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Sicherheitslage im Bezirk Neubrandenburg

29. September 1961
Bericht Nr. 604/61 über die im Zusammenhang mit den Schutzmaßnahmen der Regierung der DDR aufgetretenen politisch-operativen Schwerpunkte im Bezirk Neubrandenburg

I. Territoriale und objektmäßige Schwerpunkte

Im Kreis Ueckermünde

  • wurden 13 Personen wegen Hetze gegen die Partei und Regierung sowie Mordhetze festgenommen.

  • In einigen LPG Typ I gab es Erscheinungen der Zersetzung der genossenschaftlichen Arbeit (LPG Vogelsang, Hammer und Liepe).

  • starke Ablehnung zum Dienst in der NVA (besonders im VEB Kraftverkehr Torgelow),

  • verstärktes Auftreten negativer Personen und Diskussionen in PGH (u. a. PGH »Drei Schilde«, Eggesin, PGH Wohnkultur, Torgelow, PGH »Vereinte Kraft«, Leopoldshagen, PGH »Greifzu«, Ueckermünde),

  • starke negative Diskussionen unter der Jugend durch Einfluss von Westsendern (Rowdytum, war schon vor dem 13.8.1961 ein Schwerpunkt),

  • große Planrückstände im Wohnungsbauprogramm und in der industriellen Brutto-Produktion.

Objektmäßige Schwerpunkte zeigten sich in

Tuchfabrik Malchow/Waren

besonders in der Abteilung Weberei gab es starke negative Diskussionen. Der Betrieb war schon in der Vergangenheit ein besonderer Schwerpunkt.

Kies- und Beton-Werk Milmersdorf/Templin

Schwerpunkt der mündlichen und der schriftlichen Hetze, schlechte Arbeitsbedingungen und mangelhafte Planerfüllung.

VEB Kraftverkehr Anklam, VEB Kraftverkehr Ueckermünde

Schwerpunkt negativer Diskussionen und starke Ablehnung zum Dienst in der NVA.

Bau-Union Neubrandenburg

starke Konzentration negativer Diskussionen auf vielen Baustellen. Ungenügende Planerfüllung. Der Leiter, Rupp, plant »im großen Stil« und spricht mehreren Städten u. a. Ueckermünde jegliche Perspektive ab. Dadurch besteht eine gewisse Unruhe unter der Bevölkerung, und es werden in diesen Städten nur in geringem Maße Werterhaltungsarbeiten durchgeführt.

Großbäckerei Pasewalk

starke Konzentration negativer Diskussionen.

Eisenwerk Waren

besonders in der mechanischen Abteilung starke Ablehnung der Regierungsmaßnahmen. Bei einem großen Teil der Arbeiter bestehen starke Unklarheiten in politischen Fragen.

Reichsbahn

  • Besonders im BW Neustrelitz und Bahnhof Neubrandenburg gibt es Anzeichen des Sozialdemokratismus und Aufweicherscheinungen (Ablehnung Truppentransporte zu fahren).

  • Bei den Reichsbahnbaubetrieben gab es ebenfalls starke negative Diskussionen, besonders auf der Baustelle Kratzeburg.

Auf dem Lande stellten sich folgende LPG und MTS-Bereiche durch Hetze, konzentrierte negative und feindliche Diskussionen, durch Verbreitung von RIAS-Parolen, Hören von Westsendern und Beeinflussung durch das Westfernsehen als Schwerpunkte heraus:

  • LPG und Gemeinde Japenzin/Anklam,

  • MTS und Gemeinde Schmatzin/Anklam,

  • MTS Blankensee/Neustrelitz,

  • MTS-Bereich Neuhof/Neustrelitz,

  • Gemeinde Walnow1/Neustrelitz,

  • Ferner die LPG Anklam durch verstärktes negatives Auftreten ehemaliger Großbauern,

  • LPG Typ I Wussentin/Anklam durch starke Konzentration ehem. NSDAP-Mitglieder und Großbauern,

  • LPG Typ I Hardenbeck/Templin, wo ehem. Großbauern die genossenschaftliche Arbeit zu verhindern versuchen,

  • LPG Typ I Vogelsang/Ueckermünde, Hammer/Ueckermünde und Liepe/Ueckermünde, wo es Erscheinungen der Zersetzung der genossenschaftlichen Arbeit gibt.

II. Bezirksmäßige Probleme, die als Schwerpunkt in Erscheinung treten

Industrie: (ungenügende Planerfüllung)

Die Rückstände betragen insgesamt ca. 16,6 Mio. DM; davon örtliche Industrie: 11,6 Mio. DM; Z-Industrie: 5,0 Mio. DM.

