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Tagesbericht

9. November 1953
Informationsdienst Nr. 2016 zur Beurteilung der Situation

Die Lage in Industrie, Verkehr, Handel und Landwirtschaft

Industrie und Verkehr

Der 36. Jahrestag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution wurde vom größten Teil der Betriebe würdig begangen. Die Feierstunden fanden hauptsächlich in den VEB, wo sie teilweise kulturell umrahmt wurden, statt. Die Beteiligung der Arbeiter an diesen Feierstunden und die Diskussionen zur Oktoberrevolution waren im Verhältnis zu vorhergehenden politischen Veranstaltungen (7. Oktober) oftmals besser. Als Ursache dafür kann besonders der neue Kurs unserer Regierung und die täglich sichtbare Hilfe der SU bei der Lieferung von Nahrungsmitteln an die DDR und alle weiteren großzügigen Maßnahmen der SU bezeichnet werden. In einer Anzahl Betriebe wurden jedoch die Feierstunden nicht entsprechend ihrer Bedeutung durchgeführt und besucht. Dafür liegt die Ursache meist in der mangelhaften politischen und organisatorischen Vorbereitung der jeweiligen BPO. Negative Diskussionen sind im Verhältnis zu den positiven Diskussionen und Produktionsverpflichtungen viel weniger vorhanden. Nachfolgend einige Beispiele:

An der Feierstunde im Stahlwerk Gröditz/Dresden am 7.11.1953 nahmen 600 Arbeiter teil. Diese Teilnehmerzahl kann als sehr gut bezeichnet werden. Im Persil-Werk Genthin nahmen von 1 400 Belegschaftsmitgliedern 1 300 an der Feierstunde teil. Dagegen beteiligten sich an einer im Werk Audi Zwickau durchgeführten Feierstunde von 1 600 Belegschaftsangehörigen nur 60 Kollegen. Im Martin-Hoop-Werk Zwickau leisteten die Kumpel eine Sonderschicht anlässlich des 36. Jahrestages der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution, wo sie ihre Norm durchschnittlich mit 120 % erfüllten. In Freital wurden von fünf Wismut-Brigaden Sonderschichten geleistet, bei denen sie 135 % ihrer Norm erreichten.

Anlässlich dieses Festtages werden Einzelbeispiele, wie das eines Lehrausbilders aus dem VEB Drehmaschinenwerk Zeulenroda/Gera bekannt, der sich entschloss, den Antrag zur Aufnahme als Kandidat der SED zu stellen.

Ein parteiloser Arbeiter, ehemaliger Angehöriger der SS, aus dem VEB Schlepperwerk Nordhausen/Erfurt: »Man geht doch jetzt besonders nach dem neuen Kurs noch mit viel mehr Mut und Zuversicht an die Arbeit. Ich bedaure nur, dass ich heute Abend Schicht habe und an der Feier zum 36. Jahrestag nicht teilnehmen kann.«

Negativ wurde von Angehörigen der technisch-wissenschaftlichen Intelligenz in verschiedenen Fällen diskutiert. In einer Unterhaltung äußerten sich z. B. mehrere Wissenschaftler des VEB Zeiss Jena zu den Feierlichkeiten der Oktoberrevolution: »Diese Zeit ist für uns zu kostbar, wir arbeiten in erster Linie um Geld zu verdienen und um der Forschung Willen, alles andere interessiert uns nicht.«

Unter den negativen Stellungnahmen ist besonders verbreitet, dass dieser Feiertag nichts mit dem deutschen Volk zu tun hat und deshalb von diesem auch nicht gefeiert werden braucht, wie das z. B. von mehreren Arbeitern eines Privatbetriebes in Klingenthal geäußert wurde.

Zur neuen Note der SU1 wird in den wenig bekannt gewordenen Diskussionen bis auf einzelne Ausnahmen negativ reagiert.

Ein parteiloser Wirker aus einem Betrieb in Karl-Marx-Stadt: »Churchill soll jetzt Wort halten und sich mit der SU an einen Tisch setzen, auch wenn die anderen Mächte nicht mit daran teilnehmen.«

Ein Arbeiter des VEB Fichtel & Sachs sagt: »Alles nur leeres Geschreibsel, in Wirklichkeit meinen es die Russen sowieso nicht ernst. Das ist alles nur darauf berechnet, den dummen Deutschen Sand in die Augen zu streuen. Die wollen alle beide, Ami sowie Iwan, keinen Frieden.«

Produktionsschwierigkeiten wegen Waggonmangel treten in der volkseigenen Mühle Langensalza (25 Beschäftigte) auf, indem dort die Produktion für sechs Tage eingestellt werden musste. Von der Möbelfabrik Langensalza (60 Beschäftigte) mussten zur Auszahlung der Löhne 65 000 DM Kredite zur Weiterzahlung der Löhne aufgenommen werden, da die Fertigware im Wert von 120 000 DM nicht abtransportiert werden kann.

