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Tagesbericht

27. November 1953
Informationsdienst Nr. 2032 zur Beurteilung der Situation

Die Lage in Industrie, Verkehr, Handel und Landwirtschaft

Industrie und Verkehr

Über die Abschaffung der Interzonenpässe in der DDR1 wird, wie aus den Berichten ersichtlich ist, nur noch von einem kleinen Teil der Arbeiter in den Betrieben Stellung genommen. Der Inhalt der bekannt gewordenen Stimmen ist in der Mehrzahl positiv. In Einzelfällen wird die Meinung vertreten, dass diese Maßnahme in der DDR nur aufgrund des Drucks der Westmächte eingeführt wurde.

Eine Arbeiterin, Mitglied der SED, vom Teerverarbeitungswerk Rositz/Leipzig: »Die Aufhebung der Interzonenpässe beweist wieder einmal den Willen unserer Regierung,2 die Verbindung zwischen West- und Ostdeutschland ständig weiter zu festigen. Dadurch werden noch mehr als bisher ihre Angehörigen in Westdeutschland besuchen können. Das wird dazu beitragen, dass noch mehr Menschen sich für den Kampf um den Frieden und die Einheit Deutschlands einsetzen.«

Mehrere Kumpel aus Freital/Dresden: »Die durchgeführten Maßnahmen zur Erleichterung des Interzonenverkehrs seitens der Regierung der DDR sind auf Veranlassung der Westmächte und unter deren Druck von unserer Regierung durchgeführt wurden.«

Dem Brief der Regierung der DDR an die Bonner Regierung3 stehen die Arbeiter, wie die Bezirke Gera und Potsdam berichten, sehr abwartend und skeptisch gegenüber. Ein Schlosser aus der Schmiede des VEB »Heinrich Rau« Wildau/Potsdam: »Es hat doch alles keinen Zweck, wir können noch so viel schreiben, die richten sich ja doch nicht danach.«

Ein Arbeiter des Kunstfaserwerkes »Wilhelm Pieck« Schwarza/Gera: »Wie viel Noten und Schreiben hat denn Russland und unsere Regierung schon an Adenauer geschrieben und was wurde dabei erreicht? Meine Meinung ist die, dass auch auf den letzten Brief unserer Regierung nichts geschieht, um eine Einigung zu erzielen. Adenauer will eben nichts von uns wissen und auch den Amerikanern ist es recht, wenn sie weiterhin in Westdeutschland schalten und walten können wie sie wollen.«

Diskussionen über die Regierungserklärung der DDR4 liegen bisher nur aus den Bezirken Karl-Marx-Stadt und Halle vereinzelt vor. Dabei haben alle Meinungsäußerungen zu dieser Frage einen positiven Inhalt. So sagte ein parteiloser Arbeiter der August-Bebel-Hütte im Mansfeld-Kombinat »Wilhelm Pieck« Halle: »Walter Ulbricht hat die Lage richtig aufgezeigt und man sieht, dass unsere Regierung auf das Ernsthafteste bemüht ist, sich mit dem Westen an einen Tisch zu setzen und zu verhandeln.«

Ein ehemaliger Hauptmann der faschistischen Wehrmacht, jetzt in einem Schacht der Wismut AG in Schwarzenberg beschäftigt: »Wenn unsere Regierung auch nur aus Arbeitern besteht, so sind es doch gute Diplomaten geworden, was deutlich in der Rede von Walter Ulbricht zum Ausdruck kam. Die deutliche Formulierung und die guten Vorschläge, die vonseiten unserer Regierung gemacht werden, die müssen einem jeden Deutschen ins Herz gehen und er muss sich dafür einsetzen.«

Zur Entlarvung der Agentengruppen in der DDR5 wird weiterhin, besonders in den Betrieben, wo Vertreter des SfS darüber sprachen, positiv diskutiert. In Einzelfällen werden von den Arbeitern Verpflichtungen zum persönlichen Schutz ihrer Maschine übernommen.

