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Lage in der zweiten Oktoberhälfte

[Ohne Datum]
Analyse vom 16. bis 31. Oktober 1953 [Nr. 4/53]

Die Lage in Industrie und Verkehr

Die am 15. Oktober vom Ministerrat beschlossene Steuersenkung1 wurde von der Mehrzahl der Arbeiter und Angestellten in den Betrieben freudig begrüßt. Es zeigte sich ein wachsendes Vertrauen zur Politik unserer Partei und Regierung. Die Zahl der Verpflichtungen zur Steigerung der Produktion, der Wettbewerbe und zum Teil der freiwilligen Normenerhöhungen stieg an.

So äußerte sich ein Gleisbauarbeiter in Leipzig: »Aus der Steuersenkung ersieht man, dass unsere Regierung Wort hält. Wenn nun noch die Preissenkung kommt, dann sollen sie mal sehen, was die Arbeiter alles für ihre Regierung machen.«

Aufgrund der Steuersenkung erhöhten zwei Brigaden aus einem Wismut-Schacht bei Oberschlema freiwillig ihre Norm um 10 %. In der Farbenfabrik Wolfen wurde daraufhin ein Wettbewerb abgeschlossen, der dem Werk 250 000 DM einspart.

In einigen Betrieben tauchte die Meinung auf, wie z. B. im Halbzeugwerk Auerhammer/Karl-Marx-Stadt: »Dass die 450 Mio. Mark besser hätten für eine Preissenkung verwendet werden müssen, da hätte sich der Arbeiter mehr leisten können.«

Nur in geringem Maße wurde über die Steuersenkung direkt negativ diskutiert, wie z. B. ein Arbeiter aus der Walzengießerei Coswig/Dresden zum Ausdruck brachte: »Das haben die lange wieder rein. Erst setzen sie die Löhne herab und nun dieses Lohnsteuermanöver, denke ja nicht etwa, dass die für uns Arbeiter etwas übrig haben.«

Die Preissenkung trug wesentlich dazu bei, beim größten Teil der Arbeiter das Vertrauen zur Partei und Regierung weiter zu festigen. Dadurch wurden auch die Arbeiter und Angehörigen der technischen Intelligenz gewonnen, welche durch die Steuersenkung nur geringe Vorteile hatten. Als Vertrauensbeweis zur Regierung wurden Produktionsverpflichtungen, Wettbewerbe und zum Teil freiwillige Normenerhöhungen von den Arbeitern abgeschlossen.

In einer großen Zahl von Betrieben wurde der Aufruf des Kunstfaserwerkes »Wilhelm Pieck«2 zum Anlass von Produktionssteigerungen und Qualitätsverbesserungen genommen. Ebenfalls fand das Beispiel Frida Hockaufs3 größeren Widerhall. Die Verpflichtungen zur Verbesserung der Produktion und die Wettbewerbsbewegung, die durch die letzten Maßnahmen der Regierung einen großen Aufschwung nahm, erfassen die wichtigsten Betriebe und in verschiedenen Bezirken teilweise 50 % der Industrie.

So wurde z. B. im VEB Fliesenwerke Boizenburg mit allen Belegschaftsangehörigen ein innerbetrieblicher Wettbewerb abgeschlossen. In den ABUS-Werken Schwerin wurden von 21 Kollegen freiwillig die Normen von 10–25 % erhöht. Im VEB Zellwolle Wittenberge verpflichteten sich die Kollegen 150 t Jute und Zellwolle, 216 t Zellstoff und 50 t Schwefelkohlenstoff über den Plan hinaus zu produzieren.

In verschiedenen Fällen wurden von Arbeitern, überzeugt von den letzten Maßnahmen der Partei und Regierung, Anträge zur Aufnahme als Kandidat in die SED gestellt. In anderen Fällen wurde die Preissenkung zum Anlass des Eintritts in die Deutsch-Sowjetische Freundschaft genommen, wie beispielsweise zwei parteilose Kolleginnen des VEB Presswerkes Spremberg.

