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Statistik Reiseverkehr DDR–Polen 1.1.–30.6.1976

[ohne Datum]
Information Nr. 734/76 über die Entwicklung des pass- und visafreien Reiseverkehrs zwischen der DDR und der Volksrepublik Polen in der Zeit vom 1. Januar bis 30. September 1976

Im Zeitraum vom 1. Januar bis 30. September 1976 reisten insgesamt 4 996 516 Bürger der VR Polen im pass- und visafreien Reiseverkehr in die DDR ein. Der Umfang dieser Einreisen entspricht in Gegenüberstellung zum gleichen Zeitraum des Vorjahres (4 054 507) einer Steigerung um 23,2 Prozent.

Demgegenüber reisten in der Zeit vom 1. Januar bis 30. September 1976 3 132 188 DDR-Bürger im pass- und visafreien Reiseverkehr in die VR Polen. Damit verringerten sich die Ausreisen im Verhältnis zum gleichen Zeitraum des Vorjahres (4 245 386) um 26,2 Prozent. (Der Umfang des pass- und visafreien Reiseverkehrs zwischen der DDR und der VR Polen in den einzelnen Monaten ist aus der Anlage ersichtlich.)

Aus der Entwicklung des pass- und visafreien Reiseverkehrs zwischen der DDR und der VR Polen wird sichtbar, dass

  • die Einreisen von Bürgern der VR Polen in die DDR in den ersten vier Monaten des Jahres 1976 ständig angestiegen sind und bis 30. April 1976 29,7 Prozent (= 435 841 Personen) mehr Bürger der VR Polen in die DDR eingereist sind als im Vergleichszeitraum des Vorjahres, nach einem im Monat Mai (bedingt durch die Schutzmaßnahmen im Zusammenhang mit der Maul- und Klauenseuche) vorübergehend eingetretenen Rückgang in den Sommermonaten Juni bis August 1976 26,1 Prozent (= 435 327 Personen) mehr polnische Bürger in die DDR einreisten als in den Sommermonaten 1975, im Monat September 1976 34,4 Prozent mehr Bürger der VR Polen in die DDR einreisten als im September 1975,

  • die Ausreisen von Bürgern der DDR im pass- und visafreien Reiseverkehr nach der VR Polen in allen Monaten des Jahres 1976 unter denen des Vorjahres lagen, wobei – ausgenommen der Sommermonate Juni bis August 1976, in denen trotz der relativ hohen Ausreisen bereits 25 Prozent weniger DDR-Bürger nach der VR Polen reisten – der Rückgang der Ausreisen von DDR-Bürgern in den Monaten Januar bis Mai 1976 und September 1976 gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahres 33 Prozent beträgt.

Aus der Gegenüberstellung der Entwicklung des pass- und visafreien Reiseverkehrs zwischen der DDR und der VR Polen in den ersten neun Monaten des Jahres 1976 ergibt sich insgesamt, dass sich die Relationen dieses Reiseverkehrs grundsätzlich verändert haben, indem die Ausreisen von Bürgern der DDR, die in den ersten neun Monaten des Jahres 1975 noch um 4,6 Prozent (= 190 879 Personen) höher lagen als die im gleichen Zeitraum erfolgten Einreisen von Bürgern der VR Polen in den ersten neun Monaten des Jahres 1976 um 38 Prozent (= 1 864 428 Personen) unter den in diesem Zeitraum erfolgten Einreisen von Bürgern der VR Polen liegen.

Entsprechend den dem MfS vorliegenden Erkenntnissen ist diese Entwicklung des pass- und visafreien Reiseverkehrs zwischen der DDR und der VR Polen im Wesentlichen auf folgende Faktoren zurückzuführen: In der Zeit vom 17. April 1976 bis 16. Juni 1976 haben die zuständigen polnischen Organe – zunächst bis 1. Mai 1976 mit einseitigen Maßnahmen – im Zusammenhang mit den in den Nordbezirken der DDR aufgetretenen Fällen der Maul- und Klauenseuche den pass- und visafreien Reiseverkehr in beiden Richtungen erheblich eingeschränkt bzw. zeitweilig gänzlich zum Erliegen gebracht.

Mit Wirkung vom 14. Juli 1976 haben die zuständigen Organe der VR Polen durch eine zunächst bis 31. Dezember 1976 befristete Änderung der Zollbestimmungen drastische Maßnahmen zur Unterbindung der Ausfuhr bestimmter Waren und Gegenstände aus der VR Polen und zugleich erhebliche Einfuhrbeschränkungen getroffen. Das verhängte Ausfuhrverbot von Waren aus der VR Polen bezieht sich insbesondere auf Lederwaren, Pelze, Unterbekleidung, Trikotagen, etliche Grundnahrungsmittel sowie Schmuckwaren aus Gold und Platin. Gleichzeitig untersagt wurde die Einfuhr von Lebensmitteln, insbesondere von Fleischwaren und Konserven sowie von Treibstoff, sofern er nicht tankgebunden transportiert wurde. Diese Veränderung der Zollbestimmungen trug – in Einheit mit der instabilen Versorgungslage in der VR Polen – nicht unwesentlich dazu bei, dass ein erheblicher Teil von DDR-Bürgern von der Durchführung individueller touristischer Reisen in die VR Polen Abstand nahm.

