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Vorbereitung der Blues-Messen 1981 (2)

16. Juni 1981
Information Nr. 298/81 über weitere Aktivitäten kirchlicher Kreise der Hauptstadt der DDR, Berlin, im Zusammenhang mit der Vorbereitung von Blues-Messen im Juni 1981

Wie dem MfS streng intern bekannt wurde, befasste sich der Vorbereitungskreis für die sogenannten Blues-Messen (siehe Information Nr. 80/81 des MfS vom 12. Februar 1981) mit der konkreten inhaltlichen und organisatorischen Vorbereitung der für den 26. Juni 1981 in der Erlöser-Kirche Berlin-Lichtenberg vorgesehenen Blues-Messen.1

Gegenwärtig liegen dem MfS dazu folgende Hinweise vor:

Aufgrund der vom Vorbereitungskreis erwarteten großen Zuschauerzahl – es wird mit Größenordnungen zwischen 8 000 und 10 000 Personen gerechnet – sind für den 26. Juni 1981 vier aufeinanderfolgende Blues-Messen (17.00, 18.30, 20.00 und 21.30 Uhr) von jeweils 75-minütiger Dauer vorgesehen.

Entsprechende Einladungen sind von dem für Organisationsfragen zuständigen Mitglied des Vorbereitungskreises, Hirsch,2 in mehreren Hundert Exemplaren in verschiedene Orte der DDR versandt worden (Anlage 1).

Um Teilnehmern, die wegen eventueller Überfüllung der Kirche erst die nachfolgende Veranstaltung besuchen können, die entstehende Wartezeit zu überbrücken, soll auf dem Gelände der Erlöser-Kirche ein musikalisches Programm unter Beteiligung des Liederkreises der Evangelischen Studentengemeinde (ESG) der Hauptstadt Berlin sowie des Jugenddiakons des Kirchenkreises Berlin – Stadt, I, Hans-Peter Reichmeyer, abgewickelt werden.

Ordnung und Sicherheit in der Kirche sowie auf dem Kirchengelände sollen durch eine kirchliche Ordnungsgruppe (ca. 50–60 Mitglieder der sogenannten Informationsgruppe) gewährleistet werden. Anreisenden Trampern werden auf dem Gelände der Erlöser-Kirche Schlafgelegenheiten zur Verfügung gestellt.

Darüber hinaus ist vorgesehen, auf dem Kirchengelände einen Stand für alkoholfreie Getränke und einen Toilettenwagen aufzustellen.

Während das offizielle Thema der geplanten Blues-Messen »Hin- und hergerissen« lautet, laufen die internen Vorbereitungen – abgeleitet von einem gleichbetitelten Brief Solschenizyns3 – unter dem Arbeitstitel »Lebt nicht mit der Lüge!«.4

(Da dieser Brief im Wesentlichen die Basis für die inhaltliche Gestaltung der nächsten Blues-Messen bilden soll, erhielten die Mitglieder des Vorbereitungskreises je einen Ormig-Abzug5 dieses Briefes.)

Die Umsetzung der in diesem Brief abgehandelten feindlichen Konzeption, die im Wesentlichen durch inhaltlich zusammenhängende Spielszenen erfolgt, soll praktisch den »Nachweis erbringen«, dass »die DDR-Bevölkerung zur Lüge erzogen« werde; gleichzeitig sollen »Alternativen« angeboten werden, die »es ermöglichen sollen, gegen die Lüge in der Gesellschaft zu kämpfen«.

Den Zuschauern soll deutlich gemacht werden, dass »die Menschen in unserer Gesellschaft in ihrer Entwicklung von der Kindheit bis zum Erwachsenenalter in zunehmendem Maße durch Lüge und Zwang in ihrer Persönlichkeit und Freiheit eingeengt und unterdrückt werden«. (Angaben zur bisher vorliegenden konkreten inhaltlichen Gestaltung siehe Anlage 2.)

Insgesamt ist einzuschätzen, dass der bisher geplante inhaltliche Ablauf der Blues-Messen am 26. Juni 1981 im Vergleich zu vorangegangenen Veranstaltungen dieser Art noch provokativer und konfrontativer gegen die gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR gerichtet ist.

Diese Tendenz wurde bereits im sogenannten Werkstattgottesdienst des Kirchenkreises Berlin-Friedrichshain am 15. und 16. Juni 1981 deutlich, der durch die Mitglieder des Vorbereitungskreises der Blues-Messen zu scharfen feindlichen Angriffen und Verleumdungen gegen bestimmte Bereiche unserer Gesellschaft missbraucht wurde (siehe Information des MfS Nr. 244/81 vom 19. Mai 1981).

