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Verlauf der Leipziger Frühjahrsmesse 1968 (1. Bericht)

5. März 1968
Einzelinformation Nr. 230/68 über den Verlauf der Leipziger Frühjahrsmesse 1968 (1. Bericht)

1. Zur Struktur der ausstellenden Besucher

Nach den nunmehr vorliegenden Endzahlen des Leipziger Messeamtes sind auf der Leipziger Frühjahrsmesse 19681 insgesamt 65 Länder mit 10 290 Ausstellern vertreten. (1967 waren 70 Ausstellerländer mit 10 659 Ausstellern vertreten.) Ein Rückgang ist bei den Entwicklungsländern zu verzeichnen. Acht Entwicklungsländer, vorwiegend südamerikanische Länder, aber auch Tansania und Tunesien haben auf der diesjährigen Frühjahrsmesse nicht ausgestellt. Neu hinzugekommen sind Ghana, Nigeria, Sambia und Kuweit. 27 kapitalistische Industrieländer stellen auf der LFM 1968 aus. Von den sozialistischen Ländern fehlt lediglich die Volksrepublik China. Albanien hat erstmals nach mehrjähriger Pause wieder ausgestellt. Von den sozialistischen Ländern haben die UdSSR, Polen, Albanien, Korea, Kuba und Vietnam Kollektivausstellungen errichtet. Die übrigen sozialistischen Länder haben ausschließlich Einzelstände belegt. Nach den bisherigen Einschätzungen entspricht die Qualität des technischen Angebotes der sozialistischen Länder im Wesentlichen der des Vorjahres. In der Ausstellung der UdSSR sind besonders stark die Modelle kompletter Betriebsanlagen, Bergbaugeräte, Werkzeugmaschinen, Landmaschinen und Automobile vertreten. Bei der ČSSR ist die Ausstellung der Automatisierungstechnik bemerkenswert. Interessante Exponate sind ferner die polnischen Werkzeugmaschinen und die Automatisierungstechnik dieses Landes sowie chemische Erzeugnisse und Fördergeräte Bulgariens.

Die Qualität der Aussteller aus kapitalistischen Industrieländern hat sich durch Neuanmeldung bedeutender Konzerne verbessert. Von den zehn größten westeuropäischen Chemiekonzernen sind neun vertreten, von den acht größten Elektrokonzernen sechs. Andererseits sagten aus kommerziellen Gründen bedeutende westeuropäische Automobilfirmen ab. Durch Kollektivausstellungen und Informationsstände sind Finnland, Italien, Österreich, Zypern vertreten. Schwerpunkte des Angebotes der kapitalistischen Länder sind Förder- und Hebegeräte, Chemieausrüstungen, Werkzeugmaschinen, elektronische Ausrüstungen, Betriebsmess-, Steuer- und Regelgeräte, Datenverarbeitungsanlagen und allgemeine Messtechnik.

Die westdeutsche Beteiligung ist leicht gestiegen, während die Westberliner Beteiligung etwas zurückgegangen ist. Ursache dafür ist die Verlagerung der Anmeldungen für insgesamt 900 m2 von Westberliner Zweigfirmen auf die westdeutschen Stammhäuser. Bei Ausschaltung dieses Faktors ist die Westberliner Beteiligung echt gewachsen.

Bei der Besucherwerbung wurde besonders auf die Gewinnung von Facheinkäufern, Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und wichtigen Importeuren orientiert.

Insbesondere gegenüber dem sozialistischen Ausland wurde auf eine Verbesserung des Niveaus der Messebesucher hingearbeitet, um in erster Linie Wissenschaftler, Techniker und Facharbeiter berücksichtigen zu können. So werden in Ungarn die Kontingente ausschließlich an Ministerien, Außenhandelsunternehmen und Betriebe vergeben. Von den insgesamt 5 500 zu erwartenden Messegästen aus Bulgarien sind nur etwa 400 reine Touristen ohne spezielles fachliches Interesse.

Bei den Besuchern aus dem kapitalistischen Wirtschaftsgebiet ist noch keine Einschätzung möglich. Es zeigt sich jedoch, dass der Vorverkauf an Messeausweisen stärker ist als im Vorjahr. In Westdeutschland wurden bis 1.3. 17 239 Messeausweise verkauft, in Westberlin 3 000. Entsprechend den Festlegungen wurden etwa 3 500 Anträge auf Aufenthaltsgenehmigung in Westberlin nicht bearbeitet.

