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Situation im Reichsbahnwerk Brandenburg

11. Januar 1961
Bericht Nr. 14/61 über die ökonomische und politisch-ideologische Situation im Reichsbahnausbesserungswerk (RAW) Brandenburg-West

Dem RAW Brandenburg-West kommt durch die im Rahmen der sozialistischen Rekonstruktionen festgelegten Aufgaben eine erhöhte Bedeutung zu.1 Es ist in der Perspektive verantwortlich für die Ausbesserung von Kranfahrzeugen und Oberbaugeräten und wird zum Spezialbetrieb für die Fertigung reichsbahntypischer Ersatzteile ausgebaut, besonders für die Herstellung von Buchsen und Bolzen, Treib- und Kuppelstangen, Press- und Schmiedeteilen, Aufarbeitung von Tragfedern, Bearbeitung von Guss-Stücken u. a. für die Aufrechterhaltung des gesamten Reichsbahnbetriebes unbedingt notwendigen Teilen. Außerdem ist vorgesehen, dass das RAW Brandenburg-West in Kooperation mit dem Reichsbahn-Entwicklungswerk Blankenburg an der Entwicklung verschiedener neuer Maschinen und Geräte für die Instandhaltung der Bahnanlagen arbeitet.

Es gibt seit einiger Zeit Hinweise über Mängel und Missstände im RAW Brandenburg-West, die sich hemmend auf den Produktionsablauf auswirken und die die Planerfüllung gefährden. Vom MfS wurden diese Hinweise zum Anlass einer Untersuchung genommen, bei der u. a. folgende Einzelheiten festgestellt wurden:

Der Plan für das Jahr 1960 wurde nicht erfüllt, während in den vergangenen Jahren die Pläne insgesamt gesehen stets übererfüllt wurden, allerdings nicht sortimentsgerecht. Auch die Arbeitsproduktivität konnte nicht in dem vorgesehenen Maße gesteigert werden, die Lohnfonds hingegen wurden mit über 100 % ausgeschöpft, sodass in verschiedenen Produktionsbereichen der Lohn erheblich schneller steigt als die Arbeitsproduktivität, was zum Teil auch noch auf unreale Normen zurückzuführen ist.

Neben diesen Widersprüchen zwischen Planerfüllung, Norm und Lohn gibt es Schwierigkeiten bei der Durchsetzung der sozialistischen Rekonstruktion, bei der Standardisierung und bei der Einbeziehung der Produktionsarbeiter in die Lenkung und Leitung des Betriebes. Mängel in der gesamten Arbeitsorganisation führen zusammen mit ideologischen Unklarheiten bis zur Schlamperei, Disziplinlosigkeit, unkritischem Verhalten, Abwälzen der Verantwortung und ähnlichen schädlichen Erscheinungen.

Diese Situation wurde zum Teil hervorgerufen und ermöglicht durch eine ungenügende Leitungstätigkeit der leitenden und mittleren Wirtschaftsfunktionäre im RAW, besonders durch mangelhafte politisch-ideologische Aufklärungstätigkeit und durch verschiedene Unklarheiten bei leitenden und mittleren Funktionären selbst, die oft nicht in der Lage sind, die Verbindung zwischen Politik und Ökonomie herzustellen.

Auch die Partei- und Gewerkschaftsorganisationen orientieren in ihrer Tätigkeit nicht konsequent auf die Beseitigung dieser bisher angeführten Mängel, sodass es insgesamt gesehen fast keine kämpferischen Auseinandersetzungen und wenig Eigeninitiative zur Ausschaltung der hemmenden Faktoren gibt. Stattdessen wird in vielen Fällen vor ideologischen Unklarheiten oder direkt feindlichen Ansichten zurückgewichen bzw. von einzelnen Funktionären diktatorisch aufgetreten oder administriert, beispielsweise durch eine Vielzahl von Sitzungen, die in keinem Verhältnis zu ihren Ergebnissen stehen.