Die geplante Gestaltung der Blues-Messen am 26. Juni 1981 macht deutlich, dass sich der Vorbereitungskreis der Blues-Messen – ins besondere der Kreisjugendpfarrer von Berlin-Friedrichshain, Eppelmann6 – aufgrund der Aussagen des Kirchenleitungsberichtes (Teil II) zu dieser Veranstaltungsreihe während der Frühjahrssynode 1981 der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg7 offensichtlich in der Fortsetzung seines feindlich-negativen Handelns bestärkt fühlt.

In diesem Bericht hieß es u. a.: »Diese offenen Gottesdienste in freier, immer neu variierter Gestaltung verstehen sich als Angebot des Evangelismus an junge Menschen in einer sie ansprechenden Form … Die Kirchenleitung begleitet die Weiterentwicklung dieser besonderen Gottesdienste kritisch und ermutigend. Sie billigt die Durchführung von Blues-Messen unter der Voraussetzung, dass Inhalt und Form in einer gemeinsamen Kontaktgruppe vereinbart werden.«

Zu letzter Aussage ist festzustellen, dass diese Kontaktgruppe in einer Beratung mit dem Vorbereitungskreis Inhalt und Ablauf der Blues-Messen am 26.6.1981 bestätigte, nachdem einige Veränderungen hinsichtlich der inhaltlichen Gestaltung und des Ablaufs vorgenommen worden waren.

Bedeutsam erscheinen darüber hinaus Bestrebungen des Vorbereitungskreises für Blues-Messen, ähnliche Veranstaltungen auch in anderen Bezirken der DDR durchzuführen.

So konstituierte sich am 3./4. April 1981 in Buckow, Bezirk Frankfurt/O., eine Kommission »Jugendarbeit und Großveranstaltungen«, die generelle Richtlinien für derartige Veranstaltungen für die gesamte DDR entwerfen will.

Zur vorbeugenden Verhinderung feindlich-negativer Aktivitäten und von Gesetzesverletzungen im Rahmen der »Blues-Messen« am 26.6.1981 sollte durch den Staatssekretär für Kirchenfragen, Genossen Gysi,8 mit Bischof Schönherr9 und dem Präses der Evangelischen Landeskirche Berlin-Brandenburg, Becker,10 ein weiteres Gespräch geführt werden, wobei seitens des Genossen Gysi die kirchlichen Vertreter über die Absichten des Vorbereitungskomitees informiert werden, erneut die sog. Blues-Messen zu Angriffen gegen die sozialistische Staats- und Gesellschaftsordnung der DDR zu missbrauchen. Genosse Gysi sollte dabei Bischof Schönherr an sein ihm gegebenes Versprechen und seine Zusagen erinnern, wonach sich die Kirchenleitung energisch gegen den Kreisjugendpfarrer Eppelmann und das Vorbereitungskomitee zur Wahrung des religiösen Anliegens der »Blues-Messen« durchsetzen wollte. Weiter sollte den kirchlichen Vertretern mitgeteilt werden, dass eine geplante Verwendung von Solschenizyn-Texten und anderen Texten ähnlichen feindlich-negativen Inhalts grundsätzlich nicht geduldet werden kann. Genosse Gysi sollte Bischof Schönherr und Präses Becker auffordern, sofort entsprechende Maßnahmen einzuleiten, um den Missbrauch der »Blues-Messen« zu Angriffen gegen die sozialistische Staats- und Gesellschaftsordnung der DDR zu unterbinden. (Für dieses Gespräch wird eine detaillierte Konzeption erarbeitet, die Genossen Gysi übergeben wird.)11 In Abhängigkeit vom Ausgang dieses Gespräches werden weitergehende Maßnahmen festgelegt.

Die Information ist wegen Quellengefährdung nur zur persönlichen Verwendung bestimmt.

