene Teillager unterteilt. Auch hier sollen wie im »Stalag II E« die Mehrzahl der Gefangenen sowjetische Bürger gewesen sein, die brutaler als die polnischen und französischen behandelt wurden und ständigen Misshandlungen ausgesetzt waren. Außerdem war dort eine Strafkompanie deutscher Wehrmachtsangehöriger untergebracht.

Das Lager umfasste mehrere Baracken sowie ein massives Gebäude für das Wachkommando und die Arrestzellen.

Ein Teil der Kriegsgefangenen wurde bei einem Bauvorhaben der ehemaligen faschistischen Wehrmacht in der Nähe des Lagers beschäftigt. Das Bauobjekt – eine Munitionsfabrik – wurde bis Kriegsende nicht fertiggestellt, wurde aber noch als Munitionslager verwandt.

In diesem Lager sollen in kurzer Zeit über 300 kriegsgefangene Sowjetbürger verhungert und an Flecktyphus, Wassersucht und anderen Krankheiten verstorben sein. Andere Gefangene sind während der Arbeit infolge Schwäche tot umgefallen. Die verstorbenen Kriegsgefangenen wurden jeweils am Morgen mit einem Pferdefuhrwerk aus dem Lager transportiert und in den bezeichneten Massengräbern verscharrt. Vorher wurde ihnen die Kleidung ausgezogen.

Bei den beiden Kriegsgefangenenlagern soll es sich, wie erwähnt, um Nebenlager von Neubrandenburg handeln, die unter dem einheitlichen Kommando, Sitz Neustrelitz, standen.

Der Kommandierende aller Kriegsgefangenenlager im Raum Schwerin soll ein gewisser Oberst von Bülow gewesen sein.

Leiter des Lagers »Stalag II E« war der Hauptmann der ehemaligen faschistischen Wehrmacht Pessier, damaliges Alter ca. 55 Jahre. Leiter der Bewachungsmannschaften waren der Hauptmann der faschistischen Wehrmacht Glöde und Hauptmann der faschistischen Wehrmacht Seestädt, die für die Außenbewachung zuständig waren.

Das Lager Stern-Buchholz wurde in den ersten Jahren seines Bestehens von dem Hauptmann der ehemaligen faschistischen Wehrmacht Seidel – jetzt in Westberlin wohnhaft – und in den letzten Jahren vor Kriegsende von dem Hauptmann Wisian geleitet. Als Sicherheitsoffizier fungierte dort ein gewisser Hauptmann Heidtmann. Der Leiter des Wachkommandos – genannt »Schwarze Wache« – im Lager Stern-Buchholz war ein gewisser Tempke. Ermittlungen ergaben, dass dieses Lager von Angehörigen der ehemaligen faschistischen Wehrmacht älterer Jahrgänge, vermutlich Landesschützen, bewacht wurde und zwar in einer Stärke von ca. 40 Mann, die aus den umliegenden Ortschaften stammten. (Zum Teil sind sie heute noch dort wohnhaft.)

Wie angeführt, wurde ein Teil der im Lager Stern-Buchholz stationierten Gefangenen zu Bauarbeiten eingesetzt. Als Kommandoleiter und Kompaniechef des Baubataillons war in diesem Lager ein gewisser Hauptmann der ehemaligen faschistischen Wehrmacht Müller sowie ein Hauptmannfeldwebel Bartz tätig. Das Baubataillon trug die Bezeichnung »Bau- und Arbeitsbataillon Neubrandenburg«. Bataillonskommandeur war ein gewisser Major Bläschen.

Durch das MfS wurden die erforderlichen Maßnahmen zur Untersuchung der Zusammenhänge, die zu dem Mord an den Kriegsgefangenen führten, und zum Auffinden der Schuldigen eingeleitet.

Die von unserer Dienststelle erarbeiteten Ermittlungsergebnisse wurden der Bezirksleitung der Partei Schwerin unterbreitet. Von der Bezirksleitung wurde daraufhin eine Kommission zur Vorbereitung von Maßnahmen zur Popularisierung der Verbrechen der Faschisten gebildet. Durch diese Kommission wird eine Pressekonferenz und Tatortbesichtigung vorbereitet, die nach Absprache mit Mitarbeitern des Presseamtes beim Ministerpräsidenten am 24. oder 27.2.1961 in Schwerin stattfinden soll.

Zur Gewährleistung einer richtigen Auswertung müsste jedoch angewiesen werden, in welcher Form die vorgesehene Pressekonferenz durchgeführt werden und die Propagierung der bisher vorliegenden Ausgrabungs- und Untersuchungsergebnisse erfolgen soll.

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    16. Februar 1961
    Bericht Nr. 77/61 über einige Probleme der Arbeit mit der jungen Intelligenz
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    10. Februar 1961
    Bericht Nr. 62/61 über die feindliche Tätigkeit der westlichen Militärverbindungsmissionen (MVM) im Gebiet der DDR