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Militärmanöver im Südosten der DDR (Aktion »Quartett«), 1. Bericht

12. September 1963
1. Bericht Nr. 544/63 über die Aktion »Quartett«

Der politisch-moralische Zustand der an der Aktion1 beteiligten Truppenteile und Einheiten ist durch eine große Begeisterung und eine hohe Einsatzbereitschaft der Soldaten, Unterführer und Offiziere gekennzeichnet.

In allen an der Armeeübung teilnehmenden Einheiten der NVA gibt es – als Ausdruck der hohen Einsatz- und Gefechtsbereitschaft und des guten politisch-moralischen Zustandes – eine große Verpflichtungsbewegung, wobei Einzel- und Kollektivverpflichtungen übernommen werden, die sich auf

  • eine weitere Qualifizierung und vorbildliche Dienstdurchführung,

  • Verpflichtung »Soldat auf Zeit«,

  • Aufnahmeersuchen als Kandidat bzw. Mitglied der SED und FDJ beziehen.

Allein in den Einheiten des MB III2 wurden bis zum 10.9. insgesamt 10 508 Einzelverpflichtungen und 4 040 Kollektivverpflichtungen eingegangen.

Außerdem stellten 146 NVA-Angehörige den Antrag zur Aufnahme als Kandidat in die SED und 389 NVA-Angehörige ersuchten um Aufnahme in die FDJ.

Diese Verpflichtungsbewegung hält auch gegenwärtig weiter an und trägt wesentlich zur weiteren Stärkung des politisch-moralischen Zustandes der beteiligten Einheiten bei.

Die gute politisch-erzieherische Arbeit der Polit- und Parteiorgane sowie der Kommandeure usw. zeigt sich auch in einer hohen militärischen Disziplin der an der Armeeübung beteiligten NVA-Angehörigen sowie in vorbildlicher Erfüllung der gestellten Kampfaufträge.

Nur in Einzelfällen wurden unklare bzw. negative Diskussionen bekannt, die vorwiegend folgende Probleme beinhalten:

  • Unterschätzung der politisch-militärischen Bedeutung der Armeeübung, besonders der dazu erforderlichen umfangreichen organisatorischen Vorbereitungsarbeiten;

  • Einwände gegen den angeblich »hohen Aufwand«, der einem nur »geringen Wert« gegenüberstünde.

Derartige Auffassungen wurden u. a. von Oberstleutnant Meidert,3 Leiter Bewaffnung MB III, Major Vogel,4 Leiter BA MB III und Hauptwachtmeister [Name], Stellvertreter Rückwärtige Dienste AR 7 vertreten.

Diese Einzelfälle hatten jedoch keinen Einfluss auf den politisch-moralischen Zustand der Gefechts- und Einsatzbereitschaft und auf den bisherigen Verlauf der Übungsvorbereitungen.

Durch die Informierung der zuständigen Kommandeure und Politorgane der betreffenden Einheiten konnten diese Probleme zum Anlass von Auseinandersetzungen genommen und im Wesentlichen geklärt werden.

Als ein hervorragender Ausdruck des proletarischen Internationalismus und der sozialistischen Waffenbrüderschaft werden im Allgemeinen die Freundschaftstreffen zwischen den an der Aktion beteiligten sozialistischen Armeen bezeichnet, die in freundschaftlicher Atmosphäre und guter Kameradschaft verliefen.

Das bei allen Freundschaftstreffen herrschende herzliche, freundschaftliche Verhältnis zu den sowjetischen, polnischen und tschechoslowakischen Waffenbrüdern hat wesentlich zur weiteren politisch-moralischen Stärkung der beteiligten NVA-Angehörigen beigetragen.

Nur in einzelnen Fällen führten organisatorische Mängel in der Vorbereitung, vor allem aber in der Durchführung dieser Treffen zur Minderung des politischen und erzieherischen Wertes dieser Veranstaltungen und zu Vorkommnissen. Vereinzelt ist dies auf übermäßigen Alkoholgenuss durch Offiziere und undiszipliniertes Verhalten einzelner Soldaten zurückzuführen.

