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Reaktionen auf Versorgungsengpässe im Gesundheitswesen

16. Februar 1988
Information Nr. 80/88 über Reaktionen von Ärzten und anderen Beschäftigten des Bereiches Gesundheitswesen auf Probleme der Versorgung mit bestimmten medizinischen Verbrauchsmaterialien und Arzneimitteln

Aus vorliegenden Hinweisen zu Reaktionen von Mitarbeitern aus verschiedenen Einrichtungen sowohl des stationären als auch des ambulanten Bereiches des staatlichen Gesundheitswesens in den Bezirken der DDR sowie der Hauptstadt der DDR, Berlin, geht hervor, dass sich insbesondere Ärzte nach wie vor – in den letzten Monaten jedoch verstärkt und zunehmend kritischer – zu Mängeln bei der Versorgung mit bestimmten medizinischen Verbrauchsmaterialien und Arzneimitteln äußern. Offensichtlich resultieren diese kritischen Meinungsäußerungen aus der Tatsache, dass diese Erscheinungen bereits seit längerer Zeit bestehen und sich trotz entsprechender zentraler Beschlüsse und Festlegungen keine grundlegenden und spürbaren Verbesserungen abzeichnen.

Nach Ansicht vieler Ärzte erschwere die oft unzureichende bzw. nicht kontinuierliche Bereitstellung von Verbrauchsmaterialien, medizinischen und labortechnischen Erzeugnissen, medizinischen Instrumenten und Arzneimitteln – wobei Erscheinungen der Bürokratisierung hinsichtlich der Anforderung von medizinischen Versorgungsgütern die Lage zusätzlich komplizieren würden – die Arbeitsfähigkeit der medizinischen Einrichtungen und gefährde die Gewährleistung einer stabilen medizinischen Grundversorgung der Bevölkerung.

Es fehle – z. T. monatelang – an einfachsten medizinischen Verbrauchsmaterialien des täglichen Bedarfs und Ausstattungsgegenständen, wie z. B. an Verbandstoffen, Spritzen, Kanülen, Sonden, Operationsnähmaterial, Skalpellen, Kathedern sowie Werk- und Hilfsstoffen für die Stomatologie, aber auch an Gummihandschuhen, Gläsern, Schalen, Betten, Matratzen u. a.

Nach Hinweisen aus dem Bezirk Dresden z. B. sei die medizinische Grundbetreuung der Patienten vor allem im Bereich der ambulanten Chirurgie infolge des Fehlens von Verbandstoffen kaum noch gewährleistet.

So waren z. B. in der Chirurgischen Ambulanz der Poliklinik Konsulplatz Görlitz zeitweilig keine Binden vorhanden und alle Reserven aufgebraucht. Patienten im genannten Bereich konnten kaum noch versorgt werden und mussten nach vorliegenden Informationen teilweise ohne Behandlung »weggeschickt« werden. Patienten, welche längere Zeit in Behandlung waren, wurden aufgefordert, eigene oder gewaschene Binden zu den Konsultationen mitzubringen, da sonst keine Behandlung möglich sei.

Auch im stationären Bereich des Bezirkskrankenhauses Görlitz wurde versucht, durch die Verwendung von bereits gebrauchten Binden den notwendigen Bedarf abzudecken. Durch diese Situation wurde auch das gesamte Operationsprogramm im Bezirkskrankenhaus Görlitz stark beeinflusst und eingeschränkt.

Ärzte und andere Mitarbeiter des Gesundheitswesens des Stadtbezirkes Berlin-Lichtenberg äußern, die Versorgung mit medizinischen Verbrauchsmaterialien würde unkontinuierlich erfolgen und in einigen Positionen schlechter sein als vor 10 bis 15 Jahren (z. B. Gipsbinden, Material für Zahnfüllungen und -einlagen, Hygienebekleidung und Psychopharmaka). Der Zustand der Betten und Matratzen des Oskar-Ziethen-Krankenhauses sowie des Fachkrankenhauses für Neurologie in Berlin-Lichtenberg sei für kranke Menschen unzumutbar.

Auch auf dem Gebiet der Arzneimittelversorgung, insbesondere für Spezialbehandlungen, gebe es nach Ansicht von Mitarbeitern des Gesundheitswesens z. B. »beachtliche Probleme«. Das Fehlen pharmazeutischer Erzeugnisse – z. T. über längere Zeitperioden – bzw. die oftmals sporadische Belieferung von Apotheken, Krankenhäusern usw. mit Arzneimitteln führt unter dem medizinischen Personal und unversorgten Patienten zunehmend zu negativen Reaktionen.

Ärzte und andere Beschäftigte, darunter Leitungskader, aus dem Gesundheits- und Sozialwesen der Kreise Jena und Gera z. B. bringen ihr Unverständnis darüber zum Ausdruck, dass die Arzneimittelversorgung aus der pharmazeutischen Produktion der DDR »immer lückenhafter« werde. Mitarbeiter des Gesundheitswesens des Bezirkes Dresden sind der Meinung, dass sich »die Verschlechterung der Versorgungslage mit pharmazeutischen Artikeln weiter fortsetzt«.

