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Sicherheitslage im Bezirk Karl-Marx-Stadt

28. September 1961
Bericht Nr. 599/61 über die im Zusammenhang mit den Schutzmaßnahmen aufgetretenen politisch-operativen Schwerpunkte im Bezirk Karl-Marx-Stadt

I. Territoriale und objektmäßige Schwerpunkte

Als Schwerpunkte treten im Bezirk folgende Kreise in Erscheinung:

Karl-Marx-Stadt

  • durch Erscheinungen der Feindtätigkeit in Form verstärkter und schriftlicher Hetze und staatsgefährdender Propaganda gegen die Maßnahmen vom 13.8.1961, Partei, Regierung und leitende Funktionäre.

    Die VEB 1. Maschinenfabrik, Karl-Marx-Stadt, VEB Elite-Diamant bilden die Schwerpunkte.

    Im VEB Elite Diamant gibt es weitere Anzeichen

    • der Gruppierung negativer Personen mit revisionistischen Auffassungen sowie der Ablehnung der Maßnahmen von Partei und Regierung,

    • der Versuch die Steigerung der Arbeitsproduktivität zu drosseln,

  • im Versenden von Drohbriefen an Funktionäre von Partei und Staatsapparat und dem Verteilen von Hetzblättern,

  • dem Abreißen und Beschmieren von Fahnen und Plakaten,

  • der Konzentration, besonders negativ angefallener Personengruppen (ehem. Umsiedler) im RAW »Wilhelm Pieck« Karl-Marx-Stadt,

  • dem Vorhandensein von Konzentrationen feindlicher, krimineller und deklassierter Elemente in Halbstaatlichen- und Privatbetrieben, die auch zu den Maßnahmen vom 13.8.1961 eine schwankende und z. T. ablehnende Haltung einnehmen,

  • als politisches, kulturelles und ökonomisches Zentrum des Bezirkes und die damit bedingte Konzentration staatlicher und kultureller Institutionen sowie einer großen Anzahl Industriebetriebe des sozialistischen und privaten Sektors und die damit in Zusammenhang stehende Konzentration von Angehörigen der Intelligenz und der Mittelschichten, die sich zu den Maßnahmen vom 13.8.1961 zurückhaltend, negierend und teilweise negativ verhielten.

Zwickau

  • durch verstärkte Feindtätigkeit in Form der schriftlichen Hetze und staatsgefährdender Propaganda, besonders im VEB Sachsenring, Zwickau. In diesem Betrieb sind Konzentrationen negativer Personen vorhanden.

    Außerdem gibt es Mängel in den Maßnahmen zur Störfreimachung und in der Planerfüllung.

  • die Verteilung von Hetzflugblättern und das Versenden von Drohbriefen und Abreißen von Fahnen und Plakaten,

  • durch das Vorhandensein bekannter opportunistischer und revisionistischer Gruppierungen, vor allem in Wilkau-Haßlau, und die damit verbundene ideologische Beeinflussung,

  • der Konzentration verstärkt negativ in Erscheinung getretener Umsiedler im RAW »7. Oktober«,

  • durch die Tätigkeit einer bekannten und zum Teil liquidierten konterrevolutionären Gruppe des »Waldheimer Kreises«,

  • dem Vorhandensein einer Reihe Großbetriebe des Bergbaues, Maschinenbaues und der Leichtindustrie und die damit zu lösenden ökonomischen Aufgaben.

Plauen/i. V.

  • durch starke Konzentration von 400 faschistischen Polizisten, 300 faschistischen Offizieren, 40 Gestapoleuten. Zwei Personen aus dieser Konzentration wurden wegen aktiver Hetze inhaftiert.

  • das Vorhandensein der Staatsgrenze West, der verstärkten Versuche, diese in Richtung WD illegal zu überschreiten und dem Übergangsbahnhof DDR/WD in Gutenfürst,

  • starkes Auftreten der ideologischen Diversion unter allen Bevölkerungskreisen in Form negativer und zum Teil negierender Äußerungen gegenüber den Maßnahmen von Partei und Regierung, bedingt durch die große Anzahl vorhandener Privatbetriebe, Handwerker und Gewerbetreibende.