Von der Vielzahl der dem MfS bekannten Beispiele soll hier nur auf einige typische, die Situation im RAW Brandenburg-West charakterisierende, eingegangen werden: Es gibt im RAW Brandenburg-West nur eine Aufschlüsselung des Planes bis zum Produktionsbereich. Eine weitere Aufschlüsselung bis hinunter zum Meisterbereich und zum einzelnen Arbeiter wird als zu schwierig abgelehnt. Stattdessen versucht der Leiter der Planung große »Polster« in die Planung zu bringen, um später Mängel »ausbalancieren« zu können.

In der Materialversorgung sind keine exakten Unterlagen auf der Grundlage der geplanten Produktion vorhanden, sodass es in der Bestellung der benötigten Materialien Differenzen gibt. Z. B. sind zzt. Überplanbestände an Material im Werte von ca. 900 000 DM vorhanden. Weitere 250 000 DM Material aus Überplanbeständen sind in solchen Positionen untergebracht, in denen der Richtsatz nicht ausgeschöpft ist. Die mangelhafte Planung und Koordinierung führt sogar dazu, dass oft verschiedene Personen das gleiche Material zu gleichen Zwecken bestellen und so doppelte Lieferungen hervorrufen.

Selbst bei der Werkleitung mangelt es an der notwendigen Koordinierung und Abgrenzung der Aufgabenbereiche der einzelnen Mitglieder der Leitung und Verwaltung des Werkes. So werden Verträge mit anderen Dienststellen abgeschlossen und Anordnungen erlassen, von denen der Werkleiter keine Kenntnis hat bzw. wo er vor vollendete Tatsache gestellt wird. Ohne [sich] untereinander abzustimmen führen Mitglieder der Werkleitung und andere verantwortliche Funktionäre Verhandlungen oder schließen Bestellungen ab, die zu Überschneidungen führen. Das Werkleitungskollektiv konzentriert sich nicht genügend auf die im Werk vorhandenen Schwerpunkte und befasst sich stattdessen oft mit untergeordneten Problemen oder mit Fragen, die in den Aufgabenbereich anderer Betriebsstellen fallen, ohne dass dafür eine zwingende Notwendigkeit vorliegt. U. a. zog sich in Werkleitungs- und anderen Sitzungen wochenlang eine Diskussion über den Typ eines zu beschaffenden Pkw hin, aber ernsthafte Auseinandersetzungen über die Planerfüllung und kritische Stellungsnahmen gibt es dort nicht.

Vom Parteisekretär wird z. B. eingeschätzt, dass die Werkleitungssitzungen »als ein notwendiges Übel« empfunden würden, wo man sich lediglich »die Bälle einander zuwirft«. Es werden zu den Werkleitungssitzungen zahlreiche Produktionsarbeiter hinzugezogen, aber nicht mit ihnen gearbeitet. Ebenfalls gibt es keine von der Werkleitung in Zusammenarbeit mit den Partei- und Gewerkschaftsorganisationen organisierten Produktionsberatungen in den Meisterbereichen und Brigaden.

Eine Unterschätzung der Produktionsarbeiter zeigte sich auch bei der Aufstellung des Planes der neuen Technik,2 wo der Leiter der Abteilung Technik die Meinung vertrat, man könne diesen Plan nicht mit einem so großen »Haufen« diskutieren. (Der Plan der neuen Technik selbst enthält überwiegend die in der Vergangenheit gefassten Beschlüsse der Werkleitung, lediglich sind noch einige Vorschläge zur Beschaffung neuer Maschinen darin enthalten. Der zweite Weg der Rekonstruktion und die Einführung von Verbesserungen und Neuerermethoden fehlen vollständig. Bezeichnend ist es, dass erst vier Monate nach dem 9. Plenum3 der Beschluss gefasst wurde, einen Plan neue Technik für das RAW zu erarbeiten, und für die Erarbeitung des Planes dann nur fünf Tage verwendet wurden.)

