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Kirchentag der Evangelischen Landeskirche Mecklenburg in Rostock

28. Juni 1976
Information Nr. 465/76 über den Landeskirchentag der Evangelischen Landeskirche Mecklenburg (Schwerin) vom 11. bis 13. Juni 1976 in Rostock

Dem MfS wurden Einzelheiten über den Verlauf des Landeskirchentages der Evangelischen Landeskirche Mecklenburg (Schwerin), der vom 11. bis 13. Juni 1976 im Michaelshof und der Marienkirche in Rostock stattfand, bekannt, die im Folgenden mitgeteilt werden.

Am Landeskirchentag, der unter dem Thema: »Gottes Wege führen weiter« durchgeführt wurde, nahmen insgesamt ca. 1 800 Personen – darunter ca. 80 geladene Gäste – teil. Zum Abschluss des Landeskirchentages wurden in 14 Gottesdiensten weitere ca. 6 500 Besucher und zur Abschlussveranstaltung ca. 8 000 Besucher festgestellt.

Unter den zum Landeskirchentag geladenen Gästen befanden sich u. a.:

  • die Oberreferenten für Kirchenfragen der Bezirke Rostock, Neubrandenburg und Schwerin,

  • der Stellvertreter des Oberbürgermeisters für Innere Angelegenheiten der Stadt Rostock,

  • der Vorsitzende des Bezirksvorstandes Rostock der CDU,

  • Vertreter von Religionsgemeinschaften,

  • der Vorsitzende des Ökumenischen Arbeitskreises für Information in Europa und Chefredakteur des Evangelischen Pressedienstes (epd), Frankfurt/M., Hans-Wolfgang Hessler,

  • die Pressereferentin des Präsidiums des »Deutschen Evangelischen Kirchentages« und Mitglied des »Ökumenischen Arbeitskreises für Information in Europa« für die BRD, Dr. Carola Wolf, Fulda,

  • der Journalist des Evangelischen Pressedienstes (epd) in Westberlin, Hans-Jürgen Röder, Westberlin.

Die Evangelische Landeskirche Greifswald wurde nicht durch Bischof Gienke, sondern dessen theologischen Stellvertreter Oberkirchenrat Flath, Grimmen, und Propst Lange, Altefähr, vertreten.

Am 11. Juni 1976, 15.00 Uhr, wurde der Landeskirchentag durch den Bischof der Evangelischen Landeskirche Mecklenburg (Schwerin), Rathke, eröffnet. In seiner Eröffnungsansprache hob er die staatliche Hilfe bei der Vorbereitung des Landeskirchentages hervor.

Der Landessuperintendent des Kirchenkreises Parchim, Schröder, brachte anschließend u. a. zum Ausdruck, der Tag, an dem der Staat einem Gesamt-DDR-Kirchentag positiv gegenüberstehe, sei nicht mehr fern.

Zur abendlichen Veranstaltung in der Marienkirche sprachen Dr. Heidrich, Sektion Theologie der Universität Rostock, und Studentenpfarrer Siegmund, Rostock.

Von den anwesenden ca. 1 800 Personen waren etwa 60 Prozent im Alter bis zu 25 Jahren.

Heidrich verband seine theologischen Ausführungen mit Hinweisen auf die Gegenwart. Bei entsprechenden Bibeltexten äußerte er, dass die »Welten« das jetzige Kirchenschiff zum Kentern bringen wollten, der Kleinglaube bei den Menschen Not und Angst erzeuge und durch die schwindende Kirche die Angst in der Welt wachse, beunruhigende Fragen von beunruhigten Menschen durch Probleme des Schichtrhythmus, des Zehntagerhythmus entstünden und daran angeknüpft Probleme in Ehe und Familie. Daraus erhebe sich die Frage: »Kommt man als Christ in der Welt nicht mehr zurecht?«. Hier sehe die Kirche ihre Chance.

