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4. Bericht über den Verlauf der Leipziger Herbstmesse

11. September 1965
Einzelinformation Nr. 807/65 über den Verlauf der Leipziger Herbstmesse 1965 (4. Bericht)

Nach Angaben der Volkspolizei wurden bis zum 10.9.1965 (Schließung der Meldestellen) folgende Messegäste erfasst:

[Herkunftsgebiet]

1965

1964

Veränderung

Soz. Staaten

14 294

10 735

+ 3 559

Nichtsoz. Staaten

5 146

4 484

+ 662

Westberlin

4 587

5 247

– 660

Westdeutschland

13 208

10 449

+ 2 759

Der Rückgang der Besucherzahl aus Westberlin im Vergleich zur vorigen Herbstmesse ist offensichtlich darauf zurückzuführen, dass im vorigen Jahr eine große Anzahl von Westberlinern die Leipziger Messe zu Familientreffen benutzt hat. Diese bisher während der Messe erfolgten Familientreffen finden jetzt offensichtlich im Rahmen des Passierscheinabkommens1 statt.

Im Verlaufe der Messe wurde festgestellt, dass sich eine relativ große Zahl von westdeutschen und Westberliner Messebesuchern der Zimmervermittlung durch das Reisebüro der DDR entzieht und sich selbst Quartier sucht.

Aus Westdeutschland sind etwa 910 Mitglieder von Arbeiterdelegationen anwesend. Im Vergleich zur vorjährigen Herbstmesse sind es um ca. 800 weniger. Der Rückgang ist darauf zurückzuführen, dass anlässlich der diesjährigen Herbstmesse keine Arbeiterkonferenz stattgefunden hat. Durch eine Reihe westdeutscher Aussteller der metallverarbeitenden Industrie, die Informationsstände auf dem Gelände der technischen Messe errichtet haben, wird eingeschätzt, dass ihre Anwesenheit vor allem dem Druck der DSM zu verdanken sei. Es ist festzustellen, dass diese Informationsstände durch die dritte Garnitur der entsprechenden Konzerne und durch deren Westberliner Vertreter besetzt wurden.

Besonders rege wird der Besuch von Einkaufsdelegationen aus den Waren- und Versandhäusern eingeschätzt. Aus dieser Branche waren bis zum 10.9.1965 ca. 130 namhafte Einkäufer in Leipzig anwesend. Bisher wurden durch sie Verträge in Höhe von etwa 40 Millionen Valuta-Mark, vorwiegend für 1966, abgeschlossen.

Das Versandhaus Otto hat die Absicht, Lagerware für 100 Millionen VE in der DDR abzusetzen. Otto-Versand würde auf drei Jahre kreditieren. DDR-Angebote auf Lagerware zum Austausch können zurzeit nicht gemacht werden. Otto-Versand beabsichtigte, hochaktuelle Waren, wie Sportartikel, Kinderbekleidung, Herren- und Damenoberbekleidung, Fahrräder, Spielwaren, Kameras, Rundfunk- und Fotoartikel u. a. zu beziehen. Die Verhandlungen werden fortgesetzt.

Am 7.9.1965 fand mit Vertretern des Großversandhauses Quelle ein Grundsatzgespräch statt, in dessen Verlaufe sich Quelle gegen die Veröffentlichung der Waschmaschinenlieferungen der DDR wandte. Diese Veröffentlichung widersprach den mit Quelle getroffenen Vereinbarungen. Quelle ist daran interessiert kontinuierliche Beziehungen auf der Grundlage von Rahmenvereinbarungen mit der DDR herzustellen. Unsere AHU lehnen jedoch insbesondere bei Textilien langfristige Vertragsvereinbarungen ab. Quelle wehrte sich besonders gegen Preiserhöhungen technischer Bedarfsgüter auf der Messe. Die Firma bestätigte zwar die sprunghaften Qualitätsverbesserungen von DDR-Waren in allen Bereichen und die Bereitschaft im Rahmen der Marktentwicklung Zugeständnisse zu machen, müsse jedoch rechtzeitig davon informiert werden.

Westdeutsche und westliche Konzerne bringen im immer stärkeren Maße den Wunsch nach verstärkter Kooperation zum Ausdruck. So wünscht die Firma Stahlunion (Thyssengruppe) eine Kooperation bei der Errichtung einer Sodafabrik in der Türkei um ihre Hauptkonkurrenten Zahn und Solvay auszuschalten. Die DDR soll mit 50 % an den Ausrüstungslieferungen beteiligt werden und das Know-how liefern.

Vom Klöcknerkonzern werden verstärkt Werkzeugmaschinen aus der DDR bezogen. Die Firma beabsichtigt, ihren Stand zur Frühjahrsmesse auf 240 qm zu vergrößern. Für den Industriezweig Gießereimaschinen ergeben sich für 1966 erstmalig Liefermöglichkeiten von kompletten Anlagen nach Westdeutschland. Zu diesem Zweck ist es notwendig, die Konstruktionskapazität in den entsprechenden Betrieben der DDR zu verstärken.