[Bl. 16–18: nur mit dem 10. Exemplar an HA IX ausgeliefert:]

Sollte das Vorbereitungskomitee trotz der Gespräche mit Bischof Schönherr und Präses Becker seine Vorbereitungen fortsetzen, um die geplanten »Blues-Messen« politisch zu missbrauchen, ist beabsichtigt, seitens der zuständigen Organe des Erlaubniswesens der Deutschen Volkspolizei dem Vorsitzenden des Gemeindekirchenrates und dem verantwortlichen Pfarrer der Erlöserkirche mitzuteilen, dass aus gegebenem Anlass und unter Bezugnahme auf die »Werkstattgottesdienste«, vorangegangene »Blues-Messen« und die geplante Verwendung eines feindlichen Pamphlets von Solschenizyn zur nächsten »Blues-Messe«, auf die strikte Beachtung der Gesetze der DDR, einschließlich der Veranstaltungsverordnung,12 im Zusammenhang mit den geplanten »Blues-Messen« am 26.6.1981 zu achten ist. Dabei sollte darauf hingewiesen werden, entweder ausschließlich religiöse Veranstaltungen im Sinne der Veranstaltungsverordnung durchzuführen oder diese Veranstaltungen anzumelden. Bei Zuwiderhandlungen wird die Veranstaltungsverordnung konsequent in Anwendung gebracht, einschließlich des Aussprechens eines Verbotes und der Androhung weitergehender Maßnahmen auf der Grundlage des StGB der DDR.

Sollte trotz der vorgenannten Maßnahmen seitens des Vorbereitungskomitees an der feindlichen Konzeption für die Durchführung der »Blues-Messen« am 26.6.1981 festgehalten bzw. die staatlichen Forderungen ignoriert werden, ist beabsichtigt, ein Prüfungsverfahren im Sinne der Veranstaltungsverordnung (§ 8)13 einzuleiten. Zum Zwecke der Auskunftserteilung werden die Mitglieder des Vorbereitungskomitees zu den zuständigen Organen vorgeladen und zum Inhalt nichtreligiöser Teile der geplanten »Blues-Messen« befragt.

Nach diesen Aussprachen ist ein zweites Gespräch mit den Veranstaltern (Gemeindekirchenrat und Pfarrer) vorgesehen, wobei ihnen mitgeteilt wird, dass die Aufrechterhaltung der den staatlichen Organen bekannten Pläne und Absichten von Mitgliedern des Vorbereitungskomitees ein Verbot der Veranstaltungen zur Folge haben wird.

Zur Unterstreichung der Ernsthaftigkeit der staatlichen Maßnahmen ist weiter beabsichtigt, eine offizielle Kontrolle und Dokumentierung der Generalprobe zu den »Blues-Messen« am 25.6.1981 durch die zuständigen staatlichen Organe (Rat des Stadtbezirkes, Abteilung Inneres) durchzuführen.

Im Ergebnis dieser Kontrolle erfolgt die endgültige Entscheidung über Stattfinden oder Verbot der Veranstaltungen am 26.6.1981. Die Entscheidung, ob ein Verbot ausgesprochen oder die Durchführung genehmigt wird, ist dem Veranstalter mitzuteilen.

Darüber hinaus werden seitens der zuständigen Organe differenzierte Maßnahmen zur vorbeugenden Verhinderung der Anreise von negativ-dekadenten Jugendlichen zu den »Blues-Messen« am 25./26.6.1981 in die Hauptstadt der DDR, Berlin, eingeleitet, insbesondere zu solchen Personen, die in der Vergangenheit als aktive Teilnehmer von Zusammenkünften negativ-dekadenter Jugendlicher in Erscheinung getreten sind.

Bei Feststellungen von Verletzungen der Gesetze (Hetze, öffentliche Herabwürdigung, Widerstandshandlungen usw.) erfolgt die Prüfung der Einleitung differenzierter strafprozessualer Maßnahmen.

Die Information ist wegen Quellengefährdung nur zur persönlichen Verwendung bestimmt.

Anlage 1 zur Information Nr. 298/81

[Handzettel für die Blues-Messen am 26.6.1981]

[nicht am Dokument ediert, siehe Faksimile]

Anlage 2 zur Information Nr. 298/81

Bisher vorliegende inhaltliche Aussagen zum Programm der Blues-Messen

Nach Eröffnung und Einführung durch den Kreisjugendpfarrer von Berlin-Friedrichshain, Eppelmann, mit anschließender Blues-Musik wird ein wesentlicher Teil des Programms in Form eines Sketches abgewickelt.

In diesem Sketch wird ein Reporter einen Mann namens »Leisegang« zu dessen Lebensweg interviewen. Dessen Antworten sollen solche Episoden aus seinem Leben beschreiben, die ihn aus seiner Sicht wesentlich geprägt haben.

Um den Teilnehmern zu veranschaulichen, dass die geschilderten Situationen »Herrn Leisegang« in zunehmendem Maße von Kindheit an »durch Lüge und andere Vorzüge in seiner Persönlichkeit und Freiheit eingeengt und unterdrückt hätten«, wird um ihn etappenweise eine Rüstung aufgebaut.