Positiv wirkt sich auf die Teilnehmer an der Armeeübung auch die Herausgabe einer Erinnerungsplakette aus.

Die Reaktion der verschiedenen Schichten der Bevölkerung zu den bevorstehenden Übungen ist überwiegend positiv und zustimmend.

Hierzu haben vor allem die politisch-ideologische Aufklärungstätigkeit der Partei sowie die laufenden Veröffentlichungen über die bevorstehenden Veranstaltungen (großer Zapfenstreich und Feldparade in Dresden) beigetragen.

Die positiven Äußerungen enthalten zumeist Stellungnahmen in folgender Richtung:

  • Die Durchführung derartiger Manöver sei notwendig. Die NATO führe auch laufend welche durch und darauf müssten wir entsprechend reagieren.

    In diesem Zusammenhang wird des Öfteren die gute Disziplin der teilnehmenden Verbände hervorgehoben.

  • Die bei der Übung zum Einsatz gelangenden Waffen werden als Ausdruck der Stärke des sozialistischen Lagers bezeichnet. Diese Stärke wirke auf unsere Menschen beruhigend.

So sprachen sich z. B. anlässlich der in Löbau durchgeführten Übungen der Luftstreitkräfte große Teile der Bevölkerung lobend über die militärische Stärke der DDR aus.

Auch eine ganze Anzahl Studenten des Institutes für Lehrerbildung Niesky,5 die diesen Übungen zusah, äußerte sich positiv. Die Durchführung des Manövers sei für sie eine Selbstverständlichkeit.

Zu ähnlichen Diskussionen kam es auch im Kreis Zittau über die Errichtung eines großen Zeltlagers durch die NVA.

Die Mehrheit der Mitarbeiter der Medizinischen Akademie Dresden äußerte sich ebenfalls positiv zu den bevorstehenden Manövern. Diese würden der Welt die Kraft des sozialistischen Lagers beweisen, zum anderen sei es notwendig, die sozialistischen Armeen ständig auf ihre Schlagkraft zu erproben.

Diese positive Einstellung breiter Bevölkerungskreise – insbesondere der Stadt Dresden – zu den bevorstehenden Übungen bzw. Veranstaltungen mit den an den Übungen teilnehmenden Truppenverbänden kommt auch in der guten Ausschmückung vieler Straßen und Häuser zum Ausdruck. Sie äußert sich weiterhin im guten Verhältnis zwischen der Zivilbevölkerung der von der Übung berührten Gebiete und den Angehörigen der einzelnen militärischen Verbände.

Die im Raum Cottbus – Dresden festgestellten ablehnenden Auffassungen, die von einem kleinen Personenkreis vertreten werden, sind in der Regel auf das Unverständnis einzelner Personen für die Sperrung bestimmter Gebiete für die Öffentlichkeit, für mögliche Manöverschäden und für die durch Übungen verursachten Kosten zurückzuführen.

Diese Meinungen, die nur in Einzelfällen einen ausgesprochen negativen Charakter tragen, lassen sich im Wesentlichen auf folgende Probleme reduzieren:

  • Verärgerung gibt es besonders über die vorübergehende Sperrung eines Teiles der Dresdener Heide, die mit einer Schließung des bekannten Ausflugslokales »Hoferwiese« verbunden ist.

  • Die bevorstehenden Übungen würden unserem Staat ungeheure Kosten verursachen, die letzten Endes von der Bevölkerung zu tragen seien.

  • Der durch solche Übungen entstehende Schaden sei sehr groß, auch tödliche Unfälle seien nicht zu vermeiden. Unsere Presse würde darüber allerdings nichts berichten, es sei immer nur nachzulesen, wenn es bei NATO-Manövern derartige Vorkommnisse gebe.

Ablehnende Äußerungen gab es auch über die detonationsähnlichen Geräusche beim Durchbrechen der Schallmauer durch Düsenflugzeuge sowie über den beim Einrücken der einzelnen Verbände in das Übungsgebiet entstehenden Lärm. (Verschiedentlich wurde hierzu geäußert, dass es sich um Raketenabschüsse handle.)

