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3. Tagung der 8. Synode der Ev. Landeskirche Berlin-Brandenburg (2)

4. Mai 1981
Information Nr. 221/81 über den weiteren Verlauf der 3. ordentlichen Tagung der 8. Synode der Evangelischen Landeskirche Berlin-Brandenburg vom 24. bis 28. April 1981 in Berlin-Weißensee

Ergänzend zur Information des MfS Nr. 209/81 zur Synode der Evangelischen Landeskirche Berlin-Brandenburg1 wurden intern weitere Einzelheiten bekannt. Gleichzeitig werden in Folgendem einige bemerkenswerte Aspekte zusammengefasst dargestellt.

An der Synode nahmen folgende ökumenische Gäste teil:

  • Erzbischof Melchisedek, Russisch-Orthodoxe Kirche; Moskauer Patriarchat

  • Pfarrer Jan Hausen, Polnischer Ökumenischer Rat

  • Bischof Dr. Martin Kruse, Evangelische Kirche in Berlin-Brandenburg, Westberlin

  • Präses Dr. Helmut Reihlen, Evangelische Kirche in Berlin-Brandenburg, Westberlin

  • Präses Gerhard Brandt, Evangelische Kirche im Rheinland/BRD

  • Kirchenleitungsmitglied Jan Brügelmann, Evangelische Kirche im Rheinland/BRD

  • Dekan Wolfgang Klug, Evangelische Landeskirche in Baden/BRD

  • Präses Christof Karzig, Synode der EKU – Bereich BRD und Westberlin

  • Präsident Dr. Peter Kraske, Kirchenkanzlei der EKU – Bereich BRD und Westberlin

  • Monsignore Walter, Römisch-Katholische Kirche, Bischöfliches Ordinariat, Beauftragter für ökumenische Fragen, Hauptstadt Berlin.

Grußworte verlasen der Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg, Westberlin, Dr. Reihlen, der Präses der Synode der Evangelischen Kirche im Rheinland/BRD, Brandt, sowie der Vertreter des Polnischen Ökumenischen Rates, Pfarrer Hausen.

Präses Dr. Reihlen schilderte in seinem Grußwort an die Berlin-Brandenburgische Synode fast ausschließlich die »Unruhen und Hausbesetzungen durch Jugendliche« in Westberlin. Eigentum sei zwar ein Recht, aber auch »ein den Inhaber verpflichtendes Recht … In diesem Sinne ist die Zweckentfremdung zu spekulativen Zwecken ebenso eine Ordnungswidrigkeit wie die Rechtswidrigkeit der Hausbesetzungen«.

Weiter betonte er, dass Gewalt kein Mittel sei, diese bestehenden Konflikte zu lösen. Die Jugendunruhen charakterisiert Dr. Reihlen als »Ausbruchversuch aus den bestehenden Lebensbedingungen«, die auf ein »apokalyptisches Ende« hindeuten.

Präses Brandt, Düsseldorf/BRD, brachte in seinem Grußwort u. a. die Besorgnis zum Ausdruck, dass die Bildung der Vereinigten Evangelischen Kirche in der DDR2 gleichzeitig zum »Auseinanderleben« der Kirchen in der DDR und der BRD führen könnte.

Beide Grußworte der Vertreter der »Evangelischen Kirche in Deutschland« (EKD) waren durch das deutliche Bestreben gekennzeichnet, die politische Trennung der Kirchen in der DDR und der BRD/Westberlin zu unterminieren. Das Bemühen, die »kirchliche Einheit« hervorzuheben, fand unter der Mehrheit der Synodalen große Resonanz. In Dokumenten und Materialien der Synode wurde daraufhin mehrfach die Forderung erhoben, »die besondere Gemeinschaft mit der Region Westberlin« zu festigen.

Im Ergebnis des Grußwortes von Pfarrer Hausen (Polnischer Ökumenischer Rat) wurde von der Synode der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg ein Brief an den Polnischen Ökumenischen Rat verabschiedet, der inzwischen inhaltlich in westlichen Massenmedien veröffentlicht wurde. (In der Anlage wird der Wortlaut des Briefes beigefügt.)