Schwerpunkt:

  • Schiffswerft Rechlin mit 1 686 TDM,

  • Mecklenburgische Teigwaren/Waren 1 039 TDM,

  • Gießerei Ueckermünde 734 TDM.

74 % aller Betriebe des Bezirkes, die mit Staatsplanpositionen beauflagt sind, haben diese nicht erfüllt.

Im Kreis Neubrandenburg erfüllten von 20 nur vier Betriebe,

im Kreis Pasewalk erfüllten von 13 nur ein Betrieb,

im Kreis Templin erfüllten von 14 keine Betriebe die Staatsplanpositionen.

In den Exportverpflichtungen ist mit dem Stand vom 31.8.1961 ein Rückstand von 2 155 TDM zu verzeichnen. Die Ursachen liegen in ungenügender Leitungstätigkeit. Es werden noch nicht alle Reserven ausgeschöpft und die erforderlichen Auseinandersetzungen zur Steigerung der Arbeitsproduktivität geführt.

Zur Störfreimachung bestehen noch Unklarheiten, wie bestimmte Probleme gelöst werden sollen. Z. B. VEB Schlachthof Pasewalk erhält als Neueinrichtungen einige Maschinen aus Schweden und Westdeutschland. VEB »Immergut« Stavenhagen hat noch für 1962 einen Bedarf an Ersatzteilen aus Westdeutschland in Höhe von 35 TDM. Die Ursachen liegen mit darin, dass der Wirtschaftsrat des Bezirkes und die Kreisplankommissionen diese Aufgabe nicht mit der erforderlichen Verantwortung in Angriff nahmen und die zuständigen VVB Entscheidungen zu lange hinausschieben und den Betrieben nur ungenügende Unterstützung bei der Lösung dieser Probleme geben.

Landwirtschaft:

Das Getreideaufkommen sollte bis zum 16.9.1961 erfüllt werden es wurden aber nur 161 158,5 t = 74,6 % erfasst. Die Ursachen für diese Rückstände sind meist subjektiver Natur. Von den verantwortlichen Organen wird kein energischer Kampf um die tägliche Planerfüllung geführt. Vielfach herrscht Sorglosigkeit und vorhandene Initiative – wie z. B. zur Bergung der Ernte – wird nicht weiter gefördert. In den VEG und LPG Typ I ist die Meinung stark verbreitet, dass bei Erfüllung des Getreideaufkommens an den Staat, für die Fütterung der Viehbestände nicht genügend Getreide vorhanden sei.

Es gibt auch solche feindlichen Auffassungen: »Erst sichern wir das Getreide für die Arbeitseinheiten, dann für die Viehbestände, dann für die Aussaat und erst dann kann Getreide an den Staat abgegeben werden.« Ein Teil rechnet auch spekulativ damit, dass, wie im vergangenen Jahr, Getreide auf E.- und L.-Verträge2 erfasst wird, um es dann mit den vielfältigsten Begründungen nicht abzuliefern.

Diesen und ähnlichen subjektiven Faktoren wird durch die verantwortlichen Organe noch zu wenig entgegengewirkt. Dabei spielt das passive Verhalten einiger Bürgermeister eine nicht unbedeutende Rolle. Die ungenügende Planerfüllung bei Schlachtvieh und Milch liegt zum Teil in unnatürlich hohen Viehverlusten begründet.

Im Bezirk verendeten vom 1.1 bis 31.7.1961

  • 21 202 Rinder (davon 2 582 Kühe),

  • 129 846 Schweine (davon 82 448 Ferkel) und

  • 10 033 Schafe.

Die Ursachen liegen zum größten Teil in der ungenügenden Auswahl und Qualifikation der Tierpfleger und Melker. (Starke Konzentration von Rückkehrern) Oft wird die Pflege und Wartung der Tiere vernachlässigt bzw. werden nicht die erforderlichen Voraussetzungen für eine einwandfreie Viehhaltung geschaffen. Wegen Viehvergiftungen wurde am 3.9. ein Viehpfleger der LPG Schlicht/Neustrelitz festgenommen.

Bauwesen:

Im Bauwesen bestehen noch große Rückstände im Wohnungsbau und im ländlichen Bauen in der Komplettierung.

Wohnungsbau

Erfüllungsstand am 31.8.1961

für 1961 geplant: 3 500 WE

1 182 WE = 33,5 %

davon industrieller Wohnungsbau 1 326 WE

996 WE = 76,7 %

Schwerpunkt der Nichterfüllung des Wohnungsbauprogramms bilden die Kreise

  • Röbel mit 13 %,

  • Neubrandenburg mit 17,1 % und

  • Ueckermünde mit 17,4 %.