Oelsnitz

  • durch die territoriale Lage an der Staatsgrenze nach WD und der ČSSR mit dem Übergangsbahnhof DDR/ČSSR in Bad-Brambach,

  • das verstärkte Auftreten versuchter illegaler Grenzübertritte nach WD,

  • ein starkes Wirken der ideologischen Diversion, was vor allem in Aufweichungs- und Zersetzungserscheinungen innerhalb des Partei- und Staatsapparates, in Form des liberalen Verhaltens gegenüber den Parteibeschlüssen zum Ausdruck kommt.

Werdau

  • durch das Vorhandensein opportunistischer und revisionistischer Gruppierungen, vor allem in Crimmitschau,

  • verstärkte Feindtätigkeit in Form des Schmierens von Hetzlosungen und mündlicher Hetze gegen Partei und Regierung mit dem Schwerpunkt VEB »Ernst-Grube« in Werdau.

    Dieser Betrieb tritt weiter durch:

    • eine Konzentration negativer Elemente, vor allem innerhalb der mittleren leitenden Kader,

    • Erscheinungen der »Arbeite langsam Bewegung«

    • und eine Nichterfüllung der Planaufgaben negativ in Erscheinung.

  • In den halbstaatlichen- und privaten Betrieben bestehen Konzentrationen negativer aus der VE-Industrie entlassener Personen.

Schwerpunktobjekte der Feindtätigkeit und anderer negativer Erscheinungen sind außer den bereits genannten die Bezirksbau-Union mit ihren Baustellen durch:

  • Konzentrationen negativer, krimineller und deklassierter Elemente, die zum Teil mittlere leitende Funktionen innehaben,

  • negative und hetzerische Äußerungen im breiten Maße vor allem gegen die Maßnahmen vom 13.8.1961 sowie Partei und Regierung,

  • provokatorisches Auftreten der jungen Arbeiter bis 25 Jahre und Ablehnen der Eintritte in die NVA,

  • Nichterfüllen der Planaufgaben, wobei die Ursachen zum Teil in einer ungenügenden Leitungstätigkeit, auch übergeordneter Organe, z. B. der VVB Baustoffe, zu suchen sind.

    Der Rückstand im Bauwesen beträgt zurzeit 20,2 Mio. DM.

Die Steinkohlenwerke in Oelsnitz/Kreis Stollberg durch:

  • verstärkte Feindtätigkeit in Form des Schmierens von Losungen und der Hetze,

  • eine Konzentration negativer Personengruppen, wie Rückkehrer, Zuzüge und vorbestrafter Personen.

In ökonomischer Hinsicht stellen die

  • VVB Werkzeugmaschinenbau am 31.8.1961 Planerfüllung 91,4 % und einem Export-Plan-Rückstand von 19 Mio. DM,

  • VVB Textilmaschinenbau am 20.8.1961 Planerfüllung 89,6 % und die

  • VVB Automobilbau am 31.8.1961 Planerfüllung 83 %, Exportplan 89 %

mit den ihnen untergeordneten Betrieben Schwerpunkte dar.

Es zeigen sich allgemein folgende Mängel:

  • in der Leitungstätigkeit der verantwortlichen Leitungen,

  • [in] der Einleitung und Realisierung von Maßnahmen zur Störfreimachung und einer damit verbundenen Anleitung der Betriebe,

  • in der bürokratischen Durchsetzung der Beschlüsse von Partei und Regierung und teilweise liberales Verhalten gegenüber auftretenden Schwierigkeiten, was seine Ursache u. a. in der Konzentration von Angehörigen der technischen Intelligenz mit zum Teil negativen Merkmalen hat.

II. Bezirksmäßige Probleme, die als Schwerpunkte in Erscheinung treten

In der Industrie des Bezirkes treten folgende Probleme besonders hervor:

  • Die Steigerung der Arbeitsproduktivität steht nicht im Verhältnis zum Steigen des Durchschnittslohnes, was in einer durchschnittlichen Normerfüllung von 180 % zum Ausdruck kommt. In den Betrieben des Maschinenbaus liegt dieselbe noch höher.

  • In Fragen der Störfreimachung werden die zu Papier gebrachten Maßnahmen nicht zielstrebig realisiert, und es zeigen sich Tendenzen des Selbstlaufes.