Bis zum 4.3.[1968] abends wurden folgende Messebesucher meldepolizeilich erfasst:

[Herkunft der Besucher]

LFM 1968

LFM 1967

Sozialistische Staaten

9 641

7 963

Kapitalistische Staaten

5 712

6 024

Westberlin

2 652

4 318

Westdeutschland

15 619

15 767

Arbeiterkonferenz2

1 283

1 419

Gesamt

34 907

35 491

Die Anreise der Messebesucher wird u. a. durch die stärkere Einbeziehung Leipzigs in internationale Flugverbindungen während der Messe erleichtert. Nach Prag, Wien, Kopenhagen, Amsterdam, Zürich und London bestehen Flugverbindungen im Linienverkehr. Charterverbindungen bestehen nach Italien, Belgien, den Niederlanden und Schweden.

Die Situation bei der Unterbringung der Messegäste ist gegenüber dem Vorjahr entspannter. Die Hotelkapazität in Leipzig ist zwar ausverkauft, jedoch stehen in Gera und kleineren Hotels außerhalb Leipzigs noch Hotelbetten zur Verfügung. Die Anzahl der frei verfügbaren Privatbetten hat sich gegenüber der Leipziger Frühjahrsmesse 1967 fast verdreifacht. Es kann eingeschätzt werden, dass sich die Arbeit des Reisebüros bei der Durchsetzung der festgelegten Prinzipien für die Einweisung in Hotels bzw. Privatzimmer erheblich verbessert hat.

2. Zur organisatorischen Vorbereitung und zur Ausgestaltung der Messe

Nach vorliegenden Angaben konnte der Aufbau der Messestände planmäßig abgeschlossen werden. Erstmalig wurde eine stärkere Verlagerung des Transportes des Messegutes von der Schiene auf die Straße festgestellt, die den Ausstellern die Möglichkeit gibt, die Ankunftszeit des Messegutes exakter zu planen und damit den Aufbau zu rationalisieren. Schwierigkeiten gab es beim Antransport des mexikanischen Messegutes nach Leipzig, der auf einem DDR-Frachter erfolgte. Infolge der zu langen Liegezeit des Schiffes in Kuba mussten außerordentliche Maßnahmen ergriffen werden, um ein rechtzeitiges Eintreffen des Messegutes zu gewährleisten (Antransport per Flugzeug auf Kosten der DDR).

Bei der Gestaltung der Stände der DDR-Industrie wurde die Staatsbezeichnung DDR besser als zu vergangenen Messen in die Standgestaltung einbezogen.

Jedoch reicht die Beschriftung noch nicht aus, um die Stände der DDR weithin sichtbar als solche zu kennzeichnen. Besondere Fortschritte gibt es bei den Ständen der VVB Chemieanlagen, der Gestaltung der Halle 18 (schwere Elektrotechnik), Halle 15 Elektronik und den VVB Bau-Kema und Takraf. Die Hallengestaltung in den Hallen 2 und 3 (Metallurgie) ist nach wie vor unbefriedigend gelöst. Die kapitalistischen Großkonzerne beherrschen immer noch das Feld. Die bei der Beratung der Regierungskommission Leipziger Messen am 14.2. dem Generaldirektor des Messeamtes gegebenen Hinweise in Bezug auf Verringerung der Bauhöhen der kapitalistischen Stände in diesen Hallen wurden nicht beachtet.

Einzelne Firmen der DDR stellen nach wie vor nicht das Herkunftsland ihrer Produkte heraus. So verzichtet das VEB Mansfeldkombinat in seinen Prospekten für das kapitalistische Ausland auf Hinweise auf VEB und DDR. Die Firma arbeitet demgegenüber mit Referenzen des Bundesamtes für Materialprüfung Berlin-Dahlem. Ähnliche Erscheinungen gibt es auch bei anderen Betrieben des Ministeriums für Erzbergbau, Metallurgie und Kali.

3. Zum Auftreten westdeutscher und Westberliner Aussteller und Messebesucher

Wie bereits zur Herbstmesse ist auch zur Frühjahrsmesse die Treuhandstelle für den Interzonenhandel3 in Leipzig offiziell vertreten. Der Leiter der TSI Pollak4 äußerte sich zur Eröffnungsrede des Stellvertreters des Vorsitzenden des Ministerrates, Genossen Rauchfuß,5 gegenüber Genossen Behrendt,6 dass er diese als sehr sachlich ansehe. Er habe Schlimmeres, etwa eine Stellungnahme zu Lübke7 erwartet.