In der Abteilung Technik, zu der auch die Aufgabenbereiche Standardisierung und Erfindungswesen gehören, gibt es bis heute noch keine Klarheit über die Aufgaben der Standardisierung, und der bereits erwähnte Leiter gewährleistet durch sein Verhalten und seinen Arbeitsstil in keiner Weise, dass die wichtigsten Aufgaben dieser Abteilung gelöst werden. Er versucht alles durch Sitzungen zu regeln und hemmt dadurch die operative Tätigkeit der Technologen. Durch Unterdrückung der Kritik versucht er nur seine eigene Meinung durchzusetzen, ohne konkrete Anleitung zu geben, was große Unzufriedenheit unter den Beschäftigten hervorgerufen hat. Der technische Leiter und gleichzeitige Vertreter des Werkdirektors vertritt den Standpunkt, sich nur mit der technischen »Ausrüstung« des Werkes befassen zu müssen, ohne unmittelbaren Einfluss auf die Produktion zu nehmen. Er opponiert in verschiedenen Fragen gegen den Werkdirektor, an dessen Entscheidungen er sich oft nicht hält.

Der Werkleiter selbst erkennt zwar die Missstände und Schwerpunkte im RAW und hat auch richtige Vorstellungen, diese Lage zu verändern, aber arbeitet nicht zielstrebig genug daran und kann sich nicht durchsetzen, was auch die bisherigen Beispiele beweisen.

In starkem Maße hat dieser Arbeitsstil und die mangelhafte Führungs- und Leitungstätigkeit natürlich Auswirkungen in den einzelnen Produktionsbereichen, in den Meisterbereichen und Brigaden, wo es ebenfalls solche Erscheinungen gibt,

  • dass von den mittleren Kadern wie Bereichsleitern, Produktionsleitern und Meistern versucht wird, ihre Aufgaben vorwiegend am Schreibtisch und in Sitzungen zu lösen, ohne genügend Kontakt zu den Produktionsarbeitern und sozialistischen Brigaden zu suchen,

  • dass sie fast keinen politischen und ideologischen Einfluss auf die Produktionsarbeiter nehmen und zum Teil selbst politischen Gesprächen ausweichen, wobei sich Tendenzen des »Nur-Fachmannes« zeigen,

  • dass sie keinen konsequenten Kampf um eine gesunde Norm führen,

  • dass Arbeitszurückhaltung geduldet und teilweise sogar gefördert wird,

  • dass sie durch verantwortungsloses Handeln Produktionsschwierigkeiten hervorrufen und ähnliche Erscheinungen.

So hat der Haupttechnologe einen Arbeitsplan, der nur drei Stunden in der Woche vorsieht, um Aufgaben in der Werkstatt zu lösen. Der Leiter der Materialversorgung hat nur fünf Stunden Zeit, sich seinen eigentlichen Aufgaben zu widmen, die andere Zeit ist restlos durch Sitzungen ausgelastet. Durchschnittlich haben alle Wirtschaftsfunktionäre täglich drei bis vier Sitzungen. Der zentrale Produktionsleiter hat innerhalb von sechs Wochen keine Zeit gefunden, sich unmittelbar der Produktion zu widmen, da er ständig auf Sitzungen ist oder andere Aufgaben zu lösen hat, die nicht in seinen Tätigkeitsbereich fallen.

Bezeichnend für die Haltung der Meister ist die Tatsache, dass im gesamten RAW fast kein Meister politische Gespräche mit den Arbeitern oder kritische Auseinandersetzungen zu Fragen der sozialistischen Produktion führt. So gibt es Beispiele, dass sich Meister bei politischen Diskussionen verstecken, um nicht ihre Meinung sagen zu müssen. In einem anderen Fall erklärte ein Meister sinngemäß, nachdem er eine Rededisposition zum Jahrestag der Oktoberrevolution vorgelesen hatte, dass dies nicht seine eigene Meinung sei, sondern dass er sie hätte vorlegen müssen.