Am 12. Juni 1976 tagten die sechs Arbeitsgruppen des Kirchentages mit jeweils ca. 100 bis 150 Kirchentagsteilnehmern. Der Anteil der Jugendlichen lag bei etwa 50 Prozent. Beachtenswerte Diskussionen gab es in der Arbeitsgruppe IV »Fragen einer veränderten Welt«. In den Diskussionen wurden Bischof Fränkel, Görlitz, und Propst Dr. Falcke, Erfurt, als die Kirchenpersönlichkeiten charakterisiert, die während vergangener Synoden den Staat mehrfach gemahnt hätten, den Christen gegenüber Loyalität zu zeigen. Weiter wurde geäußert, dass »die Gruppe in der DDR, die immer mehr Macht beanspruche«, auch Andersdenkende ernst nehmen müsse.

Polemisiert wurde um das Menschenbild des Marxismus, besonders um die Anerkennung der Wandelbarkeit des Menschen. In diesem Zusammenhang wurde geäußert, dass die Marxisten der »alten Schule« sich heute umsonst »abstrampelten«.

In der Arbeitsgruppe VI: »Fragen der Zukunft« vertrat der Theologiestudent [Name], Rostock, die Meinung, in der DDR gebe es keine Möglichkeiten, bei der Gestaltung der Zukunft mitzureden oder wirksam zu werden. Diese Meinung wurde jedoch von Teilnehmern der CDU1 widerlegt und fand die Respektierung der Arbeitsgruppenleitung.

Am 12. Juni 1976 trat die katholische Kabarettgruppe aus Dresden, die »Deka-Nahtlosen«, auf. Dazu gab der Leiter der Geschäftsstelle des Evangelischen Jungmännerwerkes Berlin, Hilmar Schmid, Berlin, eine Einleitung. In seinem Vortrag befasste er sich besonders mit der Perspektive der Jugend in der DDR und betonte, den jungen Christen unserer Gesellschaft werde es in Schule und Beruf schwer gemacht und sie würden oft benachteiligt. Er bemerkte ausdrücklich, er selbst dulde neben sich keine andere Ideologie bzw. Weltanschauung. Der Marxismus-Leninismus »drücke andere an die Wand« und ließe anders denkenden Menschen keine Chance. Die sozialistische Planwirtschaft werde manchem Bürger in der Weise zum Verhängnis, in dem sie im »bürokratischen Netz der Planwirtschaft« hängen bliebe. Der anschließende Auftritt der genannten Kabarettgruppe enthielt im gleichen Sinne versteckte Aussagen gegen die sozialistische Gesellschaftsordnung. Er fand bei den ca. 400 Anwesenden, von denen etwa 90 Prozent Jugendliche waren, Zuspruch.

Am 13. Juni 1976 fanden zum Abschluss des Kirchentages 14 Gottesdienste mit insgesamt ca. 6 500 Besuchern, die Abschlussveranstaltung mit ca. 8 000 Besuchern und eine Pressekonferenz statt.

Der Jugendgottesdienst in der Heilig-Geist-Kirche war von ca. 800 Teilnehmern, darunter etwa 50 Prozent Jugendlichen, besucht. Die Predigten wurden vom katholischen Bischof Theissing, Schwerin, und Landessuperintendent Schröder gehalten. Bischof Theissing betonte, es käme darauf an, nicht am eigentlichen Leben vorbeizuleben. Insgesamt fehle es an Gemeinschaft in der Gesellschaft. Man müsse sich jedoch hüten, sich in eine Gemeinschaft zu stark hineinzuleben, da man sonst zur »Nummer« würde. Landessuperintendent Schröder äußerte, nicht nur die Kirche beschäftige sich mit Fragen der »menschlichen Isolation«. Das Leben in Wohlstand führe zur Isolation. Die Begegnung mit Jesus werde zur Droge, wenn sie mit Liebe und Begeisterung durchgeführt werde.