Verschiedentlich wurde von einer geringen Zahl Arbeiter geäußert, dass die Preise für Butter, Zucker u. a. Lebensmittel noch zu hoch sind, wie z. B. im RAW Cottbus. Ausgesprochen negative Diskussionen, die den Einfluss des RIAS erkennen lassen, waren nur in geringer Zahl zu verzeichnen. So sagte z. B. ein Reichsbahnangestellter des Bw Bautzen: »Die Preissenkung ist gar nichts, der Lebensstandard der Kaiserzeit ist noch lange nicht erreicht. Dass die Streichhölzer billiger wurden, nützt nichts, wir wollen was anderes sehen. Warum geht es denn in Westdeutschland und bei uns nicht?«

Die Beitragszahlung für den FDGB wurde in den Betrieben bis auf wenige Ausnahmen in der gesamten DDR durch bessere Aufklärung und organisatorische Maßnahmen des FDGB weiterhin verbessert. Im VEB »7. Oktober« Magdeburg ist die Beitragszahlung z. B. im Oktober um 50 % gestiegen und in der Schiffswerft Fürstenberg stieg das Beitragsaufkommen von 1 377 DM in den zwei Monaten Juni und Juli auf 2 080 DM im Oktober.

Die teilweise mangelhafte Belieferung der Betriebe mit Material hat sich nur in wenigen Fällen gebessert, wie z. B. im VEB Messgerätewerk Treuenbrietzen/Potsdam, wo durch Verbesserung der Materialversorgung auch die Arbeitsmoral der Belegschaft stieg und der Produktionsplan mit 104 % erfüllt werden konnte. Im Wesentlichen wurde die Produktion in einem Teil der Betriebe im gleichen Umfange durch Materialmangel behindert wie vorher. So wird von der Schiffswerft Fürstenberg berichtet, dass dort Stillliegezeiten wegen Materialmangel eingetreten sind. Auch im VEB Maschinenstrickerei Rehna, Kreis Gadebusch, konnte der Produktionsplan nicht erfüllt werden, weil Gespinste und Streichgarnwolle erst mit erheblicher Verspätung geliefert wurden.

Durch den Mangel an Transportraum wurde die Produktion in einem Teil der Betriebe in ähnlicher Weise behindert. So konnte die Grube Groß Düben,4 Kreis Weißwasser, ihr Plansoll nicht erfüllen, da nur 50 % der benötigten Waggons von der Reichsbahn gestellt wurden.

Durch gute Vorbereitungen der BPO wurde die Entlarvung der Provokateure erfolgreicher. In einer Reihe Betriebe, besonders in Berlin und den Bezirken Leipzig, Potsdam, Dresden und Halle, wurde eine Anzahl Provokateure entlarvt und unter Zustimmung der Belegschaft zur Entlassung aus den Betrieben gebracht. Durch gute Vorbereitungsarbeit der Partei wurde z. B. bei den Belegschaftsmitgliedern im ESW Eilenburg die Zustimmung zur Entlassung eines Provokateurs in einer zweiten Belegschaftsversammlung erreicht, da hier Belastungsmaterial zur Verfügung stand. Nur in verhältnismäßig wenigen Fällen gelang es nicht, die Belegschaft von der Feindtätigkeit der Provokateure zu überzeugen, wie z. B. in einer Betriebsversammlung der Mathias-Thesen-Werft. Dort sollte ein Provokateur entlarvt werden. Durch ungenügende Vorbereitung der Versammlung, nur ein Genosse charakterisierte das feindliche Verhalten des Provokateurs, die Mehrzahl der Arbeiter stellte sich auf dessen Seite, musste die Versammlung ohne Ergebnis abgeschlossen werden.

Die Lage in Handel und Versorgung

Nach der Preissenkung erfolgte eine gewaltige Umsatzsteigerung. So sagte der Leiter der HO-Industriewaren Malchow/Neubrandenburg: »Autoreifen, die sonst einige Monate reichten, waren in kurzer Zeit ausverkauft.« Außerordentlich mangelhaft machte sich die Anweisung des Ministeriums der Finanzen bemerkbar, wonach die teilweise schon in den Schaufenstern im Preis geänderten Haushaltgegenstände wieder im Preis heraufgesetzt werden mussten.