    Von insgesamt 3 910 Industriebetrieben des sozialistischen und privaten Sektors sind noch 1 705 von WD und 501 Betriebe von anderen Nato-Ländern abhängig.

  • Als Hauptmangel tritt eine Zersplitterung der Kräfte und Handwerkelei in dieser Frage in Erscheinung. Es fehlt eine straffe Leitungstätigkeit und Koordinierung aller Kräfte, seitens der VVB und des Wirtschaftsrates.

    Schwerpunkte sind dabei die

    • VVB EBM, wo ein Bedarf von 9 Mio. Nähmaschinennadeln und 10 Mio. Strickmaschinennadeln,

    • VVB Automobilbau, wo ein Bedarf von 36 000 t Tiefziehblechen und 26 000 t nahtlosen Rohren

      bisher nicht gedeckt werden konnte.

  • Die halbstaatlichen und privaten Betriebe des Bezirkes stellen Zentren der Konzentration von Personen mit negativen Merkmalen dar.

    Die Belegschaften unterliegen zu einem großen Teil den negativen und teilweise feindlichen Einflüssen der privaten Kommissionäre und Unternehmer.

In der Landwirtschaft des Bezirkes zeigen sich folgende Schwächen:

  • Trotz Erfüllung des Marktaufkommens per 31.8.1961 in allen Produkten bestehen noch Produktionsreserven für eine höhere Erfüllung, die aufgedeckt und genutzt werden müssen.

  • Die sozialistische Umgestaltung der Landwirtschaft konnte trotz verstärkten Einsatzes des Partei- und Staatsapparates nicht restlos abgeschlossen werden.

    In den bisherigen Schwerpunkten Hainichen, Rochlitz und Oelsnitz wurden gute Erfolge erreicht, trotzdem sind noch 900 Wirtschaften meist der Größenklasse 1 bis 3 ha vorhanden, die sich noch keiner LPG angeschlossen haben.

  • Unordnung, Schlamperei und Disziplinlosigkeit sind in den meisten LPG immer noch Ursachen der Viehverendungen.

  • Dieselben zeigen zzt. eine gleichbleibende Tendenz, obwohl Reserven zur Verringerung vorhanden sind. Der Kreis Hainichen liegt in Tierverlusten an der Spitze.

Allgemeine Probleme des Bezirkes zeigen sich bei der Jugend

  • in Form der Ablehnung des Eintritts in die NVA durch die Mehrheit der Jugendlichen bis 25 Jahre und auch in der Ablehnung der Zustimmung durch die Mehrheit der Mädchen und Frauen.1

    Es zeigen sich pazifistische Tendenzen, indem die Erfüllung der ökonomischen Aufgaben anerkannt und durchgeführt, die der Erhöhung der Verteidigungsbereitschaft jedoch zum großen Teil abgelehnt oder bagatellisiert wird.

  • Im Bestehen von ca. 40 Gruppierungen Jugendlicher in fast allen Kreisen, die mehr oder weniger negativ (Randalieren, Schlägereien) und zum Teil feindlich (in Burgstedt: Bewerfen von Angehörigen der Roten Armee mit Steinen) aufgetreten sind.

  • [In] der einseitigen und nicht alle Jugendlichen erfassenden ideologischen Erziehung durch den Bezirksverband der FDJ, was in der Erfüllung des Kampfauftrages zum Ausdruck kommt.

  • Im Bestehen starker Gruppen der »Jungen Gemeinde«, die insgesamt ca. 13 000 Jugendliche umfassen. Von dieser geht ebenfalls eine starke pazifistische und zum Teil negative Beeinflussung der Jugendlichen aus.

Bei der evangelischen Kirche

  • in der offenen Ablehnung der Maßnahmen vom 13.8.1961 und einer damit verbundenen, z. T. mit hetzerischem Inhalt versehen, Kanzelabkündigung durch die evangelische Kirche,

  • in Form des Boykotts der Wahlen vom 17.9.1961 durch alle Superintendenten und ⅔ aller Pfarrer, indem diese nicht vom Wahlrecht Gebrauch machten und z. T. Gläubige durch entsprechende Predigten ebenfalls abzuhalten versuchten.

Bei den Blockparteien

  • im Zurückweichen vor Auseinandersetzungen in den Ortsgruppen, einer politischen Inaktivität derselben, was in der Ablehnung der Benennung von Kandidaten für die Wahl am 17.9. besonders zum Ausdruck kam.