Die sozialistischen Brigaden wurden schematisch und in entstellter Form gebildet. Z. B. im Wagenbau erfuhren die Kollegen erst durch einen öffentlichen Anschlag, dass sie zu einer sozialistischen Brigade gehören, die am Jahrestag der Republik ohne ihr Wissen gebildet worden war. Sie äußerten darüber ihre Unzufriedenheit und Empörung. Sie wurden mit Erklärungen u. a. des Meisters besänftigt, dass in einer sozialistischen Brigade keine Normen gesenkt werden dürften. Daraufhin erklärten sie sich mit der Bildung einer sozialistischen Brigade einverstanden.

Insgesamt sind im RAW 63 sozialistische Brigaden registriert, aber nur vier haben einen entsprechenden Vertrag und Verpflichtungen, die anderen stehen lediglich auf dem Papier. In der bisher besten und zuerst gegründeten Brigade gibt es Auflösebestrebungen mit der Begründung, »dass zuviel politisch« gearbeitet würde. Maßgeblicher Vertreter dieser Ideologie ist der AGL-Vorsitzende Hartwig (SED). Bezeichnend ist, dass die Brigademitglieder entweder die Brigade auflösen oder Hartwig als Brigadier einsetzen wollen.

In der Gießerei besteht das größte Missverhältnis zwischen Arbeitsproduktivität und Lohn. Im Durchschnitt liegt die Normerfüllung bei über 200 %, der Plan wurde mit 97 % erfüllt. Der durchschnittliche Lohn liegt bei 1 000 DM. Die Arbeitsproduktivität liegt bei 98 % und der Lohnfonds wurde mit 108 % ausgeschöpft, ohne dass von den Meistern etwas zur Veränderung dieses Zustandes getan wird.

In der Klemm- und Rippenplattenfertigung wurde der Plan noch nie erfüllt. Von verschiedenen Kollegen, selbst vom APO-Sekretär Frank wird Arbeitszurückhaltung geübt. Frank veranlasste z. B. die Kollegin [Name 1], beim Stanzen von Unterlegescheiben nur 4 000 Stück in einer Schicht zu produzieren, um seine Norm nicht zu gefährden. Die Überprüfungen ergaben, dass es ohne Weiteres möglich ist, bis zu 11 000 Unterlegescheiben zu stanzen.

In der Treib- und Kuppelstangenfertigung und in der Klemm- und Rippenplattenfertigung gibt es die meisten Maschinenausfälle. Es wurde festgestellt, dass Arbeiter ihre Maschinen überlasten und ständig auf Höchstgeschwindigkeit laufen lassen, um Zeit einzusparen, die sie selbst dann verbummeln. Ihr Verhalten kommentieren sie mit der Bemerkung: »Entweder gehen wir kaputt oder die Maschinen«. Auch bei der Reparatur von Oberbaugeräten, die ab 1.1.1960 erfolgt und bei der Reparatur von Kränen führten mangelhafte Arbeitsorganisation und verantwortungsloses Handeln zu großen Schwierigkeiten. Z. B. wurden bei der Reparatur von Oberbaugeräten die Termine nicht eingehalten und die Qualität entspricht nicht den Mindestforderungen, wobei die Staatstermine beim Ausbau des Südringes Berlin gefährdet wurden. Von verschiedenen Bahnbetriebswerken wurden reparierte Kräne wegen mangelnder Qualität zurückgeschickt.