In Einwohnerversammlungen der Stadt Dresden gab es aus ähnlichen Gründen ablehnende Meinungen. Vereinzelt wurde hierbei zum Ausdruck gebracht, man wolle nicht zur Wahl6 gehen, wenn die »Belästigung« durch Flugzeuge nicht aufhöre. Zum anderen sei es unverantwortlich, ein Manöver solchen Ausmaßes in unmittelbarer Nähe einer Großstadt durchzuführen, weil sich dadurch die Unfallgefahr vergrößere.

Von einer ganzen Anzahl Bauern aus dem Kreis Weißwasser, die entlang der Neiße ansässig sind, wird Beschwerde darüber geführt, dass sie in Vorbereitung der militärischen Übungen ihre Kartoffeln vorzeitig roden mussten und dadurch Ertragsverluste erlitten.

(Ähnliche Diskussionen über zu erwartende Futterschwierigkeiten gab es auch in anderen Kreisen.)

Im Zusammenhang mit den bevorstehenden Übungen forderten Verkäuferinnen verschiedener KG7-Verkaufsstellen im Kreis Weißwasser ihre Kunden in mehreren Fällen auf, sich mit Lebensmitteln zu bevorraten, da für die nächste Zeit nicht mit neuen Lieferungen zu rechnen sei.

(In der Gemeinde Reichwalde, [Kreis] Weißwasser, wird das Fehlen von Bohnenkaffee ebenfalls auf die bevorstehende Übung zurückgeführt.)

Äußerungen ausgesprochen negativen Charakters drücken sich in solchen Meinungen aus wie:

  • Niemand, der für den Frieden sei, habe solche Manöver nötig.

  • Man wolle mit den Manövern der Bevölkerung nur zeigen, »wo der Hammer hänge, damit sie am 20.10.1963 richtig wähle«.

  • Über die Kosten von Panzern und Flugzeugen höre man in der DDR nichts mehr, weil man selbst »aufrüste«. Die Verhältnisse in Westdeutschland könnten in dieser Hinsicht nicht mehr als negatives Beispiel bezeichnet werden.

Neben solchen negativen Äußerungen gibt es vereinzelt auch widersprüchliche Spekulationen und Gerüchte über den Grund des Zusammenziehens großer militärischer Verbände im Raum Dresden – Cottbus. (Die Manöver seien lediglich »der Auftakt zum bevorstehenden Krieg«; auf dem Gelände der Dresdener Heide und in der Nähe von Köbeln, [Bezirk] Cottbus, seien Raketenabschussbasen errichtet worden; es seien bereits Personenverluste und Flugzeugabstürze zu verzeichnen.)

Im bisherigen Verlauf der Aktion sind keine wesentlichen, die Gefechts- und Einsatzbereitschaft der beteiligten Armeen beeinträchtigenden feindlichen Handlungen aufgetreten.

Von Bedeutung sind jedoch eine Reihe von Verletzungen der Geheimhaltungspflicht und der Wachsamkeit, insbesondere von Angehörigen der NVA, die brieflich oder mündlich an außenstehende Personen über Pläne und Maßnahmen der jeweiligen Einheiten im Rahmen der Armeeübung, über Dienstdurchführung, Ausrüstung und andere interne Vorgänge Mitteilung machten.

So berichteten z. B. zur Bewachung des Hubschrauberlandeplatzes Weißkeißel, [Kreis] Weißwasser, eingesetzte Posten (Unterfeldwebel und Unteroffizier der NVA) ihnen unbekannten Personen über die Dienstdurchführung, den Posteneinsatz und die Stationierung bestimmter Einheiten.

In der Vorbereitungszeit der Armeeübung (Ende August/Anfang September 1963) wurden auch einige Funkverstöße bekannt, durch die eine Dekonspirierung der Tarntafeln, in denen Angaben über die technische Abwicklung des Funkbetriebes wie Frequenzwechsel, Dringlichkeitsstufen, Arbeitsbereitschaft, Sende- und Empfangsqualität usw. enthalten sind, eintreten kann.

Das betrifft u. a. die Funkstelle des Stellvertreters Rückwärtige Dienste der 11. MSD, die am 1.9.1963 die Tarntafel gröblichst verletzte und dadurch dem Gegner die Möglichkeit einer Rekonstruktion der Tarntafel bot.

