Direkt zum Seiteninhalt springen

Tagesbericht

4. Dezember 1953
Informationsdienst Nr. 2038 zur Beurteilung der Situation

Die Lage in Industrie, Verkehr, Handel und Landwirtschaft

Industrie und Verkehr

Zur Note der SU1 sowie zur Regierungserklärung der DDR2 äußert sich nach wie vor ein verhältnismäßig kleiner Teil von Betriebsangehörigen. Wenn auch der größte Teil positive Diskussionen sind, so gibt es auch eine Anzahl Meinungen, wo zum Ausdruck kommt, dass man sich von diesem Notenwechsel keinen Erfolg verspricht. Negative Diskussionen darüber treten nur vereinzelt auf.

Ein Arbeiter des VEB Blechwalzwerk Olbernhau/Karl-Marx-Stadt: »Ich bin der Meinung, dass die Westmächte die Frage der Einheit Deutschlands soweit hinausschieben, wie es nur irgend geht. Die SU wird ihnen aber Punkte vorlegen, wo sie endlich Farbe bekennen müssen.«

Ein parteiloser Arbeiter des VEB Schott Jena/Gera: »Die Vorschläge der Regierung der DDR an den Westen sind ein bedeutender Schritt zur Einheit Deutschlands.«

Ein Bauarbeiter aus Zossen/Potsdam: »Der ganze Notenwechsel zwischen dem Osten und dem Westen hat keinen Zweck. Es gibt nur eine Möglichkeit, den Frieden zu erhalten, und das ist die Herstellung der Einheit Deutschlands. Wenn wir aber nicht selbst durchgreifen, werden wir nie dazu kommen. Ich bin nicht Mitglied der SED und halte auch nicht viel von dieser Partei, aber den Frieden und die Einheit Deutschlands will ich.«

Ein Radiometrist aus dem Wismut-Objekt Annaberg: »Ich kann nicht verstehen, dass die Russen schon wieder eine neue Note an die Westmächte schicken. Haben denn die Russen noch nicht gemerkt, dass ihre Noten gar nicht ernst genommen werden.«

Über das Ergebnis eines Prozesses gegen eine Agentengruppe3 wird von den Arbeitern aus Freiberg und Brand-Erbisdorf/Karl-Marx-Stadt heftig diskutiert. Ein Schmelzer (Mitglied der SED) aus dem Hüttenwerk Muldenhütten/Karl-Marx-Stadt: »Dieser Prozess zeigt uns, dass wir die Wachsamkeit bedeutend verstärken müssen. Wir dürfen uns nicht sorglos auf den Betriebsschutz verlassen, sondern müssen als Arbeiter selbst mit wachsam sein.«

Ein parteiloser Arbeiter der Bau-Union Zinkhütte Freiberg: »Mit der Strafe, die Fichtner4 erhalten hat, bin ich und meine Kumpel von der Bau-Union nicht einverstanden. F. hätte genau wie Linder5 lebenslänglich Zuchthaus erhalten müssen, da er nämlich VP-Offizier war.«

Die Entlarvung eines faschistischen Provokateurs am 1.12.1953 in der Fa. Bleichert Leipzig, der wegen Betrügereien im Betrieb zur Rede gestellt wurde und dabei faschistische Propaganda betrieb, fand bei der Belegschaft große Zustimmung. Ein Arbeiter sagte z. B.: »Wenn Kollegen nach acht Jahren noch nicht erkannt haben, dass sie vor 1945 auf eine falsche Bahn geführt wurden, dann gehören sie nicht mehr in unseren Betrieb. Zumal [Name] noch SS-Mann gewesen ist, der doch bestimmt aus seinen Fehlern gelernt haben müsste.«

Unzufriedenheit herrscht unter den Arbeitern einiger Großbetriebe über mangelhafte Arbeitsorganisation und über schlechte Belieferung mit Mangelwaren für die Weihnachtsbäckerei.

Ein parteiloser Meister der Mathias-Thesen-Werft Wismar/Rostock: »Wie soll das bloß noch auf unserer Werft werden. Auf dem Objekt ›Moschaiski‹6 werden Überstunden und nochmals Überstunden gemacht, wogegen im Schiffsneubau zur gleichen Zeit in drei Tagen 5 600 Wartestunden geschrieben werden.«

Ähnliche Schwierigkeiten treten auch im Kranbau und dem Hans-Ammon-Werk in Eberswalde/Frankfurt/Oder auf, wo das Jahressoll bereits erfüllt ist, aber die Produktion für das neue Jahr noch nicht beginnt.