In der Dreherei und Lagerschalenabteilung wird der meiste Ausschuss im Betrieb produziert. Der Produktionsleiter lässt sich in seiner Abteilung nicht sehen, da er sich fast ständig in Sitzungen befindet. Die beiden Bereichsleiter versuchen oft sich ihrer Verantwortung zu entziehen. So stimmten sie der Serienfertigung von Buchsen für Lokomotiven zu, obwohl sie der Meinung waren, dass dazu die Voraussetzungen fehlen. Die Folge war, dass über 5 000 Buchsen verschiedener Größen, für das Importmaterial aus Westdeutschland verwandt wurde, qualitativ nicht den Anforderungen entsprachen. Um diese Sache zu verschleiern, wurden die Buchsen nach dem RAW Greifswald und dem RAW Cottbus geschickt, wo man sich die besten aussuchen sollte. 500 Kupplungsbolzen wurden aus falschem Material gefertigt. Auch diese Bolzen waren unbrauchbar. Im selben Bereich wurden auch 40 Treib- und Kuppelstangen verhobelt mit einem Wert von rund 23 000 DM. Trotzdem bekannt war, dass die Stangen Ausschuss waren, wurden sie zur Weiterverarbeitung an einen volkseigenen Betrieb geschickt. (Diese Ausschussproduktion kam zustande durch Arbeiten ohne Zeichnungen, Fehlen von Messwerkzeugen und Anreißplatten.)

Im Fb 2 (Wagenbau) wird nie der Plan erfüllt. Seit Bestehen des Wagenbaues wurde in der Technologie nichts verändert und die Reparatur der Wagen ist mit schwerster körperlicher Arbeit verbunden. Die Werkleitung vertritt die Meinung, dort nichts zu verändern, weil die Ausarbeitung der Wagen auslaufe. So wird z. B. mit Handwinden gearbeitet, da die zwei hydraulischen Winden zum Heben der Wagen seit Monaten reparaturbedürftig sind. Es werden keine Anstrengungen unternommen, um für diese Winden die notwendigen Ersatzteile zu beschaffen. Obwohl das Heben der Wagen mit Handwinden zum Teil auch den Arbeitsschutzbedingungen widerspricht, wird von den Arbeitern dagegen nicht gesprochen, weil die Normzeit für Arbeit mit Handwinden weit höher liegt als mit hydraulischen Winden. Sie können damit einen höheren Verdienst erzielen. Die Produktivität ist aber geringer und der Planrückstand wird immer größer. Diese falsche Ideologie wird auch vom Bereichsleiter unterstützt. Die Arbeiter des Wagenbaues beenden ihre Arbeit ständig eine halbe Stunde vor der Zeit. Auch dies wird vom Bereichsleiter sanktioniert mit der Begründung, die Kollegen hätten schwer gearbeitet, ihr Geld verdient und könnten deswegen Feierabend machen. (Im Wagenbau ist der höchste Prozentsatz an Republikfluchten im RAW im Jahre 1960 zu verzeichnen.)

In der Lagerschalenfertigung sind vorwiegend Frauen beschäftigt, die in Lohngruppe 3 eingestuft sind, aber nach Lohngruppe 5 bezahlt werden. Ihre Norm ist für die Bedienung einer Maschine aufgestellt. In der Regel bedienen sie jedoch zwei Maschinen. Dadurch steigt ihr Verdienst um über 200 %. Von den Normern wird nichts unternommen, um Ordnung zu schaffen.

Im Frühjahr 1960 wurde [von] dem RAW Karl-Marx-Stadt in sozialistischer Hilfe dem RAW Brandenburg eine Federblattwalze geliehen, damit das RAW seine eigenen Anlagen generalüberholen konnte. Für den 1.10.1960 war die Rückgabe dieser Walze vereinbart. Bis zu dieser Zeit wurde vom RAW Brandenburg nichts unternommen, um die Anlagen generalzuüberholen. Der Termin wurde erneut um vier Wochen verlängert. Auch in dieser Zeit erfolgte keine Reparatur der Anlagen, trotzdem der Werkdirektor nochmals Anweisung dazu gab. So wurde Anfang November die Federblattwalze zum RAW Karl-Marx-Stadt zurückgeholt, ohne dass im RAW Brandenburg die Anlagen überholt worden wären. Dadurch werden pro Schicht 100 Tragfedern für Waggons zu wenig gewalzt.

