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Tagesbericht

4. September 1953
Information Nr. 1059

Die Lage in den Industrie- und Verkehrsbetrieben

Im Vordergrund der Diskussion steht die Verhaftung der Interzonenreisenden.1 Weiterhin werden noch verschiedene Probleme diskutiert, wie z. B. die Wahlen in Westdeutschland, Prämienzahlung, FDGB-Beitragszahlung usw.

In verschiedenen Frankenberger Betrieben, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, wurden Kurzversammlungen über die Verhaftungen Interzonenreisender durchgeführt, wo man sofortige Freilassung der Verhafteten forderte. Meldungen aus den Betrieben der Bezirke Magdeburg, Gera, Frankfurt/Oder, Rostock und Neubrandenburg zeigen betreffs der Verhaftungen negative Diskussionen. Es wird fast überall zum Ausdruck gebracht, »dass diese Leute von der SED als Spitzel nach Westdeutschland geschickt wurden, um die Wahl zu unseren Gunsten zu beeinflussen und dass man im umgekehrten Falle diese Personen in der DDR als Provokateure ebenfalls verhaften und hart verurteilen würde.« (z. B. RAW Stendal/Magdeburg, Stahlwerk Silbitz/Gera).

Im Bezirk Karl-Marx-Stadt steht noch im Vordergrund der Diskussion die Note2 und das Kommuniqué,3 wozu positiv gesprochen wird.

In verschiedenen Betrieben wird der Wahl in Westdeutschland starke Beachtung geschenkt. In den Werften des Bezirkes Rostock, im VEB Zeiss Ikon Dresden und im IFA-Motorenwerk Kamenz/Dresden nimmt man eine abwartende Haltung ein und ist auf den Ausgang der Wahlen gespannt. Das Kunstseidenwerk Premnitz/Potsdam will den Wahlkampf dahingehend unterstützen, indem sie die Arbeiter einer westdeutschen Kunstseidenfabrik auffordern wollen, nicht Adenauer zu wählen und eine Delegation zum Erfahrungsaustausch in die DDR einladen. Alle 900 Versammlungsteilnehmer stimmten zu.

In verschiedenen Betrieben geht die Beitragszahlung des FDGB sehr stark zurück. So ist im VEB Zeiss Jena/Gera in manchen Gruppen die Kassierung bis zu 50 % gesunken, andere zahlen nur soviel sie wollen. Sie äußern: »Der FDGB vertritt nicht die Rechte der Arbeiter.« Auch im EKB Bitterfeld/Halle wollen viele die FDGB-Beiträge erst wieder zahlen, wenn der Lohnausfall vom 17./18.6.1953 bezahlt wird. Die Finanzbuchhaltung des Fischkombinats Saßnitz/Rostock verweigert die FDGB-Zahlung, »weil nicht ihre Überstunden bezahlt werden.«

Im Mansfeld-Kombinat »Wilhelm Pieck« Eisleben/Halle herrscht eine schlechte Stimmung über die unterschiedliche Bezahlung der Untertage- gegenüber den Übertagearbeitern. Zu den Beschlüssen der Regierung4 wird größtenteils positiv diskutiert.

Im RAW Dresden besteht unter den Arbeitern eine große Unzufriedenheit wegen Fehlens an Ersatzteilen. So sind zzt. ca. 200 Wagen abgestellt, bei welchen Ersatzteile fehlen. Den Funktionären des Betriebes wirft man Unfähigkeit vor. Die Arbeiter in der Montageabteilung im VEB »Heinrich Rau« Potsdam sind gleichfalls unzufrieden, da die Produktion durch Materialschwierigkeiten gehemmt wird.