Die Ursachen des geringen Erfüllungsstandes liegen vor allem in der nicht restlosen Fertigstellung der Wohnungen, in der ungenügenden Anwendung der Serienfertigung und des industriellen Bauens. (Bisher sind nur 28 % des gesamten Wohnungsbaues im Bezirk in Serienfertigung errichtet worden.) Am 31.8.1961 befanden sich 5 392 WE im Bau. Davon waren 1 245 WE bereits bezogen, aber noch nicht restlos fertiggestellt und somit nicht in die Planerfüllung einbezogen.

Durch die mangelhafte Planung in den Kreisen und die ungenügende Kontrolle des Bezirksbauamtes befinden sich mehr Wohnungen im Bau als lt. Plan vorgesehen sind. Dadurch werden Kapazitäten gebunden, die für die Aufholung der Planrückstände eingesetzt werden könnten.

Im ländlichen Bauen sind zu komplettieren: 554 Ställe an 286 Standorten. Der Erfüllungsstand betrug am 31.8.1961 ca. 30 %.

Schwerpunkt in der Komplettierung bilden die Kreise

  • Altentreptow mit 26,0 %,

  • Neustrelitz mit 21,0 % und

  • Teterow mit 22,5 %.

Die Ursachen der Rückstände im ländlichen Bauen und in der Komplettierung liegen vor allem in der ungenügenden Orientierung durch die staatlichen Organe und in dem durch ständige Planänderungen entstandenen Zeitverlust. Während die Ministerratsbeschlüsse (5.1., 26.1. und 29.6.1961)3 auf die vorrangige Komplettierung orientieren, wurde in der Abteilung Landwirtschaft der größte Wert auf Neubauten gelegt. Z. B. wurden im Kreis Pasewalk 67 Neubauten mit 3 609,1 TDM und nur 13 Komplettierungen mit 1 274,5 TDM durchgeführt.

Im Kreis Prenzlau wurden die Komplettierungen zugunsten von Neubauten gestrichen und auf 1962 verlegt.

Durch die zu späte Erarbeitung der Technologie wussten die LPG bis Ende Mai 1961 noch nicht, welche Anlagen komplettiert werden müssen. Aufgrund dieser Verzögerung äußerte sich in den LPG sehr stark die Tendenz zu Anbinde- und Warmställen, sodass eine Reihe LPG ihre für andere Arbeiten vorgesehenen Baubrigaden für das Zumauern und die eigenmächtige Veränderung der Offenstallanlagen einsetzten.

Negative Auswirkungen ergeben sich auch durch die mangelhafte Planung der Planträger (Abt. Landwirtschaft des Bezirkes und der Kreise).

Durch die Unklarheiten in der Planung konnte der VEB Mastenbau Neubrandenburg erst im Mai richtig mit der Arbeit beginnen, sodass bis zum 25.8.1961 erst 17 Vorhaben fertiggestellt waren. Gegenwärtig hat dieser Betrieb an 168 Standorten Arbeiten auszuführen, wobei nur 26 Objekte über dem Wert von 200 TDM liegen. (13 Objekte gehören nicht zur Landwirtschaft.) Der größte Teil der Komplettierungstermine des VEB Mastenbau liegt in den Monaten Oktober bis Dezember.

Die verantwortlichen Funktionäre zeigen nicht die erforderliche Verantwortung und verstehen nicht, das Bauwesen entsprechend den Aufgaben zu leiten und zu kontrollieren. Durch das Fehlen einer straffen Leitung sind die Kreise zum Teil dem Selbstlauf überlassen und verfahren im Bauwesen entsprechend ihrem Willen.

Durch den späten Beginn vieler Maßnahmen, durch die Unterschätzung der Bedeutung und die ungenügende Unterstützung der Komplettierungsmaßnahmen durch die verantwortlichen Organe werden die Maßnahmen nicht planmäßig abgeschlossen, sodass sich zwangsläufig negative Auswirkungen auf die Haltung und Produktivität der Viehbestände ergeben.

Handel und Versorgung:

Größere Schwierigkeiten gibt es in der kontinuierlichen Versorgung der Bevölkerung mit Fleisch und Kartoffeln. Die Hauptursachen liegen neben der unkontinuierlichen Warenstreuung im mangelhaften eigenen Aufkommen begründet. Die für die Eigenversorgung und Ausfuhrverpflichtungen zu liefernden Mengen an Schlachtvieh und Kartoffeln wurden bisher nie gebracht.