Am 7.9.1965 fanden Handelsgespräche des Ausschusses zur Förderung des deutschen Handels und der Industrie- und Handelskammer Rostock statt. Am 9.9.1965 fand das Handelsgespräch des Ausschusses zur Förderung des Berliner Handels statt. Bei diesen Handelsgesprächen war allgemein festzustellen, dass sich die westdeutschen Teilnehmer weniger auf die Grundsatzfragen des Handels zwischen beiden deutschen Staaten und dem besonderen Gebiet Westberlin konzentrierten, sondern stärker ihre eigenen Interessen in den Vordergrund stellten. Die Kernfragen des Handels, insbesondere die Probleme der Mineralöllieferungen und der Lieferungen an Braunkohlenbriketts, wurden nicht als Hauptfragen erkannt. Die westdeutschen Teilnehmer ließen immer wieder erkennen, dass sie sich nur für ihre spezifischen eigenen Interessen und dementsprechend nur für bestimmte Waren einsetzen wollten. Verschiedentlich traten Meinungen auf, dass die DDR den Handel zwischen beiden deutschen Staaten künstlich beschränken müsse, wenn sie ihren Verpflichtungen im Handel mit anderen westeuropäischen Ländern nachkommen wolle.

Bis zum 8.9.1965 wurden Vertragsabschlüsse über insgesamt 430 Millionen Valuta-Mark im Export getätigt. Davon entfallen auf das kapitalistische Ausland 104,2 Millionen Valuta-Mark. Im Import wurden Verträge über 57,5 Millionen Valuta-Mark abgeschlossen, davon über 22,5 Millionen Valuta-Mark aus dem kapitalistischen Ausland.

Per 8.9.1965 fehlten insgesamt noch 340,6 Millionen Valuta-Mark-Verträge zum Staatsplan. Insgesamt konnte festgestellt werden, dass am 4. Tag der Messe die Vertragsabschlüsse die Höhe des 6. Tages im Vorjahr bereits überschritten hatten.

Amerikanische Vertreter treten in erheblichem Umfang als Einkäufer von Mustersendungen auf, mit denen sie den amerikanischen Markt testen wollen. Es ergeben sich Möglichkeiten zum Absatz von Ascota-Saldiermaschinen, Ascota-Buchungsautomaten, Operngläsern u. a. Erzeugnisse.

Auf dem Gebiet des Anlagenexports finden zahlreiche Verhandlungen statt. Bemerkenswert sind Anbahnungen über die Lieferung einer Zuckerfabrik nach dem Libanon, von Tagebauausrüstungen nach der UdSSR, einer kontinuierlichen Drahtstraße nach Pakistan (43 Millionen VM), eines Großplattenwerks nach Libyen, einer optischen Fabrik nach der Volksrepublik Korea unter technischer Hilfe des VEB Carl Zeiss u. a.

In erheblichem Maße sind westliche Firmen bereit, Lieferungen von Erzeugnissen der metallverarbeitenden Industrie der DDR zur Bezahlung ihrer nach der DDR gelieferten Waren entgegenzunehmen. So eine Hamburger Firma Schokoladenverpackungsmaschinen gegen Kaffeelieferungen.

Nach wie vor gibt es starke Anfragen nach Artikeln, die die DDR zurzeit nicht liefern kann. Das betrifft insbesondere Glas- und keramische Erzeugnisse, insbesondere Schaumglas und Bleikristall, elektronische Bauelemente, Pumpstationen, Benzinkanister, Bäckereimaschinen, Küchenmöbel, Transformatoren und andere Erzeugnisse. Besonders ernst sind dabei die entstandenen Disproportionen auf dem Kamerasektor. Infolge der Tatsache, dass die DDR nicht in der Lage ist, im ausreichenden Umfange Zusatzobjektive zu liefern, werden Kameragehäuse ohne Objektive geliefert. Dadurch werden Kunden der Kameraindustrie der DDR der kapitalistischen Konkurrenz geradezu zugeführt.

Die Information darf nicht publizistisch ausgewertet werden.

  1. Zum nächsten Dokument Vorkommnisse bei Kranzniederlegung
    17. September 1965
    Einzelinformation Nr. 826/65 über Vorkommnisse bei der Kranzniederlegung zum Tag der Opfer des Faschismus am 12. September 1965 im Bezirk Neubrandenburg
  2. Zum vorherigen Dokument Durch Propagandaballons in der DDR verursachte Schäden
    11. September 1965
    Einzelinformation Nr. 778/65 über die Einschleusung von Hetzballons aus Westdeutschland und Westberlin in das Gebiet der DDR