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Waffendiebstahl und Schüsse von Offiziersschüler

20. Mai 1964
Einzelinformation Nr. 405/64 über einen Waffendiebstahl und die unberechtigte Anwendung der Schusswaffe durch einen Offiziersschüler der Offiziersschule der LSK/LV Kamenz am 17. Mai 1964

Am 17.5.1964, gegen 17.00 Uhr, brach der Offiziersschüler im 3. Lehrjahr, 8. Kompanie, [Name 1, Vorname], geboren [Tag, Monat] 1940 in Breitenstein, wohnhaft Breege/Rügen, [Straße, Nr.], seit 15.10.1959 Offiziersschule LSK/LV Kamenz, Mitglied der SED seit 8.10.1960, Mitglied der FDJ und des DTSB, 21 Belobigungen, gewaltsam in die Waffenkammer seiner Einheit ein, entwendete eine MPi und 600 Schuss Munition und beschoss anschließend aus seiner Unterkunft das Stabsgebäude innerhalb des Objektes der Offiziersschule.

In der bisherigen Untersuchung der Ursachen und begünstigenden Umstände wurde Folgendes festgestellt: [Name 1] wurde wegen einer Verfehlung während des Ausganges am 2.5.1964 der Pfingsturlaub verwehrt, sodass er sich als einziger Angehöriger der 8. Kompanie im Kompanieobjekt befand. Am 16.5.1964 war ihm noch durch den Kompaniechef mitgeteilt worden, dass er aufgrund seiner Magenoperation und der daraus resultierenden Befreiung vom Sport nicht Offizier werden könne.

Am Vormittag des 17.5.1964 trank er – offensichtlich unter dem Eindruck dieser Entscheidungen – in seinem Unterkunftszimmer eine Flasche sowjetischen Dessertwein aus und begab sich anschließend gegen 12.30 Uhr in die HO-Gaststätte des Objektes, wo er sich bis gegen 16.00 Uhr aufhielt und für ca. 15,00 DM weiter alkoholische Getränke zu sich nahm. Zu diesem Zeitpunkt verließ er die Gaststätte, wobei es am Ausgang zu einer Auseinandersetzung mit einem Gefreiten kam, weil dieser gegenüber dem [Name 1] die Grußerweisung verweigert hatte. Zur Klärung dieser Angelegenheit begaben sich beide zum Offizier vom Dienst, der sie jedoch aufgrund ihres angetrunkenen Zustandes abwies und für den 18.5.1964 zu sich bestellte.

Da [Name 1] beim OvD keine Unterstützung erhielt, verließ er verärgert das Stabsgebäude und ging in Richtung Unterkunft. Aufgrund seines Zustandes – starke Verärgerung und übermäßiger Alkoholeinfluss – kam ihm der Gedanke, sich selbst vor Abschluss des Offizierslehrganges vom weiteren Schulbesuch auszuschließen.

In seiner Trunkenheit entschloss er sich deshalb, aus der Waffenkammer der Kompanie eine MPi und Munition zu entwenden und diese im Objekt zu verschießen. Er hoffte damit zu erreichen, dass sich seine Vorgesetzten mit ihm beschäftigten.

[Name 1] ging nach Erreichen des Unterkunftsgebäudes sofort zur im ersten Stock gelegenen Waffenkammer. Aus einem Nachbarzimmer entnahm er einen Feuerwehrspaten. Mit dem Spatenblech fuhr er zwischen Mauerwerk und Gittertür bzw. zwischen Holzrahmen und Holztür und löste mit Hebeldruck beide verschlossenen Türen aus ihrer Verankerung im Mauerwerk bzw. im Holzrahmen. In der Waffenkammer entnahm er sich eine MPi (KMK1) und ein im Waffenständer abgelegtes Magazin. Danach erbrach er eine Holzkiste, aus der er 600 Schuss MPi-Munition entwendete. Anschließend suchte er sein in der gleiche Etage gelegenes Unterkunftszimmer auf, füllte das Magazin und schoss aus dem Fenster in Richtung des ca. 200 m gegenüberliegenden Stabsgebäudes.

Die vom OvD zur Festnahme des [Name 1] eingesetzten Offiziersschüler [Name 2], [Name 3] und [Name 4] wurden beim Öffnen der Tür des Unterkunftszimmers ebenfalls von diesem beschossen. Erst als die Festnahmegruppe zwei Warnschüsse im Flur abgab, kam [Name 1] der Aufforderung zum Ablegen der Waffe nach. Nach erfolgter Festnahme riss sich [Name 1] die Schulterstücke von der Uniform und beschimpfte die anderen Offiziersschüler mit »Verräter« und »feige Schweine«. Insgesamt wurden durch [Name 1] 95 Schuss wahllos im gesamten Objektbereich (Exerzierplatz, begrenzt durch mehrere Unterkunftsgebäude usw.) abgegeben, wodurch die anwesenden NVA-Angehörigen und Zivilpersonen (Besucher) in Deckung gezwungen und ernsthaft gefährdet wurden. Personen wurden nicht verletzt.

[Name 1] stammt aus einer Arbeiterfamilie, die Eltern sind Mitglieder der Fischereiproduktionsgenossenschaft in Breege/Rügen. Die Schwester ist mit dem Polit-Stellvertreter des NVA-Objektes Prora verheiratet.

Weitere Maßnahmen zur näheren Aufklärung der Ursachen und begünstigenden Bedingungen wurden durch das MfS eingeleitet. Die Untersuchungen dauern noch an.

  1. Zum nächsten Dokument Festnahme einer angeblich dänischen Staatsbürgerin
    22. Mai 1964
    Einzelinformation Nr. 412/64 über die Festnahme einer angeblichen dänischen Staatsbürgerin am 19. Mai 1964 auf dem KPP Bahnhof Friedrichstraße
  2. Zum vorherigen Dokument Vorgänge im Zusammenhang mit dem Deutschlandtreffen
    19. Mai 1964
    Bericht Nr. 404/64 über einige Vorgänge im Zusammenhang mit dem Deutschlandtreffen