Die Kartoffelversorgung wurde in der zweiten Oktoberhälfte wieder stark gehemmt, nicht nur wegen der schlechten Erfassung, sondern auch durch den Mangel an Transportmitteln. Bis Ende Oktober wurde die Bevölkerung durchschnittlich mit etwa 65 % Einkellerungskartoffeln beliefert. Es bestanden große Schwierigkeiten. So hatte z. B. bis 19. Oktober die Konsumgenossenschaft noch nicht einen einzigen Verbraucher im Kreis Liebenwerda mit Einkellerungskartoffeln versorgt und bis 30. Oktober konnten vom Konsum erst 55 % der bestellten Kartoffeln im Bezirk Cottbus ausgeliefert werden. Da bereits vier Wochen vorher die Bezahlung erfolgte, kam es teilweise zu Äußerungen wie: »Die Preissenkung soll wohl ein Ausgleich für die nicht zu erwartende Belieferung mit Winterkartoffeln sein.« Die VEAB Putlitz/Potsdam hatte 14 Waggons zum Abtransport der Kartoffeln angefordert, sie erhielt jedoch nur zwei Waggons. Es kam vor, dass Bauern mit ihren Kartoffeln wieder vom Bahnhof abfahren mussten, weil die Reichsbahn keine Waggons hatte.

Im größten Teil der Bezirke traten Mängel im Handel und in der Versorgung der Bevölkerung auf, die sich durch unplanmäßige Warenstreuung, schlechte Planung und ungenügende Bedarfsermittlung der Handelsorgane und Verwaltungsstellen zeigten. Der Bezirk Erfurt erhielt z. B. nur Fahrräder und Motorräder zugeteilt, im Gegensatz dazu erhielt der Bezirk Schwerin nur Kraftwagen. In Rostock ist ein Mangel an Stärkeerzeugnissen, wogegen Halle und Magdeburg einen Überschuss von diesen Erzeugnissen haben. Im Bezirk Karl-Marx-Stadt bestanden ernste Mängel in der Versorgung mit Frischfleisch. Demgegenüber lagern in Berlin riesige Mengen Fleischkonserven, die keinen Absatz finden. Außerdem lagern in Berlin noch große Mengen Fischkonserven, demgegenüber besteht im Bezirk Gera ein Mangel an Fischwaren.

Die Lage in der Landwirtschaft

Die Steuersenkung wurde von der Mehrzahl der Arbeiter in der Landwirtschaft, in MTS und VEG freudig begrüßt. Das Vertrauen zur Politik der Regierung wurde dadurch verbessert. In geringem Umfange wurden auch Verpflichtungen zur Steigerung der Produktion übernommen. So erklärte ein Traktorist der MTS Doberlug-Kirchhain: »Die Steuersenkung zeigt, dass die Regierung den neuen Kurs schnell verwirklicht. Auch wir wollen durch gute Arbeit zur Verwirklichung des neuen Kurses beitragen.« Die Kollegen der MTS Großkochberg/Gera verpflichteten sich aus Anlass der Steuersenkung in einem Wettbewerb das Zwei-Schichten-System einzuführen. In beiden Schichten wollen sie 90 % des Maschinenparks einsetzen.

Die negativen Meinungen waren verhältnismäßig gering und hauptsächlich unter Einzelbauern verbreitet, wie z. B. einige Bauern aus Thierbach/Gera, welche sagten: »Steuersenkung schön und gut, uns Bauern nützt sie aber nichts, das ist nur eine Vergünstigung für die Arbeiter. Na, wir werden schon aushalten bis Adenauer kommt.«

Da an der Preissenkung alle Schichten der Landbevölkerung interessiert sind, nahm die Diskussion um diese Maßnahme einen großen Raum ein. Die abwartende Haltung der Landbevölkerung zum neuen Kurs wurde damit zum großen Teil, außer bei den Großbauern und deren Anhängern, überwunden und das Vertrauen zur Regierung wesentlich gefestigt. Allgemein herrschte Zustimmung. Verschiedentlich wurden von den LPG, VEG und MTS Selbstverpflichtungen abgegeben. In einzelnen Fällen auch von Einzelbauern.

Im Verhältnis zur Industrie hatten die abgeschlossenen Wettbewerbe und Selbstverpflichtungen im Rahmen der Ernteeinbringung und Aussaat keinen so großen Umfang. Das VEG Dennin,5 Kreis Anklam, rief alle VEG des Bezirkes zum Wettbewerb für schnelle und verlustlose Einbringung der Ernte und Erfüllung des Milchsolls bis 10. November auf, dem sich sechs VEG anschlossen.

Von Einzelbauern wurde verschiedentlich befürchtet, dass aufgrund der Preissenkung die Preise für freie Spitzen herabgesetzt werden. Negative Diskussionen, wie die eines Großbauern aus Poserna/Halle, der sagte: »Für uns Bauern ist die Preissenkung gar nichts, wenn wir von unseren Produkten so viel behalten könnten, wie wir brauchten, wäre uns mehr geholfen«, sind verhältnismäßig wenig vorhanden.