Im Kreis Nordhausen/Erfurt fehlen nach vorliegenden Hinweisen 70 verschiedene pharmazeutische Präparate, was sich für die Versorgung der Bevölkerung im gesamten Kreisgebiet negativ auswirkt. Wegen Fehlens einer Reihe von Werk- und Hilfsstoffen für die Stomatologie kann im Kreisgebiet die zahnärztliche Grundbetreuung in einigen Positionen nicht mehr voll gewährleistet werden.

In einer Viehzahl von Diskussionen kommt zum Ausdruck, dass auch die Ausrüstung mit leistungsfähiger Medizintechnik unbefriedigend sei. Die technische Ausrüstung einer Reihe von Einrichtungen des Gesundheitswesens sei überaltert, demzufolge störanfällig und entspreche nicht mehr modernen medizintechnischen Erfordernissen.

Die technischen Geräte der Abteilung für Intensivmedizin der Medizinischen Klinik der Karl-Marx-Universität Leipzig z. B. sind z. T. über 10 Jahre in Gebrauch (Erneuerung aller 5 Jahre notwendig). Folgeerscheinungen sind u. a. falsche Messwerte, die mit hohem Zeitaufwand korrigiert werden müssen und zu Komplikationen bei der Patientenbetreuung führen.

Die Reaktionen unter Ärzten auf diese Versorgungslage sind differenziert. Ein Teil der Ärzte äußert sich besorgt und bringt zum Ausdruck, dass trotz Anerkennung begrenzter ökonomischer Möglichkeiten der DDR eine kontinuierliche und stabile Grundversorgung mit Medikamenten und medizinischen Verbrauchsmaterialien gewährleistet werden müsste.

Andere Ärzte nehmen die Versorgungsschwierigkeiten zum Anlass, heftige Kritik an der gesamten Wirtschaftspolitik der DDR zu üben.

Unmutsäußerungen von Ärzten zu den genannten medizinischen Versorgungsproblemen sind oft verbunden mit Kritiken an anderen, bekannten Unzulänglichkeiten im Gesundheitswesen. Sie betreffen zum Beispiel die bestehenden Arbeits- und Lebensbedingungen in einer Vielzahl von Einrichtungen des Gesundheitswesens, insbesondere in solchen mit alter Bausubstanz und in unterbesetzten, überlasteten Einrichtungen. Auch die z. T. unzureichende Bereitstellung von Pkw, Wohnraum, ungeklärte Kaderfragen sowie Leitungsprobleme u. a. stehen immer wieder im Mittelpunkt z. T. heftiger Diskussionen.

Unzufriedenheit unter Ärzten kommt nach wie vor auch im Zusammenhang mit Gehaltsproblemen zum Ausdruck. Das gegenwärtige Lohnsystem würde – so wird von vielen Ärzten argumentiert – nicht mehr ihren Leistungen entsprechen. Dabei wird häufig auf »steigende Preise« in der DDR sowie auf die höhere Entlohnung von Ärzten in der BRD verwiesen.

Insgesamt ist festzustellen, dass Erscheinungen der Unzufriedenheit insbesondere unter Ärzten hinsichtlich der Mängel bei der Versorgung mit medizinischen Verbrauchsmaterialien und Arzneimitteln zunehmen und dadurch ihre Anfälligkeit gegenüber gegnerischen Argumenten offensichtlich größer geworden ist.

In besonderem Maße werden Vergleiche zum Gesundheitswesen in der BRD angestellt. Dabei wird immer wieder die angebliche Überlegenheit des dortigen Gesundheitswesens – vor allem bezogen auf die materiell-technische Ausrüstung und Ausstattung – hervorgehoben und der angebliche Rückstand der DDR auf diesem Gebiet herausgestellt. (Probleme der Versorgung des Gesundheitswesens der DDR mit medizinischen Verbrauchsmaterialien werden z. T. mit als »Begründungen« für Übersiedlungsersuchen von Ärzten angeführt.)

Auch in der allgemeinen Reaktion der Bevölkerung der DDR spielen Fragen der medizinischen Versorgung eine bestimmte Rolle. In Auswirkung bestimmter Versorgungslücken bzw. anderer Schwierigkeiten/Unzulänglichkeiten bei der medizinischen Betreuung gibt es unter den verschiedenen Bevölkerungskreisen ebenfalls kritische Meinungen und Äußerungen zum Gesundheitswesen der DDR.

So nehmen unter der Bevölkerung – das bezieht sich auch auf Mitarbeiter des Gesundheitswesens – Meinungsäußerungen zu, in denen Zweifel an der Realisierung wesentlicher Aufgaben der Gesundheits- und Sozialpolitik von Partei und Regierung zum Ausdruck kommen.

Anlässe für Unmutsäußerungen sind schwerpunktmäßig die in einigen Gesundheitseinrichtungen festzustellenden langen Wartezeiten sowohl bei ambulanten Behandlungen als auch bei notwendigen Operationen in Krankenhäusern sowie Schwierigkeiten bei der Versorgung mit Arzneimitteln.

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    17. Februar 1988
    Information Nr. 91/88 über die Entwicklung der Einnahmen aus der Durchführung des verbindlichen Mindestumtausches für die Zeit vom 8. Februar 1988 bis 14. Februar 1988
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    15. Februar 1988
    Information Nr. 82/88 über provokatorisch-demonstrative Aktionen feindlich-negativer Kräfte im Zusammenhang mit dem 43. Jahrestag der Zerstörung Dresdens durch anglo-amerikanische Bomber