Vom RAW Brandenburg-West wurde ein Hunderttonnenkran zur Reparatur von Kränen projektiert und aufgebaut, bei dem die Ablage um 60 cm zu kurz konstruiert wurde. Durch diese Fehlkonstruktion wird die Reparatur von Kränen im Taktverfahren sehr erschwert. Dieses Beispiel zeigt, dass große Summen investiert werden, ohne dass der größtmöglichste Nutzen erreicht wird. Auf der anderen Seite wird nichts unternommen, um die Ursachen der regelmäßig auftretenden Brände im Kraftwerk des RAW zu beseitigen. So traten 1957, 1958 und 1959 je ein Dachstuhlbrand auf, von denen der letzte ca. 36 000 DM Schaden verursachte. Die Dachkonstruktion (Holz) entspricht nicht den Brandschutzbestimmungen und durch Festsetzen von Braunkohlenstaub kommt es zur Selbstentzündung. Es muss damit gerechnet werden, dass weitere Brände erheblich größere Schäden verursachen, als die Kosten für eine Beseitigung der Mängel betragen.

Solche und ähnliche Beispiele, die die Vielfältigkeit der schädlichen Erscheinungen und ihre Auswirkungen zeigen, könnten noch fortgesetzt werden.

Neben den bisher erwähnten Ursachen ist es jedoch auch notwendig, auf einige Schwächen in der Partei- und Gewerkschaftsarbeit im RAW Brandenburg-West hinzuweisen. Es wird auch hier von den verantwortlichen Funktionären die Ernsthaftigkeit der Situation erkannt, aber konkrete Vorstellungen, wie die Missstände bekämpft werden müssen, bestehen nicht, weshalb eine breite politisch-ideologische Aufklärungstätigkeit und die Mobilisierung aller Mitglieder mehr oder weniger unterbleibt. Selbst in der aus 15 Mitgliedern bestehenden Zentralen Parteileitung nehmen nur einzelne Genossen zu den im RAW auftretenden Problemen Stellung und versuchen die Parteiarbeit insgesamt zu aktivieren. Die Mehrzahl verhält sich jedoch reserviert und kämpft nicht im erforderlichen Maße um die Erfüllung der Parteibeschlüsse. So kümmern sich verschiedene Leitungsmitglieder nicht um die sozialistischen Brigaden, für die sie als Paten eingesetzt sind und geben auch den Abteilungsparteiorganisationen nicht die notwendige Anleitung. Ein Teil der Leitungsmitglieder hat sich moralische Verfehlungen zuschulden kommen lassen.

Der 1. Sekretär der Zentralen Parteileitung vertritt eine solche Meinung, erst die Produktion durch den Einsatz mehrerer neuer und fachlich besonders guter Technologen in Fluss zu bringen, dann wird auch eine bessere politische Arbeit möglich sein. Auch hier zeigt sich, dass die Hauptaufgabe der Partei, die Einflussnahme auf die Bewusstseinsbildung, noch nicht erkannt wurde.

In den Abteilungsparteiorganisationen ist die Situation ähnlich. Es gibt dort u. a. noch solche Erscheinungen,

  • dass selbst Sekretäre der APO hetzerische Reden führen,

  • dass die Parteibeiträge nicht in voller Höhe bezahlt werden (Beitragsaufkommen im November 1960 nur 80,6 %),

  • dass gegen Genossen der Zentralen Parteileitung intrigiert wird

und ähnliches das Ansehen der Partei schädigendes Verhalten.

Das zeigt sich gleichermaßen im Zurückweichen vor politischen Aufgaben, in liberalem Verhalten dazu und in Passivität. U. a. erschienen in der APO des Wagenbaues von 48 zur vorbereitenden Versammlung des Mitgliedsbuchumtausches eingeladenen Genossen acht, um nur ein Beispiel anzuführen.

Durch diesen Zustand der Parteiarbeit ist von einer führenden Rolle der Partei im RAW Brandenburg-West nur wenig zu spüren.