In diesem Zusammenhang brachten die Teilnehmer der Synode auch Genugtuung darüber zum Ausdruck, dass das Diakonische Werk3 und der Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR4 eine erste Hilfssendung an eine der Mitgliedskirchen des Polnischen Ökumenischen Rates5 verwirklichen konnte. Auf der Synode wurde der Beschluss gefasst, die Bemühungen um die Realisierung weiterer Hilfssendungen in die VR Polen durch das Diakonische Werk und den Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR fortzusetzen.

Zum Verlauf und Inhalt der Synode kann insgesamt eingeschätzt werden, dass in den Berichten der Synode die Aussagen leitender kirchlicher Amtsträger hinter bisher erreichten politisch-realistischen Positionen zurückblieben und keine Orientierungen für ein weiteres gesellschaftliches Engagement der Christen im Sozialismus enthielten.

In der Diskussion zum Kirchenleitungsbericht und zum Synodalvortrag Bischof Schönherrs6 wurden im Verhältnis zu vergangenen Herbst- und Frühjahrssynoden im breiten Umfang politisch relevante Aussagen getroffen.

Von einzelnen Diskussionsrednern (Hafa, Berlin; Pfarrer Karau, Neuruppin; Domrös7, Potsdam; Esselbach, Neuruppin; Fischbeck,8 Berlin) wurde unter dem Beifall der Mehrheit der Synodalen angestrebt, eine Reihe politisch-negativer Diskussionen in die Synode hineinzutragen.

In der Tätigkeit der Synodalausschüsse wurde dieser Trend aufgegriffen und von Synodalen mit offener politisch-negativer Grundhaltung eskaliert. In diesem Zusammenhang wurde ein breites Spektrum politisch-relevanter Fragen angesprochen, so z. B.

  • die Kirche sei berechtigt, gegenüber der Gesellschaft Forderungen zu erheben;

  • die Kirche müsse sich zu einem absoluten Pazifismus bekennen und mehr für diejenigen eintreten, die außerhalb der sozialistischen Ordnung stehen;

  • dem Staat wurde vorgeworfen, kirchliche Würdenträger durch Einschränkung deren Reisetätigkeit in ihrer Amtsausübung zu behindern;

  • es wurde die Durchführung analoger Veranstaltungen wie der kirchlichen »Friedensdekade 1980«9 gefordert;

  • der Staat müsse bei der Anwendung der Verordnung über den Mindestumtausch10 mehr differenzieren (persönlich eingeladene Gäste müssten vom Mindestumtausch befreit werden);

  • es dürfe zu keinerlei abwertenden Bemerkungen, Bevormundungen oder sogar zur inneren Einmischung in die Angelegenheiten des polnischen Volkes kommen;

  • die ökologische Zukunftsorientierung des Marxismus müsse als unrealistisch abgelehnt werden;

  • mit prowestlichen Argumenten wurde versucht, den Brüsseler NATO-Raketenbeschluss11 zu rechtfertigen;

  • die staatliche »Unterminierung« der Gleichberechtigung und Gleichachtung christlicher Schüler durch den kommunistischen Erziehungsprozess wurde kritisiert;

  • es wurde gefordert, die »Abmeldung junger Christen vom Wehrkundeunterricht«12 zu ermöglichen und die »unberechtigten Befragungen von Kindern in der Schule über ihre Teilnahme am kirchlichen Leben« zu unterbinden.

(Zu diesen angesprochenen »Problemen« gibt es in den letzten Tagen in westlichen Massenmedien breit angelegte »Berichterstattungen« und Kommentare.)13

Außer den Diskussionsbeiträgen von Prof. Fink14 (Berlin), Oberkonsistorialrat Stolpe15 (Berlin) und Pfarrer Heilmann16 (Caputh) hielten sich die politisch loyalen und realistischen kirchlichen Amtsträger zurück.