Die Ablieferung der Ernte wurde verschiedentlich gehemmt durch teilweise bewusstes Zurückhalten durch Großbauern u. a. Bauern, durch ungenügende Arbeit der VEAB und zum Teil durch Schwierigkeiten in der Transportraumfrage. Nach vorläufig noch unvollständigen Angaben wurden ungefähr 80 % des Getreidesolls und ca. 70 % des Kartoffelsolls erfüllt.

Wie es in Einzelfällen durch gute Überzeugungsarbeit gelingt, die Bauern von der Notwendigkeit der 100%igen Sollerfüllung zu überzeugen, zeigt folgendes Beispiel:

56 Bauern des Kreises Gera, die ihrer Ablieferungspflicht nicht nachgekommen waren, wurden vom Vorsitzenden des Kreisrates geladen. Nach dieser Aussprache verpflichteten sich 53 Bauern, ihren Ablieferungspflichten bis 31. Oktober restlos nachzukommen.

Bei der Ablieferung von Kartoffeln und Rüben waren oft Schwierigkeiten in der Waggongestellung, dies führte zu Missstimmung unter den Bauern, da diese mehrmals die Kartoffeln zur Ablieferungsstelle fahren mussten. Die LPG Lütkendorf/Potsdam lagerte z. B. 4 000 Ztr. Kartoffeln, da sie nicht verladen werden konnten.

Die Rolle der Großbauern gegenüber unserem Staat zeigt sich verschiedentlich in ihrer bewussten Zurückhaltung der Ernteerträge, an ihrer teilweise mangelhaften Sollerfüllung und oft auch an ihrer Forderung der »freien Wirtschaft«. In Versammlungen und anderen Zusammenkünften treten Großbauern in negativer Form größtenteils nicht in Erscheinung, sondern lassen Mittel- und Kleinbauern, auf die sie Einfluss haben, für sich sprechen. Wie die Großbauern die Sicherung der Ernährung sabotieren, zeigt sich an folgendem Beispiel: So wurde im Kreis Perleberg/Schwerin von verschiedenen Großbauern die Sollablieferung verweigert, andererseits verkauften sie Produkte, die sie im Soll noch nicht erfüllt hatten, als freie Spitzen. Ein Großbauer aus Altengottern, Kreis Mühlhausen, der sein Soll erfüllt hat, forderte eine werktätige Bäuerin des Ortes auf, das Getreide nur zu 80 % abzuliefern. Ein Großbauer aus Burow/Schwerin erklärte: »Wenn die Futtergrundlage nicht gesichert ist, liefere ich nichts mehr ab. Mit dieser Wirtschaft gehen wir alle kaputt, nur durch eine ›freie Wirtschaft‹ können wir existieren.«

Übrige Bevölkerung

Im Allgemeinen wurde die Steuersenkung begrüßt und als weitere Maßnahme im neuen Kurs bewertet. Das Vertrauen der Bevölkerung zur Regierung wurde dadurch verbessert. Ein Angestellter des Krankenhauses Luckenwalde erklärte dazu: »Wenn die Regierung den neuen Kurs weiter so realisiert, wird sie bald das volle Vertrauen der Bevölkerung wieder besitzen.«

Die wenigen negativen Diskussionen kamen meistens aus Bevölkerungskreisen, welche selbst keine Vorteile durch die Steuersenkung haben. Dabei wurde oft zum Ausdruck gebracht, dass eine Preissenkung besser sei. So sagte ein LDP-Funktionär aus Dippoldiswalde: »Die Ärmsten der Armen hätten von der Preissenkung etwas gehabt, die Steuersenkung hilft nur denen, die schon einigermaßen Auskommen haben.«

Die Preissenkung fand bei der Mehrheit der Bevölkerung freudige Zustimmung, besonders positiv äußerten sich die Hausfrauen und brachten ihr Vertrauen zum neuen Kurs der Regierung zum Ausdruck. Unter den Hausfrauen tauchte aber auch die Diskussion, dass die Preise für Lebensmittel zu hoch sind, in größerem Maße auf. Eine Hausfrau aus Leipzig erklärte: »Über die Preissenkung freue ich mich doppelt, da ich sehe, dass es in der DDR vorwärts geht, trete ich dem DFD und der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft bei.«

In geringerem Umfang wurden auch Diskussionen über die Preise der Textilien geführt, wie z. B. eine Angestellte einer Konsumverkaufsstelle in Magdeburg: »Die Preise für Textilien sind in der letzten Zeit so stark angestiegen, dass durch die jetzige Preissenkung die Preise immer noch höher sind als vor einem Jahr.«