Der evangelische Landesbischof Krusche, Magdeburg, hielt zwei Gottesdienste. In beiden Reden wandte er sich indirekt gegen die in der DDR bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse. Er äußerte u. a., er habe Freude daran, dass es viele Theologiestudenten aus atheistischen Elternhäusern gebe. Obwohl das Gewohnheitschristentum verschwunden und die kirchliche Gemeinde ärmer und weniger geworden sei, hätten viele junge Menschen zur Kirche gefunden. Diese Entwicklung gestalte sich jedoch unter »erschwerten Bedingungen«. So verwehre der Staat u. a. in neuen Stadtteilen den Bau neuer oder die Nutzung anderer Gebäude für kirchliche Veranstaltungen. Das sei »ein Widerspruch zur Verfassung der DDR«. Die Regierenden würden jedoch einsehen, dass es nicht gut sei, eine Gruppe von Bürgern so zu benachteiligen. Dabei bezog er sich auf eine Situation in der Kirchengeschichte: Die böhmischen »Brüder« seien 160 Jahre lang verboten gewesen. Da sei die Möglichkeit des Hauspriesters entdeckt worden. Der Weg in die Wohnungen, auch in unseren Städten, werde vielleicht eine große Möglichkeit sein. Es käme gegenwärtig darauf an, auch über innerkirchliche Fronten hinweg Verständnis füreinander zu haben.

Das Symbol des Kreuzes bedeute die tiefste Gottverlassenheit, hinter der jedoch Gott warte. Auch die beste gesellschaftliche Ordnungsform bliebe ein »Machwerk sündiger, schuldiger Menschen«. Alles das sei dem Tod verfallen.

Krusches Ausführungen wurden von den Anwesenden mit starkem Beifall aufgenommen. Der anwesende Journalist Röder, epd, nahm die Rede Krusches auf Tonband auf und äußerte sich zustimmend zu diesen Ausführungen.

Am 13. Juni, 14.00 Uhr, begann die Abschlussveranstaltung, an der ca. 8 000 Personen teilnahmen. Gäste waren u. a. Bischof Härtel, Dresden, Bischof Theissing, Schwerin, Bischof Krusche, Magdeburg, Bischof Gienke, Greifswald, Bischof Rathke, Schwerin, Pfarrer Krüger-Haye, Storkow, und der Präses des »Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR«, Schröder. Bischof Rathke, Schwerin, eröffnete die Abschlussveranstaltung mit einem Gruß an alle Christen und betonte, dass auch diejenigen bedacht seien, die am Kirchentag nicht teilnehmen konnten, weil es ihnen nicht möglich gemacht worden sei. Bischof Gienke sprach sich in seinem Gebet dafür aus, dass sich die Politiker und Staatsmänner der DDR auch weiterhin für die Erhaltung des Friedens und das, was geschaffen wurde einsetzen.

Auf der anschließenden Pressekonferenz wurde von den führenden Kirchenvertretern die Feststellung getroffen, der Kirchentag habe bei den teilnehmenden Gemeindemitgliedern das persönliche Bewusstsein in der Gemeinschaft gestärkt. Besonders hervorgehoben wurde die Anwesenheit zahlreicher junger Menschen. Als gutes Zeichen wurde die Beteiligung katholischer und freikirchlicher Christen gewertet.

Auf eine Frage (Fragesteller namentlich nicht bekannt), wie der gegenwärtige Entwicklungsstand der Landeskirchen im Sozialismus eingeschätzt werde, antwortete Bischof Rathke, die Kirche befinde sich nicht auf einer Ebene, aber diese Frage liege der Kirche sehr am Herzen. Interessant zu beobachten sei, dass die Laien die Frage häufig umgekehrt stellten: wie ist für einen Christen ein Leben im Sozialismus möglich. Das Stattfinden des Kirchentages sei dazu insgesamt eine positive Antwort.

Dem MfS wurde intern bekannt, dass die Veranstalter des Landeskirchentages mit dessen Verlauf nicht voll zufrieden waren. Die angestrebte Zielstellung – besonders die erwartete breitere Massenwirksamkeit – sei nicht in vollem Maße verwirklicht worden. Die Diskussionen in den Arbeitsgruppen seien überwiegend wenig konstruktiv und kaum anwendbar für eine Auswertung in den Gemeinden gewesen. Erschöpfende Antworten auf gestellte Problemdiskussionen seien kaum erarbeitet worden.

Die Information ist wegen Quellengefährdung nur zur persönlichen Kenntnisnahme bestimmt.

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    28. Juni 1976
    Information Nr. 478/76 über einige politisch-operative Aspekte im Zusammenhang mit der Konferenz der kommunistischen und Arbeiterparteien Europas
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    27. Juni 1976
    Zur Lage und Entwicklung in der VR Polen im Zusammenhang mit dem polnischen Regierungsprojekt über die Änderung der Preisstruktur [Bericht O/26e]