Wie aus verschiedenen Bezirken (Frankfurt/Oder, Potsdam, Suhl und Halle) bekannt wird, tritt verstärkt in den Betrieben die Tendenz hervor, dass man den Agitatoren und Genossen ausweicht, Versammlungen schwach besucht und die Arbeit nicht so wie früher verrichtet. So z. B. zeigen die Kollegen im EKM Finow/Frankfurt eine große Zurückhaltung, weichen Agitatoren aus und äußern: »Macht uns satt, dann habt ihr unsere Zustimmung.« Die Kollegen beim Gleisbau Ludwigsfelde/Potsdam erklären: »Wir machen unsere Arbeit, von Politik wollen wir nichts wissen.«

Am 3.9.1953, 9.15 Uhr, streikten im SWB Brandenburg/Potsdam acht Monteure, weil ihre unberechtigten Forderungen nicht anerkannt wurden (Nichtbezahlung der täglichen Fahrgelder, Forderung von Heimfahrten). Am 3.9.1953, von 11.00 bis 12.00 Uhr, streikten zwölf Kollegen von der Baugenossenschaft Quedlinburg. Sie forderten Angleichung ihrer Löhne an die der volkseigenen Baubetriebe.

Zur Entlassung von Provokateuren aus Betrieben wird unterschiedlich Stellung genommen: Im Kunstseidenwerk »Siegfried Rädel« Pirna/Dresden stimmten nur zwei Drittel der Anwesenden für die Entfernung von zwei Provokateuren aus dem Betrieb. Am 1.9.1953 wurden in der Farbenfabrik Wolfen/Halle fünf Intelligenzler als Provokateure entlarvt und entlassen. In den Diskussionen stellte man eine feindliche Haltung der Arbeiter gegen die Intelligenz fest. Am 3.9.1953 wurde in einer Versammlung der Wismut ein Provokateur entlarvt unter Zustimmung der gesamten Anwesenden.

Die Lage in der Landwirtschaft

Auflösungserscheinungen treten in der LPG Genshagen/Potsdam und in Hörnitz/Dresden auf. Im Bezirk Neubrandenburg tritt verstärkt in Erscheinung, dass Mitglieder der LPG ihren Austritt erklären. In Diera/Dresden macht sich eine Wühlarbeit der Großbauern und eine starke Strömung gegen die LPG bemerkbar.

Am 2.9.1953 legten 20 Arbeiter der landwirtschaftlichen Kreisbetriebe in Muchow/Schwerin von 10.30 bis 16.00 Uhr die Arbeit nieder. Grund: Vom Bürgermeister wurden angeblich Versprechungen gemacht die nicht eingehalten wurden.

Durch Mangel an Ersatzteilen wird Missstimmung auf den MTS hervorgerufen, da es sich zum Teil um Maschinen handelt, die in der DDR produziert werden. In Crossen und Silbitz/Gera stehen die Dreschmaschinen, da keine Ersatzteile vorhanden sind.

Aus Cottbus wird auf die ernste Lage hingewiesen, dass trotz des starken Kartoffelanfalls die VEAB keine Abverfügung erhält. In Tollschutz/Gera5 weigert sich die VEAB 10 dz Kohl auf Soll abzunehmen.

Stimmung der übrigen Bevölkerung

Im Vordergrund steht wie am Vortage die Diskussion über die Verhaftung von Interzonenreisenden. Verstärkt treten negative Äußerungen wie z. B. »Bei uns würde es 20 Jahre Zuchthaus geben« oder »Dafür wird das Geld hinausgeschmissen« usw. in Erscheinung. Angehörige erkundigen sich bei der Kreisleitung der Partei und FDJ nach den Verhafteten, da diese angeblich zu einem Musiklehrgang usw. gefahren sind, sie aber den Bescheid der Verhaftung aus Westdeutschland erhalten haben. Im Kreis Luckenwalde wurden vom DFD und der NDPD Protestresolutionen verfasst. Von der Partei werden im Bezirk Potsdam Demonstrationen und Versammlungen in den Betrieben und Dörfern organisiert.

Gespannt wird das Ergebnis der Wahlen in Westdeutschland erwartet. Meinungsäußerungen sind nicht bekannt, bis auf wenige, die zum Ausdruck bringen, dass wohl Adenauer gestürzt und die SPD den Sieg erhalten wird.

Allgemein macht sich unter der Bevölkerung eine abwartende Haltung und Zweifel am neuen Kurs bemerkbar. Grund dafür ist, wie aus den Äußerungen zu ersehen, die mangelnde Versorgung mit Strom, Kohle usw. (siehe Berichte der Vortage).