Negative Diskussionen wurden hauptsächlich von bürgerlichen Kreisen, besonders von Geschäftsleuten, geführt, wie z. B. der Inhaber einer Kfz-Werkstatt in Wismar, welcher sagte: »Vor acht Wochen wurden die Preise für verschiedene Fahrradersatzteile um 50 % erhöht. Jetzt werden sie um 10 % gesenkt.«

Verbesserungen in der Stromversorgung wurden nur in einzelnen Kreisen der Bezirke Neubrandenburg und Dresden erreicht, dagegen verschlechterte sich die Lage noch im Bezirk Potsdam. Die Unzufriedenheit über die Stromabschaltungen hielt in allen Kreisen der Bevölkerung, vor allem auf dem Lande, weiter an und zeigte sich besonders in der ersten Hälfte der Berichtszeit. So begaben sich z. B. am 16. und 19. Oktober 1953 Delegationen von Arbeitern der Wismut zum Bürgermeister in Geyer/Karl-Marx-Stadt, um im Namen der dort wohnenden 500 Bergarbeiter Protest wegen der laufenden Stromabschaltungen einzulegen.

Von den Interzonenreisenden aus der DDR, welche in Westdeutschland gewesen sind, diskutiert die Hälfte nach ihrer Rückkehr negativ über die Politik und die Verhältnisse in der DDR und macht für den Westen Propaganda. Dabei handelt es sich größtenteils um Menschen kleinbürgerlicher Herkunft, Frauen und besonders ältere Frauen. Eine Hausfrau aus Torgau äußerte nach ihrer Rückreise aus Westdeutschland: »Dass im Westen die Menschen besser leben als im Osten. Mit der verstärkten Ausgabe der Interzonenpässe hätten wir unser eigenes Grab geschaufelt, da diese Personen erkennen, wo man besser lebt und dass man sie im Osten belügt.«

Feindtätigkeit

Die gegnerische Tätigkeit hat sich gegenüber der ersten Oktoberhälfte verstärkt. Z. B. wurden Flugblätter in verstärktem Maße verbreitet, besonders zahlreich in den Bezirken Suhl (113 000), Groß-Berlin (ca. 90 000), Potsdam (58 000), Gera (37 000), Erfurt (30 000), Leipzig (26 000) und Halle (24 000). Insgesamt etwa 430 000, wovon jedoch der stark überwiegende Teil mit Ballons verbreitet und durch VP und Suchkommandos sichergestellt wurde und nicht in die Hände der Bevölkerung gelangte. Nachgelassen hat die Flugblattverbreitung nur in den Bezirken Rostock, Magdeburg und Cottbus.

Der größte Teil ist von der NTS,6 viele von der KgU,7 die übrigen von der SPD8 und vereinzelt von anderen Feindzentralen. Mit den Flugblättern beabsichtigt die NTS, die Rote Armee zu zersetzen. Sie fordert die Soldaten auf zur Desertion und zur Desorganisation der Roten Armee und zum Kampf gegen die SU. Weiterhin wird dazu aufgefordert, die Deutschen bei Streiks und Aufständen zu unterstützen. In den Flugblättern der KgU und auch der SPD und des DGB9 wurde aufgefordert zum Langsamarbeiten, weiterhin forderte die KgU die Bauern und die LPG-Mitglieder zum Widerstand gegen die demokratische Staatsmacht auf. In den Flugblättern der KgU und SPD wurden die Genossen Walter Ulbricht und Otto Buchwitz10 verleumdet, der 17. Juni verherrlicht und zur Wiederholung des 17. Juni aufgefordert. Die KgU forderte die Angestellten der Staatssicherheit unter Drohungen auf, ihre Arbeit innerhalb der Dienststellen aufzugeben, weiterhin propagierte sie den »sinnvollen Widerstand gegen die Politik der SED und der SU«. Der DGB forderte auf, die Anweisungen der Gewerkschaft nicht zu befolgen. Die »Freiheitlichen Juristen«11 forderten die Angehörigen der Staatssicherheit, der Justiz und der VP auf, die Provokateure nicht zur Verantwortung zu ziehen.