Ein Warnstreik für diese Woche wird von den Arbeitern der Abteilung Dreherei des VEB Feuerungsbau Werk III in Greiz/Gera propagiert. Grund: Eine mehrmalige Beschwerde an die Betriebsleitung wegen schlechter Entlüftung wurde bisher nicht beachtet.

Handel und Versorgung

Bei dem Kontor für Lager und Importe in Rostock lagern zzt. hohe Bestände an Importschmalz aus Dänemark, Holland und der UdSSR in einer Höhe von 411 t und Inlandschmalz 137 t. Die gesamte Menge der Staatsreserven hat teilweise bereits eine Wertminderung zu verzeichnen. Die Mengen der Minderung sind noch nicht zu übersehen. Es ist notwendig, ca. 150 t schnellstens dem Verbrauch zuzuführen, da der Wert für 100 kg 238 DM beträgt und sich bei Minderung auf 184 DM ermäßigt. Diesbezügliche Verhandlungen beim Ministerium für Lebensmittelindustrie verliefen ergebnislos. Kleine Mengen sind der Fischverarbeitung für Bratzwecke bereits zugeführt worden.

Landwirtschaft

Anlässlich des 36. Jahrestages der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution wurden in den Gemeinden ländlicher Bezirke verhältnismäßig wenige Feierstunden durchgeführt. Die einzelnen Veranstaltungen waren außer denen der MTS und LPG nur schwach besucht. Vereinzelt mussten diese wegen geringer Teilnahme ausfallen. Hier macht sich besonders eine mangelhafte Organisation und schlechte Vorbereitung bemerkbar. In MTS und LPG wurden anlässlich dieses Tages vereinzelt Selbstverpflichtungen übernommen.

Bei der Kommandantur in Leisnig/Leipzig wurde von einer Delegation der LPG ein 1½ Ztr. schweres Schwein und ein Präsentkorb überreicht, was zur Auszeichnung der besten Ausbildungszüge verwendet werden soll. Die MTS Neuruppin/Potsdam, die ihren Plan bereits mit 114 % erfüllt hat, verpflichtet sich, bis zum 15.11.1953 mit 140 % zu erfüllen. Die Traktoristen der MTS Brehna/Halle verpflichteten sich, die Winterfurche bis zum 25.11.1953 zu ziehen, d. h. zu beenden.

In der Gemeinde Stolpe2/Rostock fand eine Feierstunde statt, in der eine positive Stimmung zu verzeichnen war. Die 120 Teilnehmer setzten sich aus 101 Arbeitern und Angestellten der MTS und 19 LPG-Bauern zusammen. In Kummersdorf3/Potsdam waren nur 20 Personen auf dem Kundgebungsplatz erschienen. Der Referent, ein Vertreter der Kreisleitung der SED, lehnte es ab zu sprechen, wodurch die Kundgebung ausfiel. In der Gemeinde Dolle/Magdeburg waren zur Feierstunde von 900 Einwohnern 13 erschienen.

Diskussionen, die mit dem 36. Jahrestag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution im Zusammenhang stehen, sind nur vereinzelt festzustellen. Nachfolgend einige Beispiele:

Eine Buchhalterin aus Zwickau: »Die Völker der SU haben der Menschheit den Weg gewiesen. Besonders wir als Deutsche sollten davon lernen und erkennen, dass die SU unser bester Freund ist, was in der ständigen Hilfe zum Ausdruck kommt.«

Ein Mitglied der LPG Niedercunnersdorf: »Wir sind der SU zu großem Dank verpflichtet. Nur durch die siegreiche Oktoberrevolution war es uns möglich, den Faschismus zu zerschlagen und die DDR zu bilden.«

Eine Bäuerin aus Bansin/Rostock: »Was geht mich dies an, ich will mit den Russen keine Freundschaft und werde auch kein Mitglied der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft.«

Aus Potsdam wird berichtet, dass trotz eingesetzter Brigaden und Agitatoren, die Kartoffelablieferung nur schleppend vorangeht. Es mehren sich die Beispiele, dass Bauern zum Ausdruck bringen, falls ein Druck ausgeübt wird, sie sich nach Westberlin bzw. Westdeutschland absetzen wollen. Großbauern nehmen teilweise eine feindliche Haltung gegenüber den Erfassern ein. Ein Großbauer aus Welsickendorf/Potsdam ging z. B. auf einen Erfasser mit der Mistgabel los. Teilweise leisten auch die Erfasser selbst keine gute Arbeit, indem sie ständig vor den Argumenten der Bauern zurückweichen und dadurch den Instrukteurbrigaden die Arbeit erschweren.