Aus verschiedenen Bezirken wird bekannt, dass die Butter aus der SU zu alt und zum Teil nicht mehr einwandfrei ist, was ebenfalls Anlass zu negativen Diskussionen gibt und vom Gegner ausgenutzt wird.

Zum Teil spiegelt sich das mangelnde Vertrauen in den am 2.9.1953 durchgeführten Großkundgebungen über das sowjetisch-deutsche Kommuniqué wider. So wird z. B. aus Magdeburg gemeldet, dass die Großkundgebung in Staßfurt bei einer Einwohnerzahl von 28 000 eine Beteiligung von 4 000 aufzuweisen hatte, wovon 2 000 während der Kundgebung den Platz verließen. In Schönebeck beteiligten sich von 50 000 Einwohnern 3 000 Personen, wovon 50 % die Kundgebung verließen. In Seehausen betrug die Teilnehmerzahl 600 von 48 000 Einwohnern. Bei allen Kundgebungen war[en] die Begeisterung und der Beifall sehr mäßig.

Ereignisse von besonderer Bedeutung

Im VEG Löbnitz, Kreis Staßfurt, wo sich ein Schweinekombinat mit 4 000 Schweinen befindet, ist die Schweinepest ausgebrochen. Seit dem 29.8.1953 sind 163 Schweine verendet. 500 Schweine müssen sofort notgeschlachtet werden. Der Schaden beträgt 50 000 DM. Auch im Kreis Pritzwalk herrscht in neun Gemeinden die Schweinepest. Bisher sind elf Schweine verendet, 244 wurden notgeschlachtet, 368 Tiere sind erkrankt. Zu einem Stillstand der Seuche ist es noch nicht gekommen.

Organisierte Feindtätigkeit

Jetzt verbreitete Hetzschriften zeigen die Absicht, unsere Partei zu zersetzen (»SED-Opposition«, »Rote Fahne«). Es wird versucht, einen Keil zu treiben zwischen ZK und Mitgliedschaft. Der Putsch vom 17. Juni wird als »spontaner Arbeiteraufstand« gegen den »Staatskapitalismus« verherrlicht. An Genossen werden Hetzschriften versandt, die im Inhalt vortäuschen, sich für die Verbesserung der Lebensbedingungen einzusetzen und für den neuen Kurs, um abschließend den Genossen zu sagen, »bei der Auslegung erhaltender Befehle die Stimme unseres Gewissens über die Angst um unsere Posten zu stellen und ausschließlich so zu entscheiden, wie es dem Wohle des Bürgers am besten dient«. Danach wird auf das »mutige Beispiel« eines Dahlem,6 Zaisser7 und Herrnstadt8 verwiesen. Mit einem gefälschten Brief von Else Zaisser9 an alle FDGB-Mitglieder will man besonders die Lehrer gegen Partei und Regierung beeinflussen.

Eine größere Menge Hetzschriften sollen zersetzend wirken unter der FDJ, dem DFD und der LPG.

Flugblätter der NTS10 werden verstärkt in den Bezirken Karl-Marx-Stadt, Potsdam, Frankfurt/Oder und Berlin verbreitet. So wurden 1 749 Flugblätter der NTS am 3.9.1953 in Karl-Marx-Stadt gefunden und 1 000 Stück in Berlin-Friedrichshagen und Köpenick. Der Inhalt ist der gleiche wie an den Vortagen.

Flugblätter des SPD-Ostbüros11 wurden im Bezirk Gera und Halle mit dem Inhalt über den 17.6. gefunden.

2 000 Flugblätter der FDP12 wurden in einem Güterzug in Lauchhammer West/Cottbus gefunden. Der Inhalt enthält Hetze gegen die SU.

Hetzbriefe der KgU13 »Warum muss das Volk hungern?« wurden in Halle an die Bevölkerung verschickt.

In Plauen erhielten verschiedene Personen Hetzbriefe vom »Heimatdienst für Polizei, Militär und Bürger aller Länder«. Der Inhalt: Für Schaffung der Freiheit.