Von den Gewerkschaftsorganisationen, in denen insgesamt 90 % aller im RAW Beschäftigten organisiert sind, gibt es einschließlich der Leitungen so gut wie keine politische Arbeit. Aber auch auf die Arbeitsorganisation, die Planerfüllung und andere wichtige produktions-technische Fragen wird wenig Einfluss genommen. Die ideologischen Unklarheiten, einschließlich der über die Rolle und Aufgaben der Gewerkschaftsorganisationen, sind auch hier weit verbreitet und ständig gibt es Schwierigkeiten bei der Beitragskassierung. In der Konfliktkommission (90 Kollegen) kam bei einer Aussprache über die wirtschaftliche Entwicklung nach 1945 die Hälfte aller Anwesenden zu der Meinung, dass die Oder-Neiße-Grenze revidiert werden müsse.

Gleichermaßen schwach ist die FDJ-Arbeit. Obwohl von 786 Jugendlichen 400 Mitglieder der FDJ sind, gibt es verschiedene Abteilungen, wo die FDJ überhaupt nicht arbeitet und nicht einmal Grundeinheiten bestehen. Ein Einfluss auf die nicht organisierten Jugendlichen ist nicht zu spüren. Bei den meisten Jugendlichen gibt es Zurückhaltung gegenüber politischer Arbeit. Auseinandersetzungen über politische Fragen sind kaum festzustellen. Aber zahlreiche Jugendliche fahren nach Westberlin, kaufen dort ein und besuchen Veranstaltungen, hören Westfernsehen und Westrundfunk. Auswirkungen der westlichen Beeinflussung zeigen sich in negativen Diskussionen z. T. gegen die Bildung der LPG, gegen Genossen Chruschtschow u. a. Im Arbeitsbereich Dreherei existieren unter Jugendlichen Bestrebungen, eine »Freie Jugend« zu gründen, womit sie frei von der FDJ meinen, frei von Beitragszahlungen und frei für »eigene Freizeitgestaltung«. Spürbare Anleitung und Hilfe erhält die FDJ weder von der BGL noch von der Parteiorganisation. Eine wirkliche Koordinierung der gesellschaftlichen Tätigkeit zwischen Partei, Gewerkschaft und FDJ gibt es nicht.

Auswirkungen der mangelnden Tätigkeit der gesellschaftlichen Organisation zeigen sich neben den bereits angeführten Schwächen in der Produktion und auf ideologischem Gebiet auch noch in der Tätigkeit der Kampfgruppen, der kulturellen und sportlichen Einrichtungen im RAW.

Die Kampfgruppe des RAW umfasst 70 Mann. Nur 30 davon leisten aktiven Dienst, der Rest bringt zum Ausdruck, dass sie nicht diese Uniform anziehen wollen bzw. sie in der Öffentlichkeit sich nicht als Mitglieder der Kampfgruppe zeigen wollen.

Die kulturelle Arbeit im RAW nimmt in keiner Weise Einfluss auf eine fortschrittliche Entwicklung des betrieblichen Lebens, sondern lehnt sich an kleinbürgerliche Vorstellungen an (Chor) und lässt teilweise westlichen Einfluss zu (Zirkel junger Talente).

Die führenden Positionen im Sport werden hauptsächlich von ehemaligen Nazis, ehemaligen SPD-Mitgliedern und ausgeschlossenen SED-Mitgliedern wahrgenommen. U. a. war zum Tag des Eisenbahners 1960 eine Delegation Fußballer und Akrobaten nach Osnabrück eingeladen. Von der Parteileitung des RAW wurde ein Genosse als Parteibeauftragter der Delegation benannt. Dieser wurde vom Sektionsleiter Clement als Spitzel bezeichnet und auf sein Drängen von den Mitgliedern der Delegation isoliert.

Abschließend soll darauf hingewiesen werden, dass in diesem Bericht hauptsächlich auf die im RAW vorhandenen ideologischen Unklarheiten und ihre negativen Auswirkungen und schädlichen Erscheinungen eingegangen wurde, weil die dadurch hervorgerufene Situation leicht vom Gegner ausgenutzt werden kann und wird und feindlichen Elementen die Möglichkeit gibt, sich hinter ideologischen Unklarheiten und hinter Schlamperei und ungenügender Kontrolle zu verstecken.