Ein Arbeiter der Volkswerft Stralsund, der am 18.6.1953 inhaftiert war und aus der SED ausgeschlossen wurde, sagte zur Versammlung im Betrieb: »Ich habe am 18.6. auch ein Teil Schuld gehabt. Ich habe mit gestreikt und verschiedene Arbeiter mit dazu verleitet. Mir hat zwar kein Agent gesagt, dass ich das machen soll, aber ich habe den RIAS gehört und deshalb habe ich so gehandelt. Heute weiß ich, dass ich einen großen Fehler gemacht habe und werde alles daran setzen, meinen Fehler wiedergutzumachen.«

Der Produktionsleiter – parteilos, ehemaliger Offizier der faschistischen Wehrmacht – der Netzschkauer Maschinenfabrik/Karl-Marx-Stadt, sagte in der Diskussion nach dem Referat des Vertreters des SfS: »Ich bin der Meinung, dass jeder Kollege so viel Nationalbewusstsein besitzen müsste, um Wachsamkeit zu üben und den Arbeitsplatz und den Staat, von welchem er Brot und Lohn erhält, zu schützen, damit keine Agenten Schaden anrichten können.«

Im Karl-Liebknecht-Werk, Betrieb Salbke/Magdeburg, verpflichtete sich nach der Versammlung, wo über die Agententätigkeit in der DDR gesprochen wurde, z. B. ein Teil der Arbeiter aus der Schmiede des Betriebes ihre 600-Tonnen-Presse in persönlichen Schutz zu nehmen.

Durch zusätzliche Kohlenlieferungen können die bisher außer Betrieb stehenden Aggregate in fünf Cottbuser Tuchfabriken in Betrieb genommen werden und 200 000 kW Strom mehr erzeugen. Die Ziegelei Woldegk/Neubrandenburg gibt ein gutes Beispiel für zusätzliche Stromerzeugung. Durch das Aufbauen eines Aggregates und die weitere Fertigstellung eines Heizkessels im Betrieb können in Kürze nicht nur die Maschinen der Ziegelei, sondern auch das Ortsnetz mit Strom versorgt werden.

Die Erfüllung der Roheisenproduktion im EKS hat sich in den letzten Tagen gebessert. Am 26.11.1953 wurde der Plan mit 120 % erfüllt.

Der prozentuale Erfüllungsstand bei Investvorhaben beträgt im Bezirk Cottbus beim DDR-Plan 38,7 % und beim Bezirksplan 48,1 %.

Verschiedentlich treten Produktionsschwierigkeiten, größtenteils durch Material-, Ersatzteil- und Waggonmangel hervorgerufen, auf, die in Einzelfällen Entlassungen mit sich bringen. Im Bw Karl-Marx-Stadt ist ein Mangel an verschiedenen Ersatzteilen, wie Schrauben, Muttern und Fülldichtringen, vorhanden. Im Zementwerk Karsdorf/Halle sind die Lagerräume überfüllt. Da dem Betrieb gegenwärtig keine Waggons zur Verfügung stehen, müssen die Arbeiter mit nebensächlichen Arbeiten beschäftigt werden. Darüber sind sie missgestimmt, da diese Zeit nicht im Leistungslohn bezahlt wird. Sie bringen zum Ausdruck: »Wir freuen uns über die Preissenkung und die Steuersenkung und wir möchten gerne zur weiteren Verbesserung der Lebenslage beitragen, doch beseitigt die Schwierigkeiten mit den Waggons.«

Im VEB KEMA Görlitz wurde der Plan für 1953 erfüllt. Für die Planauflage 1954 ist nicht genügend Material vorhanden, sodass bis jetzt 25 Kollegen entlassen wurden. Diese Zahl wird sich bis Weihnachten auf 40 bis 50 erhöhen. Dazu sagt ein Arbeiter: »Es ist schlecht, dass man aus den Fehlern der vergangenen Jahre nichts gelernt hat und wir in diesem Jahre wieder erleben müssen, dass vor dem Weihnachtsfest keine Arbeit da ist. Jeder Kollege möchte gut verdienen, um für ein schönes Weihnachtsgeschenk sparen zu können.«

Am 26.11.1953 fiel im SAG EHW Thale die Hauptantriebsmaschine der Blockwalzstraße, die Antriebsmaschine der Blechwalzstraße und die Wasserturbine des Werkes aus. Die Ursache dafür ist der niedrige Wasserstand der Bode. Der Bezirk Halle berichtet, dass aufgrund der Verkennung des Bauvorhabens der Rappbodetalsperre und des jetzt eingetretenen Frostwetters der geringe Wasserstand zu verzeichnen ist. Nachdem ein errichteter Wasserdamm im Flussbett durchbrochen wurde, konnte die Arbeit nach vier Stunden wieder aufgenommen werden.

