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Reisen von Jugendlichen in die ČSSR

3. Juni 1989
Information Nr. 268/89 über einige beachtenswerte Aspekte im Zusammenhang mit Reisen von Jugendlichen aus der DDR in die ČSSR

Nach dem MfS vorliegenden Hinweisen unternimmt jährlich eine Vielzahl Jugendlicher und Jungerwachsener aus der DDR Reisen aus touristischen Gründen in die ČSSR.

Darüber hinaus reisen Tausende Jugendliche (durchschnittlich 4 000 bis 5 000 Personen), insbesondere Schüler von POS und EOS sowie Lehrlinge, häufig nach spontaner Entschlussfassung zwecks Teilnahme an solchen traditionellen Veranstaltungen wie den Schwarzbierfesten in der Hauptstadt der ČSSR, Prag, sowie internationalen Motorsportveranstaltungen in Brno. Hauptreisezeiten sind die Oster- und Pfingstfeiertage sowie die Ferienmonate. Ihre Anreise erfolgt in der Regel mit Reisezügen der Deutschen Reichsbahn. Es handelt sich dabei um kleinere Gruppen, die auch in ihren Heimatorten die Freizeit gemeinsam verbringen.

Feststellungen zufolge sind die häufigsten Motive für derartige Reisen der Hang, etwas zu erleben, und das Bestreben, sich zeitweilig den Einflüssen des Elternhauses und gesellschaftlicher Erziehungsträger zu entziehen.

Das Auftreten und Verhalten eines Teiles dieser Jugendlichen in Prag war bzw. ist gekennzeichnet durch übermäßigen Alkoholgenuss (begünstigt durch den uneingeschränkten Alkoholausschank in den Schwarzbiergaststätten auch an bereits stark angetrunkene Personen), Störung der öffentlichen Ordnung und Beeinträchtigung der Normen des gesellschaftlichen Zusammenlebens, u. a. durch rowdyhaftes Verhalten, Lärmbelästigung, durch ein dekadentes äußeres Erscheinungsbild sowie durch Übernachtung in Parkanlagen, unter Brücken und in Bahnhofshallen. Derartige Verhaltensweisen waren wiederholt Anlass für die Verhängung von Ordnungsstrafen und das Aussprechen von Aufenthaltsverkürzungen gegenüber derartigen Personen seitens der ČSSR-Milizorgane.

Seit geraumer Zeit werden derartige Aufenthalte in Prag mit steigender Tendenz zur Aufnahme bzw. Aufrechterhaltung von Kontakten mit Bürgern aus der BRD, darunter auch ehemaligen DDR-Bürgern, genutzt.

In Auswertung derartiger Vorgänge mit den tschechoslowakischen Bruderorganen wurden und werden durch die Schutz- und Sicherheitsorgane der DDR zielgerichtet und langfristig komplexe vorbeugende Maßnahmen insbesondere gegenüber solchen Personen durchgeführt, zu denen Hinweise darüber vorliegen, dass sie sich bei geplanten Aufenthalten in der ČSSR nicht gesellschaftsgemäß verhalten werden bzw. wo bereits Erkenntnisse über entsprechende negative Verhaltensweisen bei vorangegangenen Aufenthalten in der ČSSR gewonnen wurden.

Derartige Maßnahmen reichen von umfangreichen Vorbeugungsgesprächen, erteilten Auflagen (Meldepflicht bei der DVP bzw. territorialen staatlichen Organen) bis hin zur befristeten Einziehung von Personalausweisen.

Darüber hinaus werden im Zusammenwirken mit der Transportpolizei sowie den Passkontroll- und Zollorganen der DDR abgestimmte Maßnahmen zur Verhinderung der Ausreise von Personen mit einem dekadenten Erscheinungsbild realisiert.

Beachtenswert sind jedoch in diesem Zusammenhang getroffene Feststellungen, wonach sich eine beträchtliche Anzahl jugendlicher Personenkreise in Kenntnis der Kontroll- und Filtrierungsmaßnahmen der Schutz- und Sicherheitsorgane bis zum Zeitpunkt der unmittelbaren Ausreise aus der DDR unauffällig – auch bezogen auf das äußere Erscheinungsbild – verhalten, um keine Ansatzpunkte für Ausschließungsgründe von einer Reise in die ČSSR zu bieten.

Des Weiteren treten jährlich neue und jüngere Jahrgänge als Reisende in Erscheinung, die bisher aufgrund ihres Gesamtverhaltens noch nicht in entsprechende vorbeugende Maßnahmen einbezogen wurden, jedoch von Jugendlichen älterer Jahrgänge bei Aufenthalten in zu analogen negativen Verhaltensweisen inspiriert werden.

Im Ergebnis der realisierten Maßnahmen zeichnet sich eine rückläufige Tendenz bei von DDR-Jugendlichen während ihres Aufenthaltes in Prag verursachten Vorkommnissen ab.

Es wird vorgeschlagen, dass der Zentralrat der Freien Deutschen Jugend dahingehend verstärkt Einfluss nimmt, besonders während der Oster- und Pfingstfeiertage das Angebot an kulturellen und sportlichen, besonders die Jugendlichen der erwähnten Altersklassen interessierende Veranstaltungen in den Bezirken und Kreisen der DDR weiter zu erhöhen.

  1. Zum nächsten Dokument Weitere Erkenntnisse zur geplanten Demonstration am 7.6. in Berlin
    5. Juni 1989
    Information Nr. 272/89 über weitergehende Erkenntnisse im Zusammenhang mit der beabsichtigten öffentlichkeitswirksamen Demonstration feindlicher, oppositioneller Kräfte am 7. Juni 1989 in der Hauptstadt der DDR, Berlin
  2. Zum vorherigen Dokument Geplante Demonstration am 7.6. in Berlin
    1. Juni 1989
    Information Nr. 271/89 über eine beabsichtigte öffentlichkeitswirksame Demonstration feindlicher, oppositioneller Kräfte am 7. Juni 1989 in der Hauptstadt der DDR, Berlin