Stimmung der übrigen Bevölkerung

Wie aus den Berichten zu ersehen ist, war unter den Teilnehmern an Demonstrationen, Kundgebungen und Festveranstaltungen anlässlich des 36. Jahrestages der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution in der Mehrzahl eine positive Stimmung festzustellen. Da in den Betrieben und Verwaltungen bereits am 6. und 7.11.1953 Feierstunden stattfanden, nahm ein Teil der Arbeiter und Angestellten an den öffentlichen Kundgebungen nicht mehr teil. Verschiedentlich ist die mangelhafte Beteiligung auf schlechte politische und organisatorische Vorbereitung zurückzuführen. Bemerkenswert ist, dass in den Bezirken Leipzig, Karl-Marx-Stadt, Erfurt, Frankfurt/Oder und Magdeburg gegenüber dem Vorjahr im Durchschnitt eine bessere Beteiligung zu verzeichnen war. Diskussionen werden nur in geringem Maße geführt.

In Tangerhütte/Magdeburg beteiligten sich am Fackelzug und der anschließenden Kundgebung ca. 700 Personen (am 7. Oktober ca. 300 Personen). Mit großem Jubel wurde die Delegation der Kreiskommandantur begrüßt. Großer Applaus wurde dem Referat des 1. Kreissekretärs der SED gezollt. Es konnte festgestellt werden, dass im Verhältnis zum 7. Oktober 1953 eine wesentlich bessere Stimmung zu verzeichnen war.

In Erfurt und den Kreisstädten des Bezirkes wurden am Vorabend des Jahrestages Fackelzüge organisiert, die gegenüber dem Vorjahr eine höhere Beteiligung aufzuweisen hatten. Ähnlich ist das Verhältnis bei den durchgeführten Kundgebungen. In Mühlhausen z. B. beteiligten sich 1 000 und in Arnstadt 2 000 Personen. In Arnstadt musste bereits vor Beginn der Kulturveranstaltung der Saal wegen Überfüllung polizeilich geschlossen werden. Die Kulturveranstaltung in Apolda im »Haus des Volkes« war mit 50 Personen besucht. (Fassungsvermögen des Saales beläuft sich auf 500 Plätze).

Eine Hausfrau aus Großenhain/Dresden: »Die Feier mit den sowjetischen Freunden und dem Kommandanten von Großenhain war für mich ein Erlebnis, das ich in meinem Leben nie wieder vergessen werde.«

Eine Stadträtin aus Wilkau, CDU: »Immer bei jedem Satz kommt vor ›Für ein friedliches, demokratisches Deutschland‹ und immer wird nur von einer Verherrlichung Sowjetrusslands gesprochen, mir steht das zum Halse.«

Ereignisse von besonderer Bedeutung

In der Gemeinde Tilleda, Kreis Sangerhausen/Halle, hat sich die Zahl der Typhuserkrankten auf 31 Personen erhöht. Entsprechende Maßnahmen gegen die Verbreitung des Typhus wurden eingeleitet.

Organisierte Feindtätigkeit

Verstärkte Verbreitung von Flugblättern wird aus dem Bezirk Cottbus, vereinzelt aus den Bezirken Gera, Rostock, Frankfurt/Oder und Karl-Marx-Stadt gemeldet. In der Mehrzahl der Flugblätter handelt es sich um solche der NTS4 und des Ostbüros der SPD.5

In Friedrichshagen/Berlin wurde am 8.11.1953 ein auf der Spree schwimmendes Holzgestell sichergestellt. Die daran befestigten Feuerwerkskörper zeigten bei ihrer Entzündung das Zeichen der NTS. Außerdem war ein Ballon mit 500 Flugblättern der NTS angebunden.

An Westberliner Anschlagsäulen sind folgende Hetzplakate zu lesen: »Berliner, im Funkhaus in der Masurenallee stehen schon seit 18 Monaten 100 Zimmer unbenutzt, das Haus wird von den Sowjets besetzt. Diese haben darin wie die Vandalen gehaust, Millionenwerte wurden zerschlagen. Berliner, wollt ihr da weiter zusehen?«

Einschätzung der Situation

In den Betrieben und Städten wurden am 6. und 7. November 1953, zum Jahrestag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution, zahlreiche Feierstunden, Kundgebungen, Kranzniederlegungen und Kulturveranstaltungen durchgeführt. Auf dem Lande fanden weniger Veranstaltungen statt. In der Mehrzahl war eine gute Beteiligung festzustellen, oft besser wie im Vorjahr, wegen schlechter Vorbereitung der Veranstaltungen und schlechter Organisation zeigte sich aber vielfach auch eine schlechte Beteiligung der Bevölkerung, besonders auf dem Lande.

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