Verschiedene Ursachen für Missstimmung unter den Betriebsangehörigen. Ein Kollege, Mitglied der SED, der Mathias-Thesen-Werft Wismar sagt zu den verschiedenen Diskussionen über schlechte Arbeitsorganisation im Betrieb: »Die Organisation im Arbeitsablauf ist sehr schlecht. Es ist wohl genügend Arbeit da, aber es fehlt an der Organisation. Außerdem fehlen die Voraussetzungen teilweise zur Arbeit, wie Werkzeuge und richtige Materialbereitstellung.«

Die Arbeiter der Volkswerft Stralsund diskutieren über einen Betriebsschaden (Sachschaden), der durch das Reißen eines Seiles beim Aufslippen eines Bootskörpers verursacht wurde. Sie sind der Meinung, dass die betreffenden Ingenieure ihre Arbeit nicht verantwortungsbewusst durchführen und deshalb zur Verantwortung gezogen werden müssen.6

Im PWS Schmölln/Leipzig herrscht bei den Meistern und der Intelligenz Missstimmung, weil trotz Übererfüllung des Planes die Quartalsprämie nicht ausgezahlt wird. Durch einen Engpass in der Materialversorgung wurden bei der Verarbeitung von Abfällen mehr Arbeitskräfte notwendig. Dadurch konnte der Finanzplan nicht erfüllt werden, was zur Folge die Nichtauszahlung der Prämien hat.

Über teilweise mangelhafte Qualität gelieferter Steinkohle aus Volkspolen wird im Bw Karl-Marx-Stadt diskutiert. Drei Lokführer sagten dazu, dass die Kohle für Lokfeuerung minderwertig ist. Es ist schon vorgekommen, dass Züge wegen Dampfmangel auf freier Strecke stehen bleiben. Des Weiteren wurden bei der Verfeuerung Explosionen in der Feuerbuchse bemerkt, die vermutlich von Sprengzündern aus den Bergwerken stammen.

Im Wismut-Gebiet wird immer noch über die Umbildung der Wismut AG in größerem Umfange diskutiert.7 Ein Schießmeister aus einem Oberschlemaer Wismut-Objekt sagt z. B. dazu: »Nach der Umbildung ist es vorbei mit dem Geldverdienen und Verschiedene werden dann auch entlassen.«

Handel und Versorgung

Die Konsumverkaufsstellenleiterin aus Schulzendorf/Potsdam beklagt sich darüber, dass die Anlieferungen von Brot und Brötchen nicht ausreichen, ebenso unzureichend ist die Belieferung mit HO-Wurst, -Schmalz und -Margarine sowie Textilien aller Art. Auch in Hohenseefeld/Potsdam reichen Brot und Brötchen für den Bedarf nicht aus. Hier wurde bereits das Gerücht in Umlauf gebracht, dass wieder Brotmarken eingeführt werden (Brot wird oft zur Viehfütterung verwendet). Ähnliche Beispiele über mangelnde Warenstreuung in den einzelnen Kreisen werden aus dem Bezirk Gera berichtet.

Im Bezirk Neubrandenburg fehlt es besonders an HO-Butter und -Margarine. Im Bezirk Leipzig fehlt es an guter Margarine, die Arbeiter wollen die billige Margarine nicht kaufen. In Stollberg/Karl-Marx-Stadt kursiert das Gerücht einer Butter- und Margarineknappheit vor Weihnachten, sodass bereits Angsteinkäufe getätigt werden. Von der Bevölkerung in Berlin wird sehr oft gefragt, warum es keine Eier zu kaufen gibt.

Wie bereits berichtet, liegen die 140 Ztr. Schokoladenwaren, die nicht vollwertig aus der ČSR geliefert wurden, noch immer bei der DHZ Eisenach/Erfurt und sind zum Teil schon vollkommen verdorben.

