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Tagesbericht

2. September 1953
Information Nr. 1057

Die Lage in den Industrie- und Verkehrsbetrieben

Die Diskussionen über die Vorschläge der SU1 stehen weiterhin im Vordergrund. Die positiven Stimmen sind überwiegend. Ein Teil von Belegschaftsangehörigen nimmt eine abwartende Haltung dazu ein. Man erwartet eine Preissenkung und hofft auf die Bundestagswahlen, dass damit die Einheit Deutschlands schneller erreicht wird. Auch die Intelligenz des Kombinates »Otto Grotewohl« in Böhlen steht den Vorschlägen zurückhaltend gegenüber.

Verschiedene negative Stimmen zu den Vorschlägen der SU beziehen sich im Inhalt auf Nichtanerkennung der Oder-Neiße-Grenze, gegen Zurückhaltung der übrigen Kriegsgefangenen und in der Frage der Reparationsentnahme. Größtenteils werden in diesen negativen Stimmen die RIAS-Parolen zum Ausdruck gebracht.

Im EKB Bitterfeld/Halle wird in der anorganischen und Stickstoffabteilung fast von allen Kollegen negativ diskutiert. Hier wird vom Gegner diese Stimmung ausgenutzt und immer noch die Forderung »Rücktritt der Regierung und Rücktritt der BGL« gestellt.

Am 1.9.1953 wurde bei einer Belegschaftsversammlung in einem Schacht bei Aue der Wismut AG, an welcher 800 bis 1 000 Kumpel teilnahmen, der Faschist und Militarist Ulbricht, der gegen Genossen Walter Ulbricht hetzte und sich als sein Neffe ausgab, entlarvt. Die Kumpel verurteilten den Provokateur und verlangten Übergabe an die Organe der Staatssicherheit.

Diskussionen über die Verhaftungen der Interzonenreisenden2 werden in mehreren Betrieben in negativer Form geführt. Man bringt dabei zum Ausdruck: »Wir wollen keine Provokateure bei uns und wollen auch nicht, dass Funktionäre nach Westdeutschland fahren. Wir verurteilen dies.« Wo diese Diskussionen auftreten, werden sie vom größten Teil der Belegschaft unterstützt. So z. B. im Franz-Mehring-Werk Senftenberg/Cottbus, Elektro-Stahlguss-Werk Leipzig, VEB Stern-Radio Sonneberg, Kraftwerk Breitungen, VEB Kali-Werk Heiligenroda/Suhl.

Die Reichsbahnangestellten von Tellten,3 Kreis Arnstadt/Erfurt, beschweren sich über die schlechte Beschaffenheit der Fahrstrecken. Wenn keine Änderung eintritt, wollen sie einen Streik organisieren.

Die Stimmung im Werk Fortschritt, BKW Schipkau/Cottbus, ist sehr schlecht. Ein großer Teil der Belegschaft fordert Kürzung der Quartalsprämie der Angestellten, Wegfall der Gehälter der Parteisekretäre und Instrukteure sowie Abschaffung des Betriebsschutzes. Sie wollen solange keinen Parteibeitrag mehr zahlen. Bei einer Kurzversammlung, wo man über die Verhandlungen der Regierungsdelegation4 sprach, wurde von allen anwesenden Genossen, Kollegen und Wirtschaftsfunktionären darüber gespottet und sie lachten dabei über die Versammlungsleitung. Als eine Zustimmungserklärung abgegeben werden sollte, verließ der aus der SED ausgeschlossene [Name 1, Vorname], (ehemals SPD) den Raum und mit ihm die gesamte Belegschaft.

Stimmung in der Landwirtschaft

Im Verhältnis zur Industrie wird auf dem Lande nur schwach über die Note der SU und das Sowjetisch-Deutsche Kommuniqué5 diskutiert. Zum großen Teil tragen diese Diskussionen positiven Charakter.

Stärker wird über die Sollablieferung und örtlichen Belange in Verbindung mit dem neuen Kurs diskutiert. Verärgerung wird besonders durch die Stromabschaltungen hervorgerufen, die Bauern äußern: »Wenn wir vom Feld kommen und das Vieh füttern wollen, haben wir nie Licht.« Ähnlich verhält es sich mit der Kohlenversorgung und andern Artikeln, die in der Landwirtschaft benötigt werden.

Im Kreis Lübben/Cottbus herrscht Missstimmung darüber, dass laut abgeschlossenem Vertrag erfasste Ferkel nicht abgeholt werden. Aus Potsdam wird bekannt, dass in der Sollablieferung weiterhin Schwierigkeiten bestehen und die Bauern Herabsetzung des Ablieferungssolls fordern. Im Bezirk Neubrandenburg sind gute Ablieferungsergebnisse bei LPG, Klein- und Mittelbauern zu verzeichnen. Einige Großbauern dagegen wollen erst nach der Kartoffelernte dreschen. Ähnliches tritt im Bezirk Leipzig in Erscheinung.