Durch zu lange Ausdehnung des Lautstärkeaustausches – u. a. Funkstellen des Stabes der 3. Armee zum Stab der 6. Armee und Oberschiedsrichter 3. Armee – wurden dem Gegner Möglichkeiten zum Anpeilen und zur Ermittlung des Standortes der Station geboten.

Weitere Handlungen beziehen sich auf die Störung der zur Aktion geschaffenen feldmäßigen nachrichtentechnischen Verbindungsmittel.

Während der Vorbereitung der Armeeübung wurden in der Zeit vom 26.8. bis 8.9.1963 in insgesamt zwölf Fällen derartige nachrichtentechnische Verbindungsmittel durch Zerschneiden bzw. Beschädigen und durch Kurzschlüsse unterbrochen.

In einen Fall konnten Schulkinder als Täter ermittelt werden; die Aufklärung der anderen Vorkommnisse ist noch nicht abgeschlossen.

In einem Falle schaltete sich eine noch unbekannte Funkstelle in das Netz der Richtfunkverbindung der NVA ein und versuchte durch Falschmeldungen die Endstellen zu desorientieren. Nach den bisherigen Untersuchungen hatte es sich bei dieser noch nicht restlos aufgeklärten Funkstelle ebenfalls um eine Station der NVA gehandelt, die über entsprechende Kenntnisse wie Teilnehmernamen verfügte.

Durch die westlichen Militärverbindungsmissionen8 wurden seit Beginn der Übungsvorbereitungen insgesamt 20 Fahrten in die Bezirke Dresden und Cottbus durchgeführt, wobei in elf Fällen versucht wurde, in die zeitweiligen Sperrgebiete einzudringen. Dabei wurden Fahrzeuge der englischen Militärverbindungsmission in drei Fällen gestellt und jeweils der zuständigen sowjetischen Kommandantur zugeführt.

Im bisherigen Verlauf der Aktion kam es zu folgenden besonderen Vorkommnissen:

Am 10.9.1963 passierten fünf Militärzüge der ČSSR den Grenzbahnhof Bad Schandau in Richtung Dresden – Cottbus zur Teilnahme an der Übung »Quartett«.

Bei der Abnahme der beladenen Wagen der ČSD durch Wagenmeister der Deutschen Reichsbahn (Überprüfung auf Lauffähigkeit) wurden bei elf Wagen erhebliche, z. T. betriebsgefährdende Missstände festgestellt wie:

  • gebrochene Pufferfedern,

  • fehlende Pufferstoßringe,

  • lose Radreifen,

  • gerissene Pufferhülsen,

  • lose bzw. angebrochene Tragfederböcke.

Nach den entsprechenden Vorschriften und im Interesse der Verkehrssicherheit hätten diese Wagen nicht benutzt und für das Gebiet der DDR angenommen werden dürfen. Zur Gewährleistung der reibungslosen Abwicklung des Militärverkehrs für die Übung wurde die Weiterfahrt nach den einzelnen Entladepunkten jedoch gestattet.

Für die Rückführung nach der Übung können diese Wagen nicht mehr verwendet werden; die Deutsche Reichsbahn wird entsprechende Ersatzwagen stellen.

Am 11.9.1963, gegen 5.55 Uhr, kam es auf dem Bahnhof Dresden-Klotzsche zu einer schweren Zuggefährdung. Von einem auf Gleis 10 stehenden Militärtransport (Transport-Nr. 108787) ragten bei acht Panzern (T 549) die Türme in Richtung des Nebengleises. Erst als die den Zug begleitenden Offiziere auf diesen Umstand hingewiesen wurden, veranlassten diese das Zurückdrehen der Türme.

Unmittelbar danach ragten erneut die Geschützrohre zweier Panzer (ebenfalls T 54) zum Gleis 11, wo zu diesem Zeitpunkt ein besetzter Personenzug (Berufsverkehr) Ausfahrt hatte. Nur durch die Aufmerksamkeit des Lokpersonals des Personenzuges, das Notsignale gab, kam es zu keinen Unfall.

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    14. September 1963
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