Aus der Westpresse geht hervor, dass die Kirchen und die christlichen Hilfsorganisationen beauftragt sind, die von den USA begonnene Paketprovokation12 fortzusetzen durch verstärkten und laufenden Versand von Päckchen mit Nahrungsmitteln und Kleidungsstücken an Bewohner in der DDR. Außerdem soll nach Abschluss des westlichen sogenannten »Berlin-Hilfsprogramms« Butter an Bewohner des demokratischen Sektors und der Berliner Randgebiete verteilt werden.

Der RIAS propagierte, man solle sich den Werbungen der VP entziehen, die Jugend in der DDR soll die Verlängerung der Lehrzeit fordern, die FDJ-ler wurden zur Bildung russischer Sprachzirkel aufgefordert, um unter Sowjetsoldaten westliche Propaganda treiben zu können. Weiterhin wurde versucht durch lügenhafte Vergleiche zwischen der DDR und Westdeutschland das durch die Preissenkung gefestigte Vertrauen der Bevölkerung zu Partei und Regierung zu untergraben.

Der Gegner setzte seine Terrorakte verstärkt fort. Von 23 Fällen geschahen 15 auf dem Lande. Der Terror richtete sich gegen vier SED-Funktionäre, vier Funktionäre der Massenorganisationen, acht Angehörige der VP und KVP, einen Kleinbauern – Mitglied der SED, einen LPG-Vorsitzenden, einen Bürgermeister, einen Politleiter der MTS, gegen Studenten bei der Erntehilfe auf der LPG und mehrere Traktoristen, welche in den Kreisen Bernau und Eberswalde/Frankfurt/Oder bedroht wurden, während sie nachts die Felder bearbeiteten.

Bei der Fahndung nach den restlichen vier aus der ČSR geflüchteten Terroristen kam es am 16. Oktober zu Feuerwechsel, wobei fünf Angehörige der VP getötet und vier VP-Angehörige und drei Bauern verletzt wurden. Ein verletzter Bandit wurde am 17. Oktober festgenommen.13

Während der zweiten Oktoberhälfte wurden in der Industrie elf meist kleinere Diversionsfälle in verschiedenen Bezirken festgestellt. Im Bezirk Frankfurt/Oder brach im VEB Holzbau Klosterfelde ein Großbrand aus, wobei Brandstiftung vermutet wird. In sieben Fällen wurden in der Landwirtschaft Brände angelegt bzw. besteht der Verdacht der Brandstiftung, dabei wurden in zwei Fällen Scheunen der LPG niedergebrannt. Die organisierte Tätigkeit der Gegner auf dem Lande sieht man treffend an dem Beispiel des Molkereiangestellten aus dem Kreis Perleberg, der im Auftrag einer feindlichen Agentur vorsätzlich landwirtschaftliche Maschinen unbrauchbar machte und Futtermittel mit Glas und Sand vermischte.

Die Rückkehr der begnadigten Kriegsverurteilten aus der SU14 wurde durch die Kirche für ihre propagandistischen Zwecke ausgenutzt durch zahlreiche »Bittgottesdienste für die Kriegsgefangenen«. Dabei wurde durch eine Reihe Prediger Mitleid und Bedauern für die Kriegsverbrecher unter den Gläubigen erweckt, um eine feindliche Stimmung gegen die SU zu entfalten. So sagte z. B. der Pfarrer aus Legde, Kreis Perleberg, am Ende seiner Predigt: »Nun lasst uns beten für die armen drangsalierten Kriegsgefangenen aus der SU

Der Superintendent aus Schwerin sagte in einer Gebetsstunde: »Ich möchte besonders der Jugend gedenken, die verschleppt wurde, nur weil sie einmal ein Wort zuviel gesagt hat, und so was nennt man Redefreiheit.«

Einschätzung der Situation

Während der zweiten Oktoberhälfte hat sich die Stimmung der Bevölkerung wesentlich gebessert. Die misstrauische, abwartende Haltung ist zum großen Teil bei den Werktätigen überwunden worden. Durch die Steuer- und Preissenkung und durch die verbesserte Aufklärung wurde besonders unter den Arbeitern ein Umschwung erreicht. Die Belegschaften einer großen Zahl Betriebe unterstützen aktiv durch Verbesserung der Produktion den neuen Kurs von Partei und Regierung. Eine ähnliche Entwicklung, wenn auch in geringerem Umfang, zeigt sich auf dem Lande bei MTS, LPG und VEG. In der gleichen Zeit hat auch der Feind seine Tätigkeit verstärkt, jedoch ist sein Einfluss unter der Bevölkerung geringer geworden.

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