    Die Beschlüsse dieser Parteien werden in den untersten Einheiten durch den Widerstand von negativen Kräften zum Teil nicht durchgesetzt.

In der Versorgung der Bevölkerung

  • treten zeitweilig Schwierigkeiten bei der Belieferung von Kartoffeln auf.

    Es wird mit einem Defizit im Aufkommen von 25 000 bis 30 000 t Kartoffeln gerechnet.

III. Politisch-ideologische Schwerpunkte

Innerhalb der Arbeiterklasse wurden vor allem von Personen mit negativen Merkmalen sowie Rückkehrern und Erstzuziehenden negative Diskussionen gegen die Maßnahmen zum Schutze der DDR geführt. Besonders konzentrieren sich diese Diskussionen auf die Betriebe des Bauwesens sowie die halbstaatlichen und privaten Betriebe.

Bei der Landbevölkerung wurden hauptsächlich von Genossenschaftsbauern des Types I Meinungen dahingehend laut, dass man noch auf eine Restaurierung der kapitalistischen Verhältnisse wie in WD hofft.

Unter der Schicht der Intelligenz zeigten sich bei den Angehörigen der wissenschaftlichen Intelligenz Unklarheiten und eine ablehnende Haltung der durchgeführten Maßnahmen vom 13.8.1961. Es gab viele Diskussionen, in denen eine Einschränkung der persönlichen Freiheit durch die Unmöglichkeit des Besuches von Verwandten und wissenschaftlichen Tagungen in WD zum Ausdruck gebracht wurde.

Die Mehrheit der medizinischen Intelligenz verhält sich abwartend zu den durchgeführten Maßnahmen. Es herrscht die Meinung vor, dass jetzt ähnlich wie in den Volksdemokratien eine Kürzung der Gehälter und der Leistungen der SVK durchgeführt wird.

Weitere Argumente, die von den vorgenannten Angehörigen der Intelligenz vorgebracht wurden, waren:

  • sich erst zu orientieren, ob die Maßnahmen überhaupt mit dem Völkerrecht vereinbar sind und

  • dass die Maßnahmen zur Verschärfung der politischen Situation und damit evtl. zu einem Krieg führen.

Einen besonderen politisch-ideologischen Schwerpunkt im Bezirk bilden die jungen Menschen im Alter bis zu 25 Jahren. Die Mehrheit lehnt den im Kampfauftrag der FDJ verankerten Punkt des Eintrittes in die NVA ab.

Es gibt starke Gruppierungen von jungen Bürgern, die den Weisungen der westlichen Rundfunk- und Fernsehsender folgen und eine direkte pazifistische und ablehnende Haltung beziehen.

Dies findet seinen Ausdruck in Argumenten wie

  • sich nicht freiwillig zum Eintritt in die NVA oder andere Sicherungskräfte zu melden,

  • kein Gewehr in die Hand zu nehmen und

  • die Erfüllung der ökonomischen Aufgaben stellt auch eine Sicherung und Stärkung der DDR dar.

Unter den Mittelschichten ist eine abwartende Haltung zu verzeichnen. In Gesprächen wird zum Ausdruck gebracht, bei Äußerungen von Meinungen vorsichtig zu sein. Es gibt in diesen Kreisen starke Befürchtungen, dass jetzt ein verstärkter Druck hinsichtlich der Bildung von Produktionsgenossenschaften ausgeübt wird. Allgemein wird in diesen Kreisen zum Ausdruck gebracht, dass eine Vertiefung der Spaltung Deutschlands eingetreten sei und ein Besuch von Verwandten in WD nicht mehr möglich sein wird.

Der starke Einfluss der ideologischen Diversion zeigte sich im Bezirk Karl-Marx-Stadt nach Verbreiten des Gerüchtes, dass ein Geldumtausch bevorstünde, in einem verstärkten Aufkauf von Grundnahrungsmitteln und hochwertigen Industriewaren, sowie erhöhten Einzahlungen von Bargeld auf Sparkonten und Neuanlage von solchen. Besonders traten dabei Angehörige der Intelligenz, der Mittelschichten sowie Genossenschaftsbauern in Erscheinung.

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