Aus Leipzig wird gemeldet, dass im MTS-Bereich Ostrau drei LPG aufgelöst wurden. Grund: Die Leitung war zu schwach, ein Teil der Mitglieder strebte vorwärts, wogegen sich andere gleichgültig und uninteressiert verhielten.

Stimmung der übrigen Bevölkerung

Änderungen in der Diskussion zur Note der SU und dem Sowjetisch-Deutschen Kommuniqué sind nicht zu verzeichnen, lediglich, dass die bisher sehr rege geführte Diskussion zum Teil im Abflauen begriffen ist und eine gewisse abwartende Stimmung in Erscheinung tritt.

Demgegenüber diskutiert man stärker über den neuen Kurs der Partei und Regierung. Grundlage vieler dieser Diskussionen sind die zzt. noch bestehenden Mängel in der Versorgung mit Strom, Kohle (was besonders im Bezirk Halle große Auswirkungen hat), Arbeitskleidung, Bettwäsche usw. Stark wird auch die mangelnde Warenstreuung auf dem Lande diskutiert. Allgemein wird von der Bevölkerung eine Preissenkung in HO-Lebensmitteln erwartet. Es wird zum Ausdruck gebracht, »was nützt uns die Butter aus der SU, wenn diese nur im HO verkauft wird«.

Im Bezirk Potsdam macht sich ein schwacher Versammlungsbesuch bemerkbar. Negative Diskussionen treten hier in Bezug der Paketprovokation6 verstärkt in Erscheinung. Es wird geäußert, dass Geschenke nicht abgenommen werden dürfen. Angestellte des Rates des Kreises Belzig forderten die Entlassung eines Angestellten, der dieses Bettelpaket abgeholt hat. Lebensmittelabschnitte und Vollmachten werden an Bekannte und Verwandte in Berlin geschickt, um so in den Besitz dieser Bettelpakete zu kommen.

Ereignisse von besonderer Bedeutung

Äußerungen von in- und ausländischen Messebesuchern über die diesjährige Messe sind positiv. Besonders wird die Ausstellung im sowjetischen Pavillon bewundert. Westdeutsche Besucher sind verwundert, dass man hier so zwanglose Diskussionen führen kann und sie würden unseren guten Verhältnissen keinen Glauben schenken, wenn sie dies nicht mit eigenen Augen sehen würden. Vereinzelt negative Stimmen besagen, dass man jetzt nur das Gute zeigt und alles nur Propaganda ist.

Am 31.8.1953 erkrankten im VEB Ebersbach (Kinderstrickwarenfabrik) 25 Personen, drei davon an Typhus, Ursache ist noch nicht bekannt.

Am 30.8.1953 wurde in einer Scheune in Hildburghausen/Suhl zwischen Brand- und Außenmauer ein illegales Waffenlager gefunden. Gefunden wurden: 61 Pistolen (Kal. 6,35 und 7,65), zwei Maschinenpistolen, ein Kleinkalibergewehr, 15 Handgranaten, 725 Jagdpatronen, 5 180 Schuss Pistolenmunition und 220 Schuss MPi-Munition.7

Im VEG Beerbaum, Bad Freienwalde/Frankfurt, wurde am 28.8.1953 Schweinepest festgestellt. Gesamtbestand des VEG: 1 750 Schweine. 46 Schweine mussten sofort geschlachtet werden, 15 verendeten und 500 Schweine verbleiben auf dem Gut und werden geimpft (ein Versuch). Der Rest wurde dem Schlachthof Dresden zugeführt.

Organisierte Feindtätigkeit

Am 28.8.1953 wurden im Kreis Königs Wusterhausen/Potsdam 3 540 Flugblätter der KgU8 gefunden. Sie waren an die Lehrer und Erzieher gerichtet.

Hetzschriften von der NTS9 mit den Worten »Aufruf zum Sturz der Regierung der SU und Unterstützung der deutschen Arbeiter in ihrem Freiheitskampf« wurden gefunden: Am 28.8.1953, 37 Stück in Falkensee, Ringpromenade, [Bezirk] Potsdam, am 29.8.1953, 15 Stück in Rostock auf dem Oberwall, am 30.8.1953 500 Stück im Kreis Bad Freienwalde/Frankfurt, am 1.9.1953, 21 Stück in Strausberg/Potsdam.10

Am 31.8.1953 wurden in Wilhelmsaue, Kreis Seelow/Frankfurt, auf einem Feld 2 000 Flugblätter des Ostbüros der SPD11 gefunden. Inhalt behandelt die Ereignisse des 17.6.1953. Am 31.8.1953 wurden in Köthen/Halle 40 Flugblätter der SPD gefunden. Inhalt: »Kampf der SPD für Frieden und Freiheit«.

