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Dossier über den Westberliner Publizisten Andreas Mytze

6. Mai 1977
Information Nr. 305/77 über den Herausgeber der Westberliner Zeitschrift »europäische ideen«, Mytze, Andreas-Wolfgang

Nach dem MfS vorliegenden Hinweisen handelt es sich bei dem Herausgeber dieser Westberliner Zeitschrift um den Mytze, Andreas-Wolfgang, geb. am [Tag] 1944 in Riesa, wohnhaft: Berlin 37, [Adresse], Telefon: [Nr.], Pseudonyme: Andreas W. Mytze; A. W. M.; Mytze wohnt seit mehr als zwölf Jahren in Westberlin. Er studierte an der Westberliner »Freien Universität«, Fachrichtung Germanistik/Theaterwissenschaften, und schloss sein Studium 1969/70 ab. Seit dieser Zeit ist er als freischaffender Journalist tätig, ohne dem Westberliner »Journalisten-Verband«1 anzugehören.

Mytze trat 1972 zunehmend durch Theaterkritiken über Aufführungen von DDR-Bühnen in Erscheinung. Seine Kritiken wurden von mindestens 14 verschiedenen Presseorganen in Westberlin, der BRD und der Schweiz veröffentlicht und erschienen 1976 in Buchform.2 In der Mehrzahl seiner Kritiken kommt eine distanzierte Haltung zur Kulturpolitik der DDR und eine Unterstützung von Tendenzen und Kräften zum Ausdruck, die liberalisierend wirken. Das Spektrum der Presseorgane, für die Mytze schrieb, ist sehr breit und reicht vom »Bayernkurier«3 bis zur »Berliner Stimme«, dem Organ der Westberliner Sozialdemokraten.4

1973 gründete Mytze in Westberlin die Zeitschrift »europäische ideen«, deren Redaktionsanschrift mit seiner Wohnanschrift identisch ist. Die Gründung der Zeitschrift wurde – nach Angaben Mytzes – durch solche Faktoren beeinflusst wie, »sie sei im Jahr des Beginns der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa5 erfolgt; noch entscheidender sei das Selbstverständnis der Zeitschrift als Fortsetzerin eines 3. Weges gewesen, wie ihn die ČSSR bis zum 21.8.1968 beschritten habe«.6

Mytze hatte sich im August 1968 auf dem Höhepunkt der konterrevolutionären Ereignisse selbst in Prag aufgehalten. In persönlichen Äußerungen unterstrich er den Einfluss, den antisowjetische Publikationen von Renegaten und Konterrevolutionären auf ihn ausübten. Dabei nannte er besonders Jiri Weil: »Moskau – Grenze« (1937) (tschechischer Renegat), Ignazio Silone: »Brot und Wein« (1936) (Renegat seit 1927), Milan Kundera: »Der Scherz« (1968) (Wortführer konterrevolutionärer Kräfte in der ČSSR).7 Diese Publikationen hätten damit indirekt zur Gründung der »europäischen ideen« im Sommer 1973 beigetragen.

Mytze entwickelte eine außerordentlich hohe Kontaktaktivität, um Verbindungen zu Kulturschaffenden der DDR herzustellen und auszubauen, unterbreitete Angebote auf Mitarbeit mit Hinweisen darauf, dass bei Nachdrucken durch andere Presseorgane noch mit weiteren Honoraren zu rechnen sei.

In den ersten Jahren ihrer Existenz nutzten die »europäischen ideen« den Vorteil, dass ihre politische Grundposition relativ unbekannt war und knüpften unter Missbrauch des Begriffs »europäisch …« verbal an die mit der KSZE verbundenen internationalen Entspannungsbemühungen an, wodurch zunächst auch progressive DDR-Autoren für eine Mitarbeit gewonnen wurden, wie z. B. Ludwig Renn, Werner Neubert u. a. Der antikommunistische und vor allem antisowjetische Charakter der Zeitschrift zeigte sich mit fortschreitender Entwicklung immer deutlicher und kommt vor allem in Tendenzen zum Ausdruck wie

  • Verleumdung der UdSSR mit der Grundtendenz, eine Vielzahl kommunistischer Emigranten sei in der UdSSR Repressalien ausgesetzt gewesen oder dort ums Leben gekommen,

  • Diffamierung der Kulturpolitik der DDR, z. B. mit Behauptungen Mytzes, die DDR »erpresse« Verlage der BRD, um Veröffentlichungen Biermanns zu verhindern,

  • Angriffe auf Grundaussagen des Marxismus-Leninismus, insbesondere zu solchen Problemen wie »Freiheit, Demokratie und Sozialismus« unter Verwendung von Beiträgen solcher Antikommunisten, Renegaten und Emigranten wie Jiri Pelikan, Josef Skvorecky, Ludek Pachmann, Eduard Goldstücker u. a.