Ein parteiloser Arbeiter des Schleifscheidenwerkes Dresden-Reick: »Unsere Handelsorgane müssten doch nach so langer Tätigkeit endlich in der Lage sein, die entsprechenden Waren für die Weihnachtsbäckerei zum entsprechenden Zeitpunkt zum Verkauf zu bringen.«

Am 2.12.1953, 8.00 Uhr, legten 32 Arbeiter der Reichsbahn-Bau-Union Waren/Neubrandenburg (zzt. in Belleben bei Sandersleben/Magdeburg eingesetzt) die Arbeit nieder.7 Grund: Der ihnen am 27.11.1953 zustehende Lohn wurde bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht ausgezahlt.8

Ein Mangel an Produktionsaufträgen besteht im Industriewerk Ludwigsfelde/Potsdam, wodurch der Jahresplan bis zum 30.11.1953 erst mit 45 % erfüllt wurde.

Über die Umbildung der Wismut AG wird weiterhin diskutiert.9 Durch die Umbildung bzw. Auflösung verschiedener Objekte (Freital, Breitenbrunn, Oberschlema, Lauter) befürchten die Kumpel Entlassungen bzw. Versetzungen.

Handel und Versorgung

In den Bezirken Dresden, Potsdam und Halle bestehen noch immer Schwierigkeiten in der Versorgung mit Einkellerungskartoffeln, was zur Missstimmung unter dem Teil der Bevölkerung führt, die diese noch nicht erhalten haben. In Dresden (Stadt) sind z. B. noch 15 % der Bevölkerung mit Kartoffeln zu beliefern.

Wie aus den Bezirken Halle, Leipzig, Karl-Marx-Stadt und Cottbus berichtet, fehlt es an Zutaten für die Weihnachtsbäckerei, wie z. B. Rosinen, Mandeln und dgl. (auch Geflügel).

Bei der DHZ Leder Erfurt lagern als überplanmäßig für 712 482 DM Herren-, Damen-, Burschen-, Arbeits- und Hausschuhe. Es wird befürchtet, dass diese Sommerschuhe aufgrund der verbesserten Schuhproduktion im nächsten Jahr nicht mehr abzusetzen sind.

Landwirtschaft

Wie aus den Bezirken Potsdam, Leipzig, Neubrandenburg und Frankfurt/Oder berichtet wird, geht die Ablieferung bzw. Erfassung der zur 100%igen Erfüllung fehlenden landwirtschaftlichen Produkte nur schleppend voran. Wie aus nachfolgend aufgeführten Beispielen zu ersehen ist, richtet sich die teilweise vorhandene Missstimmung besonders gegen die Erfassung.

Ein Großbauer aus Güstebieser Loose,10 Frankfurt/Oder: »Wenn ihr eine Kartoffel vom Hof holt, bin ich morgen beim Landrat und schmeiße ihm die Karre vor die Beine, dann könnt ihr selber ausmisten.«

Ein Kleinbauer aus Protzen/Potsdam: »Nur mit Gewalt könnt ihr mein Restablieferungssoll haben, freiwillig gebe ich keine Kartoffel heraus.«

Im Kreis Seelow/Frankfurt/Oder liegt der Stand der Kartoffelablieferung bei 72,4 %. Hier ist bemerkenswert, dass VEG mit 29,5 % und LPG mit 72,4 % mit der Ablieferung am meisten im Rückstand sind. Die Lieferverpflichtungen für Berlin konnten nicht eingehalten werden.

Im Kreis Neustrelitz/Neubrandenburg wird von den Bauern der Landgemeinden über die schlechte Organisation bei der Viehabnahme Beschwerde geführt. So wird zum Ausdruck gebracht, dass sie von 7.00 bis 15.00 Uhr warten müssen, bis ihnen das Vieh auf Soll oder freie Spitzen11 abgenommen wird.

In den ländlichen Gemeinden des Bezirkes Leipzig versuchen die Großbauern mithilfe der Mittelbauern, Einfluss auf die VdgB/BHG zu gewinnen. In vielen Fällen ist ihnen dies auch gelungen, indem Bauern mit einem Besitz von 15 bis 20 ha in den Vorstand gewählt wurden.

Ersatzteilschwierigkeiten, die sich negativ auf die Arbeit der MTS und die Stimmung der Belegschaften auswirken, werden aus den Bezirken Schwerin und Magdeburg berichtet. Zehn Traktoren der MTS Möckern/Magdeburg können z. B. nicht mehr zum Ziehen der Winterfurche eingesetzt werden, da es an Pflugscharen fehlt.

Zwischen der MTS Popperode12 und MTS Walbeck/Halle wurde ein Wettbewerb der Reparaturbrigaden abgeschlossen, mit dem Ziel, die Reparaturenzeit zu verkürzen. In der MTS Burgscheidungen/Halle wurde der Jahresplan mit 125 % erfüllt und eine Einsparung von 198 000 DM erreicht. Im MTS-Bereich Schrenz13/Halle wurden von fortschrittlichen Kräften (SED) Agitationseinsätze durchgeführt, um die Note der SU an die Westmächte und die Regierungserklärung der DDR zu erläutern.

Stimmung der übrigen Bevölkerung

Wie aus den Bezirken berichtet, wird weiterhin nur in geringem Maße über die Note der SU an die Westmächte und die Regierungserklärung der DDR diskutiert. Dem Inhalt nach sind die bekannt gewordenen Meinungsäußerungen zum überwiegenden Teil positiv.