Am 16.9.1961 war nach dem Zeitsoll folgender Stand:

[Zeitsoll]

Fleisch Soll/Erfüllung

Kartoffeln Soll/Erfüllung

Ausfuhrverpflichtungen

13 534 t/30,7 %

4 497 t/81,1 %

Eigenversorgung

9 537 t/86,4 %

4 686 t/53,2 %

Eine andere Ursache ist die Unbeweglichkeit und falsche Einstellung vieler Handelsfunktionäre zum Handel mit Geflügel. Oft ist festzustellen, dass die Annahmestellen und der Handel das Angebot der landwirtschaftlichen Betriebe nicht voll realisieren. Anstatt die vielfältigsten Möglichkeiten des Handels zum Absatz zu nutzen (Lebendverkauf usw.) werden oft Hunderte Stück Geflügel zur Freibank oder zu den Tierbeseitigungsanstalten gegeben.

Durch das ungenügende Angebot von Körnermischfutter entstehen oftmals Schwierigkeiten in der Versorgung mit Grundnahrungsmitteln, weil Tierbesitzer in nicht geringen Mengen Haferflocken, Grütze, z. T. auch Brot für Futterzwecke aufkaufen.

III. Politisch-ideologische Schwerpunkte

Einen besonderen Schwerpunkt bildet die Jugend. Der größte Teil der festgenommenen Hetzer und Provokateure sind Jugendliche. Wenn allgemein auch kein konzentriertes negatives Auftreten zu verzeichnen ist, bilden die Kreisstädte Neustrelitz, Anklam, Prenzlau und Ueckermünde doch gewisse Schwerpunkte. Neustrelitz und Ueckermünde waren schon vor dem 13.8.1961 Schwerpunkt in der Bekämpfung des Banden- und Rowdytums. Es besteht ein großer negativer Einfluss durch Westsender und Westfernsehen sowie durch Westberlinbesuche, der sich in negativen und ablehnenden Diskussionen über Beschlüsse der Partei und Regierung und in der Ablehnung des Dienstes in der NVA ausdrückt.4

Unter den Angehörigen der medizinischen Intelligenz gab es eine spürbare Zurückhaltung. Eine Anzahl von Ärzten besaß Dauerpassierscheine nach Westberlin, wo sie in großem Maße Einkäufe tätigten. Diese Kreise stimmten zwar den Maßnahmen nicht zu, traten aber auch nicht offen negativ auf.

Unter dem Pflegepersonal verschiedener Krankenhäuser kam es vereinzelt zu feindlicher Hetze, die zu Festnahmen führte.

Unter den Kulturschaffenden (besonders Theater Neustrelitz) gab es starke negative Diskussionen über die Maßnahmen vom 13.8. Der größte Teil verkehrte regelmäßig in Westberlin.

Eine ähnliche Situation besteht unter der technischen Intelligenz (zurückhaltend, teils negativ). Besonders negative Diskussionen gab es in Hochbauprojektierung Neubrandenburg (Ablehnung der Unterschrift unter eine Zustimmungserklärung an den Staatsrat). Große Teile der Mittelschichten verhielten sich zurückhaltend und abwartend. Mitglieder mehrerer PGH traten besonders im Kreis Ueckermünde negativ in Erscheinung.

Unter den Bauern gab es besonders unter den LPG-Mitgliedern des Typ I – vor allem wo die genossenschaftliche Arbeit noch mangelhaft ist – verhältnismäßig viel negative Diskussionen.

Die evangelischen Geistlichen zeigten zum großen Teil eine negative Haltung. Die Maßnahmen vom 13.8. wurden konsequent abgelehnt und die Meinung vertreten, dass

  • dadurch die Spaltung vertieft würde,

  • die Westmächte unnötig herausgefordert würden,

  • die Einschränkung des Reiseverkehrs eine »menschliche Tragödie« sei.

Der größte Teil der katholischen Pfarrer übte eine starke Zurückhaltung.

Die wesentlichsten zweifelnden und gegnerischen Argumente:

  • Zweifel an der militärischen und ökonomischen Stärke des sozialistischen Lagers und daraus resultierende Angst vor einem Krieg.

  • Die Maßnahmen hätten die Lage verschärft, wir würden zu sehr auf einen Friedensvertrag drängen.

  • Kein Verständnis für Panzer und Stacheldraht.

  • Mit den Grenzgängern hätte man humaner sein sollen, da sie doch schon viele Jahre in Westberlin gearbeitet hätten.

  • Man hätte eher abhauen sollen, da es jetzt nicht mehr geht.

  1. Zum nächsten Dokument Beschuss eines französischen Aufklärungsflugzeuges
    30. September 1961
    [Einzel-Information] Nr. 608/61 über die Verletzung des Luftraumes der DDR
  2. Zum vorherigen Dokument Sicherheitslage im Bezirk Erfurt
    29. September 1961
    Bericht Nr. 592/61 über die im Zusammenhang mit den Schutzmaßnahmen der Regierung der DDR aufgetretenen politisch-operativen Schwerpunkte im Bezirk Erfurt