Die massive Einbeziehung derartiger antisozialistischer Kräfte in die Gestaltung der »europäischen ideen« ist eindeutig auf eine ideologische Aufweichung und Zersetzung der sozialistischen Länder sowie progressiver Kreise in kapitalistischen Staaten ausgerichtet.

Mytze weitete den Einfluss seiner Zeitschrift, deren finanzielle Quellen ungeklärt sind, die Hinweise auf öffentliche Rechtsträger, finanzielle Einlagen, Mitgesellschafter u. a. vermeidet, seit ihrer Gründung wesentlich aus.

1976 nahm Mytze darüber hinaus eine Buchproduktion auf, in der ebenfalls antisozialistische Literatur publiziert wird.

Mytze spielte in den vergangenen Jahren eine wesentliche Rolle bei der Propagierung antisozialistischer Kräfte in der DDR wie Havemann und Biermann. Seine Zeitschrift war Ausgangspunkt für (z. T. Erst-)Veröffentlichungen dieser Kräfte, insbesondere Havemanns. Im August 1976 forderte Havemann in einem Beitrag in Mytzes Zeitschrift:

  • die Aufhebung aller Verbote gegen das öffentliche Auftreten bestimmter Personen in der DDR;

  • die Aufhebung der Genehmigungspflicht für Veranstaltungen;

  • die Zulassung mehrerer Bewerber für jedes Volkskammermandat;

  • die Herabsetzung der Altersgrenze für Westreisen und eine ausreichende Devisenversorgung dieser Personen;

  • die Veröffentlichung seines Beitrages im »Neuen Deutschland« als Ausgangspunkt für eine öffentliche Diskussion in der DDR.8

Mytze unterhielt zu Havemann, Biermann und zahlreichen anderen in der DDR wohnhaften Personen eine intensive Verbindung und reiste zur Informationsabschöpfung und Festigung seiner Kontakte häufig in die DDR und die Hauptstadt Berlin ein. (Seit 1974 insgesamt 82 Einreisen.)

Im Zusammenhang mit der Aberkennung der Staatsbürgerschaft der DDR für Biermann9 entwickelte Mytze umfangreiche Aktivitäten, um die negativen Kräfte zu unterstützen, organisatorisch mit zusammenzuführen, durch gezielte Gerüchte eine Atmosphäre der Unruhe zu provozieren und gleichzeitig einer sich scheinbar entwickelnden »Protestbewegung« publizistische Schützenhilfe zu geben.

Er gehörte im November 1976 zu den letzten westlichen Journalisten, die bis zu Havemann persönlich vordrangen, suchte eine Reihe von DDR-Kulturschaffenden persönlich auf, um sie über andere »Protestierende« zu informieren, versandte an zahlreiche DDR-Schriftsteller Telegramme, worin er sie über Anschrift und Sprechzeiten des Militärstaatsanwalts informierte, der für den inhaftierten DDR-Bürger Fuchs10 zuständig sei, um auf diese Weise einen »öffentlichen Druck« auszulösen.

In aggressiven Kommentaren über die Rundfunksender NDR, »Deutschlandfunk« und BBC rief er zur Solidarisierung mit Biermann und Fuchs auf und berief sich auf Zusagen von DDR-Schriftstellern, die schon »mobilisiert« worden seien, »sich für Jürgen Fuchs persönlich einzusetzen«.

Mytze holte darüber hinaus telefonisch Informationen ein und berichtete über die Festnahmen weiterer Personen in der DDR. Zu den von Mytze verbreiteten Desinformationen gehörte u. a., Stefan Heym und Stephan Hermlin seien aus der Partei ausgetreten, »freiwillig gewissermaßen und aus Solidarität mit Biermann …« (Heym gehört nicht der SED an.)

Aufgrund seiner umfangreichen Aktivitäten bei der Unterstützung der feindlichen Kräfte wurde Mytze im November 1976 die Einreise in die DDR gesperrt.

Im März 1977 richtete Mytze einen Brief an den Vorsitzenden des Staatsrates der DDR. Er forderte Genosse Erich Honecker auf, »für eine unverzügliche Freilassung« und die »Aufhebung weiterer Maßnahmen gegen den inhaftierten Schriftsteller Jürgen Fuchs« zu sorgen. Über dieses Schreiben informierte er westliche Nachrichtenagenturen.

Zur Unterstützung seiner Aktionen gegen die DDR mobilisierte Mytze BRD-Autoren, so u. a. Ernst Bloch, Günter Grass, Heinz Brandt, und ermunterte sie zu Zustimmungserklärungen.