Landwirtschaft

Zur Ablieferung landwirtschaftlicher Produkte wird aus den Bezirken Potsdam, Halle, Dresden und Frankfurt berichtet. Wie aus Potsdam berichtet wird, ist die Stimmung der Landbevölkerung nicht zufriedenstellend. Die Bauern, vorwiegend Großbauern, sind wegen der Kartoffelerfassungsaktion missgestimmt. So diskutiert z. B. ein großer Teil der Bauern aus Löwenberg in folgendem Sinne: »Wir haben zwar den neuen Kurs, aber wir werden noch mehr gedrückt wie vorher. Das Versprechen unserer Regierung wird also nicht eingehalten. Wenn es so weitergeht, werfen wir alles hin und setzen uns nach dem Westen ab.« Weiterhin ist das Argument, dass durch die Erfassung die Futtergrundlage gefährdet sei, stark verbreitet. So äußerte der stellvertretende Bürgermeister aus Löwenberg: »Bei der Erfassung sind wohl Erfolge erzielt worden, diese gehen aber auf Kosten des Viehs.«

Im Kreis Jüterbog treten sehr oft die Meinungen auf, dass man nur die Eintreibung des Kartoffelsolls im Auge hat, dabei aber keine Rücksicht auf die Futtergrundlage genommen wird. In Lögow sind die Einwohner mit der Methode eines Erfassers nicht einverstanden. Einer Einzelbäuerin (SED), die mit 350 Eiern im Rückstand ist, wurden z. B. sieben Gänse beschlagnahmt.

Täglich werden Beispiele bekannt, wo vorwiegend Großbauern, aber auch Mittel- und Kleinbauern, bewusst ihre Produkte zurückhalten. Ein Mittelbauer aus Sewekow, der sein Soll mit 50 % erfüllt hat, bedrohte den 1. Kreissekretär der VdgB mit der Gabel. Als ein Traktor der MTS auf den Hof gefahren kam, um die vorhandenen 112 dz Kartoffeln abzuholen, warf er sich vor den Traktor und rollte anschließend auf dem Hof liegende Baumstämme vor die Maschine, um das Abfahren zu verhindern. Weiterhin wird aus Potsdam mitgeteilt, dass Großbauern den Mitgliedern der LPG Randow angeboten haben, die Produkte, die sie für ihre geleistete Arbeit erhalten, abzukaufen. Die Großbauern boten höhere Preise als die VEAB im freien Aufkauf.

Wie aus Halle berichtet wird, ist in der Ablieferung landwirtschaftlicher Produkte noch keine Besserung eingetreten. In Gesprächen mit Bauern aus dem Kreis Köthen äußerten diese, dass sie das Soll aufgrund der schlechten Düngerversorgung nicht erfüllen können. Sie erklärten sich bereit, ihren Verpflichtungen mit Austauschprodukten nachzukommen.

Aus Frankfurt/Oder wird berichtet, dass unter den Groß-, Mittel- und Kleinbauern noch immer eine schlechte Einstellung zur Sollablieferung besteht. Diese kommt in Meinungsäußerungen und in der Nichtablieferung zum Ausdruck. In Zützen8 ist es schon soweit, dass man gewalttätig gegen den Bürgermeister vorgehen will, indem man ihm sagt, wenn es einmal anders kommt, ist er der erste, der aufgehängt wird. Durch die aufgezeigten Äußerungen sind solche Erscheinungen vorhanden, dass Bürgermeister ihre Funktion niederlegen wollen, da sie sich ständig bedroht fühlen.

Besondere Schwierigkeiten bestehen in der Ausgabe von Schlachtscheinen. Ein Neubauer äußerte, dass er schlachten kann, auch wenn er sein Soll nicht erfüllt hat. Dieselben Argumente werden auch in anderen Gemeinden verbreitet.

Im Kreis Angermünde fand am 18.11.1953 eine Bauernversammlung statt, wo fast ausschließlich negativ diskutiert wurde. Unter anderem wurde geäußert: »Die Regierung hat den neuen Kurs begonnen, jetzt soll sie beweisen, ob sie die Fähigkeiten hat, und man muss uns deshalb im Frühjahr 1954 mit Pflanzkartoffeln beliefern.« Durch negativen Einfluss legten der VdgB-Vorsitzende und zwei Gemeindevertreter ihre Funktion nieder.