Zur Leipziger Frühjahrsmesse werden noch die westdeutschen Bundestagsabgeordneten Dichgans8 (CDU), Pohle9 (CSU), Dorn10 und Opitz11 (beide FDP) erwartet. Das Mitglied des Präsidiums der SPD, MdB Dr. Alex Möller,12 und der hessische Wirtschaftsminister Rudi Arndt13 (SPD) führten am 3.3.1968 getrennte Gespräche mit Genossen Behrendt. Beide gaben sie an, dass sie von Wirtschaftsminister Schiller14 den Auftrag hätten, sich in einem gemeinsamen Gespräch mit Genossen Behrendt über die Situation im Handel zwischen beiden deutschen Staaten zu informieren. Die Führung eines gemeinsamen Gespräches konnte verhindert werden. Genosse Behrendt orientierte die beiden SPD-Funktionäre auf folgende Hauptfragen:

  • Genereller Wegfall des Saldenausgleiches

  • Regelung der Mineralölsteuerfrage

  • Abschaffung des Ausschreibungs- und Regulierungssystems

  • Erhöhung des technischen Swings auf 10 bis 15 % des Umsatzes.15

Möller erklärte, die SPD betrachte die Ostpolitik als Hebel für die Durchsetzung ihrer Konzeptionen. Ihr sei an der Regelung der Handelsfragen sehr gelegen, jedoch scheitere dies insbesondere an der Haltung von Strauß.16 Bemerkenswert war die Tatsache, dass Möller versuchte, die Forderungen der DDR auf Mineralölsteuerausgleich auf 120 Mio. VE herunterzuhandeln. (Dies deckt sich mit bereits früher bekannt gewordenen Sondierungen.) Möller und Arndt distanzierten sich in den Gesprächen vom Bonner »Alleinvertretungsanspruch«.17 Arndt erklärte darüber hinaus, dass er zu dieser Frage während des nächsten SPD-Parteitages Stellung nehmen werde. Arndt führte am 4.3.1968 außerdem ein Gespräch mit Genossen Häber18 vom Staatssekretariat für westdeutsche Fragen.

Die Zahl der aus Westdeutschland eintreffenden Einkäufer der Industriekonzerne sowie der Waren- und Versandhäuser wird sich gegenüber dem Vorjahr stark erhöhen. Die Waren- und Versandhäuser entsenden insgesamt 140 Einkäufer (1967 = 61). Am stärksten vertreten sind die Versandhäuser »Quelle« mit 41 und Neckermann mit 35 Einkäufern.

Nach bisherigen Anmeldungen sind insgesamt 92 Einkäufer der Konzerne der Industrie zu erwarten. Die Anwesenheit dieser Käufer wird genutzt, um im Rahmen der Export-Import-Koordinierung Möglichkeiten zur Erweiterung der Exporte nach Westdeutschland zu schaffen.

Bemerkenswert ist eine Initiative des westdeutschen Vereins der Maschinenbauanstalten VDMA, der gegenüber dem Leipziger Messamt erklärte, dass sich der VDMA im Rahmen der Rationalisierung des Messebesuches vorrangig auf die Leipziger Messe konzentrieren wolle und über sie ihren Osthandel abwickeln werde. Der VDMA wünsche in dieser Frage eine Zusammenarbeit mit dem Messeamt. (1961 war der VDMA Hauptträger der Boykottaktion gegen die Leipziger Messe und propagierte Brno und Poznań als führende Osthandelsmessen.)

Die Kennzeichnung der Westberliner Messestände mit den vorgeschriebenen Bezeichnungen Westberlin bzw. Berlin (West) wurde durchgesetzt. Dabei stellte sich heraus, dass der vom Börsenverein der Buchhändler der DDR zusammengestellte Ausstellerkatalog für Westberliner Verlage teilweise die falsche Bezeichnung Berlin enthielt. Die Kataloge wurden eingezogen.

4. Zur Kontakttätigkeit westlicher Firmen

Nach bisherigen Informationen konzentriert sich die Kontakttätigkeit westlicher Firmen vor allem auf die strukturbestimmenden Industriezweige. Die Konzerne wenden sich zum Teil direkt an leitende Wirtschaftsfunktionäre der DDR, indem sie an deren Privatadressen schreiben und Kontaktaufnahmen vorschlagen. Neben den offiziellen Einladungen zu Standbesuchen, Fachvorträgen und wirtschaftlichen Kontaktgesprächen wird vor allem versucht, eine schwerkontrollierbare persönliche Kontaktbasis zu schaffen.

Besondere Aktivität entwickeln dabei der IBM-Konzern, die Firmen Hartmann und Braun, Westdeutschland, Farbwerke Höchst, Westdeutschland, Danfoss, Dänemark, und andere. Besonderes Interesse zeigen die westdeutschen Chemiekonzerne an dem Polyester-Polyurethan-Programm der DDR.

Auch die Leipziger Frühjahrsmesse 1968 wird von westlichen Konzernen benutzt, um Adressensammlungen von Wirtschafts- und technischen Kadern durchzuführen. Westliche Konzerne streben dabei danach, nicht nur Angaben über die Adressen, sondern auch die Produktionsprogramme der entsprechenden Betriebe der DDR zu erhalten.

Bei einer westdeutschen Firma wurde ein Buch mit Anschriften von DDR-Bürgern, die bei der Leipziger Frühjahrsmesse 1967 gesammelt wurden, sichergestellt.

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