1977 erschien in Mytzes Verlag ein »Sonderheft Biermann«, redigiert vom ehemaligen DDR-Bürger Siegmar Faust. Beiträge zu dieser »Dokumentation« lieferten u. a. Heinrich Böll, Heinrich Vormweg (Chefredakteur von »L 76«)11, Dr. Günter Zehm und Hans Habe (Springer-Journalist).

Unabhängig von diesen Vorgängen unterbreitete am 9.3.1977 der Leiter des Aufbau Verlages, Genosse Dr. Voigt, dem Westberliner Verlag »europäische ideen« einen Lizenzvertrag zur Übernahme der Rechte der Veröffentlichung des Buches von Ernst Ottwalt »Ruhe und Ordnung«.12 Mytze unterzeichnete diese Vereinbarung.

Bei Ernst Ottwalt (1901–1943) handelt es sich um einen proletarisch-revolutionären Schriftsteller der Dreißiger Jahre (Mitdrehbuchautor von »Kuhle Wampe«),13 der in der UdSSR verstarb. Die Schwägerin des Ottwalt, Ilse Bartels, wohnhaft im Allgäu/BRD, hatte die Rechte am Werk Ottwalts dem Verlag Mytzes übertragen. Mytze hatte in den vergangenen Jahren intensive Nachforschungen über Ottwalt angestellt, Teile aus seinem Werk publiziert und auch für eine entsprechende antisowjetische Interpretation im Zusammenhang mit dessen Tod gesorgt.14

Da der Aufbau Verlag nicht auf eine Veröffentlichung des Romans von Ottwalt verzichten wollte – zur kulturpolitischen Aufgabenstellung dieses Verlages gehört seit 1975, die proletarisch-revolutionären Schriftsteller der Weimarer Republik stärker zu erschließen – kam es zur genannten vertraglichen Vereinbarung mit dem Verlag Mytzes, zumal der Roman Bestandteil des bestätigten Verlagsproduktionsplanes für 1977 ist und auf der Frühjahrsmesse 1977 in der Verlagsankündigung erschienen war.

Der Verlag beabsichtigte gegenwärtig, auch unter Berücksichtigung eines möglichen Protestes des Mytze, als Copyright in den Roman einzudrucken »Alle Rechte bei Ilse Bartels«. Der Roman erschien erstmals 1929 im Malik-Verlag.

Am 7.4.1977 berichtete der »Vorwärts« über den Vertragsabschluss zwischen beiden Verlagen und wies darauf hin: »Ottwalt … 1943 in einem stalinistischen Lager umgekommen, wird damit in der DDR zum ersten Mal in einer Einzelpublikation vorgestellt …«15

Am 23.3.1977 wandte sich Mytze an das Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten und bat um Akkreditierung zur Premiere von Volker Brauns »Guevara«.16 Er verwies darauf, dass er eine »Nichtantwort« »als unfreundliche Geste empfinden« würde, die ihn zu »entsprechenden Schritten« zwänge. Er habe bereits bei den Ständigen Vertretungen der DDR und der BRD gegen die Einreiseverweigerung in die DDR zur Leipziger Buchmesse17 (8.3., 11.3.1977) Beschwerde eingelegt.

Ausgehend von den in der Information dargestellten Fakten des feindlich-negativen Auftretens und Verhaltens des Mytze wird es für zweckmäßig erachtet, die gegen ihn eingeleitete Einreisesperre bestehen zu lassen und weiteren Ersuchen auf Akkreditierung nicht stattzugeben.

Durch das Ministerium für Kultur sollten die sich aus dem Vertragsabschluss zwischen dem Aufbau Verlag der DDR und dem Buchverlag des Mytze ergebenden Probleme einer Klärung zugeführt werden.

»Anlage« zur Information Nr. 305/77

[Brief von Andreas W. Mytze an das Außenministerium der DDR]

Andreas W. Mytze | Verlag europäische ideen | 1 Berlin 37 | Postfach 246 | (030) [Tel.-Nr.] | Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten | Herrn Dr. Claus | DDR-Berlin | 23.3.77

Sehr geehrter Herr Dr. Claus,

ich bitte um Akkreditierung zur Premiere von Volker Brauns »Guevara« am 7.4.1977 am Deutschen Theater. Ich berichte für die »Presse« (Wien), die »Tat« (Zürich), den »Bund« (Bern), das »Luxemburger Wort« sowie für andere Medien. Eine Nichtantwort würde ich als unfreundliche Geste empfinden und entsprechende Schritte unternehmen. Gegen meine Einreiseverweigerung in die DDR am 8. und 11.3. (zur Leipziger Buchmesse) habe ich bereits bei den Herren Gaus und Michael Kohl (Brief v. 23.3.) Beschwerde eingelegt. Ich bitte um unverzügliche Nachricht, ob Sie meinem Akkreditierungsersuchen stattgeben.

Hochachtungsvoll | Andreas W. Mytze

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