Im Bezirk Dresden wurde festgestellt, dass Großbauern mit der Herbstaussaat in einigen Kreisen sehr weit im Rückstand sind. Von Großbauern wird die Forderung gestellt, dass die MTS die Tarife senkt, wenn dies nicht geschieht, wollen sie nicht abliefern. So äußerte sich ein Großbauer aus Kreischa: »Wenn mir die MTS nicht mit niedrigen Preisen hilft,9 werde ich nicht abliefern.«

In mehreren MTS des Bezirkes Halle weigern sich die Traktoristen nachts zu fahren, weil angeblich wiederholt Überfälle vorgekommen sind.

In Großnaundorf/Dresden wurde ein Großbauer, der den größten Einfluss auf die Bauern hat, in den Ortsvorstand der VdgB gewählt. Auch im Bezirk Leipzig wird festgestellt, dass sich immer wieder Klein- und Mittelbauern zum Fürsprecher der Großbauern machen. So äußerte ein Neubauer aus Loßwig/Leipzig in einer Bauernversammlung: »Die Regierung hat die Großbauern kaputtgemacht. Ich schlage vor, dass Großbauern mit in den Vorstand zur Vorbereitung des IV. Deutschen Bauerntages gewählt werden, denn die Großbauern ernähren die Bevölkerung und liefern das meiste.« Diese Ausführungen wurden durch dauernde Zwischenrufe der Großbauern unterstützt.

Stimmung der übrigen Bevölkerung

Über den Beschluss zur Aufhebung der Interzonenpässe wurden in den Bezirken Suhl, Neubrandenburg, Erfurt, Karl-Marx-Stadt, Cottbus und Halle nur wenige Meinungsäußerungen bekannt. Der Inhalt ist zum großen Teil positiv. Ein Arbeiter aus Bad Brambach/Karl-Marx-Stadt: »Dies ist wieder ein Schritt näher zur Einheit Deutschlands. Eines jedoch ist nicht gut dabei, denn dadurch gibt man den Agenten neue Möglichkeiten sich in die DDR einzuschleichen, wo sie dann ihre Verbrechen durchführen.«

Ein ehemaliger Angehöriger der faschistischen Polizei aus Kieselbach/Suhl: »Man soll doch endlich gesamtdeutsche Wahlen durchführen, dann wäre dies ein Schritt vorwärts, man wählt immer den schwierigsten und längsten Weg.«

Vereinzelte Stimmen über den Brief unserer Regierung an die Regierung in Bonn werden aus dem Bezirk Erfurt und dem Bezirk Neubrandenburg berichtet. Ein Angestellter der HO-Lebensmittel aus Pasewalk/Neubrandenburg: »Unsere Regierung ist bemüht, die Einheit unseres Vaterlandes wieder herzustellen. Dies sieht man am besten in dem Brief, den sie nach Bonn sandte.«

Ein selbstständiger Kraftfahrer aus Farnroda/Erfurt: »Die drüben lachen nur über solche Vorschläge und machen doch was sie wollen. Von denen hier lassen sie sich keine Vorschriften machen, zumal die genau wissen, dass hier immer der Russe dahinter steckt.«

Negative Diskussionen über die Kartoffelversorgung sind in den Bezirken Leipzig, Frankfurt und Halle zu verzeichnen. Im Reifenwerk Fürstenwalde/Frankfurt/Oder haben z. B. bei einer Beschäftigtenzahl von 2 600 Personen erst 50 % der Belegschaft ihre Einkellerungskartoffeln erhalten. Die Kartoffelversorgung steht hier im Vordergrund der Diskussionen. Im Bezirk Halle wird negativ darüber diskutiert, dass die Stromsperren im neuen Kurs nicht abgenommen, sondern zugenommen haben.

Missstimmung über die Wohnraumbeschaffung für sowjetische Offiziere werden aus den Bezirken Leipzig, Potsdam und Cottbus berichtet. Im Bezirk Leipzig sollen z. B. 150 Wohnungen beschafft werden. Von den Kommandanturen sind teilweise an die Räte der Kreise Termine gestellt. In allen Fällen wurde darauf hingewiesen, dass die Umquartierung auf Überzeugungsbasis durchgeführt werden soll, was nicht immer möglich ist, da es sich um geschlossene Objekte handelt. Von negativen Elementen werden die Zahlen der zu räumenden Wohnungen vergrößert, um Unruhe zu stiften. Da in den Kreisen schon Wohnraummangel besteht, wird sehr negativ über diese Maßnahmen diskutiert, wobei man das Argument gebraucht: »Im Westen werden die Leute durch unsere Presse aufgefordert die Wohnungen für die Amis nicht freizumachen und hier bei uns soll man es freiwillig tun.«