Der RIAS gab am 31.8.1953 erneut die Parolen an die Arbeiter: Langsam arbeiten, schlechte Qualität herstellen, um das »SED-System an seiner empfindlichsten Stelle, der Produktion, zu treffen«. Dabei fordert man auf, jeder Diskussion, die in den Betrieben von SED-Mitgliedern oder deren Sympathisierenden begonnen wird, aus dem Wege zu gehen.

[Vermutlich organisierte feindliche Tätigkeit]12

Im Kreis Arnstadt/Erfurt ist das Gerücht im Umlauf, dass nach den Wahlen der »Tag F«13 kommt. Alle Bauern sollen ihre Produkte zurückhalten, da diese dann mit 1: 5 bezahlt werden.

Unter dem Deckmantel »Erinnerungsfeiern ehemaliger Schüler« wurden im Kreis Zittau/Dresden Zusammenkünfte von Umsiedlern durchgeführt, auf welchen man die Rückkehr in die ehemalige Heimat forderte.

Stimmen aus Westdeutschland

Unter dem Programm »Wiedervereinigung Deutschlands unter Ausschaltung der KPD« arbeitet die SPD sehr aktiv zur Wahlvorbereitung in den Orten Landshut, Neuburg und Rothenburg. Losungen: »Wählt die SPD und Deutschland wird gesund!« SPD-Funktionäre versuchen die wenigen Versammlungen der KPD zu sprengen. Im Gebiet Landshut, Hallertau und Umgebung ist die KPD sehr schwach. Von einer aktiven Wahlvorbereitung ist nichts zu spüren. Die Bauern sind sehr zurückhaltend, wollen aber vom Amerikaner und Adenauer nichts wissen.

Zu den Ereignissen am 17.6.1953 sind innerhalb der SPD in Düsseldorf und Hannover (vermutlich in der ganzen SPD) gegensätzliche Stimmungen vorhanden. Während die Führung zustimmt, sieht ein Teil in dieser Zustimmung und der aktiven Unterstützung des Adenauer’schen Kurses auf Wiederholung des »Tag X«14 hinsichtlich des Wahlausganges keinen Nutzen.

Von Besuchern aus Westdeutschland wird Erstaunen über die Lebensverhältnisse in der DDR geäußert, da man aufgrund westlicher Propaganda nur halb Verhungerte anzutreffen glaubte.

Einschätzung der Situation

Die Note der SU und das Sowjetisch-Deutsche Kommuniqué stehen weiterhin im Vordergrund. Teilweise geht der Umfang der Diskussion zurück und geht über in eine zunehmende abwartende Haltung. In diesem abwartenden Verhalten spiegeln sich das mangelhafte Vertrauen zur Politik unserer Regierung zur SU und der Einfluss feindlicher Meinungen wider.

Zzt. verstärkt sich die Diskussion über die Durchführung des neuen Kurses. Das steht im Zusammenhang mit dem Kohlenmangel, den Stromabschaltungen und den Mängeln in der Versorgung. Gerade durch die sehr schlechte Kohlenversorgung steigert sich die Verärgerung der Bevölkerung und verstärkt die Zweifel an der Durchführung des neuen Kurses.

Der Gegner konzentriert jetzt seine Tätigkeit auf die Störung der Produktion, um uns die Erhöhung des Lebensstandards unmöglich zu machen. Deshalb versucht er durch den feindlichen Rundfunk usw. Einfluss zu nehmen auf die Arbeiterschaft, um unsere Produktion mengenmäßig und qualitätsmäßig zu vermindern. Ähnlichen Zielen dienen die Agitationen des Gegners auf dem Lande, wo vor allem die Großbauern die Sabotage in der Ablieferung propagieren.

Es ist zu beachten, dass schon in vielen Kreisen der Bevölkerung bekannt wurde, dass ein Teil der in Westdeutschland verhafteten Interzonenreisenden aus der DDR im Auftrage der Partei und FDJ nach Westdeutschland gefahren sind, um dort die fortschrittlichen Kräfte bei der Wahlpropaganda zu unterstützen. Aus diesem Grunde ist jetzt damit zu rechnen, dass man unsere Pressemeldungen über Verhaftungen der Interzonenreisenden zum Teil als unwahr bezeichnen wird.

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