Zu den einzelnen Situationen:

  • Wenn »Leisegang« als Säugling zu schreien anfing, haben ihm seine Eltern einen Nuckel in den Mund geschoben und damit zum Schweigen gebracht. Nachdem dieser Vorgang geschildert wurde, wird um »Leisegang« der erste Teil der Rüstung aufgebaut werden.

  • »Leisegang« wird sich erinnern, dass er im Kindergarten »Völkerfreundschaft« am Tag der Nationalen Volksarmee eine Kaserne mit vielen Panzern besichtigt habe. Danach sollten sie das malen, was sie an diesem Tage am meisten beeindruckt hat. Anstatt eines Panzers habe er eine Blume gemalt. Daraufhin habe die Kindergärtnerin protestiert und erklärt, dass dasjenige Kind eine Spielzeugpistole erhält, das den schönsten Panzer malt. »Leisegang« habe dann den schönsten Panzer gemalt und die versprochene Pistole als Anerkennung erhalten. Danach wird das 2. Stück der Rüstung angebracht.

  • Es wird von Vorgängen in der Schule berichtet. »Leisegang« bringt zum Ausdruck, dass man als Schüler immer das erzählen musste, was der Lehrer hören wollte. Nur so konnte man die guten Zensuren erhalten, die einem ein Weiterkommen, z. B. zur EOS, ermöglichten. Da er sich entsprechend den Erwartungen der Lehrer verhalten habe, sei er mit den notwendigen »Einsen« honoriert worden. Die Rüstung wird im Anschluss weiter vervollständigt.

  • »Leisegang« berichtet über die FDJ. Unter anderem schildert er, dass man im FDJ-Studienjahr ständig »Phrasen gedroschen« habe, die keiner mehr hören konnte. Trotzdem nahmen alle teil, da man seine spätere Karriere nicht gefährden wollte. Er wird ferner berichten, dass FDJler aus den gleichen Motiven am Subbotnik14 teilnehmen bzw. das Gelöbnis der FDJ zum X. Parteitag der SED15 nachsprechen, obwohl sie den Inhalt »mies« finden. Der Aufbau der Rüstung wird fortgesetzt.

  • Zuletzt berichtet »Leisegang« über verschiedene Probleme in seinem Betrieb. So spricht er über Widersprüche zwischen der tatsächlichen Planerfüllung und der anderslautenden Propaganda in den Massenmedien der DDR, über negative Tendenzen der Leitungstätigkeit und über Aspekte der Preispolitik in der DDR. Er bringt zum Ausdruck, dass er über diese Probleme zwar an seinem Stammtisch offen spreche, im Betrieb aber darüber schweige, weil er einen geringeren Lohn oder sogar seine Inhaftierung befürchte. Der Bau der Rüstung wird jetzt zum Abschluss gebracht. Der eingerüstete Herr »Leisegang« soll dann so auf der Bühne stehen bleiben.

In einem weiteren kurzen Sketch sollen in einer Unterhaltung zweier Jugendlicher die »Ideale«, die die überwiegende Mehrheit der DDR-Jugend angeblich bewegen, in negativer, herabwürdigender Form herausgearbeitet werden.

Weiter ist vorgesehen, dass durch ein Mitglied des Vorbereitungskreises solche Überschriften und Artikel aus dem »Neuen Deutschland« vom 26. Juni 1981 demonstrativ verlesen werden, die nach den Auffassungen der Veranstalter gemäß des Briefes von Solschenizyn als »Lügen« zu betrachten seien.

Zwischendurch soll neben musikalischer Umrahmung durch Kreisjugendpfarrer Eppelmann ein sogenannter Klagepsalm in der Art eines freien Gebetes vorgetragen werden. (Konkrete Hinweise zum Programmablauf liegen dem MfS vor.)

  1. Zum nächsten Dokument Statistik Einnahmen Mindestumtausch (8.6.–14.6.1981)
    16. Juni 1981
    Information Nr. 312/81 über die Entwicklung der Einnahmen aus der Durchführung des verbindlichen Mindestumtausches für die Zeit vom 8. Juni 1981 bis 14. Juni 1981
  2. Zum vorherigen Dokument Öffentlicher Protest einer DDR-Bürgerin gegen ihre soziale Notlage
    15. Juni 1981
    Information Nr. 311/81 über das demonstrative Auftreten einer DDR-Bürgerin in Berlin-Mitte, Alexanderplatz, am 12. Juni 1981