Prof. Fink kritisierte in seinem Beitrag die im Bericht der Kirchenleitung enthaltene Passage zum »kirchlichen Friedensdienst«17. Sie sei »so diplomatisch, dass keine wahren Aktivitäten« erkennbar wären. So wären z. B. die Friedensarbeit der Christlichen Friedenskonferenz (CFK)18 und deren Basisgemeinden mit keinem Wort erwähnt. Polemisch setzte er sich auch mit den Ausführungen des Synodalen Hafa (Berlin) über die Situation in der VR Polen auseinander. Aufgrund persönlichen Erlebens schilderte er die derzeitigen Ereignisse in der VR Polen. Die »wahrhaft Bedrängten« in der VR Polen seien derzeit Protestanten, aufrechte Kommunisten und Juden. Ein charakteristisches »Gesicht« der »Solidarność« seien die Grabschändungen auf jüdischen Friedhöfen in Wroclaw.

In persönlichen Gesprächen wurde daraufhin Prof. Fink u. a. von Propst Winter19 (Berlin), Dr. Henkys20 (Berlin) und dem Synodalen Homagk (Doberlug-Kirchhain) angegriffen.

Im Verlauf der Synodaltagung wurde der Trend deutlich, politischen Fragen das Primat gegenüber theologischen Problemen zu geben. So wurde lediglich am 26.4.1981 und 28.4.1981 die theologische Diskussion u. a. zur Bildung der Vereinigten Evangelischen Kirche in der DDR geführt.

Von leitenden kirchlichen Amtsträgern (Bischof Schönherr, Generalsuperintendent Dr. Forck) war das Bestreben zu erkennen, die Synode zu einer positiven Haltung zur Vereinigten Evangelischen Kirche zu bewegen. Sie vertraten die Auffassung, wenn es nicht gelänge, bis zur Bundessynode im September 1981 eine Einigung aller acht Landeskirchen herbeizuführen, wäre ein genereller Neubeginn erforderlich.

Die Antworten der Kirchenleitung und des Präsidiums der Synode auf Anfragen der Diskussionsredner zu diesen Problemen ließen erkennen, dass die leitenden kirchlichen Würdenträger der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg im Allgemeinen bemüht waren, eine Konfrontation zwischen Staat und Kirche zu vermeiden.

Kirchenleitende Amtsträger (Bischof Schönherr, Generalsuperintendent Dr. Forck,21 Oberkonsistorialrat Stolpe) unterstrichen wiederholt, dass die Kontinuität im Verhältnis Staat/Kirche bewahrt und die Gespräche mit Staat und Regierung »konstruktiv« fortgesetzt, werden sollten.

Den politisch-negativen Kräften der Synode gelang es jedoch, ihre gesellschaftlich-negativen Auffassungen in den Beschlüssen der Synode durchzusetzen. Von der Synode wurden u. a. folgende Beschlüsse mit z. T. politisch-negativen Aussagen gefasst:

  • Vom 8. bis 18.11.1981 wird in den evangelischen Gemeinden eine »Friedensdekade«22 durchgeführt. Eine besondere inhaltliche Ausgestaltung solle das »Friedensgedenken am Bußtag (18.11.1981)« erfahren.

  • Kontakte zu Landeskirchen der BRD hätten in diesem Zusammenhang »große Bedeutung« für die »Friedensförderung«.

  • Die Kirchenleitung werde gegenüber staatlichen Organen weiterhin für eine »Verringerung des Mindestumtausches«23 eintreten.

  • Die Diskussion des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR mit staatlichen Organen zur kommunistischen Erziehung werde grundsätzlich befürwortet.

  • Die Gespräche mit den zuständigen Vertretern des Staates über die »Abmeldung junger Christen vom Wehrkundeunterricht« und die möglichen Benachteiligungen seien zu einem »baldigen Abschluss zu bringen«.