In den Gemeinden Warnsdorf14 und Putlitz/Potsdam treten verstärkt die »Zeugen Jehovas«15 auf durch Einladungen zu ihren Veranstaltungen.

Im EKM Görlitzer Maschinenbau/Dresden wurde am 3.9.1953 eine Hetzschrift (Maschinenschrift) angebracht. Inhalt: Arbeiter sind mit Politik der SED nicht einverstanden. Es wird für den 11.9. ein Streik angedroht.

In Legde/Schwerin wurde festgestellt, dass immer wenn gedroschen werden soll, Teile (Bolzen, Lager usw.) der Dreschmaschine entfernt wurden.

Vermutlich organisierte feindliche Tätigkeit

In Motzlar/Suhl wurde der CDU-Bürgermeister wegen schlechter Arbeit abgelöst. Vergangene Woche erschien der Vorsitzende der Gemeindevertretung mit vier Mitgliedern und dem ehemaligen Bürgermeister und verlangte von dem kommissarisch eingesetzten Bürgermeister Übergabe der Gemeindegeschäfte sowie dessen Amtsenthebung.

In Erlau/Karl-Marx-Stadt wird das Gerücht verbreitet, dass in Kürze die Westmark eingeführt würde, die Bauern sollen mit der Ablieferung der Ölfrüchte warten.

In Grabow/Magdeburg brannten am 3.9.1953 ein Stall und eine Scheune nieder. Am 2.9.1953 brannte in Ernsthof/Frankfurt die Scheune eines Mittelbauern nieder. Zur gleichen Zeit brannte ein16 Rapsstrohschober des VEB Prädikow. Bereits am 30.8.1953 wurde vermutlich in Hennickendorf17/Frankfurt eine Scheune in Brand gesteckt. Es wird vermutet, dass in letztgenannten Fällen es sich um ein und denselben Täter handelt. Unter den Bauern ist dadurch eine gewisse Unruhe entstanden.

Einschätzung der Situation

Die Diskussion zur Note der SU und dem sowjetisch-deutschen Kommuniqué hat nachgelassen, teilweise wird auch weniger Interesse festgestellt. Die abwartende Haltung verstärkt sich. Vielfach ist man gespannt auf das Wahlergebnis in Westdeutschland. Viele Diskussionen werden jetzt geführt über die verhafteten Interzonenreisenden in Westdeutschland. Die Meinungen dazu sind zur Hälfte positiv und zur Hälfte negativ. Die fortschrittlichen Bevölkerungskreise protestieren gegen diese Verhaftungen. Gleichzeitig wird aber auch von informierten Kreisen die organisatorische Durchführung dieser Aktion kritisiert. Der unaufgeklärte Teil der Bevölkerung äußert sich ablehnend und die durch den Gegner verhetzten Menschen bringen feindliche Argumente über die Entsendung von FDJ- und Parteimitgliedern nach Westdeutschland.

Aus den Betrieben mehren sich die Anzeichen, dass sich viele Belegschaftsmitglieder nicht mehr in Diskussionen einlassen, keine Versammlungen besuchen, Forderungen stellen, FDGB-Beiträge verweigern und schlechter arbeiten und damit entsprechend nach den jetzt stark verbreiteten Feindparolen handeln.

Als Ergebnis der feindlichen Propaganda auf dem Lande kommen jetzt täglich neue Meldungen über Auflösungserscheinungen in landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften.

Mithilfe besonders trotzkistischer Agenturen18 ist der Gegner zzt. bemüht, die Partei zu zersetzen. Sein Hauptstoß richtet sich dabei gegen die Führung, wobei er ganz besonders den Genossen Walter Ulbricht verleumdet.

Der Materialmangel in den Betrieben, Ersatzteilmangel in den MTS, der Mangel an Kohlen, die Stromsperre und das Versagen der VEAB bilden weiterhin mit eine [sic!] der Ursachen für die schlechte Stimmung in der Bevölkerung.

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    Sonderinformation [Information Nr. 2/53]