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Über den Geflüchteten in Berlin-Mitte

15. September 1964
Einzelinformation Nr. 762/64 über den Grenzverletzter [Vorname 1 Name 1], der am 13. September 1964 gewaltsam mit Unterstützung amerikanischer und Westberliner Kräfte die Grenzsicherungsanlagen durchbrach (Info 771/64 v. 14.9.)

Die weiteren Ermittlungen des MfS zur Person des Grenzverletzers ergaben: Bei dem Grenzverletzer handelt es sich um den am [Tag, Monat] 1943 in Fredersdorf, Kreis Strausberg, geborenen [Vorname 1 Name 1], wohnhaft in Fredersdorf, [Straße, Nr.]. [Name 1] ist als ein arbeitsscheues und kriminelles Element bekannt. Er lernte nach Besuch der 8-klassigen Volksschule in Fredersdorf den Beruf eines Jockeys im Volkseigenen Gestüt Bocksberg. Während er bis zum Tode seiner Mutter am 26.12.1961 einen ordentlichen Lebenswandel führte, sprach er daraufhin übermäßig dem Alkohol zu. Er beteiligte sich im Kreise seiner Kollegen, Jockeys und Pferdepfleger, oft an Trinkereien, die meist mit einer Volltrunkenheit von [Vorname 1 Name 1] endeten. Seine Freizeit verbrachte er oft in Gaststätten, vorwiegend in der HO-Gaststätte »Logierhaus«/Hoppegarten, »Sonnenwirt«/Fredersdorf und »Pudelbar«/Berlin. [Name 1] suchte laufend Frauenbekanntschaften und gab dafür den überwiegenden Teil seines Geldes aus. Er trat angeberisch und protzig auf, seine geistigen Fähigkeiten lagen jedoch unter dem Durchschnitt.

[Name 1] wurde schön öfters von der VP gestellt, als er unberechtigt Kraftfahrzeuge und Fahrräder benutzte, die er vor Gaststätten entwendet hatte. Im Frühjahr 1964 stahl er einer Frau aus Neuenhagen 60,00 DM aus der Handtasche. Außerdem schuldete er verschiedenen Personen in Fredersdorf und Umgebung kleinere Geldbeträge. Er wurde wegen seiner Diebstähle von der Abt. K des VPKA Strausberg bearbeitet, die dann auch Aussprachen mit ihm führte, um erzieherisch auf ihn einzuwirken.

Infolge seines schlechten Lebenswandels und wegen Arbeitsbummelei wurde ihm von mehreren Arbeitsstellen gekündigt und er wechselte ständig die Rennställe und andere Arbeitsstellen. Nach einem Unfall als Jockey war er u. a. als Pferdepfleger noch im Rennstall Bocksberg, anschließend als Arbeiter bei der Straßenbaufirma [Name 2]/Fredersdorf und als Kutscher bei dem Fuhrunternehmer [Name 3] in Fredersdorf tätig. Aufgrund seiner Arbeitsbummelei bei diesen Firmen wurde ihm auch von der Gemeinde Fredersdorf im Februar 1964 eine Arbeitserziehung angedroht. [Name 1] nahm daraufhin bei Trainer [Name 4] in Hoppegarten eine Tätigkeit als Pferdepfleger auf. Von [Name 4], der selbst als Alkoholiker bekannt ist und in dieser Hinsicht noch negativ auf [Name 1] einwirkte, wurde [Name 1] wiederum wegen Kuppelei und Trunkenheit Anfang Juli 1964 fristlos entlassen. Danach nahm er in seinem ehemaligen Lehrbetrieb, dem Volkseigenen Gestüt Bocksberg, Anfang August 1964 Arbeit als Pferdepfleger auf, wo er dann bis zu seinem Grenzdurchbruch beschäftigt war.

[Name 1] ist ledig und gehörte lediglich dem FDGB an, leistete dort aber keinerlei aktive Arbeit. An politischen Fragen war er völlig desinteressiert, negative Diskussionen von ihm wurden in dieser Beziehung aber nicht bekannt.

Im Zusammenhang mit der Entwicklung [Name 1] und seiner charakterlichen Haltung sind noch folgende Faktoren zu sehen:

Die Eltern [Name 1] waren jahrelang geschieden und [Name 1] lebte zusammen mit zwei Brüdern bei seiner Mutter, von der er im katholischen Sinne erzogen wurde. Ansonsten kümmerte sich aber seine Mutter aufgrund ihrer schweren Krankheit wenig um ihn und seine Brüder. Nach dem Tode der Mutter (auch der Vater – der Rundfunkmechaniker in Fredersdorf war – starb im Dezember 1961) erhielt der älteste Bruder [Vorname 2 Name 1] das Fürsorgerecht über [Vorname 1 Name 1]. [Vorname 2 Name 1], geboren [Tag, Monat] 1940 ist als Ingenieur auf dem Gebiet der Feinmechanik im VEB Elektroapparatebau Berlin-Treptow tätig. [Vorname 2 Name 1] hat eine positive Entwicklung genommen, ist Mitglied der FDJ, der GST und des FDGB und zeigt eine gute Einstellung zur DDR. Der zweite Bruder [Vorname 3 Name 1], geboren [Tag, Monat] 1941, beschäftigt als Bäcker in der Konsum-Bäckerei Neuenhagen, hat dagegen im Wohngebiet wegen seiner Trinkereien und negativen Diskussionen einen schlechten Leumund.

Wie weiter festgestellt wurde, hat es zwischen [Vorname 1 Name 1] und [Vorname 2 Name 1] laufend Auseinandersetzungen gegeben, die häufig in Tätlichkeiten ausarteten. In den Tagen vor dem Grenzdurchbruch des [Name 1] hatte [Vorname 1] seinem Bruder [Vorname 2 Name 1] Geld unterschlagen und wurde deshalb von diesem am 11.9.1964 aufgefordert, das Geld zurückzuzahlen. Ferner wurde ermittelt, dass sich [Vorname 1 Name 1] kurz vor dem Grenzdurchbruch, nachdem er am 12.9.1964 Gehalt empfangen hatte, in der bereits erwähnten »Pudelbar« betrunken hatte.

[Vorname 1 Name 1] unterhielt eine Reihe Westverbindungen und soll in Westdeutschland ein Hausgrundstück geerbt haben. Bereits seine Mutter hatte Verbindungen nach Westdeutschland zu Verwandten, die republikflüchtig geworden waren. Sie erhielt von dort laufend Caritas-Pakete und trieb illegal Handel mit Westzigaretten und Bohnenkaffee.

Es wird gebeten zu entscheiden, inwieweit vorstehendes Material im Zusammenhang mit der Grenzprovokation durch die Presse noch ausgewertet werden soll.1

  1. Zum nächsten Dokument Verleihung einer Ehrenurkunde an Professor Steenbeck
    15. September 1964
    Einzelinformation Nr. 763/64 über die Verleihung einer Ehrenurkunde der amerikanischen »Gesellschaft für soziale Verantwortung in der Wissenschaft« an Prof. Dr. Max Steenbeck
  2. Zum vorherigen Dokument Feuergefecht bei Grenzdurchbruch nach Westberlin (Kurzfassung)
    14. September 1964
    Einzelinformation Nr. 771b/64 über den Grenzdurchbruch am 13. September 1964 nach Westberlin mit Feuerunterstützung von US-Besatzern und Westberliner Polizei gegen die Grenzsicherungskräfte der DDR [Kurzfassung]