  • Die Synode begrüßte, dass die »Unrechtmäßigkeit der Befragungen von Kindern in der Schule über ihre Teilnahme am kirchlichen Leben« bestätigt und Abhilfe zugesagt ist. Auf die Einhaltung dieser staatlichen Zusage sei zu dringen.

  • Die Forderung der »Erziehung zum Frieden und Einüben gewaltloser Lösungen von Konflikten« werde unterstützt.

  • Die Entschließung zur Bildung der Vereinigten Evangelischen Kirche in der DDR wurde angenommen und gleichzeitig festgelegt, dass am 15./16.11.1981 eine Sondersynode zur Problematik der Vereinigten Evangelischen Kirche durchgeführt wird.

  • Die Durchführung der vierten ordentlichen Tagung der 8. Synode der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg wurde für den Zeitraum vom 24. bis 28.4.1982 festgelegt.

(Die Dokumente und Materialien der Synode liegen dem MfS im Wortlaut vor und können bei Bedarf angefordert werden.)

Die Information ist wegen Quellengefährdung nur zur persönlichen Auswertung bestimmt.

Anlage zur Information Nr. 221/81

[Brief der Synode an den Polnischen Ökumenischen Rat]

Tagungsberichtsausschuss

Die Synode möge folgenden Brief beschließen:

Synode der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg | Berlin, den 28.4.1981

[An den] Polnischen Ökumenischen Rat | Warszawa

Liebe Schwestern und Brüder!

Ihr Vertreter Pfarrer Jan Hausen von der Evangelischen Kirche Augsburgischen Bekenntnisses24 in Polen hat unserer Synode Ihre Grüße überbracht. Wir sind von seinen Worten bewegt und danken Ihnen sehr herzlich für dieses Zeichen lebendiger Gemeinschaft. Seine Teilnahme bringt zum Ausdruck, dass Grenzen uns nicht trennen, sondern wir in Christus eins sind.

In den vergangenen Monaten haben unsere Gemeinden in besonderer Weise mit unseren polnischen Nachbarn gefühlt und für sie gebetet.

Wir sind betroffen darüber, dass bei uns gelegentlich alte Vorurteile wieder aufleben und abwertende Äußerungen über Polen zu hören sind. Wir treten dem entgegen.

Wir bemühen uns darum, dass von unseren Gemeinden bisherige Verbindungen gehalten und nach Möglichkeit neue Freundschaften geknüpft werden. Wir treten dafür ein, dass alle Möglichkeiten für gegenseitige Besuche ausgeschöpft werden.

Wir freuen uns, dass eine bescheidene Hilfe aus unseren Kirchen an eine Ihrer Mitgliedskirchen gelangen konnte und werden versuchen, weitere Sendungen folgen zu lassen.

Um die Gemeinden unserer Kirche an unserer Verbundenheit mit Ihnen teilnehmen zu lassen, geben wir Ihnen diesen Brief bekannt. Wir grüßen Sie mit dem Wort des Apostel Paulus aus dem 1. Korintherbrief, im 15. Kapitel:

»Darum, liebe Brüder, seid fest, unbeweglich und nehmet immer zu in dem Werk des Herrn, weil ihr wisset, dass eure Arbeit nicht vergeblich ist in dem Herrn.«

In der Verbundenheit des Glaubens an den Einen Herrn.

gez. Becker,25 Präses | gez. Domrös, Vorsitzender

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    5. Mai 1981
    Information Nr. 222/81 über die Entwicklung der Einnahmen aus der Durchführung des verbindlichen Mindestumtausches für die Zeit vom 27. April 1981 bis 3. Mai 1981
  2. Zum vorherigen Dokument Aktivitäten westalliierter Soldaten in Ostberlin (I. Quartal 1981) – F
    4. Mai 1981
    Information Nr. 208/81 über Aktivitäten, Vorkommnisse und rechtswidrige Handlungen von Angehörigen der in Westberlin stationierten Militärinspektion Frankreichs bei der Einreise und dem Aufenthalt in die Hauptstadt der DDR, Berlin, im Zeitraum vom 1. Januar bis 31. März 1981