Andererseits führte die instabile Versorgungslage in der VR Polen zu einer erheblichen Zunahme der Einreisen von Bürgern der VR Polen in die DDR – vorrangig zum Zwecke des Einkaufs von Waren des täglichen Bedarfs. In diesem Zusammenhang ist festzustellen, dass ein Teil der einreisenden polnischen Bürger verstärkt versucht, die Zollbestimmungen der VR Polen und der DDR zu unterlaufen und in zum Teil nicht unerheblichem Umfang widerrechtlich Waren aus der VR Polen mit dem Ziel der illegalen Veräußerung in die DDR einzuführen. Unter den zur illegalen Weiterveräußerung in der DDR vorgesehenen Waren befinden sich besonders Strickjacken, Pullover, Thermoventilatoren und verschiedene Kosmetika.

Mit Wirkung vom 16. August 1976 sind in der DDR gleichfalls die Zollbestimmungen verändert und insbesondere eine Reihe von Waren unter Ausfuhrverbot gestellt worden, die in den letzten Monaten einem verstärkten Aufkauf durch polnische Bürger unterlagen und zum Teil in Mengen ausgeführt wurden, die den persönlichen Bedarf der Reisenden weit überstiegen. Das betrifft besonders solche Waren wie Kindertextilien, Damenuntertrikotagen und Schuhwaren. Festzustellen ist, dass diese Änderung der Zollbestimmungen der DDR bisher zu keiner Veränderung des Umfangs der Einreisen von Bürgern der VR Polen in die DDR führte. Der im Monat September 1976 im Vergleich zum Monat August festzustellende Rückgang der Einreisen um 19,1 Prozent (= 152 961 Personen) ist im Wesentlichen saisonbedingt.

Wie bekannt wurde, informierte am 19. Oktober 1976 das polnische Reisebüro »Orbis« die Auslandsvertretung des Reisebüros der DDR in Warschau darüber, dass mit Wirkung vom 18. Oktober 1976, zunächst befristet bis 31. Dezember 1976, drastische Einschränkungen in der Valutabereitstellung für Reisen von polnischen Bürgern in alle RGW-Staaten in Kraft getreten seien und die bereitgestellte Valutasumme um 75 Prozent gekürzt wurde.

Demzufolge würden ab sofort pro Person und Tag für Dienstreisen 10 Mark (bisher 40 Mark) und für Touristenreisen 7,50 Mark (bisher 30 Mark) bereitgestellt und für Individualreisen zurzeit überhaupt keine Valuta zur Verfügung gestellt werden.

Durch die Pass- und Zollkontrollorgane der DDR an den Grenzübergangsstellen zur VR Polen wurden am 19. und 20. Oktober 1976 im pass- und visafreien Reiseverkehr von Bürgern der VR Polen in die DDR keine Feststellungen über Auswirkungen dieser Maßnahmen getroffen. Der Umfang der Einreisen entsprach an beiden Tagen den Normalwerten.

Anlage zur Information Nr. 734/76

Statistische Übersicht zum pass- und visafreien Reiseverkehr zwischen der DDR und der VR Polen in der Zeit vom 1. Januar bis 30. September 1976 und Gegenüberstellung zum Vorjahr

[Monat 1976]

Einreisen von Bürgern der VR Polen 1976

Einreisen von Bürgern der VR Polen 1975

Ausreisen von DDR-Bürgern 1976

Ausreisen von DDR-Bürgern 1975

Januar

347 691

524 198

132 910

160 009

Februar

409 546

260 933

260 574

284 625

März

542 814

329 053

195 290

294 061

April

602 141

352 167

242 501

258 061

Mai

346 539

440 947

200 437

562 185

Juni

520 971

444 633

315 724

491 078

Juli

784 519

647 206

696 096

770 173

August

797 628

576 151

757 913

932 819

September

644 667

479 219

330 743

492 375

[Gesamt]

4 996 516

4 054 507

3 132 188

4 245 386

  1. Zum nächsten Dokument Flucht eines Arztes über die Ostsee im Raum Boltenhagen
    15. Oktober 1976
    Information Nr. 719/76 über das am 9. Oktober 1976 erfolgte ungesetzliche Verlassen der DDR durch den Arzt [Name] im Raum Boltenhagen, Kreis Grevesmühlen, Bezirk Rostock
  2. Zum vorherigen Dokument Erweiterung des Schlacht- und Verarbeitungskombinats Eberswalde
    13. Oktober 1976
    Information Nr. 707/76 über im Zusammenhang mit der Errichtung eines Produktionsbetriebes zur Herstellung von Konservendosen am Standort Schlacht- und Verarbeitungskombinat Eberswalde, Bezirk Frankfurt/O., zu beachtende Probleme