Ein Sportlehrer der Schule in Dissenchen/Cottbus: »Zu mir ins Haus kommen sie nicht herein, wenn die Räumung doch erfolgen sollte, ist die Revolution im Dorf unvermeidlich. Ich selbst bin mit dabei.« Weiterhin soll ein Genosse vorgeschlagen haben, sofort Maßnahmen zu treffen: Versammlungen einberufen, Unterschriften sammeln und an die Regierung schreiben.

Bei den Umsiedlern aus Volkspolen, die sich noch im Auffanglager in Fürstenberg/Frankfurt/Oder befinden und am 27./28.11.1953 in ihre Heimatorte weitergeleitet werden, ist die Stimmung im Allgemeinen gut, da sie ihr gesamtes Inventar und Bargeld mitnehmen konnten. Die Hauptfragen in ihren Diskussionen drehen sich um die Arbeitsmöglichkeiten in der DDR, die Altersversorgung, des Sozialversicherungswesens, der gesundheitlichen Betreuung, der schulischen und beruflichen Weiterentwicklung ihrer Kinder und Jugendlichen in der DDR. [sic!] Betreffs ihres mitgebrachten Barvermögens in polnischer Währung musste ihnen allerdings erst der Umrechnungskurs (1 Zloty = 0,65 DM) klar gemacht werden.

Organisierte Feindtätigkeit

Aus den Bezirken Neubrandenburg und Potsdam wird verstärkte Verbreitung von Flugblättern gemeldet, vereinzelt aus den Bezirken Berlin, Karl-Marx-Stadt, Cottbus, Dresden und Halle. In der Mehrzahl handelt es sich um Flugblätter der SPD,10 wo gegen den FDGB gehetzt wird.

Der Stadtverwaltung Dassow/Rostock wurde ein gefälschtes Schreiben vom »Amt für Handel und Versorgung Berlin« mit acht gefälschten Kohlengutscheinen à 50 kg zugestellt. Im Begleitschreiben wird darauf hingewiesen, diese an die Rentner zu verteilen.

Bei der Ausgabe der sogenannten »Butterspende« in Westberlin11 wurde am 26.11.1953 ein starker Andrang (ca. 4 000 Personen) festgestellt. Die dort eingesetzten Ordner fordern die Leute auf, die Butter zu verstecken, da ihnen sonst durch Kontrolle »im Ostsektor« die Butter abgenommen wird. Unter den Westberliner Erwerbslosen herrscht über die Ausgabe Aufregung, da nur an besonders minderbemittelte in Westberlin und an diese auch nur ein halbes Pfund ausgegeben wurde.

Verschiedentlich auftretende, jedoch örtlich begrenzte Gerüchte: In zwei Gemeinden des Kreises Bautzen ist im Umlauf, »dass die Preise für Schweine im freien Aufkauf ab 1.1.1954 niedriger werden bzw. ganz wegfallen«.

Im Waggonbau Niesky diskutieren die Arbeiter darüber, dass sie sich zum Wiederaufbau nach Korea melden können. Ein Arbeiter sagte, dass er gehört hätte, dass dafür monatlich 1 000 DM und an die Ehefrauen der Arbeiter 600 DM gezahlt würden.

Vermutlich organisierte Feindtätigkeit

Durch Glasscherben wurde auf den Feldern der LPG Oldisleben/Halle, die mit ihren Traktoren Tag- und Nachtarbeit leistet, versucht an den Reifen Schaden zu verursachen.

Einschätzung der Situation

Aus den zzt. noch wenigen vorliegenden Berichten ist bereits zu erkennen, dass die Bevölkerung die Regierungserklärung begrüßt und darin die ernste Bemühung zur friedlichen Lösung der deutschen Frage sieht. In einigen Bezirken machen sich weiterhin Schwierigkeiten in der Ablieferung der restlichen Sollmengen und wachsender Widerstand gegen die Erfasser, unter Einfluss feindlicher Elemente und RIAS-Hetze, bemerkbar.

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