Ferner muss in diesem Zusammenhang unbedingt auf einige kaderpolitische Schwerpunkte und auf die Rolle hingewiesen werden, die das RAW Brandenburg-West während des Putschversuches im Juni 1953 spielte. Nachdem bereits vor 1933 ein starker SPD-Einfluss im RAW vorhanden war und eine Reihe SPD-Mitglieder nach 1933 der NSDAP und dem Marinesturm beitraten, konzentrierten sich auch nach 1945 diese Kreise wieder im RAW, wobei versucht wurde, Familienangehörige und Verwandte in höhere und mittlere Funktionen im RAW zu bringen.

Am 17.6.1953 wurde im RAW Brandenburg-West 24 Stunden gestreikt und eine Streikleitung von 20 Personen gebildet, der der 1. BGL-Vorsitzende, sein Vertreter und zwei BGL-Mitglieder angehörten. Sieben Angehörige der Streikleitung waren SED-Mitglieder. Von den Mitgliedern der Streikleitung befinden sich zzt. noch sieben im RAW, aber sämtliche in höheren Funktionen als 1953. 80 Genossen der damaligen BPO haben am 18.6.1953 ihr Parteimitgliedsbuch abgegeben bzw. zerrissen und die Leitung der BPO kapitulierte und verließ das Werk. 200 Werksangehörige holten sich in Westberlin Pakete von der seinerzeit dort provokatorisch gestarteten Paketaktion4 und die gesamte Werkleitung sowie ein Teil der BGL verließen unabhängig voneinander die DDR.

Als im Jahre 1954 auf Vorschlag der SED-Kreisleitung ein Parteisekretär im Werk eingesetzt wurde, wählte man ihn in der darauf folgenden Wahl wieder hinaus. Die gleiche Methode des Hinauswählens versuchte man auch bei der Wahl 1960 durchzusetzen.

Zur Zeit der konterrevolutionären Ereignisse 1956 in Ungarn nahm der damalige Werkleiter Seiler (SED) auf einer erweiterten Parteileitungssitzung gegen das ZK der SED und gegen Walter Ulbricht Stellung.5

1957 wandte sich die gesamte Belegschaft gegen die notwendig gewordene Einführung einer Nachtschicht. U. a. wurde dabei die Forderung gestellt, nur fünf Nächte zu arbeiten und die 6. Nacht ohne Arbeit zu bezahlen. Die BPO und die BGL verhielten sich zu dieser Forderung völlig passiv.

Aufgrund aller im vorliegenden Bericht angeführten und mehr oder weniger im Zusammenhang stehenden Fakten erscheint es angebracht,

  • dass eine Komplexbrigade, bestehend aus Vertretern der Partei, des FDGB und des Ministeriums für Verkehrswesen – RV RAW – die Situation im RAW Brandenburg-West untersucht, um auf den einzelnen Gebieten konkrete Vorschläge zur Beseitigung der in diesem Bericht angeführten Hemmnisse und Mängel zu erarbeiten.

  • Dabei müsste entschieden werden, inwieweit Vertreter der speziellen fachlichen Institutionen (z. B. Reichsbahnentwicklungswerk Blankenburg, Hochschule für Verkehrswesen, Institut für Forschung und Entwicklung der DR u. a.) hinzugezogen bzw. konsultiert werden.

  • Außerdem sollte das Ministerium für Verkehrswesen – RV RAW – vorliegenden Bericht zum Anlass nehmen, auch die Lage in den anderen RAW der Deutschen Reichsbahn zu untersuchen.

  1. Zum nächsten Dokument Austritte aus den LPG 1960
    11. Januar 1961
    Einzel-Information Nr. 21/61 über Austritte aus den landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften
  2. Zum vorherigen Dokument Kritik von Gärtnern an den Regelungen für Treibgemüse
    9. Januar 1961
    Einzel-Information Nr. 13/61 über ernsthafte Unzufriedenheit unter den Gärtnern von Groß-Berlin