Ein Pförtner aus Bernau/Frankfurt/Oder: »Wenn es nur schon soweit wäre, dass sich die vier Mächte an einen Tisch setzen. Von der SU wurde bisher alles getan, den Frieden zu erhalten und Deutschland wieder zu vereinigen.«

Ein Arbeiter aus Neuhaus/Suhl: »Die in der Regierungserklärung gemachten Vorschläge entsprechen den Forderungen aller Werktätigen der DDR und werden ohne Zweifel auch ihren Widerhall in der Bevölkerung Westdeutschlands finden.«

Ein Invalide aus Parey14/Magdeburg: »Es wird in den Noten der SU immer viel gesprochen vom Abzug der Besatzungstruppen. In Wirklichkeit sieht es anders aus. Jetzt wird schon die Familie nachgebracht, demnach wollen sie überhaupt nicht abziehen.«

Über die Weihnachtszuwendungen15 ist in der Stimmung der Arbeiter und Angestellten staatlicher Verwaltungen und Institutionen keine wesentliche Veränderung eingetreten. In den Parkanlagen des Kreiskrankenhauses Köthen/Halle wurde von dem Betriebselektriker eine Imitation einer Grabstätte angefertigt. Er und andere negative Elemente in den einzelnen Abteilungen haben erreicht, große Teile der Belegschaft zu bewegen, an der Demonstration nach der Grabstätte teilzunehmen. Hier kam es zu Blumen- und Kranzniederlegungen sowie Trauerbotschaften in zweideutiger Form. So z. B.: »Hier liegen unsere Hoffnungen auf Weihnachtsgratifikationen begraben.«

Wie aus Leipzig berichtet, ist Hauptinhalt der Gespräche die Versorgung mit Rosinen, Margarine und anderen Waren. Durch Gerüchte, dass es vor Weihnachten keine Margarine mehr gebe, kam es in den Kreisen Schmölln und Eilenburg zu Angsteinkäufen, die dazu führen, dass Margarine zzt. sehr schwer zu bekommen ist. Ähnliche Erscheinungen werden aus Jüterbog/Potsdam berichtet.

In Sondershausen/Erfurt wird negativ unter der Bevölkerung über die Wohnraumbeschaffung für sowjetische Offiziere diskutiert. Oft wird in diesem Zusammenhang zum Ausdruck gebracht, das ist der neue Kurs.

In den Häfen des Bezirkes Rostock wird von ausländischen und westdeutschen Seeleuten laufend Beschwerde geführt, dass sie nur bis 23.00 Uhr an Land gehen dürfen.

Organisierte Feindtätigkeit

Vereinzelte Verbreitung von Flugblättern wird aus den Bezirken Rostock, Frankfurt/Oder, Dresden, Gera, Halle, Cottbus und Karl-Marx-Stadt berichtet. In der Mehrzahl handelt es sich um Flugblätter der SPD16 und NTS17 sowie KgU.18 Die Flugblätter der KgU tragen die Überschrift: »Gebt uns die Namen der Häscher. Gebt uns die Namen der Opfer.«

Im Bezirk Magdeburg wird weiterhin von feindlichen Elementen das Gerücht unter der Bevölkerung verbreitet, dass neue Unruhen im Januar zu erwarten sind.

Einer Meldung der Westberliner Zeitung »Die Neue Zeitung« vom 3.12.1953 zufolge wird die sogenannte »Butterspendenausgabe der Ernst-Reuter-Stiftung« am Freitag, dem 4.12.1953, beendet.19

Vermutlich organisierte Feindtätigkeit

Durch einen blauvioletten Farbstoff wurden in der mechanischen Weberei Zittau/Dresden 900 Meter Bettbezugsstoff beschädigt.

Am 2.12.1953 brannte die Feldscheune des VEG Großbeuthen20/Potsdam nieder. Sachschaden beträgt ca. 16 000 DM.

Einschätzung der Situation

Die größtenteils positiven Diskussionen über die Note der SU und die Regierungserklärung der DDR halten weiter an, verschiedentlich machen sich Zweifel am Erfolg bemerkbar. Gering sind jedoch direkt negative Diskussionen. In einigen Bezirken bestehen immer noch beachtliche Schwierigkeiten in der Ablieferung landwirtschaftlicher Produkte. Auch die Unzufriedenheit in einem Teil der öffentlichen Verwaltungen und Institutionen, besonders im Gesundheitswesen, über die Nichtbeteiligung an der Weihnachtszuwendung besteht weiter.

  1. Zum nächsten Dokument Tagesbericht
    5. Dezember 1953
    Informationsdienst Nr. 2039 zur Beurteilung der Situation
  2. Zum vorherigen Dokument Tagesbericht
    3. Dezember 1953
    Informationsdienst Nr. 2037 zur Beurteilung der Situation